In den Vereinigten Staaten und Europa ist der Name Mohammed al-Dura praktisch unbekannt, doch für Millionen Menschen in der muslimischen Welt ist er ein berüchtigtes Symbol des Hasses auf Israel und die Vereinigten Staaten, die diesen Staat unterstützen.
Mohammed al-Dura ist jener zwölfjährige Palästinenser, der am 30. September 2000 während einer Schiesserei zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Demonstranten tödlich getroffen wurde. Die letzten Momente seines Lebens – ängstlich versteckt er sich hinter seinem Vater Jamal al-Dura und sinkt dann, von tödlichen Kugeln getroffen, zu Boden – wurden von der Kamera eines Fernsehreporters festgehalten. Diese Bilder gingen um die Welt und wurden, oftmals wiederholt, für arabische und islamische Zuschauer so vertraut und bedeutsam wie die Fotografien des zerstörten Hiroschima für die Japaner – oder die Bilder vom einstürzenden World Trade Center für die Amerikaner. Mehrere arabische Länder haben Briefmarken mit einem Porträt des Jungen herausgebracht, eine Hauptstrasse in Bagdad wurde in Märtyrer-Mohammed-al-Dura-Strasse umbenannt, und in Marokko gibt es einen Al-Dura-Park. In einer seiner Botschaften nach dem 11. September und dem anschliessenden US-Angriff auf Afghanistan verurteilte Osama Bin Laden die «amerikanische Arroganz und israelische Aggression» mit den Worten: «Bush in seiner grenzenlosen Arroganz und auf dem Höhepunkt seiner Medienkampagne, in der er von dauerhafter Freiheit spricht, sollte nicht das Bild von Mohammed al-Dura und seinen muslimischen Glaubensbrüdern in Palästina und Irak vergessen. Wenn er es vergessen hat – wir werden es, so Gott will, nicht vergessen.»
Doch seit dem Zwischenfall sind in Israel – unter kontroversen und kuriosen Umständen – Ermittlungsergebnisse vorgelegt worden, die den Schluss nahe legen, dass die offizielle Version des Todes von Mohammed al-Dura nicht zutrifft. Inzwischen deutet alles darauf hin, dass der Junge nicht so gestorben sein kann, wie das von den meisten internationalen Medien berichtet wurde und in der gesamten islamischen Welt leidenschaftlich geglaubt wird. Was auch passiert sein mag – Mohammed al-Dura wurde nicht von den israelischen Soldaten getötet, die sich an jenem Tag am Schauplatz befanden. Davon bin ich jedenfalls überzeugt, nachdem ich eine Woche in Israel verbracht und mit all jenen gesprochen habe, die sich mit dem Fall beschäftigen. Das entlastende Material kommt indes nicht von israelischen Regierungsangehörigen oder Militärs, die ein verständliches Interesse daran hätten, ihre Soldaten von Schuld freizusprechen, sondern aus anderen Quellen. Die Ermittlungen wurden von verschiedenen Akademikern, Ex-Soldaten und Internetfreaks geführt, denen der Fall keine Ruhe liess. Und sie haben überprüfbares Material vorgelegt. Um annähernd zu verstehen, was seinerzeit passiert ist und was es bedeutet, habe ich mir in Tel Aviv stundenlang Videobänder angesehen.
Der Tod von Mohammed al-Dura ereignete sich am zweiten Tag der zweiten Intifada, der Welle gewaltsamer Proteste in den besetzten Gebieten. Die Nahost-Friedensverhandlungen waren im Sommer 2000 abermals ins Stocken geraten. Am 28. September, einem Donnerstag, besuchte Ariel Scharon, Chef der Likud-Partei, aber noch nicht Ministerpräsident, den Tempelberg in Jerusalem mit seinen beiden Moscheen, diesen hochsensiblen religiösen Ort. Für die Palästinenser war dies der Auslöser – aus Sicht vieler Israelis der Vorwand – für die Proteste, die am nächsten Tag einsetzten.
Merkwürdige und wichtige Ausnahmen
Am 30. September wurde auch an einer Strassenkreuzung im besetzten Gazastreifen protestiert, in der Nähe der jüdischen Siedlung Netzarim, in der sechzig Familien wohnen. Hier, an dieser Kreuzung in einer nur gering erschlossenen Gegend, war drei Tage zuvor ein israelischer Soldat von einer Bombe getötet worden. An einer Ecke der Kreuzung standen ein leeres Lagerhaus, zwei sechsgeschossige Bürogebäude (die so genannten Zwillingstürme) und ein zweigeschossiges Gebäude. (Diese und andere Gebäude an der Kreuzung wurden inzwischen eingerissen.) Israelische Soldaten hatten das zweigeschossige Gebäude als Posten umfunktioniert, um von hier aus die Zufahrt nach Netzarim zu kontrollieren. Schräg gegenüber befand sich ein kleines baufälliges Gebäude und ein Gehsteig mit Betonmauer. An dieser Mauer suchten Mohammed al-Dura und sein Vater Deckung, bevor sie von Kugeln getroffen wurden. Der Vater überlebte verletzt. Im Übrigen bestand die Kreuzung aus unbebautem Land. An einer Ecke befand sich ein runder Lehmwall, bekannt als Pita, weil er wie ein Pitabrot geformt war. Eine Gruppe uniformierter palästinensischer Polizisten, bewaffnet mit Schnellfeuergewehren, war fast den ganzen Tag auf der Pita.
