Kommentar

Eiserne Ladys

Was ist mit dem Feminismus los? Das Leistungsprinzip verdrängt den Glauben an Frauenförderung und Quotenschutz.

Von Katharina Rutschky

Männer haben gar nichts gegen Frauen in wichtigen Positionen, wie uns dies die Frauenbewegung und der Feminismus seit den siebziger Jahren immer weismachen und mit Zahlen beweisen wollten. Es müssen nur die richtigen sein. Maggie Thatcher war die erste englische Premierministerin der Geschichte, und sie war nicht von Labour, sondern von den Torys nach oben gebracht worden. Die Eiserne Lady sorgte in progressiven und Frauenkreisen lange für eine Verwirrung, die sich jetzt beim Betrachten der SVP und ihren ebenso militant konservativen Politikerinnen wieder einstellt. Frau war damals und ist auch heute eigentlich verpflichtet, jeder Frau die Stange zu halten, die sich laut und selbstbewusst auf die politische Bühne begibt, die uns Schwestern so lange den Zutritt verwehrt hat. Andererseits war frau aber auch im Zweifel und ist es nach wie vor, wenn Politikerinnen und überhaupt mächtige Frauen den heiligen Kühen der Frauenbewegung keine Reverenz erweisen. Als da sind die Pflicht zum wohlfahrtsstaatlichen Altruismus, zur mütterlichen Sorge für alle Armen und Beladenen und zur weiblichen Solidarität jenseits jeder Parteizugehörigkeit. Feminismus war lange ein Synonym für Progressivität und brachte Bewegung in eine von Männerinteressen bestimmte Welt. Thatcher widersprach damals mit dem erzliberalen Ausspruch, sie wisse nicht, was Gesellschaft sei, sie kenne nur Individuen, und krempelte England entsprechend um. Die neuen Frauen in der SVP lösen heute, in Thatchers Fussstapfen, andere ab, die vor zehn Jahren auch in dieser Partei ein urtümlich feministisches Projekt verfolgen wollten: «Wir Frauen sind dazu da, um unsere besondere Optik der Probleme in die Politik einzubringen.» Jene Frauen aller Parteien, die das vorhatten, haben verloren – aber nicht nur sie müssen heute über feministische Irrtümer und Fehleinschätzungen des weiblichen Publikums und der Wählerschaft neu nachdenken.

Jede Menge guter Wille

«Frauen sind Menschen», werden aber als solche nicht anerkannt – so lautete eine Parole des Feminismus, die eine Menge von Gesetzesänderungen zur Folge hatte – auch mit männlicher Unterstützung. Gute wie die Erweiterung der weiblichen Selbstbestimmung in puncto Reproduktion oder Antidiskriminierungsmassnahmen bei Stellenausschreibungen und Förderungspflichten für weibliche Berufstätige, gar Quotenvorgaben und Investitionen in die gezielte Förderung von Frauen. Die Uno hat sich ganz im Sinn der feministischen Ideale in zahlreichen Beschlüssen und grossen internationalen Konferenzen (Peking und Yokohama) ins Zeug gelegt. Ein überwältigender guter Wille zugunsten der Frauen scheint vorhanden – aber nicht bloss auf diesen Konferenzen brachen Konflikte zwischen Frauen aus verschiedenen Kulturkreisen auf, die wir im Kleinen, auf nationalstaatlicher Ebene bis hinunter zur Partei- oder Gemeindeebene noch gar nicht begriffen haben. Frauen sind wirklich echte Menschen, und durch eine Unterdrückungsgeschichte von ein paar tausend Jahren keineswegs privilegiert, dem Fortschritt die Fahne zu halten. Auch unter Frauen waren und sind populäre Kampagnen gegen die so genannte sexuelle Gewalt und gegen sexuelle Ausbeutung höchst umstritten. Soll man Prostitution wie in Schweden, feministisch korrekt, auf Kosten der Freier, nicht der Frauen, strafrechtlich ahnden oder hier ein Dienstleistungsgewerbe mit allen Konsequenzen für Rechtssicherheit und Versicherungsansprüche anerkennen?

Weibliche Menschen ticken anders

Frauen sind Menschen, und je mehr sich diese Einsicht des alten Feminismus durchsetzt, desto mehr müssen wir erkennen, dass Frauen genauso dumm sein können wie Männer, genauso rücksichtslos, machtbesessen und ehrgeizig und – konservativ wie sie. Vielleicht im Schnitt noch konservativer, ja reaktionärer als die Männer, weil sie als Liebende, Ehefrauen und Mütter, kurzum als weibliche Menschen anders ticken als die Männer und unser Feminismus es je wahrhaben wollte. Der ist auf gleiche Rechte fixiert und hat immer historisch gewachsene, vielleicht aber auch anthropologisch fundierte Differenzen der Geschlechter systematisch ignoriert, statt sie produktiv zu nutzen. Unterschiede wurden und werden bei Progressiven immer noch im Schwarz-Weiss-Muster des Opferdiskurses abgehandelt.

Dazu kommt noch etwas anderes, was der alte Feminismus nicht vorausgesehen hat. Frauen, die sich emanzipieren und nach vorn gehen, wollen sich niemals als Protektionskinder verstehen. Nicht des Feminismus, nicht einer anderen Idee. Was sie sind, wollen sie aus eigener Kraft sein. Die Frauenbewegung hat zwar eine Menge Illusionen genährt, vielen Dummheiten Vorschub geleistet – sie hat aber immerhin erreicht, dass Frauen sich äussern können und – begrenzt – Gehör finden. Auch in konservativen Kreisen.

Katharina Rutschky ehemalige Feministin, Soziologin, und Publizistin lebt und arbeitet in Berlin. Von ihr erschien u. a.: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung, Ullstein 1997. 617 Seiten, Fr. 24.30

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|

weitere Ausgaben