Albert Einstein

Einstein ganz privat

Der Erfinder der Relativitätstheorie sah alles ziemlich relativ: Er lachte über seine Berühmtheit, verfasste Jux-Verse und fiedelte zur Entspannung auf der Geige.

Von Hedwig Born

Wenn es uns vergönnt ist, Vollendung in irgend einer Form zu erleben, uns, die wir uns, selbst unvollendet, im Unvollendeten herumtreiben, so wird das unauslöschlich unserem ganzen Menschen eingeprägt bleiben. Wir werden nie wieder vergessen können, dass es das gibt und dass es erreichbar ist. So muss es jedem ergangen sein, der Albert Einstein nahe kam.

Fast dürfte man nicht solch grosse Worte gebrauchen, wenn man von ihm spricht, und es ist gut, dass er nicht seine Nachrufe lesen kann. Ich habe oft mit ihm über seine Berühmtheit gelacht, die die sonderbarsten Blüten trieb. Und da möchte ich gleich das einzige Gedicht, das ich von ihm kenne, hier abschreiben. Ich hatte ihm öfter lustige Verse geschickt, und einmal (Februar 1920) schrieb mir Frau Elsa: «Albert macht Ihnen Konkurrenz, er hat kürzlich folgendes Verslein unter ein Bild geschrieben, das eine Dame sich zum Geburtstag kaufte und ihm ins Haus sandte, damit er eine Widmung schreibe:

Wo ich geh’ und wo ich steh’
Stets ein Bild von mir ich seh’.
Auf dem Schreibtisch, an der Wand,
Um den Hals, an schwarzem Band.

Männlein, Weiblein wundersam
Holen sich ein Autogramm.
Jeder will ein Kritzel haben
Von dem hochgelehrten Knaben.

Manchmal denk’ in all dem Glück
Ich im lichten Augenblick:
Bist verrückt du etwa selber,
Oder sind die andern Kälber?

Ich werde nie den ersten Besuch Einsteins bei uns vergessen. Es wird etwa Anfang 1916 in Berlin gewesen sein, als er mit der Geige zu uns kam, um mit meinem Manne zu musizieren. Warmes Wohlwollen ging von ihm aus, als er mir die Hand schüttelte und sagte: «Ich höre, Sie haben grad’ ein Junges gekriegt!» Und dann stellte er die Geige hin, zog seine «Röllchen» ab – die losen Manschetten des sparsamen Mannes – und schmiss sie in irgend eine Ecke. Dann wurde Haydn gespielt, den er damals besonders liebte.

In jenen düsteren Kriegsjahren in Berlin hat mir Einsteins völlige Unabhängigkeit von seinem eigenen Ich und seine serene Schau, weit über das Nächstliegende hinweg, innere Not in befreiendes Glücksgefühl verwandelt. Einmal wurde Einstein sterbenskrank, und hätte seine Cousine Elsa, damals noch nicht seine Frau, ihn nicht aufopferungsvoll gepflegt, so hätte es ihn vielleicht sein Leben gekostet. Bei einem meiner Besuche, als er mit heiterer Ruhe über den Tod sprach, fragte ich ihn, ob er denn keine Todesangst habe. «Nein», sagte er, «ich fühle mich so solidarisch mit allem Lebenden, dass es mir einerlei ist, wo der einzelne anfängt und aufhört.» Hier spricht sich die letzte Einheit im Menschlichen aus, die er zeitlebens in den Naturgesetzen suchte.

