«Wünscht ihr euch ein Mädchen oder einen Buben?» Die Frage an werdende Eltern ist meist rhetorisch gemeint. Denn erstens setzen Ultraschallbilder vom Fötus dem Wünschen ein rasches Ende, und zweitens bestimmt in den Augen der meisten Menschen sowieso nur einer: der Zufall.
Dann hat der Zufall allerdings seltsame Vorlieben. Astronauten und Taucher zum Beispiel zeugen mehr Töchter als Söhne. Laut einer im September erschienenen Studie kamen gleich nach dem Kollaps der DDR mehr Mädchen als Jungen auf die Welt. Während und nach Kriegen füllen sich die Wochenbetten mit neu geborenen Buben, als ob die gefallenen Soldaten ersetzt werden müssten. Und dann ist da noch die Tatsache, dass starke Frauen mehr Söhne als Töchter gebären.
Seit Jahrzehnten haben Demografen, Biologinnen, Psychologen und Medizinerinnen versucht, diese Kuriositäten zu erklären. Wie dies in der Wissenschaft üblich ist, wird ohne Augenzwinkern und mit grosser Hingabe zum Detail diskutiert, auf welch verschlungenen Pfaden die Länge der Finger oder der Beruf der Eltern mit dem Geschlecht des Kindes korrelieren könnten. Das Bild ist konfus, und auf eine einheitliche Theorie haben sich die Forscher noch nicht einigen können. Dennoch, eine überraschende These hält sich hartnäckig: Die Natur überlässt die Quotenregelung der Babys nicht alleine dem Zufall. Die Eltern bestimmen das Geschlecht ihrer Kinder mit. Unbewusst und vielleicht auch ungewollt, aber nicht zufällig.
Wettschwimmen ohne Bedeutung
Das klingt absurd – weiss doch jeder, dass die Spermien des Mannes in einem Wettrennen um alles oder nichts über das Geschlecht der Kinder bestimmen. Die Hälfte der Spermien trägt ein X-Chromosom Richtung Ei, die andere ein Y-Chromosom. Erreicht ein Y-Spermium das Ei zuerst, so wird ein Bub draus, bei einem X-Chromosom gibt es ein Mädchen.
Laut der Psychologin Valerie Grant ist dieses Wettschwimmen nicht nur unbedeutend. Sie argumentiert auch, dass die Frau alleine das Geschlecht der Kinder auswähle. Die Vorstellung, das Ei harre geduldig des schnellsten Spermien-Athleten und trage nichts zum Entscheid über das Geschlecht bei, sei revisionsbedürftig, sagt die Forscherin von der Universität von Auckland in Neuseeland. «Ich sehe keinerlei Beweise dafür, dass der Mann mit der Bestimmung des Geschlechtes etwas zu tun hat.»
Grant hat entdeckt, dass man anhand eines simplen Persönlichkeitstests mit einiger Wahrscheinlichkeit vorhersagen kann, ob eine Frau einen Sohn oder eine Tochter gebären wird. Dominante Frauen gebären mehr Söhne als Töchter, lautet ihre Hypothese. Der Grund sei der hohe Testosteronspiegel dieser Frauen, der das Geschlecht des Kindes beeinflusse.
Im Lichte der Evolution betrachtet mache das Sinn, argumentiert Grant: Dominante Frauen hätten deshalb häufiger Söhne, weil sie sich besser dazu eigneten, Söhne aufzuziehen. Da die Frau im Vergleich zum Mann ungleich mehr Ressourcen in die Kinder investiere, sei es nur logisch, dass sie jenes Geschlecht bevorzuge, das ihrem Naturell besser entspreche.
Diesen Schluss legen auch Studien nahe, die zeigen, dass Mütter von Söhnen in der Regel anders mit ihren Babys umgehen als Mütter von Töchtern. Während die Mütter von Söhnen ihre Babys öfters aufrecht halten und sie zu eigenen Tönen und Bewegungen aufmuntern, verhalten sich die Mütter von Töchtern feinfühliger, ahmen die Stimme des Babys nach – kurz, sie reagieren, anstatt zu stimulieren. Manche Psychologen betrachten das als Beweis dafür, dass selbst Mütter der Macht von Stereotypen ausgeliefert sind. Grant hingegen sieht hier ein feines Zusammenspiel evolutionärer Kräfte am Werk. Natürlich würden Buben und Mädchen aufgrund stereotyper Geschlechtsbilder unterschiedlich behandelt, sagt sie. Mindestens so wichtig sei aber die Tatsache, «dass die Mütter selbst verschieden sind».
Grants Prognosen mit dem Persönlichkeitstest sind verblüffend treffsicher, vor allem bei sehr dominanten Frauen. Die dominantesten zwanzig Prozent gebären fünfmal so häufig Söhne als die Frauen am anderen Ende der Skala. (Wer das Forschungsbudget der Psychologin etwas aufbessern will, kann sich auf ihrer Homepage* für acht Franken selber testen lassen.)
