Heiratet sie wirklich diesen Sonntag? Ist das Gerücht nur ein PR-Trick? Oder beides in einem: Hochzeit als definitive Self-Promotion? Und wie viele Monate wird es diesmal dauern, bis sie den Gatten entsorgt wie einen ausgetretenen Pantoffel? Die Wetten der Hollywood-Buchmacher stehen fünfundzwanzig zu eins, dass auch Ehe Nummer drei der erfolgreichsten Latina im Showbusiness kein Jahr dauern wird. Was durchaus im Sinne der Fans ist. «Ich will, dass sie dieses Milchbrot von Mann zerstört», sagte eine glühende J.Lo-Anhängerin der kanadischen National Post. «Wenn Ben Affleck danach nur noch eine schüttere Hülle von Mann ist, dann hat sie ihren Hintern nicht umsonst geschwenkt.»
Ben Affleck der Kussroboter
Die Chancen stehen gut. In den vierzehn Monaten, seit Jennifer Lopez und Ben Affleck offiziell zum Powercouple Bennifer verschmolzen, wurden dem «Armageddon»-Helden die Brauen gezupft, die angeblich toupetverstärkten Löckchen gestreckt, regelmässige Solariumbesuche und Designeranzüge statt schlabbriger T-Shirts verordnet. Bei öffentlichen Auftritten an Jennifers Seite verkam der früher schlagfertige und unaffektierte Schauspieler zusehends zum Kussroboter. Kaum rückte eine Kamera ins Blickfeld des Paares, also sozusagen immer, schürzte er die Lippen. Wogegen nichts zu sagen wäre, wenn sein Gesicht dabei einen Funken Begeisterung verraten hätte. Aber es war darin nichts ausser einem Automatismus zu erkennen. Wenn er nicht gerade küsste, starrte er die Verlobte in schäfischer Hingerissenheit an. Dass sich Lopez in ihrem Musikvideo «Jenny from the Block» von ihm den Hintern küssen liess, passte hervorragend ins Bild. «Kiss My Ass», und die ganze Welt soll es sehen. Das hat sich Madonna mit keinem ihrer Männer getraut. Aber wer ist schon Madonna?
Jennifer Lopez, 33, Tochter puerto-ricanischer Einwanderer, aufgewachsen in der Bronx, ist ein weitaus erstaunlicheres Phänomen. Kunst, wenn man es so nennen mag, ist nicht ihre Botschaft, sondern nur ein Vehikel unter anderen, um ganz nach oben zu kommen. Sie ist Sängerin, Tänzerin und Filmschauspielerin, all das mit grossem Erfolg. Aber Julia Roberts und Britney Spears verdienen mit Filmrollen und Songs immer noch deutlich mehr. Jennifer Lopez wollte etwas anderes werden: ein Brand, ein universaler Markenartikel. Sie hat es in Rekordzeit geschafft.
Heute wirbt Jennifer Lopez für L’Oréal, Louis Vuitton und vor allem für ihre eigenen Parfums «Glow» und das neue «Still Jennifer Lopez», das erst vor wenigen Tagen auf den Markt kam. Sie besitzt eine eigene Produktionsfirma, eine eigene Modelinie und Schmuckkollektion namens J.Lo, ausserdem ein Restaurant («Madre’s») im kalifornischen Pasadena. Genaue Umsatzzahlen sind nicht erhältlich, aber hundert Millionen Dollar gehören zu den tieferen Schätzungen. Ihre Filmgage liegt inzwischen bei zwölf Millionen Dollar. Und allein das mit einer Halskette verzierte Teenager-Parfum «Glow», für dessen Werbung sie nackt posierte, brachte auf dem internationalen Markt im letzten Jahr vierzig Millionen Dollar ein. Den Run auf das mit einem falschen Diamanten geschmückte «Still», das Kundinnen ab 25 anpeilt, heizt Lopez mit einer Kampagne an, die unverkennbare Anleihen bei Marilyn Monroe macht. Kennt man zwar bereits von Madonna, aber wann trug die im richtigen Leben echte, grosse Klunker, deren Karatzahlen und Preise in jedem Klatschheft nachzulesen sind? Jennifer Lopez kennt da keine Scheu – «Diamonds are a girl’s best friend».