Etwas Physik ist eingesickert

Es ist wohl nicht verwunderlich, dass gerade er mir half, mich unter den «objektiven» Naturwissenschaftern nicht mehr wie auf eine eisige Mondlandschaft verschlagen zu fühlen. Um mich herum stürmte die moderne Physik vorwärts – hier allein gab es «objektive Wahrheit», die mir unglücklicherweise nichts bedeutete, und alles Menschliche würde womöglich bald in naturwissenschaftlichen Ausdrücken beschrieben werden können. Da fragte ich Einstein einmal: «Ja, glauben Sie denn, dass sich einfach alles auf naturwissenschaftliche Weise wird abbilden lassen können?!» «Ja», meinte er, «das ist denkbar, aber es hätte doch keinen Sinn. Es wäre eine Abbildung mit inadäquaten Mitteln, so als ob man eine Beethoven-Symphonie als Luftdruckkurve darstellte.» Das war tröstlich. – Immerhin ist in jenen Jahren wohl auch etwas Physik in mich hineingesickert, wie es das folgende kleine Gedicht an Einstein zeigen mag. Mein Mann hat mir jetzt zu meiner Genugtuung erklärt, dass es eine «adäquate Abbildung» der allgemeinen Relativitätstheorie sei:

Herr Newton sagte einst voll Schwung:
Erfährt einStein Beschleunigung,
Wird er im Raum, wenn dieser leer,
Auf grader Bahn getrieben
Und fleucht auf Nimmerwiederkehr,
Bis nichts von ihm geblieben.

Viel froher macht mich Ihre Lehr’:
Der Raum, er krümmt sich hin und her,
EinStein, der fortzurasen denkt,
wird durch Materie abgelenkt,
Er schnuppert rings um sie herum,
Denn dorten ist der Raum sehr krumm.

Einstein passiert auf seiner Bahn
Haus Born, er muss sich wieder nahn,
(So sehr er mich auch dauert)
Weil hier Materie lauert:
Ein ros’ger Schinken träumet feist
Und harret der da kommen,
Bis man ihn dermaleinst verspeist
Zum Heile aller Frommen.

Drum lasst kein Marsjahr erst vergehn
Bis wir Euch dürfen wiedersehn!
Erscheint als Haydn-Missionar
In einem kurzen Einsteinjahr!

Einige Male habe ich bei Einsteins gewohnt, nachdem wir Berlin verlassen hatten. Einmal war Einstein verreist, und ich wurde in seinem Zimmer untergebracht. Während die übrige Wohnung mit Frau Elsas schweren Möbeln angefüllt war, gab es hier nur das Notwendigste, und dies von spartanischer Einfachheit: Bett, Nachttisch, Tisch, Stuhl, ein Liegestuhl, ein Bücherbrett, auf dem einige mit Bindfaden verschnürte Bündel von Sonderdrucken lagen. Keine Decke, kein Bild, kein Teppich. «Jeder Besitz ist ein Stein am Bein», und: «Es gibt nichts, auf das ich nicht jeden Augenblick verzichten könnte.»

Viel später, 1949, fragte ich ihn einmal brieflich, wie er zum Ideal des «einfachen Lebens» stehe, wie es die Gesellschaft der Freunde (Quäker), zu denen ich seit 1937 in Edinburgh gehörte, ihren Mitgliedern anempfiehlt, weil sie in jeder Art von persönlichem Luxus die Saat der Kriege erblickt. Er antwortete: «Nun fragen Sie mich, wie ich es mit dem einfachen Leben halte. Ich habe einfach mehr Freude am Geben als am Empfangen in jeder Beziehung und nehme mich nicht wichtig, auch das Treiben des Haufens nicht, schäme mich nicht meiner Schwächen und Laster und nehme von Natur die Dinge mit Humor und Gleichmut hin. Viele sind ja so, und ich kann es absolut nicht begreifen, dass man aus mir eine Art Idol gemacht hat. Es ist wohl ebenso wenig zu begreifen, als warum eine Lawine gerade mit einem Stäubchen losgeht und einen bestimmten Weg nimmt.»