Am Morgen des 30. September versammelte sich eine palästinensische Menschenmenge an der Strassenkreuzung. Fernsehteams, Fotografen und Reporter zahlreicher Nachrichtenagenturen (Reuters, AP, France 2 u.a.) waren ebenfalls anwesend. Weil so viele Kameras so lange liefen, gibt es reichlich Bildmaterial von den Geschehnissen dieses Tages – mit ein paar merkwürdigen und wichtigen Ausnahmen, von denen die meisten den Fall Mohammed al-Dura betreffen.
Was geht hier eigentlich vor?
Das ungeschnittene Filmmaterial, das die genannten und andere Medien zur Verfügung gestellt haben, erzählt eine detailreiche, wenngleich verworrene Geschichte. Manchmal überschneiden sich die Bilder, ein andermal offenbaren sie mysteriöse Lücken. Natürlich hat keine Kamera sämtliche Ereignisse des Tages gefilmt, und da so viele Menschen gleichzeitig an so vielen Stellen waren, kann kein Augenzeuge eine umfassende Darstellung liefern. Gabriel Weimann, der Direktor des Instituts für Kommunikationswissenschaften an der Universität Haifa, der in seinem Buch «Communicating Unreality» die Auswirkungen verzerrter Medienberichterstattung untersucht, sprach von einem «Rashomon-Effekt» des Rohmaterials. Es scheint, als würden viele einzelne kleine Dramen aufgeführt. Man sieht Grüppchen junger Männer, die herumgehen, Witze machen, auf dem Boden sitzen und rauchen und sich offenbar vergnügen. Dann wiederum sieht man Momente intensiver Handlung, Demonstranten, die rufen und Steine werfen, und aus unterschiedlichen Richtungen fallen Schüsse. Erst wenn diese vielen Einzelszenen zum üblichen Format einer Fernsehreportage zusammengeschnitten werden, gewinnen sie einen narrativen Zusammenhang.
Den ganzen Vormittag wird der israelische Posten immer wieder von einigen der mehreren hundert Palästinenser angegriffen. Sie werfen Steine und Molotowcocktails. Sie schwenken die palästinensische Fahne und versuchen, eine israelische Fahne in der Nähe des Postens herunterzureissen. Einige der Zivilisten hatten Pistolen oder Gewehre, aus denen sie gelegentlich Schüsse abgaben. Auch die palästinensischen Polizisten, hauptsächlich im Bereich der Pita, schossen von Zeit zu Zeit. Einem Militärsprecher zufolge hatten die israelischen Soldaten Anweisung, auf Steine oder andere Wurfobjekte nicht mit Schüssen zu reagieren. Nur bei Beschuss sollte das Feuer erwidert werden. Filmaufnahmen, die den ganzen Tag über entstanden, zeigen Rauch aus den Mündungen der M-16 in den Gucklöchern des israelischen Postens.
Beim Betrachten des Rohmaterials fragt man sich immer wieder: Was geht hier eigentlich vor? Da sieht man Gruppen von Palästinensern, die sich vor Schüssen in Sicherheit bringen, während andere, nur zwei Meter davon entfernt, ungezwungen plaudern oder Zigaretten rauchen. Einmal sieht man einen Palästinenser, der zu Boden hechtet und sich dabei ans Bein greift, als wäre sein Oberschenkel getroffen. Genau zwei Sekunden später, während er noch fällt, trifft ein Krankenwagen ein. Ein anderer Mann wird in den Krankenwagen geladen – und auf Bildern einer anderen Kamera sieht man ihn wenig später wieder herausspringen.
Gegen 15 Uhr tauchen Mohammed al-Dura und sein Vater erstmals im Film auf. Die Zeit lässt sich nach späteren Aussagen des Vaters und einiger anwesender Journalisten schätzen und nach der Länge der Schatten auf den Bildern. Obwohl an diesem Tag so viele Kameras liefen, sind Mohammed und Jamal al-Dura nur auf den Bildern eines einzigen Kameramannes zu sehen – Talal Abu-Rahmas, eines palästinensisches Mitarbeiters von France 2.
Jamal al-Dura erklärte später, er habe mit seinem Sohn einen Gebrauchtwagenmarkt besucht und sei auf dem Heimweg an der Strassenkreuzung unter Beschuss geraten. Die ersten Aufnahmen zeigen Vater und Sohn, die sich auf dem Gehsteig hinter einer grossen Betonröhre ducken, mit dem Rücken zur Mauer. Die etwa einen Meter hohe Röhre wird in den Aussagen meist als Tonne bezeichnet. Oben darauf liegt ein grosser Pflasterstein, der noch etwa zwanzig Zentimeter zusätzlichen Schutz bietet. Die al-Duras befanden sich genau gegenüber von dem israelischen Posten. Indem sie sich hinter der Tonne versteckten, taten sie genau das, was nötig war, um sich vor israelischem Feuer zu schützen.