Natürlich finden Männer sie attraktiv. Wie auch nicht? Sie ist schön, sexy, provozierend. Und dann ist da dieser unverschämt pralle Hintern, ausladender und frecher zur Schau gestellt als jede Kehrseite, die der Mainstream je produziert hat. Aber ihre wirklich ergebenen Fans sind junge Frauen. La Lopez verkörpert, was viele von ihnen sein möchten, wenn sie sich nicht Sorgen machen würden, was andere über sie denken. Sie ist das ultimative weibliche Alpha-Tier. Hinter dem Markenartikel «Jennifer Lopez» steht kein vermögendes Elternhaus, kein Studio und kein reicher Liebhaber. «J.Lo Inc.» ist der Willensakt einer Einwanderertochter aus der Bronx mit furchtlosem Ehrgeiz und ausserordentlichem Selbstvertrauen, die Interviewern sagt: «Ich versuche nicht, nett zu sein. Ich muss Ihnen nicht beweisen, dass ich eine nette Person bin.»
Das mag nicht besonders charmant sein, aber es ist ein weit verbreiteter Frauentraum, das eingewachsene Zwangsjäckchen der Nettigkeit abwerfen zu können. «J.Lo wird in erster Linie bewundert, weil sie die Kontrolle über sich nie abgibt», sagt Mark Crispin Miller, Professor für Medien an der New York University. «Das hat sie zur Ikone für postfeministische Autonomie gemacht. Hinzu kommt die Tellerwäscherinnen-Karriere. Aber wichtiger als ihre Schönheit und ihr fantastischer Körper ist diese Aura kühler Kontrolle.» In der Boulevardsprache nennt sich das mit Vorliebe «bitch» oder Super-Zicke, Letzteres kürzlich in der Bunten zu lesen. Vor keinem Verdikt haben Frauen in der Regel mehr Angst.
Streng vertraulich
«Wenn man aus der Bronx kommt und einer ethnischen Minderheit angehört, hat man Angst vor Erfolg», sagt Jennifer Lopez, «denn Erfolg beinhaltet die Gefahr von Scheitern. Das hält die Leute zurück. Aber ich hatte so viel Willen in mir. Ich kann nicht mit dieser Angst leben. Gewinner nehmen Risiken auf sich.» Die behütete, streng katholisch erzogene Tochter eines Computerfachmanns und einer Kindergärtnerin sollte nach dem Willen der Eltern Jurisprudenz studieren. Aber nach einem Jahr College brach sie ihr Studium ab und bewarb sich bei unzähligen Shows um einen Job als Tänzerin. Seit ihrem fünften Lebensjahr hat sie Tanzunterricht genommen. «Meine Schwester bewarb sich anfänglich auch. Sie hat eine viel bessere Stimme als ich. Aber sie wurde mit den Zurückweisungen nicht fertig. Wenn ich vorsprechen musste, kämmte und schminkte ich mich sorgfältig, schaute in den Spiegel und sagte, heute habe ich diesen Star-Glanz. Und wenn sie dann sagten, sie mögen mich nicht, dachte ich: ‹O.k., fuck you, der Nächste, bitte. Was ist mit Ihnen? Mögen Sie mich? Oder Sie? Oder Sie? Früher oder später musste jemand ja sagen.»
Der Jemand war die Schauspielerin und Choreografin Rosie Perez, die sie 1991 unter 2000 Bewerberinnen für das Fernsehballett der CBS-Serie «In Living Color» auswählte. «Wer sind die treusten Fans des Fernsehballetts?», fragte Rosie Perez den Regisseur Keenen Ivory Wayans. «Gefangene», antwortete Wayans. «Dann nimm dieses Mädchen», sagte Rosie Perez, «sie ist nicht die beste Tänzerin, aber sie hat diesen Blick, der ihnen gefallen wird.» Jennifer Lopez siedelte nach Los Angeles über, wo alle Frauen im Showbusiness deutlich dünner waren als sie. Sie konsultierte eine Ernährungsberaterin, trimmte ihren Körper im Fitness-Studio, aber hatte ansonsten keinerlei Komplexe: «In meiner Familie und meiner Umgebung hatten alle solche Körper wie ich, und ich fand sie wunderschön. Ich wusste, dass ich nicht aussah wie die andern hier. Aber das hob mich hervor. Die Leute verrenkten sich den Hals.» Fotos aus jener Zeit zeigen eine pummelige junge Latina-Frau mit dunklen Locken, einem Ansatz von Doppelkinn und einem kühlen Blick.