Die These der Psychologin klingt verdächtig einfach – fast zu einfach, um ernst genommen zu werden. Und auch ein bisschen sexistisch. Weshalb sollen vor allem dominante Frauen Söhne aufziehen? Weshalb würde die Natur den Töchtern die dominanten Mütter vorenthalten wollen, ihnen nur Weicheier als Mütter geben? Auch bleibt Grant vage, wenn es um die Frage geht, wie denn die Mütter dieser Welt das Geschlechterverhältnis auf dem Planeten im Gleichgewicht halten sollen. Grant spricht von einem «feinen Zusammenspiel der Gene, verschiedener Umwelteinflüsse und dem Testosteron». Ebenfalls problematisch scheint die Tatsache, dass dominante Mütter auch Töchter zur Welt bringen. Als Beispiel sei die ehemalige amerikanische Aussenministerin Madeleine Albright genannt, Mutter dreier Töchter.
Fettpölsterchen und Fingerlängen
Dass entgegen ihrer These auch dominante Frauen Töchter und nicht dominante Frauen Söhne gebären, erklärt Grant damit, dass sich der Testosteronspiegel im Laufe des Lebens verändern kann. Lang anhaltender Stress zum Beispiel erhöht den Testosteronspiegel bei Frauen. Ein hoher Testosteronspiegel, so vermutet die Forscherin, verändere das Ei, so dass es nur Y-Spermien empfange – das Ei also auf einen Sohn eingestellt sei, unabhängig davon, welche der beiden Spermiensorten zuerst an seiner Hülle zapple. Für ihre These spreche beispielsweise, dass die Testosteronkonzentration in der Nähe des reifenden Eies 10000-mal höher sei als im Blut.
Aber was ist nun mit den Astronauten, die generell mehr Töchter als Söhne zeugen – ist das nicht ein Argument dafür, dass auch Männer bei der Geschlechtswahl ein Wörtchen mitreden? Grant kontert den Einwand mit dem Hinweis, dass Astronauten gemeinhin dominante Persönlichkeiten seien, und diese bevorzugen laut psychologischen Studien weniger tonangebende Partnerinnen. Diese Frauen seien dann für die Töchter verantwortlich.
Trotz solch abenteuerlicher Spekulationen scheint Grants These, dass Testosteron und Söhne irgendwie gekoppelt sind, nicht völlig aus der Luft gegriffen und wird von neuen Studien unterstützt.
Eine im Mai publizierte Studie zeigte auf, dass muskulöse Frauen im ruralen Äthiopien mehr Söhne als Töchter gebären. Die 25 Prozent Frauen mit den muskulösesten Oberarmen brachten doppelt so viele Söhne zur Welt als die Frauen im unteren Viertel der Skala. Die starken Oberarme verkörpern eine gute Ernährung, und das in einer Umgebung, wo die Nahrung knapp ist. Dies wiederum deutet laut Grant auf Frauen hin, die sich beim täglichen Kampf um Nahrung durchsetzen können und deshalb dominante Züge tragen dürften. Zudem wird Muskelmasse – wie bei Männern – auch bei Frauen mit Testosteron in Verbindung gebracht.
Auch eine andere Untersuchung passt ins Bild. Ruth Mace von der Universität von Texas verglich Frauen verschiedener Körperposturen. Jene, die ihre Fettpölsterchen an ähnlichen Orten anlegen wie Männer – im oberen Körperbereich, etwa am Hals, an den Schultern und am Bauch – gebären mehr Söhne als Töchter. Gleichzeitig zeigen Studien, dass diese Frauen mehr Testosteron im Blut haben als weiblicher gebaute Frauen.
Und schliesslich hat auch John Manning von der Universität in Liverpool die Verbindung zwischen Testosteron und Söhnen gemacht – allerdings bei Vätern und Müttern, was nicht ganz zu Valerie Grants These passen will. Gemäss einer Studie vom letzten Jahr bedeutet ein kleines Verhältnis zwischen Zeige- und Ringfingerlänge eine grössere Wahrscheinlichkeit für Söhne statt Töchter. Und ein kleines Zeigfinger-Ringfinger-Verhältnis wiederum ist Ausdruck eines hohen Testosteronspiegels, wie Manning zuvor gezeigt hatte.
Bestimmt nur die Frau...
Grant hat noch nicht viele Wissenschaftler von ihrer These überzeugen können, und «das dürfte auch noch eine Weile dauern», bemerkt Manning. Denn Valerie Grant betreibt Schwarzweissmalerei in einem Gebiet, das als eines der farbenfrohesten und einfallsreichsten der Biologie gilt: der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Dass der Mann tatenlos zuschaut, wie die Frau das Geschlecht der Kinder auswählt, ist zwar möglich, aber unwahrscheinlich, glauben viele Forscher.