Die Realität des Fernsehens
In vielen Medienberichten hiess es später, die beiden seien eine Dreiviertelstunde unter Beschuss gewesen, doch der von der Kamera eingefangene Beschuss ist nur von kurzer Dauer. Jamal schaut sich verzweifelt um, Mohammed verbirgt sich hinter ihm, als wollte er sich unsichtbar machen. Jamal hat eine Zigarettenschachtel in der linken Hand, mit der rechten winkt er und legt sie beruhigend auf seinen Sohn. Man hört Schüsse, links neben den beiden erscheinen vier Einschusslöcher in der Mauer. Der Vater beginnt zu schreien. Wieder eine Salve. Mohammed sinkt seinem Vater mit blutbeflecktem Hemd in den Schoss. Auch Jamal wird getroffen, er wirft schwer verwundet den Kopf hin und her. Hier hört der Film auf. France 2 oder sein Kameramann haben vielleicht noch Bilder, die sie der Öffentlichkeit nicht zeigen wollen, aber es ist nicht bekannt, ob von den tödlichen Schüssen oder der anschliessenden Situation noch anderes Filmmaterial existiert. Man sieht, wie andere palästinensische Opfer weggeschafft werden, aber es gibt kein Bildmaterial, auf dem zu sehen wäre, wie der Junge nach den tödlichen Schüssen aufgehoben, zu einem Krankenwagen gebracht oder sonst wie versorgt wird.
Die Bilder von Mohammed al-Dura sind unvergesslich, und sie zeigen, wie das Fernsehen die Realität verändert. Mindestens hundertmal habe ich diese Bilder schon gesehen, und jedes Mal hoffe ich, der Junge werde sich dieses Mal noch tiefer ducken, damit er nicht getroffen wird. Die redaktionell bearbeitete Szene, die in Europa, Amerika und in Nahost in den Nachrichtensendungen gezeigt wurde, hatte eine klare Aussage: Palästinenser werfen Steine, israelische Soldaten schiessen zurück, ein kleiner Junge wird getötet.
Wann fand das Begräbnis statt?
Vom Rest des Tages sind nur Bruchstücke bekannt, die zusätzlich für Verwirrung sorgen. Einem Krankenhausbericht ist zu entnehmen, dass am 30. September ein toter Junge mit zwei Schusswunden in der linken Körperhälfte eingeliefert wurde. Auf der Fotokopie dieses Berichts, die ich einsehen konnte, steht aber auch, dass der Junge um 13 Uhr eingeliefert wurde. Auf den Videobildern ist zu sehen, dass Mohammed am späten Nachmittag erschossen wurde. In dem ärztlichen Bericht ist auch von einer etwa zwanzig Zentimeter langen Schnittwunde am Bauch des eingelieferten Jungen die Rede. Später, der genaue Zeitpunkt ist umstritten, wurde die Leiche eines Jungen, der bis auf das Gesicht in eine palästinensische Fahne gehüllt war, durch die Strassen zu einem Friedhof getragen. Das Gesicht ähnelt dem Gesicht Mohammeds auf den Videobildern. Tausende gaben dem Toten das letzte Geleit. Eine BBC-Fernsehreportage über das Begräbnis begann mit den Worten: «Ein palästinensischer Junge ist den Märtyrertod gestorben.» Viele der grossen US-Sender berichteten, dass das Begräbnis am Abend des 30. September stattgefunden habe, wenige Stunden nach dem Zwischenfall. Auf den Bildern findet der Begräbniszug aber bei vollem Sonnenschein statt, die Schatten weisen auf Mittag hin.
Über die Tragödie wurde fast im selben Moment weltweit berichtet. In den Printmedien hiess es vorsichtig, Mohammed al-Dura habe «im Kreuzfeuer» oder bei einem «Schusswechsel» zwischen israelischen Soldaten und Palästinensern den Tod gefunden. So berichtete die New York Times, dass der Junge, der sich während einer heftigen Schlacht zwischen israelischen und palästinensischen Sicherheitskräften hinter seinem Vater versteckte, einen tödlichen Bauchschuss erhalten habe. In «Weekend All Things Considered» von National Public Radio sagte Jacki Lyden, der Junge sei «in ein Kreuzfeuer geraten». Anschliessend interviewte sie den Kameramann von France 2, Talal Abu-Rahma, der erklärte, dass die tödlichen Schüsse von den Israelis gekommen seien.
Abu-Rahma: «Ich war furchtbar traurig. Ich habe geweint. Und ich dachte an meine eigenen Kinder. Ich hatte Angst um mein Leben. Ich kniete auf der Erde, verbarg den Kopf, ich hatte ja die Kamera dabei und hatte Angst, die Israelis könnten sie sehen und denken, es sei eine Waffe.»
Lyden: «Haben die schiessenden Soldaten versucht, das Feuer einzustellen und zu hören, was der Vater ihnen zurief? Konnten sie überhaupt erkennen, worauf sie schossen?»
Abu-Rahma: «Also, jeder, der auf der anderen Strassenseite war, musste sehen, dass dort ein Vater mit seinem Jungen war. Ich kenne diese Gegend, ich kenne sie sehr gut, ich war oft dort. Ich kenne alle in dieser Gegend. Wer immer geschossen hat, er musste die beiden sehen, denn die Entfernung zwischen dem Posten und dem Jungen und dem Vater war ja nicht gross. Etwa hundertfünfzig Meter.»