Nach zwei Jahren «In Living Color» wurde sie für ein Janet-Jackson-Video und mehrere Fernsehrollen verpflichtet. Obwohl es nur kleine Rollen waren, achtete sie darauf, dass sie nicht auf einen Typ festgelegt wurde: «Ich wollte kein Stereotyp werden. Ich wusste, dass ich dagegen ankämpfen musste, weil ich eine Latina bin.» 1994 sprach sie bei Oliver Stone für sein nie realisiertes Filmprojekt über den Diktator von Panama, Manuel Noriega, vor. «Kaum fing ich an, die vierseitige Szene vorzulesen, begann er, in seinem Büro Möbel zu rücken. Ich dachte, was für eine Unverschämtheit. Er stellte sein ganzes Büro um. Als ich fertig war, drehte er sich um und sagte: ‹Äh, Sie machen also bei dieser Fernsehserie mit?› Ich sagte ja, stand auf und ging. Nachher sagte ich meinem Manager, ich sei noch nie in meinem Leben so behandelt worden und wolle nie für Oliver Stone arbeiten.»
Nach einer kleinen Nebenrolle in Gregory Navas «Mi Familia» spielte Jennifer Lopez hintereinander in Joseph Rubens «Money Train» (1995) mit Woody Harrelson und Wesley Snipes und in Francis Ford Coppolas «Jack» (1996) mit Robin Williams. Sie bekam freundliche Kritiken, aber der Ruhm kannte Grenzen. Vor allem unter Latinos berühmt wurde sie 1997 mit «Selena», einem Film über die von einem Fan ermordete Latina-Sängerin. Der Film, zu dessen Songs Lopez nur die Lippen bewegen durfte, brachte ihr eine Golden-Globe-Nominierung und eine Gage von einer Million Dollar. Das war mehr, als in Hollywood je einer Latina-Schauspielerin für eine Rolle bezahlt worden war.
Eine Entschuldigung von Oliver Stone
Ihr Privatleben war noch ohne grosse Geräusche. Sie war mit ihrer alten Schulliebe David Cruz im Gepäck nach Los Angeles gekommen, aber der Mann konnte mit ihrem zunehmenden Erfolg nicht Schritt halten. «Was Karriere angeht, waren wir unterschiedlicher Auffassung», sagte sie später, «ich hatte Feuer unter dem Arsch. Ich war so schnell. Und er wusste einfach nicht, was er tun wollte. Ich war eine Rakete, er war ein Stein.» Cruz kehrte in die Bronx zurück und eröffnete ein Reinigungsgeschäft. Jennifer Lopez lernte während der Dreharbeiten zu Bob Rafelsons Dreiecks-Drama «Blood and Wine» in Gloria Estefans Restaurant in Miami Beach den kubanischen Kellner Ojani Noa kennen. Wenige Monate später liess sie ihn als ihren Personal Trainer auf die Gehaltsliste ihres neuen Films «Anaconda» setzen und machte ihm einen Heiratsantrag. Er setzte seine Filmersparnisse in einen Diamantring um, 3 Karat, 10000 Dollar. Einen Film später – Oliver Stones «U-Turn», der Regisseur hatte angerufen und um Entschuldigung gebeten – heiratete das Paar vor zweihundert Gästen. Die Braut trug Escada, der Bräutigam Versace. Das Modemagazin In Style berichtete detailliert über das Ereignis. Der 22. Februar 1997 war der erste Auftritt der Trendsetterin Jennifer Lopez.