Wer sonst, ausser Einstein, könnte sagen, dass er «einfach mehr Freude am Geben als am Empfangen habe», ohne ein peinliches Gefühl zu erwecken. Er stellte fest, was «einfach» da war. Und das tat er auch bei anderen, mit Milde und Humor. Er hatte ungeheure Freude an Witzen. Ja, einmal während des Ersten Weltkrieges, als ich ihn um gute Lektüre für eine Reise bat, schickte er mir ein Buch der «Hundert besten jüdischen Witze». Einmal hatte ich gegen einen seiner Witze über die Weiber, als meiner Meinung nach ungerecht, protestiert. Da schrieb er: «Mein Witzchen dürfen Sie nicht zu genau betrachten und nicht nach dem Prinzip entweder-oder. Es ist weder so ganz ernst gemeint, noch macht es auf Eindeutigkeit der beabsichtigten Behauptung Anspruch: man schmunzelt und geht zur Tagesordnung über. So wie mit den Witzen ist es wohl ein bisschen auch mit Bildern und Theaterstücken. Ich denke, sie dürfen nicht nach logischem Schema riechen, sondern nach einem deliziösen Stück Leben, schillernd in verschiedenen Farbtönen je nach der Lage des Betrachters. Wenn man sich von dieser Verschwommenheit entfernen will, dann muss man eben Mathematik machen. Und selbst diese erreicht ihr Ziel nur dadurch, dass sie unter dem Seziermesser der Klarheit substanzlos wird. Lebendiger Inhalt und Klarheit sind Antipoden, einer räumt das Feld vor dem andern. Das erleben wir jetzt geradezu tragisch in der Physik.» – (15.1.1927.)

Die Unabhängigkeit Einsteins vom eigenen Ich und von anderen, auch denen, die ihm nahe waren, war nicht kalt. Er brauchte die Menschen nicht, aber er hatte innige Freude an ihnen, und er litt mit ihnen. Wenn die breite Öffentlichkeit, der es nur um die Berühmtheit ging, nicht rücksichtslos in seine Zurückgezogenheit eingedrungen wäre, um den Widerstrebenden herauszuzerren, so hätte sie von ihm nur sein Eintreten gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Unrecht jeder Art erfahren.

Befreiung von der Ich-Fessel

Das Problem des Individuums und der Gemeinschaft kehrte in unseren Gesprächen und Briefen wieder. Auch er war dem Gesetz des Optimismus der Jugend und der Resignation des Alters unterworfen, wie zwei Stellen aus seinen Briefen belegen mögen: (29.4.1924) «Ihr Brief, liebe Frau Born, war wirklich vortrefflich. In der That besteht das Wohlthuende an der japanischen Gesellschaft und Kunst darin, dass das Individuum so harmonisch im grossen Rahmen steht, dass es in der Hauptsache nicht sich selbst, sondern seine Gemeinschaft erlebt. Jeder von uns hat sich in der Jugend danach gesehnt und hat resignieren müssen. Denn von allen Gemeinschaften, die für uns in Betracht kommen, möchte ich mich keiner hingeben, es sei denn die Gemeinschaft der Suchenden, welche jeweilen nur wenig lebende Mitglieder zählt.»

Und 1949 schrieb er, in Antwort auf einen Artikel von mir, in dem ich zu zeigen suchte, dass die christliche Ethik sich nur an das Individuum wendet und die Masse sozusagen das Endprodukt des Verbesserungsvorgangs ist, und dass man nicht mit der Masse anfangen kann und beim Individuum enden, weil das Individuum inzwischen sein freies Verantwortungsgefühl und seine ethische Initiative eingebüsst hat –: «Ihre These, dass die Befreiung von der Ich-Fessel den einzigen Weg zu einer befriedigenden Menschenwelt bildet, halte ich für durchaus richtig. Es ist aber doch auch so, dass man nicht alles auf das Individuum abstellen kann, da in einer auf rücksichtslose Konkurrenz eingestellten Gesellschaft (Institutionen) die soziale Veranlagung des Individuums verkümmern muss. Die Bemühung um Besserung muss daher wohl beide Quellen des menschlichen Verhaltens betreffen.»

Nun ist seine lebendige Stimme verstummt, aber die, die sie gehört haben, werden sie bis ans Ende ihrer Tage hören.

Erschienen am 26. August 1955

Hedwig Born hat Albert Einstein (14.März 1879–18. April 1955) persönlich sehr gut gekannt. Sie war die Ehefrau des Physikers Max Born, der 1954 den Nobelpreis für Physik gewann.

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