Jamal al-Dura beharrte stets darauf, dass sein Sohn von israelischen Soldaten getötet worden sei. «Sind Sie sicher, dass es israelische Kugeln waren?», fragte ihn Diane Sawyer von ABC News später. «Ich bin hundertprozentig sicher», antwortete er durch seinen Dolmetscher. «Es waren die Israelis.» In einem Interview mit Associated Press sagte er: «Es waren die Kugeln der Zionisten, die meinen Sohn getötet haben.»
Am Dienstag, dem 3. Oktober, schien alles geklärt: Nach einer eiligen internen Untersuchung zog die israelische Armee den Schluss, dass wahrscheinlich ihre Soldaten schuld seien.
General Yom-Tov Samia, der für Gaza zuständige Chef des Südabschnitts, erklärte: «Es könnte durchaus sein – das ist eine Vermutung –, dass ein Soldat, der von unserer Stellung aus ein sehr eingeschränktes Blickfeld hat, jemanden sah, der sich hinter einem Zementblock versteckte, und zwar in einer Richtung, aus der er beschossen wurde, und er hat dann in diese Richtung geschossen.» General Giora Eiland, der den Armee-Einsatz kommandierte, sagte im israelischen Rundfunk, dass der Junge «anscheinend von israelischen Soldaten getötet wurde, die auf die Palästinenser schossen, die sie ihrerseits mit ungeheuer vielen Brandbomben, Steinen und massivem Feuer angriffen».
«Ihr könnt uns nicht alle töten»
Der neuerliche Versuch, die Erschiessung des Jungen faktisch zu rechtfertigen, war für das Ansehen der israelischen Armee nicht sehr hilfreich. Eiland sagte: «Es ist bekannt, dass [Mohammed al-Dura] schon früher zu den Steinewerfern gehörte.» Samia fragte, was ein Zwölfjähriger überhaupt an einem so gefährlichen Ort zu suchen habe. Ariel Scharon, der einräumte, dass die Fernsehbilder sehr schlimm seien und der Tod des Jungen eine richtige Tragödie, sagte aber auch: «Schuld an dieser Sache hat einzig derjenige, der zu all diesen Aktivitäten aufgerufen hat, nämlich Jassir Arafat.»
Die Palästinenser und die arabisch-islamische Welt ganz allgemein sahen das anders. Sweatshirts, Poster und Wandbilder wurden geschaffen, die das Gesicht des jungen Mohammed al-Dura kurz vor seinem Tod zeigten. «Sein Gesicht, einen Meter gross, mit einer Schablone aufgemalt, prangt überall in Gaza an den Mauern», schrieb Matthew McAllester von Newsday letztes Jahr. «Jeder Araber kennt seinen Namen, sein Tod gilt als besonders gutes Beispiel für die Brutalität israelischer Soldaten.» Im modernen Krieg, sagte Bob Simon in der CBS-Sendung «60 Minutes», könne ein Foto so viel wert sein wie tausend Gewehre, und das Foto des armen Jungen sei «eine der katastrophalsten Niederlagen, die Israel seit Jahrzehnten hinnehmen musste». Gabriel Weimann sagte, ihm sei schlecht geworden bei dem Gedanken, dass dies in seinem Namen geschehen sei. Amnon Lord, ein israelischer Kolumnist, der diesen Vorfall untersucht hat, schrieb mir, dass der Vorfall auf der mythologischen Ebene wichtig sei, weil es eine Rahmengeschichte sei, ein paradigmatisches Ereignis, das die Brutalität der Israelis veranschauliche. Dan Schueftan, ein israelischer Stratege und Militärberater, ist der Ansicht, dass dieser Fall Israel ungeheuer geschadet habe. «Es war das ultimative Symbol dessen, was die Araber denken wollen: Der Vater will seinen Sohn schützen, doch die satanischen Juden versuchen, ihn umzubringen. Die Juden sind Leute, die unsere Kinder töten, weil sie keine Menschen sind.»
Zwei Jahre nach Mohammed al-Duras Tod wurde seine Stiefmutter Amal schwanger. Es war das achte Kind. Die Eltern nannten es Mohammed. Amal soll gegen Ende ihrer Schwangerschaft gesagt haben: «Es wird eine Botschaft für die Israelis sein: Einen habt ihr getötet, aber Gott hat ihn mir ersetzt. Ihr könnt uns nicht alle töten.»
Im Herbst des letzten Jahres kam Gabriel Weimann in seinem Lehrgang «Nationale Sicherheit und Massenmedien» auf den Fall Mohammed al-Dura zu sprechen. Weimann, ein hochgewachsener, sportlich wirkender Mann Anfang fünfzig, leistet, wie so viele Erwachsene in Israel, noch immer dreissig Tage Reservedienst im Jahr. Sein Dienstgrad ist Sergeant, seine Studenten an der Militärakademie sind Oberstleutnants und höhere Ränge.
Um die Bedeutung der Massenmedien in der internationalen Politik zu unterstreichen, zeigte Weimann seinen Studenten eine Montage berühmter Bilder aus früheren Kriegen – aus dem Zweiten Weltkrieg die fahnenhissenden Soldaten auf Iwo Jima, aus dem Vietnamkrieg den südvietnamesischen Polizeioffizier, der einen Kriegsgefangenen in den Kopf schiesst, und das nackte Mädchen, das einen Weg entlangläuft, im Hintergrund Napalmexplosionen. Für die gegenwärtige Intifada, so Weimann, wird das Bild des verängstigten Mohammed al-Dura die bleibende Ikone sein.