Interview mit aufgehaktem Bikini
Bereits wenige Wochen später waren erste Gerüchte über Ehekräche im Umlauf. Jennifer Lopez dementierte nicht. «Dieses Business ist hart für Frauen, die mehr verdienen als Männer, weil Männer, vor allem Latinos, zu Ernährern erzogen werden. Und ich fühle mich aus unerfindlichen Gründen zu Männern hingezogen, die wenig zustande bringen. Manchmal sagt Ojani: ‹Dieses Kleid ist ja durchsichtig.› Ich sage, durchsichtige Kleider sind gut. Dann kommen die Leute in die Kinos. Willst du nun ein Haus in Miami, ja oder nein?» Nach wenigen Monaten, sagt Ojani Noa, habe Jennifer seine Anrufe nur noch von Assistenten beantworten lassen. Als er in der Zeitung ein Bild von ihr und P Diddy sah, der damals noch Puff Daddy hiess, wusste er, warum sie nicht zurückrief. Puff Daddy war der König der Rap- und Hip-Hop-Szene. Jennifer Lopez hatte einen Mann gefunden, der ihre Karriere nicht bremsen würde. Ganz im Gegenteil. Im März 1998 liess sie sich von Ojani Noa nach mehrmonatiger Trennung scheiden.
1998 war ein Jubeljahr für Jennifer Lopez: Coca-Cola heuerte sie für einen Werbespot an, L’Oréal verhandelte mit ihr über einen Kosmetikvertrag. Das Filmmagazin Movieline setzte sie im Februar fast nackt aufs Cover und titelte: «Das alles bin ich – und Männer lieben es.» Dazu gab Lopez ein Interview, das Furore machte. Sie empfing Reporter Stephen Rebello zum vereinbarten Termin an ihrem Pool, mit aufgehaktem Bikini, denn sie wurde gerade massiert. Im Hintergrund ein Pulk von Assistenten, Freunden und Familienmitgliedern. Rebello war amüsiert über die Frechheit der Darbietung: «Dass sie dieses abgestandene Hollywood-Theater vom aufstrebenden Star am Pool inszenieren würde, passte zu ihrer Gesamtstrategie von ‹playing big›. Big ist ihre Stärke.»
Jennifer Lopez war nicht nur frech, sondern auch freimütig wie nie mehr seither. Sie erzählte Rebello, wie sie um die Rolle in Steven Soderberghs «Out of Sight» gekämpft hatte, «weil dir niemand etwas auf dem Silbertablett bringt. Da ist immer irgendwo eine wie ich, die bereit ist, die Tür einzutreten und dir die Rolle vor der Nase wegzuschnappen.» Sie hatte die Rolle als Polizistin an der Seite von George Clooney ihrer Kollegin Sandra Bullock weggeschnappt. Als sie die Zusage hatte, wies sie ihren Manager an, fünf Millionen Dollar Gage zu verlangen statt der einen, die das Studio angeboten hatte. «Der Chef von Universal Pictures rief an und sagte: ‹Wir denken nicht langfristig.› Und ob wir langfristig denken! Noch glauben es die Leute nicht, aber ich bin gegenwärtig sehr unterbezahlt.» Sie erhielt zwei Millionen Dollar.
Doch dann verletzte Jennifer Lopez das einzige Gebot, das in Hollywood von jedem eingehalten wird, der in der Filmbranche arbeitet: Sag nie öffentlich Schlechtes über Kollegen. Unverblümt zog sie über ihre Konkurrentinnen her. Salma Hayek? «Ich kann nur lachen, wenn sie behauptet, man habe ihr ‹Selena› angeboten. Es ist eine absolute Lüge, aber so kommt sie offenbar zu Publicity.» «Cameron Diaz? Ein Fotomodell mit viel Glück, dem man viele Chancen gibt. Wenn sie nur etwas damit anfangen würde.» «Gwyneth Paltrow? Wo hat sie schon wieder mitgespielt? Ich erinnere mich an nichts. Ich habe mehr über sie und Brad Pitt als über ihre Arbeit gehört.» «Madonna? Ob ich sie für eine grosse Performerin halte? Ja. Für eine grosse Schauspielerin? Nein. Schauspielerei ist mein Beruf, also bin ich strenger, wenn Leute einfach meinen, sie können das. Dann denke ich: Hey, spuck nicht auf mein Handwerk.»
