Mundart

Huere primitiv

Besorgte Zeitgenossen beklagen die Verarmung und Verluderung des Schweizerdeutschen.
Sie fürchten einen Zerfall der Identität. Die Sprachwissenschaftler dagegen verfolgen
die Veränderungen der Mundart mit Faszination.

Von Hanspeter Born

Scheisse!, sagen die Kids, wenn nicht shit oder fuck. Findet man etwas gut, dann ist es mega oder super. Und nachdem Sarah ihrem Boyfriend am Handy mitgeteilt hat, dass sie vor dem Fooden noch rasch ins Fitness geht, okay?, verabschiedet dieser sich mit einem Tschau oder Tschüssli, vielleicht auch mit easy.

Was ist mit unserem Schweizerdeutsch passiert? Wieso brauchen wir immer mehr hochdeutsche und englische Fremdwörter, wenn wir doch aus dem eigenen reichen Wortschatz schöpfen könnten? Und wird unsere Sprache nicht immer eintöniger? Huere chalt, huere nass, huere schön, huere primitiv. Was einst als uhuere ein erdiges bündnerisches oder walliserdeutsches Verstärkungswort war, hat sich ebenso epidemieartig ausgebreitet wie das teutonische Scheisse. Wo bist du geblieben, altehrwürdiger Schiissdräck?

Der Zürcher Alfred Egli, aktives Mitglied im Verein Schweizerdeutsch, der sich für die Bewahrung und Pflege der Mundart einsetzt, wettert gegen die Wischiwaschidialäkt und malt die «Horrorvision» eines dereinst in der Schweiz allgegenwärtigen, mit einer dünnen dialektalen Sauce übertünchten Hochdeutsch an die Wand. «Mit em Schwiizertüütsch gaats nidsi, emaal tifiger, emaal lengsemer.» Egli bedauert, dass wir, gopfridstutz!, den Stolz auf und die Freude an unserer Sprache verloren haben. Wir seien «tummi Sieche», eine «windigi Bandi», dass wir uns nicht gegen deren Ausverkauf wehrten.

Aushöhlung, Verarmung, Zerfall. Neu sind die Klagen der Sprachschützer nicht. Die Schweizer Dialekte schienen dem Untergang geweiht, als 1862 der Lehrer Friedrich Staub seinen Aufruf zur «Sammlung eines Schweizerdeutschen Wörterbuchs» erliess: «Es ist eine ebenso unläugbare als wehmütig stimmende Thatsache (...), dass unsere nationalen Eigenthümlichkeiten (...) eine nach der andern abbröckeln und dem gleichmachenden Zuge der Zeit anheimfallen. (...) Aber auf keinem Boden schleicht das Verderbnis so heimlich und darum so sicher, wie auf dem unserer Mundarten.» Solange wir an unserer Sprache festhielten, meinte Staub, so lange halte unsere Sprache «uns als Nation zusammen und schützt unsere Eigenart besser als der Rhein».

Angesichts der engen wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Deutschland, der Einführung der Hochsprache im Schul-unterricht und der Ausdehnung des Eisenbahnnetzes glaubten damals nur wenige, dass die schweizerischen Dialekte überleben würden. So wie sich zwischen 1500 und 1700 die Schweizer Schriftsprache einem reichsdeutschen Standard anglich, würde auch das gesprochene Schweizerdeutsch in der Hochsprache aufgehen. 1890 sagte ein Basler Lehrer namens Kelterborn in einem «Vor Torschluss» betitelten Artikel voraus, dass im 20. Jahrhundert kaum mehr Dialekt gesprochen werden würde. 1901 bemerkte der Romanist Ernst Tappolet, wie die Kunden in den Läden der Bahnhofstrasse hochdeutsch angesprochen wurden, und folgerte daraus, dass Zürich bis 1950 als erste Schweizer Stadt zur Standardsprache wechseln werde.