Einige Tage nach der Diskussion dieser Fotos meldete sich ein Student zu Wort: «Ich war dabei. Wir sind es nicht gewesen.» Darauf Weimann: «Beweisen Sie es!» Er erteilte einigen Studenten die Aufgabe, im Rahmen ihres Forschungsprojekts das Dokumentarmaterial zu diesem Fall erneut zu sichten. Es gab überraschend viel Material. Die Studenten befassten sich zunächst mit der Ermittlung, die die israelische Armee nach dem Zwischenfall durchgeführt hatte.
Kurz nach der Schiesserei hatte sich Nahum Schahaf, ein Physiker und Ingenieur, der mit der israelischen Armee eng an der Entwicklung eines unbemannten Drohnenflugzeugs gearbeitet hatte, mit General Samia in Verbindung gesetzt. Schahaf hatte, wie viele Menschen in Israel und auf der ganzen Welt, entsetzt die Fernsehbilder gesehen, aber es war ihm auch etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Für den Vater schien die drohende Gefahr von der anderen Seite des Betonröhre herzurühren, hinter der er Schutz suchte. Doch die Betonröhre schien intakt, als er und sein Sohn von den Kugeln getroffen wurden. Was genau bedeutete das?
Samia beauftragte Schahaf und den Ingenieur Josef Duriel, diesen Fall noch einmal für die israelische Armee zu untersuchen. «Ich wollte unsere Werte überprüfen und wiederherstellen», erklärte Samia später im Gespräch mit Bob Simon von CBS. Er wolle dafür sorgen, dass wir «noch immer als israelische Armee handeln». Schahaf betonte gegenüber Samia, dass es wichtig sei, die örtlichen Gegebenheiten möglichst unverändert zu lassen. Weil es aber in der Gegend um Netzarim immer wieder zu Intifada-Aktivitäten kam, riss die Armee die Mauer und alle umstehenden Gebäude ein. Begleitet von Soldaten und mit einer kugelsicheren Weste versehen, nahm Schahaf die Strassenkreuzung in Augenschein. Anschliessend bauten er, Duriel und andere in der Nähe von Beerscheba Modelle der Betonröhre, der Mauer und des Militärpostens, um den Zwischenfall nachzustellen.
Da aus der Leiche des Jungen im Krankenhaus keine Kugeln entfernt worden waren und die Familie einer Exhumierung (mit dem Ziel, die Wunden erneut zu untersuchen) kaum zugestimmt hätte, war das wichtigste Beweisstück die Betonröhre. Auf den Fernsehbildern ist deutlich das Prägezeichen des staatlichen israelischen Prüfinstituts zu erkennen, so dass die Ingenieure die genauen Abmessungen und die Materialbeschaffenheit der Röhre bestimmen konnten. Man stellte also eine baugleiche Röhre vor eine Betonmauer und setzte Puppen dahinter, die Vater und Sohn darstellten. Sofort zeigte sich, dass die israelischen Soldaten von ihrem Posten aus keinesfalls die Schüsse abgegeben haben konnten, deren Einschlagstellen auf den Fernsehbildern zu sehen waren. Die Beweislage war eindeutig – der Schusswinkel, die Röhre, die Einschussstellen und der Staub, der bei dem Einschlag aufwirbelte.
Das wichtige runde Einschussloch
Mohammed al-Dura und sein Vater schauten, als wollten sie sich vor dem Feuer des israelischen Postens schützen. Das gelang ihnen auch. Die Videobilder zeigen, dass zwischen ihnen und den israelischen Gewehren die Betonröhre war. Von dem israelischen Posten aus waren die beiden daher nicht zu sehen. Möglicherweise befand sich ein anderer israelischer Soldat am Ort, der aus einem anderen Winkel schoss, doch dafür gibt es keine Hinweise, und niemand hat von dieser Möglichkeit gesprochen. Und überall waren Palästinenser, die die Anwesenheit weiterer israelischer Soldaten vermutlich bemerkt hätten. Von dem bekannten Standort der israelischen Soldaten war der Junge nur mit einem Schuss durch die Betonröhre zu treffen.
Das bringt uns zur Beschaffenheit der Betonröhre. Ihre Wände waren knapp zwei Zoll (ca. 5 cm) stark. Auf dem Schiessplatz zeigte sich im Versuch, dass die Kugeln des M-16-Gewehrs nur kleine, ein bis zwei Zentimeter tiefe Einschusslöcher hinterliessen. Nur nach mehrfachem, direktem Beschuss auf beiden Seiten der Röhre hätte eine Kugel die Wände durchschlagen. Die Videoaufnahmen des Zwischenfalls zeigen weniger als zehn Einschussspuren auf der dem israelischen Posten zugewandten Seite, was den Schluss zulässt, dass israelische Soldaten im Laufe des Tages tatsächlich auf die Röhre schossen. Fotos, die nach dem Vorfall aufgenommen wurden, zeigen aber keinerlei Beschädigungen auf der Seite der Röhre, die den al-Duras zugewandt war – anders gesagt, die Röhrenwand wurde von keiner Kugel durchschlagen.