Die Filmbranche schäumte
Die Leser waren entzückt, die Medien frohlockten – die Branche schäumte. Sie sagt, sie hätte damals am liebsten den Kopf in den Sand gesteckt. Stattdessen schickte sie einen Entschuldigungsbrief an alle Kolleginnen, die sie niedergemacht hatte, was ihr noch mehr Häme eintrug. Denn die geschmähten Stars teilten der Presse sofort mit, die Kollegin habe sich nicht einmal die Mühe genommen, jeder einzeln zu schreiben, sondern habe allen denselben Wisch zukommen lassen. Jennifer Lopez entschuldigte sich erneut, diesmal mit individuellen Briefen. Inzwischen sind ihre Aussagen über Dritte entweder Lobhudeleien oder in jedem Wortsinn nichts sagend.
«Out of Sight» wurde ihr bislang bester Film. Und ist es bis heute geblieben. Die Kritik pries Clooney und Lopez als neues Traumpaar, Hollywood verzieh das Interview und lud sie als Oscar-Überreicherin zu den Academy Awards ein. Bei jedem ihrer Auftritte wurden ihre Kleider erlesener, der Teint und das inzwischen gestreckte Haar heller und die einst dichten Augenbrauen lichter, der Körper schmaler. Jenny from the Bronx war als Latina praktisch nicht mehr auszumachen.
Sie konnte sich die Filmangebote inzwischen aussuchen, aber sie hatte bessere Pläne, die Publikumsgunst der Stunde zu nutzen. Sie schickte ein Demoband mit Songs an Sony nach New York. Als Sony-Chef Tommy Mottola davon erfuhr, schrieb er ein Memo: Setzt das Girl in ein Flugzeug. «Sie war nicht gerade Aretha Franklin, aber wer kann schon singen wie Aretha», sagte Mottola, «dafür kann sie tanzen und schauspielern.» Als Jennifer Lopez in seinem Büro sass, antwortete sie nach eigenen Aussagen auf seine Frage, was sie sich vorstelle, sie wolle Vorzugsbehandlung und nur mit den Besten der Branche zusammenarbeiten. Mottola willigte sofort ein. Puff Daddy anerbot als Gegenleistung für sein Video «Been Around the World», in dem sie mitgewirkt hatte, Hilfe beim ersten Album an.
Liebesidyll mit Schiesserei
Dass sie damals längst ein Paar waren, bestritten beide vehement, obwohl sie sich häufig zusammen zeigten. Puff Daddys Lebensgefährtin war gerade schwanger. Als sie ihre Liebesgeschichte im Sommer 1999 schliesslich publik machten, war Jennifer Lopez’ erstes Album, «On the 6», bereits in der Hitparade und sieben Millionen Mal verkauft. Ihre Hit-Single «If You Had My Love» hatte gerade Ricky Martins «Livin’ La Vida Loca» von Platz eins verdrängt. Für «Angel Eyes», ihren übernächsten Film, war eine Gage von acht Millionen Dollar ausgehandelt. Jennifer Lopez war ein Superstar. Und Puffy überhäufte sie mit Schmuck, Autos und Kleidern. «Wir wissen beide, wo der andere herkommt, und wir haben beide hart gearbeitet, um es so weit zu bringen», sagte Jennifer Lopez über ihre Beziehung, «wir sind beide ehrgeizig und wollen viele verschiedene Dinge machen.» Ein Lopez-Fan deutete es etwas zynischer: «Ich stelle mir vor, wie sie eine Liste mit Punkten erstellte, die ihre Karriere ermöglichten: 1. Haare strecken und aufhellen. 2. Abnehmen. 3. Hintern nicht bekämpfen. 4. Latina nicht bekämpfen. 5. Durchsichtige Kleider tragen. 6. Puffy anbaggern.»