Es kam anders, wobei Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler einen nicht unerheblichen Beitrag zur Erhaltung unserer Dialekte leisteten. Dann verlieh die 68er Bewegung mit ihrer Vorliebe für Gleichheit, Natürlichkeit und informelle Umgangsformen der Mundart Flügel. Populäre, vor allem berndeutsch singende Künstler wie Mani Matter oder Polo Hofer und Bands wie Patent Ochsner oder Züri West führten zu einer eigentlichen Mundartwelle, die durch die Einführung der Lokalradios, des Lokalfernsehens und später durch das Internet noch verstärkt wurde. Heute ist die Stellung der Dialekte in der Schweiz unangefochten, und es hat sich eine feste Aufgabenteilung zwischen der Standardsprache und der Mundart eingespielt. Wir schreiben in der Standardsprache, aber wir sprechen Dialekt, ausgenommen in formellen Situationen, wie zum Beispiel in der Schule, im Parlament, in wissenschaftlichen Vorträgen, teilweise in den Massenmedien und in der Kirche oder wenn Anderssprachige dabei sind.

Schweizerdeutsch ist cool

In jüngster Zeit hat bei Jugendlichen die Mundart auf das geschriebene Wort übergegriffen. Sie fassen SMS-Mitteilungen, E-Mails, Postkarten und selbst Briefe fast ausschliesslich in Dialekt ab. 16-Jährige einer Berner Gymnasialklasse bevorzugen das Berndeutsche im schriftlichen Gebrauch, weil es ihnen warmherziger, echter, direkter, unkomplizierter erscheint und weil man sich darin präziser ausdrücken könne. Ein kaum genannter, aber wohl wesentlicher Grund für die Popularität der Mundart ist das Fehlen verbindlicher Regeln für Orthografie und Grammatik.

Dem Winterthurer Deutschlehrer Jürg Bleiker fiel auf, dass ihm Schülerinnen aus den Ferien plötzlich Ansichtskarten schickten, was früher nie der Fall gewesen war. War er neuerdings besonders beliebt? Er sieht den Grund für die Schreibfreudigkeit eher darin, dass die Mädchen keine Angst mehr vor seinem Rotstift haben, weil sie sich jetzt auf Züritüütsch ausdrücken.

Die von Romands oder Ausländern als stossend empfundene Abneigung des durchschnittlichen Deutschschweizers, Hochdeutsch zu sprechen, ist weniger auf unsere Germanophobie zurückzuführen als auf unsere Angst, Fehler zu machen. Erhebungen belegen, dass unsere Erstklässler eine positive Einstellung zum Hochdeutschen haben, diese aber verlieren, sobald sie die Schule zum Erlernen der Schrift und damit auch der Schriftsprache zwingt. Das Erlebnis war für viele von uns offenbar so traumatisch, dass wir unsere Hemmungen gegenüber dem Standarddeutschen ein Leben lang nicht ablegen.

Im 20. Jahrhundert, so scheint es, lief alles für die Mundart. Insbesondere der Kanton Bern, in dem seit Rudolf von Tavel und Simon Gfeller die Mundartliteratur blüht, erlebt einen Dialektboom. Von Ruth Bietenhards berndeutscher Bibelübersetzung sind über 50000 Exemplare verkauft worden, und bei Berner Verlagen hat ein junger Schriftsteller bessere Chancen, wenn er seinen Roman in Dialekt anbietet. Die höchstalemannischen Dialekte aus dem Wallis, Graubünden, dem Berner Oberland und Freiburg, die einst, weil schwer verständlich, nicht besonders goutiert wurden, erfreuen sich besonderer Beliebtheit. Bei Radio und Fernsehen haben «Exoten» aus diesen Sprachregionen offenbar speziell gute Karrierechancen, vorausgesetzt, sie passen sich ein wenig an. Sagt ein Fernsehmoderator gebrungen, finden wir dies heerzig. In Basel hatte der Dialekt wegen der Fastnacht von jeher einen hohen Stellenwert, und die Basler achten genau darauf, dass ihre Schnitzelbänke korrekt abgefasst sind. Schweizerdeutsch ist also durchaus cool. Quantitativ ist alles okay, aber qualitativ?

Die Sprache lebt und ist demnach ständigem Wandel unterworfen. Ob wir die sprachlichen Entwicklungen in der deutschen Schweiz als positiv oder negativ auffassen, hängt von unseren Wertvorstellungen und unserer Lebenseinstellung ab. Alte Leute, die das Verschwinden lieb gewordener, aussagestarker Ausdrücke beobachten, beurteilen den Sprachwandel negativer als Lehrlinge oder Gymnasiasten, die lustvoll neue Redensarten erfinden.