In einigen Studien wurde beispielsweise gezeigt, dass Männer, die nur Töchter zeugen, fast siebzig Prozent X-Spermien produzieren. Väter von Söhnen und Töchtern besitzen laut diesen Studien gleich viele Spermien von jeder Sorte. Andere Studien allerdings widersprechen diesem Bild. Auch verschiedene Krankheiten scheinen das Geschlechterverhältnis der Kinder zu beeinflussen. Männer mit multipler Sklerose haben mehr Töchter, an Prostatakrebs erkrankte Männer zeugen mehr Söhne.
Einer, der mit grossem Eifer den Mann neben die Frau ins Bild rückt, ist William James, britischer Demograf und emsigster Faktensammler auf diesem Gebiet. Kaum ein Thema, das der Forscher aus London nicht schon in einem Wissenschaftsjournal diskutiert hätte: Kriege und das Geschlecht der Kinder, Berufe und das Geschlecht der Kinder, Ehejahre und das Geschlecht der Kinder.
Die vielen Bubengeburten nach Kriegen erklärt James mit einem hormonellen Zusammenspiel von Mann und Frau während der Befruchtung. Es gebe Hinweise darauf, dass eine Befruchtung kurz vor und nach dem fruchtbarsten Tag der Frau häufiger zu Mädchen führe. Sex ausserhalb dieser kurzen Zeitspanne bringe häufiger Buben mit sich. Da die heimgekehrten Krieger und ihre Frauen ein ausgiebiges Sexleben führen dürften, wächst die Chance, dass die Befruchtung einige Zeit vor dem Fruchtbarkeitshöhepunkt der Frau stattfindet – die Zeugung eines Buben also wahrscheinlicher ist. In einigen Schwangerschaftsbüchern wird zwar genau das Gegenteil beschrieben, doch erhält James’ These Unterstützung von Seiten der Ehestatistik. Ehepaare, die im ersten Monat ein Kind zeugen – und die führen im Durchschnitt das intensivste Sexleben –, haben mehr Söhne als Töchter.
James fragt nicht weshalb, sondern wie Eltern den Zufall beim Kinderkriegen in die Schranken weisen. Das ist in der Wissenschaft üblich: Sie fragt meist nach dem Wie, nicht nach dem Weshalb. Wie lässt sich Rheuma behandeln? Wie ist das Leben auf der Erde entstanden? Weshalb man Rheuma behandeln soll, ist ja offensichtlich, und weshalb Leben entstanden ist, weiss sowieso kein Mensch. Doch die blosse Frage nach dem Wie ist manchmal auch etwas langweilig. Etwa so, wie wenn ein Kunstführer erklären würde, wie Leonardo da Vinci seine Mona Lisa gemalt hat und nicht weshalb.
...oder der Wunsch nach Enkelkindern?
Vor dreissig Jahren formulierten die beiden Forscher Robert Trivers und Dan Willard eine Theorie, die die Frage nach dem Weshalb zur Euphorie der meisten Forscher äusserst überzeugend beantwortete. Die Theorie gilt noch immer als eine der einflussreichsten auf diesem Gebiet, und dies, obwohl nur die Hälfte der ihr gewidmeten Studien sie unterstützen, wie John Lazarus von der Universität im englischen Newcastle kürzlich errechnete. Doch das ist in diesem mit Spekulationen übersäten Forschungsfeld bereits eine beachtliche Leistung.
Der nach ihren Erfindern benannte Trivers-Willard-Effekt besagt, dass Eltern bevorzugt jenes Geschlecht in die Welt setzen, das ihnen mehr Grosskinder verspricht. Denn schliesslich wollen sie ihre Gene möglichst erfolgreich an die Nachkommen weitergeben.
Vorstellen muss man sich das etwa so: Männer können theoretisch mit vielen Frauen viele Kinder zeugen – vor allem, wenn diese Männer gut aussehen, stark und gesund sind und dadurch die Konkurrenz ausstechen. Eltern in guter Verfassung werden daher laut Theorie eher Söhne auf die Welt stellen, denn das verspricht viele Grosskinder. Sind die Eltern hingegen in weniger guter Verfassung, so setzen sie besser auf eine Tochter. Die bringt wahrscheinlich immer noch einige Kinder zur Welt – und das ist allemal besser als ein halbbatziger Sohn, der von besseren Konkurrenten in den Schatten gestellt wird und womöglich keine Frau findet.