Die Idylle währte vier Monate. Kurz vor Weihnachten schenkte Puff Daddy Jennifer Lopez einen Hunderttausend-Dollar-Verlobungsring und einen weissen Nerzmantel. Am Abend des 27. Dezember wurden beide verhaftet, nachdem es im Nachtklub, wo sie sich aufhielten, eine Schiesserei gegeben hatte. Drei Gäste wurden verletzt. Klar war, dass jemand aus Puff Daddys Clique geschossen hatte. Unklar war, wer. Jennifer Lopez wurde nach 14 Stunden Untersuchungshaft von allen Vorwürfen entlastet, Puff Daddy bis zur Gerichtsverhandlung auf freien Fuss gesetzt. Wenige Wochen zuvor war er bereits angeschuldigt worden, nach einem Streit einen Musikproduzenten zusammengeschlagen zu haben. Der Mediendruck auf Jennifer Lopez, sich diesen rufschädigenden Raufbold vom Hals zu schaffen, wurde mit jedem Tag grösser. Puff Daddy hielt mit einem Diamantcollier dagegen, wieder hunderttausend Dollar. Jennifer sagte vor Gericht als Zeugin aus, Puff Daddy sei an jenem Abend nicht bewaffnet gewesen.
Wann auch jene Millionen, die weder ihre Filme sahen noch ihre Musik bewusst hörten, erstmals Notiz von Jennifer Lopez nahmen, ist exakt datierbar: Am 23. Februar 2000 erschien sie zu den Grammy Awards am Arm Puff Daddys in einem Kleid von Versace. Es war ein Anblick, den kein Medium seinen Benutzern vorenthielt – das Kleid war vorne offen bis kurz über dem Schritt. Und darunter genauso. Brüste und Beine waren weitgehend freigelegt. Von der Taille abwärts war das Kleid völlig durchsichtig, vorne und hinten. Jennifer Lopez wurde der ganzen Welt ein Begriff.
«Ich mag keine offen sexuellen Kleider», sagte sie im gleichen Jahr ohne mit der Wimper zu zucken in einem Playboy-Interview. «Ich mag Dinge, die der Fantasie etwas überlassen. Als ich das Kleid zum ersten Mal probierte, starrten mich mein Make-up-Artist, mein Manager und Puff nur an. Dann sagte Puff: ‹Das ist ein Killerkleid, das musst du anziehen.› Daran sieht man, dass man nie planen kann, wie die Leute reagieren werden.» Daran sieht man vor allem, wie ungerührt Jennifer Lopez die Presse inzwischen zum Narren hielt.
Ja nicht in die Augen schauen
Sie arbeitete bereits an ihrem zweiten Album, «J.Lo», spielte eine Psychiaterin mit übersinnlichen Fähigkeiten in dem gestelzten Flop «The Cell» und gleich anschliessend die Hauptrolle in «The Wedding Planner», einer süsslichen Komödie. Die Treffen mit Puff Daddy wurden seltener. Der Druck der Medien zeigte Wirkung, Puffys geringe Anstrengungen zur Treue halfen auch nicht. Jennifer Lopez weinte sich an der ansehnlichen Brust des ehemaligen Chippendale-Boys Cris Judd aus, den sie für Shows und Videos als Hintergrundtänzer angeheuert hatte.
Im Januar 2001 kamen im Abstand von drei Tagen «J.Lo» und «The Wedding Planner» auf den Markt und kletterten sofort beide auf Platz eins der Musik- und Filmhitparaden. Das hatte vor ihr keine singende Schauspielerin geschafft, Barbra Streisand und Bette Midler nicht, nicht einmal Cher. Im Februar gab Puff Daddy ihre Trennung bekannt. Im März erschien sie mit Cris Judd bei der Oscar-Verleihung.
Dass sie unter dem durchsichtigen Chanel-Kleid keinen BH trug, sprang derart ins Auge, dass die Kameraleute im letzten Moment angewiesen wurden, nur auf ihr Gesicht zu zoomen. Das Gerücht, sie beschäftige eine Assistentin, die einzig dazu da sei, ihr vor öffentlichen Auftritten die Brustwarzen zu zwirbeln, hält sich seither hartnäckig. Es scheint niemanden zu überraschen. Zu Lopez’ fester Entourage, im Schnitt rund sechzig Leute, gehören angeblich auch zwei Augenbrauenbetreuer. Der Klatsch um ihre zunehmenden Allüren galoppiert. Ihre Bodyguards sprechen sie nur mit Number One an und sind auch auf Filmsets nie weiter als einen Meter entfernt. Techniker dürfen ihr nicht in die Augen schauen. Betttücher müssen aus feinstgewobener Baumwolle sein, die Hoteltapeten ohne Muster, das Evian zimmerwarm und die Duftkerzen nach Grapefruit riechend. Wahr oder nicht wahr, gelesen haben es alle.