Dialektforscher und Mundartliebhaber haben im neueren schweizerdeutschen Sprachgebrauch einige klare Tendenzen beobachtet:

1. -Verschmelzung der Dialekte. Während die hauptsächlichen Deutschschweizer Mundarten ein starkes Beharrungsvermögen auszeichnet, gleichen sich einst unterschiedliche Dialekte kleinerer, vor allem auch ländlicher Orte den in grösseren Städten gesprochenen Sprachen an. Hans Ruef, der am Gymnasium in Brienz unterrichtet, machte die Erfahrung, dass die Schüler den Ortsdialekt nicht mehr sprechen, weil viele von ihnen aus Bern oder der Umgebung hergezogen sind und weil auch die meisten Lehrer kein Brienzerdütsch sprechen.

Bern und Zürich haben eine grosse Strahlungskraft, die sich vor allem auf die nähere Umgebung auswirkt, aber auch die Sprache in angrenzenden Kantonen beeinflusst. Beat Siebenhaar hat in einer Studie festgestellt, dass Sprecher in der Stadt Aarau Elemente der östlichen Zürcher Mundart übernommen haben, was auch damit zusammenhängt, dass viele Aarauer in Zürich arbeiten. Der zürcherische Einfluss ist stärker als der bernische, obschon die Aarauer Berndeutsch sympathischer finden als die Zürcher Mundart. Ein subtiler sozialer Zwang, sich nach dem wirtschaftlich und sozial Stärkeren zu richten, scheint mitzuspielen. Dem Autor des Standardwerks «Schweizerdeutsch», Prof. Andreas Lötscher, ist aufgefallen, dass solothurnische Pendler, die in der Bundesstadt arbeiten, ihr heimisches «jo» zu einem «ja» werden zu lassen, wenn sie sich in Bern aufhalten.

Wenn niemand mehr dängelet

Ausgesprochen ländliche, als altmodisch empfundene Formen haben in den städtischen Agglomerationen einen schweren Stand. Aber auch das durch das französische R und die konsequente Nichtvokalisierung des L gekennzeichnete vornehme Patrizierberndeutsch wird heute meist nur im engeren Kreis der Burger gesprochen. Dasselbe gilt für das Dalbanesisch (nach dem Quartier St. Alban benannt) der Basler aus dem Daig. Lorenz Hofer hat herausgefunden, dass in Basel jüngere Sprecher, «sprachgeographisch weiterverbreitete, von der kleinräumigen traditionellen Stadtmundart abweichende Varianten» vorziehen. Die neie Hiisli weichen den nöie Hüüsli und die Bäim entrunden sich zu Böim. Aber auch einst unterscheidbare, ausgeprägte Dialekte aus Arbeiterquartieren, wie etwa das berühmte Berner Mattenenglisch, die Kleinbasler Hösch Brueder-Sprache oder der in Fritz Herdis Zürcher «Limmatblüten» verewigte Niederdorfjargon sind nur noch in Überresten vorhanden.

So genannte Regiolekte lösen die spezifischen Ortsdialekte ab. Wie schnell die Verschmelzung der Dialekte fortschreitet und wie weit sie gehen wird, kann nicht vorhergesagt werden. Der Seeländer Schriftsteller Werner Marti erinnert daran, dass noch vor 150 Jahren entlang des Juras bis Biel ein dem Baseldeutsch verwandtes Niederalemannisch gesprochen wurde, das inzwischen von einem westlichen Hochalemannisch (und vom Französischen) verdrängt worden ist.

Die Frage stellt sich, ob im Kraftfeld expansiver Dialekte stehende fragile Mundarten wie diejenigen, die man im Kanton Aargau oder im Kanton Solothurn spricht, nicht auch verschwinden werden. Es gibt Dialektforscher, die das traditionelle Schafhauserdeutsch gefährdet sehen und vermuten, es werde sich dem benachbarten Ostschweizerdeutsch angleichen.

2. - Umwälzungen im Wortschatz. Die Mobilität der Bevölkerung, der übermächtige Einfluss des Fernsehens und die durch die neuen Technologien verstärkte kulturelle Globalisierung haben den Wortschatz der schweizerdeutschen Dialekte radikal verändert. Ein grosser Teil der vielen genauen Ausdrücke, die Tätigkeiten oder Dinge aus der Landwirtschaft bezeichnen, sind in Vergessenheit geraten. Wenn niemand mehr dängelet, braucht man auch das Wort nicht zu kennen. Das Schweizerdeutsche hat sich immer durch eine Vielfalt der Ausdrücke ausgezeichnet, die das tägliche Leben, die physische Umgebung, Naturereignisse, gewöhnliche Verrichtungen, Gefühle, Körperteile, Bewegungen, Menschentypen, Gewohnheiten etc. beschreiben.

