Klima

Sternenwetter

Ein neuer Streit um den Treibhauseffekt spaltet die Wissenschaft.

Von Mathias Plüss

Wir sind nicht allein im Kosmos. Jede Sekunde prasseln Myriaden von Teilchen auf die Erde. Womöglich mit massiven Folgen: Energiereiche Teilchen aus der Milchstrasse, auch kosmische Strahlung genannt, könnten der Antrieb für Klimaveränderungen sein. Das vermuten der Geochemiker Ján Veizer und der Astrophysiker Nir Shaviv. Ihre These, veröffentlicht in der Fachzeitschrift GSA Today, lautet: Teilchen aus der Milchstrasse fördern die Wolkenbildung. Ein anschwellender Teilchenstrom führt zu einer dichteren Wolkendecke – die Sonne dringt weniger durch, das Erdklima kühlt ab. Und umgekehrt. Dieser Mechanismus erkläre den grössten Teil der Klimaschwankungen der letzten fünfhundert Millionen Jahre.

Die Publikation hat in der Fachwelt zu heftigen Reaktionen geführt. Denn Veizer und Shaviv stellen die Rolle des Treibhausgases Kohlendioxyd und damit den menschlichen Einfluss beim Klimawandel in Frage – das macht das Thema eminent politisch: Wozu das Kioto-Protokoll, wenn doch die Sterne das Klima bestimmen? Klima-Experten aus der Schweiz und Deutschland haben nun mit einer deftigen Pressemitteilung auf den Artikel geantwortet: Die Autoren hantierten mit «äusserst fragwürdigen Methoden» und «spekulativen Daten», schreiben sie.

Protest aus der Schweiz

Wem soll man glauben? Wer nicht vom Klimafach ist, kann die Vorwürfe nicht überprüfen. Immerhin scheint es, dass die Mehrheit der Forscher die ketzerischen Schlussfolgerungen von Veizer und Shaviv ablehnt. Und zumindest was die gegenwärtige Klimaerwärmung angeht, hat das Mehrheitslager ein überzeugendes Argument zur Hand: «Wenn für eine Veränderung verschiedene Ursachen in Frage kommen, so muss man besonders auf jenen Faktor achten, der sich selbst stark verändert hat», sagt der Berner Klimatologe Urs Neu, einer der Unterzeichner der Pressemitteilung. Nun hat sich aber in den letzten fünfzig Jahren keiner der Faktoren wesentlich verändert – mit einer Ausnahme: Der Kohlendioxydgehalt der Atmosphäre ist stark gestiegen. Darum ist es nahe liegend, im Treibhausgas den Hauptverursacher der Klimaerwärmung zu sehen. Auf die kosmischen Strahlen zu setzen hingegen sei, sagt Klimatologe Urs Neu, «wie wenn man in einer Fussballpartie einen Spieler als matchentscheidend bezeichnet, der auf der Ersatzbank sitzt».

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