Zur Abwechslung «billige» Eheringe
Im Mai wurden zur Erleichterung der Crew die Dreharbeiten zu dem Ehedrama «Enough» beendet. Wenig später besiegelte Jennifer Lopez mit Tommy Hilfigers Bruder Andy einen Vertrag über eine eigene Modelinie – «J.Lo». Die erste Kollektion ging noch im gleichen Jahr in die Läden. Im September heiratete sie Cris Judd, den Spötter bereits vor der Eheschliessung «Dead Man Walking» nannten. Die Braut trug Chignon und Valentino, die Ringe kosteten mit Rücksicht auf die bescheidenen Rücklagen des Bräutigams bloss 30000 Dollar.
Der Ehefrieden hielt an, bis Jennifer Lopez dem neuen Gatten die künstlerische Leitung für ihr erstes Konzert übertrug, das im November von NBC gesendet wurde. Das Resultat war eine Katastrophe, die Kritik vernichtend. Kein Sex-Appeal, kein Schwung. Der Gatte hatte sich nicht bewährt. Im Dezember begegnete Jennifer Lopez auf dem Set von «Gigli» erstmals Ben Affleck. Ein halbes Jahr später war ihre Ehe geschieden und Cris Judd angeblich fünfzehn Millionen Dollar reicher. Jennifer Lopez lancierte ihr Parfüm «Glow». Im Oktober schenkte Affleck ihr einen Verlobungsring mit einem rosaroten Diamanten; 6,1 Karat, 1,1 Millionen Dollar wert.
Hollywoods Strategen begrüssten die ökonomisch vielversprechende Verbindung: Er macht sie weiss, sie macht ihn der Strasse zugänglich. Ebenfalls im November drehte Jennifer Lopez das Video zu «Jenny from the Block» aus ihrem neuen Album «This is me... Then». Der Song wurde geschrieben, nachdem Tommy Mottola sich besorgt gezeigt hatte, J.Los glamouröser Lebensstil könnte sie ihrem hispanischen Stammpublikum entfremden. Kritiker warfen ihr peinliche Anbiederung vor, aber das Album verkaufte sich in den ersten Wochen noch besser als seine beiden Vorgänger.
Fast gleichzeitig startete Louis Vuitton mit Jennifer Lopez eine Werbekampagne für nahezu unerschwingliche Handtaschen. Sie sieht auf den Anzeigen ungemein teuer aus und unnahbarer als ein Wespennest. Vor allem sieht sie nicht aus wie die Jennifer Lopez, die man kennt, sondern wie eine Jennifer Lopez, die von einem Computerprogramm «entethnifiziert» wurde – ist es eine Latina? Eine «Kaukasierin»?, wie Weisse in Amerika genannt werden – keine Ahnung. Sie ist bloss sehr schön und sehr unnatürlich.
Als «Gigli» vor einem Monat in die amerikanischen Kinos kam, waren die Kritiker gnadenlos wie selten: «Eine hoffnungslos gescheiterte Übung von Stars in Selbstbeweihräucherung», schrieb die New York Times. Jennifer Lopez wird trotzdem erneut heiraten. «Wenn ich vorbereitet bin», sagt sie, «bin ich ziemlich gut. Und ich bin fast immer vorbereitet.»
10.09.2003, Ausgabe 37/03
Jennifer Lopez
Das Alpha-Tier von Hollywood
Ihre Stimme ist dünn, ihr schauspielerisches Talent mässig, doch als Chefin ihres Unternehmens J. Lo Inc. ist Jennifer Lopez Weltklasse. Kein Star in Hollywood versteht mehr von Marketing als die puerto-ricanische Tänzerin aus der Bronx.

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