Man denke bloss an die unzähligen Wörter, die äusserst präzise verschiedene Arten der Fortbewegung auf zwei Beinen bezeichnen, von tüüssele und träppele über schlarpe und tschirgge zu tschalpe und trogle. Vielleicht kennt man die Ausdrücke noch, aber gebraucht werden sie wenig. Wir Deutschschweizer besitzen ein riesiges Reservoir an Schimpfwörtern und despektierlichen Bezeichnungen für unsere Mitmenschen. Beispiele von mit Buchstaben G beginnenden, unschmeichelhaften berndeutschen Bezeichnungen von Männern: Galööri, Galouderi, Galaff, Gali, Ganggel, Glögglifrösch, Glünggi, Göuggel, Gnieti, Gwaggli, Gigel, Glüschteler, Gitzgnäpper, Gaaggi, Gränni, Grümscheler, Gruchsi, Grüsel, Gstabi, Güdi, Gügger, Gumpesel, Gusli, Gwunderi etc. Statt sich aus dem üppigen Sortiment an Schimpfwörtern zu bedienen, greift heut manch einer sofort zu Arschloch oder treudeutsch Du Arsch.

Während viel vom urchigen Wortgut verschwindet, überfluten englische Fremdwörter die Mundart. Unsere Dialekte haben seit jeher Fremdwörter locker integriert. Baseldeutsch und Berndeutsch sogen im 18. Jahrhundert eine Menge französischer Wörter auf. Wir empfinden das Trottoir oder das Portemonnaie und andere welsche Vokabeln, die in einem darwinschen Ausleseprozess überlebt haben, nicht als Fremdkörper, sondern als Bereicherung. Mit vielen aus dem Englischen stammenden Wörtern wird es ähnlich gehen. Man denke an die Fussballausdrücke. Wer weiss noch, dass schutte oder tschuute von «shoot» kommt? Und gehen uns Gorner, Gooli und Cöpfinal nicht leichter über die Lippen als Eckstoss, Torwart und Pokalendspiel? Vor kurzem übernommene englische Verben wie tschogge, snöbe und meile haben bereits den Status von eingesessenen Dialektwörtern. Unverbesserliche Frankophile wie ich bedauern zwar, dass merci zunehmend thanks weichen muss, das Velo dem Bike und das Billett – ausser wenn es den Führerausweis bezeichnet – dem Ticket, aber – sorry (nicht exgüse oder äxgüsi) – Englisch hat nun einmal Französisch als Weltsprache abgelöst.

Als schlimm empfinden viele die hochdeutschen Importe, die sich bei uns breit machen. Es gibt keinen ersichtlichen Grund, statt Manne Männer zu sagen oder statt öppe in etwa. Viele Fremdlinge schleichen sich auf dem Umweg über zusammengesetzte Wörter ein. Wir halten zwar an Ross, Stäge, Märit, Schaft, Nidle fest, sagen aber Pferderenne, Rollträppe. Marktforschig, Chüelschrank, Schlagraam. Das Eindringen hochdeutscher Wörter erklärt sich auch dadurch, dass wir viel Zeit mit dem Lesen von Zeitungen, Büchern und Fachschriften verbringen und dass uns dadurch standarddeutsche Wörter geläufiger werden als ihre nur im mündlichen Verkehr gebrauchten schweizerdeutschen Synonyme.

Gömmer Migros?

3. - Anpassung des Satzbaus an die Standardsprache. Abstrakte Substantive, die bei uns nicht heimisch sind, nisten sich ein. Der Basler Mundartkenner Rudolf Suter gibt das Beispiel: «D’Handhaabig vo dere Maschine beräitet grossi Schwirigkäite.» Gutes Baseldeutsch wäre: «S isch schwirig mit dere Maschine umzgo.» Sehr viel von unserem Wissen und unseren Kenntnissen eignen wir uns über das geschriebene Wort an. Wenn wir über technische oder wissenschaftliche Dinge reden, benützen wir lautlich umgesetzte, erinnerte schriftdeutsche Versatzstücke.