Die Theorie wurde zuerst anhand einer amerikanischen Rentierart erläutert, und es stellt sich die Frage, was der Ausdruck «in guter Verfassung» bei Menschen genau bedeutet. Sind «Eltern in guter Verfassung» gesunde Eltern? Reiche Eltern? Dominante Eltern? Glückliche Eltern?
In den USA fehlen 38000 Jungen
Boguslaw Pawlowski von der Universität im polnischen Wroclaw glaubt, eine Antwort gefunden und dabei den Trivers-Willard-Effekt auf frischer Tat ertappt zu haben. Pawlowski entdeckte kürzlich einen Zusammenhang zwischen dem Gewicht des erstgeborenen Kindes und dem Geschlecht des zweiten Kindes. Der Forscher fand heraus, dass Frauen mit einem schweren ersten Kind in zwei Drittel der Fälle als zweites einen Jungen gebären. Er erklärt dies damit, dass das Gewicht des ersten Kindes die Verfassung der Mutter widerspiegle – und setzt damit «gute Verfassung» einer guten, physischen Gesundheit gleich. Was bedeutet das nun? Gibt Pawlowski der Frau den Vorrang, wenn es um die Geschlechtsbestimmung der Kinder geht? «Ich wette auf die Frau», sagt er.
Bleibt die Frage, weshalb uns das alles interessieren soll. Der Zufall wurde längst aus anderen Lebensgebieten verbannt, das ist nichts Neues. Auch der Publikationsdruck, der auf den Forschern lastet, vermag die Fülle von Veröffentlichungen zum Thema «Bub oder Mädchen» nicht zu erklären. Vielmehr hat es mit dem Ernst der Lage zu tun: mit Zehntausenden von Vermissten, deren Verschwinden es aufzuklären gilt.
Denn im langfristigen Vergleich fehlen in den USA seit 1970 rund 38000 Jungen. Sie wurden gar nie geboren, an ihrer Stelle kamen Mädchen auf die Welt. Verglichen mit der Gesamtzahl der Geburten, mag die Zahl nicht besonders hoch erscheinen, doch zuvor war das Geschlechterverhältnis lange Zeit sehr stabil gewesen. Ähnliche Trends werden in Kanada beobachtet, wo 8600 Buben fehlen, in Holland, Dänemark und anderen europäischen Ländern. Weshalb die Jungen ausbleiben, weiss niemand. Das stabile Geschlechterverhältnis bei Mensch und Tier lässt sich zwar mit mathematischen Modellen – die beispielsweise die Theorie von Willard und Trivers berücksichtigen – recht gut erklären. Welche Faktoren sich als Spielverderber in die Gleichung einschleichen, ist jedoch unklar.
Die Liste der Kandidaten liest sich wie das Inhaltsverzeichnis eines Gesundheitsratgebers: Stress, Krankheiten, Ernährung, Blutgruppe, Babypille, Jahreszeit, Umweltgifte, Strahlung und Zigarettenrauch sind nur einige davon. «Wenn Forscher noch mehr Faktoren zur Diskussion stellen, müssen wir der Einfachheit halber bald jene Dinge aufzählen, die noch nicht auf der Liste sind», schrieb ein Wissenschaftler kürzlich im Fachjournal Human Biology.
Eine neue Technik lässt die Frage, welche Faktoren das Geschlecht der Kinder beeinflussen, als überflüssig erscheinen. «Family Balancing» nennt sich der Trend, dank dem Eltern den Sohn oder die Tochter – gegen Bezahlung, versteht sich – garantiert bekommen. Oder fast garantiert. Denn selbst die bislang genaueste Methode, die vom Genetics & IVF Institute im amerikanischen Staat Virginia entwickelt wurde und Spermien per Laserstrahl trennt, funktioniert nicht immer. Nur gerade 16 Prozent der Frauen werden auf diese Weise schwanger – etwa halb so viele wie bei der gewöhnlichen künstlichen Befruchtung, bei der die Spermien nicht getrennt werden. Und das ist genau der Punkt, wo die Psychologin Valerie Grant ansetzt und wieder ihre Theorie ins Spiel bringt, wonach allein die Frau respektive ihr Ei das Geschlecht des Kindes bestimmt.
Sollte die Theorie stimmen, so nützt all das Samensortieren nichts: Wenn das Ei nur Y-Spermien will, wird es keine X-Spermien zulassen und umgekehrt. Das würde den geringen Erfolg der Sortiermethode erklären. Die Frau wird dabei entweder gar nicht schwanger, oder ihr Kind hat jenes Geschlecht, das sie sowieso im eigenen Bett empfangen hätte. Das Geld für die Spermiensortierung solle sich die Frau besser sparen, sagt Grant, «und sich als Spezialistin jenes Gechlechtes verstehen, für das ihr Charakter sie ausersehen hat».
* Homepage von Valerie Grant: www.sexratio.com













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