Als Beweismaterial dienen auch die Schussspuren in der Betonmauer. Die Einschusslöcher, die nur Sekunden vor der tödlichen Salve in der Mauer erscheinen, sind rund. Das ist wichtig, denn es gibt Aufschluss über den Schusswinkel. Die Ermittler gaben aus unterschiedlichen Winkeln Schüsse auf eine Betonmauer ab und stellten fest, dass ein rundes Einschussloch praktisch nur bei Frontalbeschuss entstand. Je schräger die Schusslinie, desto ovaler wurde das Loch.
Ähnlich verhielt es sich mit dem Staub, der bei dem Aufprall der Kugeln aufwirbelte. Bei frontalem Beschuss entstand eine sehr kleine, runde Staubwolke. Je schräger die Bahn, desto grösser und länger war die Staubwolke. Auf den Videobildern sind neben den Köpfen von Vater und Sohn al-Dura kleine, runde Staubwolken zu erkennen. Schüsse aus der Richtung des israelischen Postens konnten nur in einer schrägen Linie einschlagen.
Politik, Paranoia, Fantasie und Hass
Kurzum, die örtlichen Gegebenheiten legten nahe, dass die Schüsse nicht von dem israelischen Militärposten gekommen sein können, sondern von irgendwo hinter dem Kameramann von France 2, ungefähr aus der Gegend der Pita. Allerdings sollten die von der israelischen Armee beauftragten Ermittler nicht herausfinden, wer die tödlichen Schüsse konkret abgegeben hatte, sondern nur prüfen, ob überhaupt israelische Soldaten verantwortlich waren.
Da die Ermittlungen unter Aufsicht der Armee stattfanden und ausschliesslich von Israelis geführt wurden, war natürlich nicht damit zu rechnen, dass die Ergebnisse in der arabischen Welt ernst genommen würden. Doch die entscheidende Tatsache, dass die Betonröhre zwischen dem Posten und dem Jungen lag und keine Kugel die Röhrenwand durchschlagen hatte, konnte jedermann anhand von Videobildern überprüfen.
Die Spekulationen über den Fall Mohammed al-Dura verliessen nun den Bereich von Geometrie und Ballistik und betraten die Welt der Politik, von Paranoia, Fantasie und Hass. Kaum hatte das israelische Militär die zweite Untersuchung in Auftrag gegeben, wurde sie von israelischen Kommentatoren in Zweifel gezogen, und israelische Regierungsvertreter distanzierten sich von den Erkenntnissen. «Die Dummheit dieser bizarren Untersuchung lässt sich kaum in milden Worten beschreiben», erklärte die liberale Tageszeitung Haaretz sechs Wochen nach dem tödlichen Zwischenfall in einem Leitartikel. Schahaf und Duriel, so stand zu lesen, liessen sich nicht von der Notwendigkeit einer nüchternen Ermittlung leiten, sondern von der Überzeugung, dass Palästinenser die Schiesserei inszeniert hätten. (Schahaf selbst erklärte mir, dass er seine Ermittlungen aus Neugier begonnen, mit der Zeit aber die Überzeugung gewonnen habe, dass die vielen Anomalien auf einen inszenierten Zwischenfall deuteten.) Und Haaretz weiter: «Die Tatsache, dass eine Organisation wie die israelische Armee mit ihren ungeheuren Ressourcen sich bei einem so heiklen Thema auf eine so laienhafte, gleichsam piratenmässig angelegte Untersuchung einliess, ist schockierend und beängstigend.»
Der Streit wurde immer heftiger, so dass Samia die Ermittlungen abkürzte und sich am Ende weigerte, über den Fall überhaupt zu sprechen. In Regierungskreisen, so wurde mir von vielen Seiten berichtet, werde jede weitere Aufmerksamkeit für den Fall Mohammed al-Dura für sinnlos gehalten. Kein einziger neuer «Beweis» könne die Bilder vom Tod des Jungen vergessen machen, und eine erneute Diskussion würde nur dazu führen, dass die grauenvollen Bilder wieder gezeigt würden. Armeesprecher reagierten nicht auf meine Anrufe, und auch mein Ersuchen, die bei dem Zwischenfall anwesenden Soldaten interviewen zu dürfen, blieb unbeantwortet.
Als Gabriel Weimanns Studenten, unter ihnen auch der Soldat, der am Ort des Geschehens gewesen war, sich den Fall im letzten Herbst wieder vornahmen, hatten die meisten Israelis die Sache fast schon vergessen. Für Kritiker der Siedlungspolitik des Likud machen die tödlichen Schüsse abermals deutlich, welcher Preis für diese Politik zu zahlen ist. Likud-Anhänger betrachten den Tod Mohammed al-Duras als bedauernswerten «Kollateralschaden», der durch die Anschläge palästinensischer Terroristen aufgewogen werde.