Veränderungen in unseren Dialekten sind zumeist auf Veränderungen in der Gesellschaft zurückzuführen. Traditionelle Fluchworte wie gopfertami, heilandstärne, sappermänt verschwinden, weil die Anrufung des Namen Gottes, des Heilands oder der Sakramente eine säkulare Bevölkerung nicht mehr schockieren kann. Frauen sind heute weniger als früher Hüterinnen der «guten Sprache», die den Zeigefinger erheben: «So seit me nid.» Leute über 60 erinnern sich sehr wohl, dass den Kindern einst untersagt wurde, «grobe» Wörter wie seiche oder schiffe zu verwenden. In der Stadt Bern galt hocke als unfein, und eine Luzerner Mutter untersagte ihrem Sohn den Gebrauch des heute aus dem Luzernerdeutsch nicht wegzudenkenden rüüdig. Die Einwanderung beeinflusst das Schweizerdeutsch, aber gesicherte Erkenntnisse darüber fehlen. Es ist anzunehmen, dass in städtischen Quartieren mit einem hohen Anteil von Kindern aus verschiedenen Kulturen die Jugendsprache, wenn sie ihre Kommunikationsaufgabe erfüllen will, sich auf ein einfaches Vokabular – gömmer Migros – beschränken muss.

Wie schnell der Sprachwandel fortschreitet, wurde dem Verfasser dieses Artikels bewusst, als er am Gymnasium im Berner Kirchenfeld, wo er selber vor über vier Jahrzehnten die Schulbank drückte, eine aus lauter Mädchen zusammengesetzte Quarta über ihre Einstellung zur Mundart befragte. Ich hatte als selbstverständlich angenommen, dass die Berner Schülersprache mit ihren aus dem Mattenenglischen stammenden Ausdrücken ewig Bestand haben werde. Zu meiner Verblüffung musste ich feststellen, dass die Schülerinnen Ausdrücke wie Leischt (Lehrer), Grääk (Griechisch), Goggere (Geografie), Gschirre (Geschichte), Püetz (Probe) nicht mehr kannten. Andere Worte wie tschent, böimig, item, heimatschtüdeli und vor allem Schwarm waren den Mädchen geläufig, «weil das Mami sie braucht», aber werden von ihnen höchstens benutzt, um die Alten zu hänseln. Wenn Schwarm out ist, wie sagen die Modi einem Giel, für den sie schwärmen? Är!

Sprachwissenschaftler beobachten die Entwicklungen eher fasziniert als wehmütig. Abschleifung und Verschmelzung machen die Sprache einfacher, tragen also zu einem besseren Verständnis der Menschen untereinander bei. Der Obergommer spricht vielleicht nicht mehr seinen reinen Bergdialekt, dafür verstehen wir, was er uns sagen will. Der an der Uni Freiburg lehrende Luzerner Professor Walter Haas ist gegenüber allen Bemühungen von Sprachpuristen, die uns zur reinen Mundart zurückführen wollen, skeptisch. Er hält den Vorschlag, in der Schule Dialekt zu unterrichten, für verfehlt. Kinder, meint er, erwerben ihre Sprache in den «primären Gruppen», in denen sie aufwachsen, und die Normen, die sie dort aufschnappen, «reichen ihnen fürs ganze Leben». Wir Deutschschweizer seien uns nicht bewusst, welcher absoluti Goldschatz unsere Mundart darstelle. Wir können miteinander – und dies heisst auch mit Leuten, die einen andern Dialekt sprechen als wir selber – reden, ohne aufpassen zu müssen, ob wir die Sprache «richtig» verwenden, und ohne Angst zu haben, dass wir dabei soziale fauxpas begehen. Mir dörfed eifach rede, sagt Prof. Haas.

Es ist vernünftiger, gelassen zu bleiben und zu akzeptieren, dass rundherum Scheisse und huere geil gesagt wird. Die Zeit ist ein Sieb. Modewörter, die für alles und jedes herhalten müssen, werden überstrapaziert und verleiden. Bei den Berner Gymnasiastinnen rümpft man bereits die Nase über mega (das bestenfalls noch in Zürich in sei), und bald wird das Wort so altmodisch klingen wie tschent. Wenn sie etwas Spitze (was ist aus diesem Ausdruck geworden?) finden, sagen sie, es sei bündig oder börner oder hammerhaft oder de Hammer. De Hammer? Ist das nicht schon einmal da gewesen?

Mehr zum Thema: www.dialekt.ch

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