Es ist heiss, die Sonne sengt, und die Luft flimmert wie schon seit Wochen über der Ebene, die unter mir dem nahen Meer entgegenfliesst. Unter dem Piniendach oben am Waldrand suche ich nach den Inseln des toskanischen Archipels und finde sie, zum Teil leicht jenseits des Horizonts, in Dunst gehüllt: Gorgona, Capraia, Elba und – von blossem Auge kaum mehr auszumachen – die nördlichen Gebirgszüge des französischen Korsika. Dabei geniesse ich die Distanz, die Sinne und Gedanken schweifen lässt. Die Sehnsucht nach Ferne, nach Freiheit, nach buchstäblicher Abgehobenheit mag es wohl sein, weshalb Distanz so glücklich machen kann. Empfunden auch als wohltuendes Abstandnehmen von der unmittelbaren Vergangenheit, dem Alltagstrott.
Hinter mir liegen stressige Universitätssemester. Zu Ende gegangen ist nämlich soeben mein Dekanat als Leiter der volkswirtschaftlichen Fakultät unserer Uni. Bilanz: Soundso viele Professoren wurden berufen, Nachwuchsleute habilitiert, längjährige Kollegen (darunter auch einige Freunde) emeritiert, Reformen durchgepeitscht und – vor allem – zahllose Audienzen und Sitzungen abgehalten. Daneben der normale professorale Boulot: Vorlesungen, Vorträge, Institutsleitung. Was mich beim Ganzen nervte: Agenden wie militärische Tagesbefehle, sodann meine Rolle mehr und mehr als Manager und Moderator denn als Forscher und intellektueller Innovator. Und all die Hektik, keine Spur mehr von akademischer Musse und Konzentration.
Jetzt fahre ich in die Toscana, wo ich in meinem zweiten Zuhause bedrängender Vereinnahmung zu entfliehen und Distanz zu nehmen hoffe. Zusammen mit meiner mich inspirierenden Familie, mit Freunden und Mitarbeitern tauche ich jetzt ein in die Welt meiner Jugend und freue mich auf das Wiedersehen mit Menschen, mit denen ich seit Jahrzehnten verbunden bin. Am Fusse der Apuanischen Alpen, über der versiliesischen Küste, umgeben von Olivenbäumen, Reben, blühenden Oleandern, Bougainvilleen und Magnolien, darf ich jetzt wieder den harzigen Pinienduft atmen. Natürlich, ganz ohne Termine und Trips – mal nach Brüssel, mal zurück in die Schweiz – läuft’s auch jetzt nicht ab, ebenso wenig ohne E-Mail, Handy und morgendliche Telefonkonferenzen. Trotzdem: Man taucht ab. Da wird zwar gearbeitet, gerechnet, viel gelesen und geschrieben sowie – in lauen Nächten – oft auch intensiv debattiert und Wein getrunken. Musse und Distanz helfen mir, Beziehungen zu stärken, Gelassenheit zurückzugewinnen und Gespräche nicht nur aufzunehmen, sondern auch zu Ende zu führen.
Und immer wieder zieht es meine Frau Eva und mich hinauf an den Waldrand unseres Anwesens zu den Pinien. Meine Augen suchen die Insel Capraia, weit und schnurgerade im Süden. Morgen fahren wir hin. Ich weiss dort einen früheren Freund, einen hoch gestellten Banker, der vor vielen Jahren seine Karriere an den Nagel hängte, ausstieg und sich auf der kargen Insel niederliess, auf der Suche nach Freiheit, Distanz und neuen Horizonten. Wo genau, hat er mir beschrieben, so dass wir ihn finden werden. Anderntags brausen wir mit dem Touristen-Motorschiff siebzig Kilometer südwärts, der unwegsamen Sarazeneninsel mit etruskischer und römischer Vergangenheit entgegen. Ohne jedwelche touristischen Attraktionen, so belehrt uns der Reiseführer, sei die Insel ideales Ziel für Menschen, die Meer, Weite und Einsamkeit lieben. Bei glühender Hitze steigen wir vom Hafen auf einem mit grossen Setzsteinen belegten Gehweg hinauf zum Fischerdorf und zu der über ihm trutzenden Festung San Giorgio, mitten in verbrannter, mediterraner, von Ginster, Rosmarin, Kakteen und einzelnen Pinien durchsetzten Vegetation. Und siehe, eingangs des Dorfs, unverkennbar der fotografischen Beschreibung exakt entsprechend, das Steinhaus unseres Freundes. Umgeben von einem durch ein kunstvoll geschmiedetes Eisengitter bewehrten Gemäuer, eingefasst von einem zauberhaften Oleandergarten, mit geradezu berauschendem Blick auf den unendlich weit scheinenden Golf von Livorno.
Doch der Oleander ist verwildert, der Garten gelb und versteppt, die Zugänge zu Haus und Garten sind von Glizinien überwachsen. Offensichtlich hat hier seit Jahren kein Mensch mehr gewohnt. Lebt mein Freund noch? Oder ist er wieder weggezogen? Geflohen diesmal vor der Einsamkeit, auf eine grössere Insel, aufs Festland oder gar zurück in sein früheres Leben? Ich werd’s wohl nie erfahren. Meine kleine Tochter Anna-Thea hat Recht: «Zu viel Weite, zu viel Freiheit, zu grosse Distanz macht vielleicht auch rastlos, traurig und einsam.» Vielleicht hat die Unverbindlichkeit dieser kleinen Insel meinem Freund die Wurzel ausgedörrt – ähnlich wie den wenigen Platanen, die hier auf rötlichsteinigem Inselgrund um ihr Dasein kämpfen.
Wir steigen hinauf zum Forte San Giorgio, lassen uns in den etruskischen Wassergruben am Fusse der Festung nieder, hoch über dem azurblauen Meer, dort wo die Felsen steil in die Gischt der Brandung hinunterfallen, verfolgen die Schiffe, die in rascher Folge auslaufen, um zum Festland des Stiefels zurückzukehren. Wir lesen im Corriere della Sera von Silvio Berlus- coni, seinen Kapriolen, der Schwäche der politischen Linken in Italien, von der Schwäche des zweigeteilten Europa und spüren hier oben so etwas wie distanzbedingte ideologiefreie Gelassenheit, mit der wir für einmal die politische Realität kritisch zu analysieren vermögen. Ich freue mich auf den Rückweg und erkenne, dass zur Weite, dem Meer und den Inseln auch das Festland gehört, dass es in Politik und Gesellschaft nicht nur gut oder böse, schwarz oder weiss gibt, dass zu dieser einzigartigen mediterranen Vielfalt vielleicht eben auch ein Berlusconi gehört. Und vor allem: dass uns Distanz zwar gelassen, souveräner im Urteil werden lässt, zu viel Distanz die Menschen aber ihrer Wurzeln beraubt, sie zu vereinsamen und zu isolieren vermag. Wir fahren mit dem letzten Schiff zurück.
Franz Jaeger, 62, ist Ex-LDU-Nationalrat und Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität St. Gallen.













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