Wirklich interessiert an dem Fall waren im Grunde nur einige israelische und europäische Juden, die der Ansicht sind, dass dieser Zwischenfall inszeniert wurde, um Israel vor der Weltöffentlichkeit anzuschwärzen. Nahum Schahaf wurde gewissermassen ihr Wortführer. Schahaf ist einer dieser Menschen, wie sie jeder Reporter kennt – jemand, der sich völlig einer Sache, einem ungeklärten Problem widmet und stundenlang darüber reden kann. Er ist kräftig gebaut, mittelgross, das leicht angegraute Haar zurückgekämmt. Auf Fotos schaut er immer ernst, fast böse, doch während unserer Gespräche schien er ständig zu lächeln, Witze zu machen, sich zu amüsieren. Schahaf ist Mitte fünfzig, aber wie so viele Naturwissenschaftler und Ingenieure wirkt er ein wenig unerwachsen. Er hat einige Zeit in Kalifornien gelebt, wo er unter anderem als Paraglider-Lehrer tätig war. Er bewegt sich und gestikuliert wie ein Teenager, dem sein Erscheinungsbild egal ist. Ich fand ihn sympathisch.
Bevor er sich mit dem Fall al-Dura beschäftigte, war Schahaf hauptsächlich als Erfinder bekannt. Für seine Arbeiten zur computergesteuerten Bearbeitung digitaler Videoübertragungen erhielt er eine Auszeichnung vom israelischen Forschungsministerium. «Aber seit zweieinhalb Jahren beschäftige ich mich nur noch mit dem Fall al-Dura», erklärte er mir. «Ich habe alles andere aufgegeben, weil ich es für wichtig halte.» Als ich seine Wohnung betrat, drang aus einem Zimmer ein sich wiederholender Krach, der von einem aggressiven Videogame herrühren mochte, das ein Jugendlicher spielte. Eine Stunde später betraten wir dieses Zimmer. Es war umgebaut zu einer Werkstatt mit verschiedenen Videobildschirmen, Schalttischen und Computern, und ich sah diese eine Massenszene vom 30. September in einer Endlosschleife.
Schahafs Ermittlungen für die Armee ergaben, dass die israelischen Soldaten an der Kreuzung nicht auf den Jungen geschossen haben. Doch inzwischen glaubt er, dass das ganze Geschehen jenes Tages ein Theater war. Der Junge, der in dem Film zu sehen ist, kann, muss aber nicht der Sohn des Mannes gewesen sein, der ihn in den Armen hielt. Der Junge und der Mann wurden möglicherweise angeschossen, vielleicht auch nicht. Wenn der Junge tatsächlich von einer Kugel getroffen wurde, muss er nicht unbedingt gestorben sein. Wenn er gestorben ist, könnte er auch von einem palästinensischen Polizisten erschossen worden sein, der direkt auf ihn zielte. Laut Schahaf war der Zweck der ganzen Übung, ein Kind den Märtyrertod sterben zu lassen – in korrekter Vorwegnahme des Schadens, der Israel dadurch in den Augen der Welt, zumal der islamischen, entstehen würde. «Eines Tages wird uns und die Palästinenser Gutes verbinden, aber der Fall Mohammed al-Dura bringt die grossen Flammen zwischen Israel und den Palästinensern und Arabern. Eine grosse Mauer des Hasses. Sie können sagen, das ist der Beweis, der endgültige Beweis, dass israelische Soldaten Kinder töten. Und dieser Hass vernichtet jede Zukunftschance.»
Für den Verdacht, dass die al-Duras, der Kameramann und die zahllosen Zuschauer Teil eines arrangierten Unternehmens waren, gibt es nahe liegende Gründe. Schahaf begründet die Folgerung, die auf seinen Videos basiert, im Wesentlichen mit den vielen Widersprüchen und unbeantworteten Fragen zu den chaotischen Ereignissen jenes Tages. Warum gibt es keine Filmaufnahmen von dem Jungen, nachdem die Kugeln ihn getroffen hatten? Warum sieht es aus, als bewege er sich im Schoss seines Vaters und lege eine Hand über die Augen, wo er doch angeblich tot ist? Warum trägt ein palästinensischer Polizist einen geheimdienstmässigen Ohrhörer? Warum taucht ein gestikulierender Palästinenser auf, der so aussieht, als «dirigiere» er eine Bühnenszene? Warum findet das Begräbnis (nach der Länge der Schatten zu urteilen) vor den tödlichen Schüssen statt? Warum ist, kurz nach den Schüssen, kein Blut auf dem Hemd des Vaters? Warum ruft eine Stimme, die möglicherweise dem Kameramann von France 2 gehört, auf Arabisch: «Der Junge ist tot», noch ehe er getroffen wurde? Warum sind sofort Krankenwagen zur Stelle, anscheinend aber nur für die anderen, nicht für Mohammed al-Dura?
«Wurde Mohammed tatsächlich getötet?»
Einige israelische und ausländische Kommentatoren haben sich Schahafs Ermittlungen angeschlossen. Amnon Lord, Mitarbeiter der Zeitschrift Makor Rishon, verwies auf einen deutschen Dokumentarfilm von Esther Schapira, der von Schahafs Schlussfolgerungen ausgeht und in dem festgestellt wird, dass «Mohammed al-Dura an der Kreuzung bei Netzarim nicht von israelischen Soldaten getötet wurde». Lord weiter: «Vielmehr haben die Palästinenser, in Zusammenarbeit mit ausländischen Journalisten und den Vereinten Nationen, seinen Tod geschickt arrangiert und inszeniert.» Im März erschien in Frankreich Gérard Hubers Untersuchung «Contre-expertise d’une mise en scène». Auch er vertritt die Ansicht, dass der ganze Zwischenfall inszeniert gewesen war. Huber war, wie er mir schrieb, schon früh klar geworden, dass «die Bilder des kleinen Mohammed Teil des grossen Bilderkriegs zwischen Palästinensern und Israelis sind». Dass es sich um eine «Fiktion» handle, habe er sich aber erst nach der Begegnung mit Schahaf vorstellen können. «Die Frage: Wer hat den kleinen Mohammed erschossen?», so Huber, «soll von der eigentlichen Frage ablenken, nämlich: Wurde der kleine Mohammed tatsächlich getötet?»
Die Wahrheit in wird wohl nie herausgefunden werden. Um es genauer zu sagen, es wird nie eine Wahrheit herausgefunden werden, die allen Beteiligten glaubwürdig erscheint. Für den grössten Teil der arabischen Welt ist der Fall klar: Ein unschuldiger Junge wurde ermordet, sein Blut klebt an Israels Händen. Hinweise auf die widersprüchliche Beweislage oder anders lautende Hypothesen bestätigen nur die grenzenlose Verlogenheit der Schuldigen – mit den Holocaust-Leugnern in der westlichen Welt verhält es sich ähnlich. Für die paar Leute, die Beweise eines inszenierten Ereignisses zusammentragen, ist die Wahrheit ebenfalls klar, auch ohne eindeutige Beweise. Nahum Schahaf verlor seine gute Laune erst, als ich ihn fragte, wie er sich den merkwürdigen Zeitpunkt des Begräbnisses von Mohammed al-Dura erkläre oder die widersprüchlichen Zeugenaussagen oder all die anderen offenen Fragen. «Ich weiss es eben!», sagte er mehrmals. «Ich bin Physiker. Ich stütze mich auf das Beweismaterial.» Esther Schapira hatte mit ihm zusammengearbeitet und in ihrem Film dann seine «Minimalversion» des Falles übernommen – nämlich, dass die Schüsse nicht von dem israelischen Armeeposten gekommen sein können. Dass sie nicht seine Maximalversion (alles war inszeniert) übernahm und ihm riet, nicht von einem arrangierten Ereignis zu reden, solange er weder einen lebenden Jungen noch einen aussagebereiten Augenzeugen beibringen könne, enttäuschte Schahaf, aber er hielt trotzdem grosse Stücke auf sie und meinte, dass er nicht entmutigt sei. «Ich bin erst zweieinhalb Jahre dabei», sagte er. «In der Dreyfus-Affäre kam die Wahrheit erst nach zwölf Jahren ans Licht.»
Für alle anderen, die von Mohammed al-Dura wissen, sich aber keinem der beiden Lager der absolut Überzeugten zuordnen (die Araber, die genau wissen, was passiert ist, die Rechtsextremen, die das ebenfalls genau wissen), wird der Fall weiterhin in jenem Bereich des letztlich Unaufklärbaren liegen. «Vielleicht haben ihn die Schüsse zufällig getroffen», meinte Gabriel Weimann nach der Lektüre des Abschlussberichts seiner Studenten, der, wie der deutsche Dokumentarfilm, die Minimalversion stützt – die israelischen Soldaten können den Jungen nicht erschossen haben. (Den Bericht wollte Weimann mir – aus Gründen der akademischen Vertraulichkeit – nicht zeigen.) «Vielleicht wurde es sogar inszeniert – aber ich kann mir nicht einmal bei meinem schlimmsten Feind vorstellen, dass er so unmenschlich ist und aus Gründen der politischen Propaganda einen kleinen Jungen erschiesst.» Weimann hat sich zuletzt mit der Frage beschäftigt, wie das Fernsehen die Realität verzerrt, indem es Ereignisse, die sich locker oder gar nur zufällig aufeinander beziehen, in einen Zusammenhang bringt, den der Zuschauer für schlüssig hält. Der Kontrast zwischen den verwirrenden, widersprüchlichen Rohaufnahmen des Vorfalls bei Netzarim und der klaren, packenden Story in den Abendnachrichten, die aus diesen Rohaufnahmen zusammengeschnitten wurde, ist für Weimann ein hervorragendes Beispiel.
In arabischen und islamischen Ländern hat die verbreitete Ansicht, dass der Junge von israelischen Soldaten getötet wurde, politische Konsequenzen. Das gilt ebenso für die Auffassung einiger Israelis und Zionisten, dass die Palästinenser vor nichts zurückschrecken, um sie zu verunglimpfen. Natürlich sind diese Ansichten nicht ursächlich für die Spannungen in Nahost verantwortlich. Weitaus grössere Hindernisse sind die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten und der palästinensische Terror. Ohne die Siedlung, die von israelischen Soldaten geschützt werden muss, hätte es die Konfrontation an der Kreuzung bei Netzarim oder die Bilder des toten Mohammed al-Dura nie gegeben.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.
The Atlantic Monthly
16.07.2003, Ausgabe 29/03
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Wer erschoss Mohammed al-Dura?
Die Bilder des Palästinenserjungen, der in den Armen seines Vaters stirbt, gingen um die Welt.
Für die Muslime wurden sie zum Symbol des Kampfes gegen die jüdischen Unterdrücker. Eine akribische Recherche zeigt nun: Die tödlichen Schüsse wurden nicht von den Israelis abgefeuert.
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