Die Fenstersimse sind mit Zimmerpflanzen und zusammengerollten Wolldecken dekoriert. Für jene, die das Fernweh packt, hängen Fotografien aus dem Kanton Tessin an den Wänden. «Die Herrschaften essen», sagt die Serviertochter. Sie weist nach hinten. Im Holzstübli sitzen drei Menschen wortlos über ihren Tellern. Flädlisuppe. Kaninchenschlegel. Erdbeeren. Vor den Fenstern bauschen sich blütenweisse Gardinen. Der Blick geht in den Garten. Es regnet in Strömen.
«Patty, es geht wieder bergauf», ruft die Boulevardpresse der 24-jährigen Tennisspielerin in diesen Tagen zu. Das bedeutet ihr nichts, denn Zeitungen liest sie seit dem Skandal vor vier Jahren nicht mehr. Mit zwei nicht gern gesehenen Liebschaften und dem Ausbruch aus der üblichen Gemeinschaft von Trainer, Coach und Familienbund schien ihr sportlicher Untergang damals besiegelt. Was ihr die wenigsten zutrauten, nahm im vergangenen Oktober seinen Lauf. Damals besiegte sie beim Swiss-com Challenge in Kloten überraschend Lindsay Davenport und gewann zum achten Mal ein Profiturnier. Man sprach vom grössten Erfolg ihrer Karriere. Seither spielt die Baselbieterin – von den üblichen Hochs und Tiefs begleitet – mehrheitlich erfolgreich. Sie kehrte in der Zwischenzeit auf den Weltranglistenplatz neunzehn zurück und ist seit dem Rücktritt von Martina Hingis die Nummer 1 im Schweizer Frauentennis. Am 19. und 20. Juli führt sie das Fed-Cup-Team im Spiel um den Aufstieg in die Weltgruppe gegen Israel an.
Fast lolitahafte Gleichgültigkeit
Das Essen ist abgetragen und Patty Schnyder bereit für ein Gespräch. Mit den meisten grossen Schweizer Medien spricht sie kein Wort mehr. Auch dieses Treffen wird sich als folgenschwer herausstellen. Die Texte werden im Nachhinein genaustens kontrolliert und zu sanktionieren versucht. Jedes Wort wird dabei auf die Goldwaage gelegt. Juristische Schritte werden angedroht. Die Tennisspielerin sieht sich weiterhin als Opfer einer Verschwörung, in die ihre Eltern – ebenso wie der Rest der Welt – verwickelt sind. Willy und Iris Schnyder ihrerseits geben Auskunft, wenn es um die abtrünnige Tochter geht. Im Nachhinein werden die Texte aber ebenfalls strengstens kontrolliert und zu sanktionieren versucht. Auch juristische Schritte werden angedroht.
Patty sitzt versteckt hinter dem Weingestell und der Kasse. Der Mediensprecher und ein Mann mit blond gefärbten Haarsträhnen entfernen sich diskret. Sie lassen sich – in Hörweite – am Nachbartisch nieder. Die Tennisspielerin sieht jünger, aus als sie eigentlich ist. Fast wie ein Mädchen. Sie trägt Patchwork-Jeans, eine Batikbluse, Schuhe mit kleinen Absätzen und reicht die Hand zu einem zarten Händedruck. Das Gesicht ist schmal und beinahe braun gebrannt mit Sommersprossen auf der Nase. Turniere in Australien, Neuseeland, den USA und Dubai liegen hinter ihr. Die Haare fallen in durchgekämmten Locken wie Schäfchenwolle über die Schultern. Die Augen sind kugelrund und von langen Babywimpern umrahmt. Reglos die Mimik, stoisch die Körperhaltung. Eine fast lolitahafte Gleichgültigkeit umgibt das Mädchen. Die einen glauben darin Gefühlskälte und Trotz zu erkennen. Die anderen vermuten unter der frostigen Oberfläche Schutzbedürftigkeit und erotisches Potenzial. Beides ist falsch.
Über ihr schwer erkennbares Wesen wurde viel gerätselt. Wer die Unzugänglichkeit ihres Gemütes beklagt, die mangelnden Emotionen, das unberechenbare Verhalten nächsten Bezugspersonen gegenüber, deutet auch die eigene Machtlosigkeit in Anbetracht der ungewöhnlichen Umstände an. Von den Eltern will sie nichts mehr wissen. Von verschiedenen Trainern und Coachs hat sie sich in der Zwischenzeit getrennt. Freunde und Bekannte gingen auf dem Weg in die Freiheit verloren. «Einsamkeit ist ein Thema», sagt das Mädchen später über dieses so sehr gewollte neue Leben, und es scheinen hundert Eisblumen um sie zu wachsen. Hat die Freiheit einen Preis? «Keinen, der mich in irgendeiner Weise belasten würde», antwortet sie.
«Es ist, als habe sie eine Mauer um ihre Seele», sagte die Mutter vor vier Jahren, mitten in der Krise, aus der die Familie bis heute nicht herausfand. Introvertiert sei das Kind. Allzu viele Emotionen habe es nicht, so die Mutter heute. «Sie ist nicht die coole, kleine Patty, für die sie sich hält», behauptete ihr damaliger Trainer Eric van Harpen nach einer ärgerlichen Niederlage. Später, nachdem sich die Top-Spielerin auf dem Gipfel des Skandals von ihm befreit hatte, klagte der Holländer: «Niemand weiss, was sie wirklich denkt und fühlt.» Seine ehemalige Elevin, die er mit strenger Hand und einigen Demütigungen an die Spitze des Welt-Tennis führte, zupft am Tischtuch und blickt aus dem Fenster. Unwillig tropfen die Sätze schliesslich von den Lippen.
«Van Harpen ist ein Macho, aber er hat in der Zwischenzeit einiges dazugelernt.» Was denn? «Hin und wieder hält er jetzt einfach die Klappe», sagt Patty, ohne die Stimme zu heben. Ertragen würde sie ihn nicht mehr, ebenso wie sie andere Menschen von sich fernhält, die ihr Befehle erteilen wollen. Die oft gehörte Forderung, sie solle ihre Persönlichkeit gefälligst in den Dienst der Leistung stellen, hat in der Zwischenzeit eine neue Bedeutung bekommen. Tennistechnische und mentale Verbesserungsversuche übernimmt Patty gegenwärtig selbst. Von Trainer Hubert Choudury hat sie sich erst kürzlich getrennt. Das Mädchen besitzt die Grösse, ihre gegenwärtigen sportlichen Erfolge – das Ergebnis von geistiger Stärke und einem disziplinierten Lebenswandel, wie das Umfeld stets predigte – nicht als Triumph ins Feld zu führen.
«Vom Spinner zum Verbrecher»
Der Mensch, der das Mädchen am besten kannte, ihr Vater, nimmt schriftlich Stellung, wenn es um seine berühmte Tochter geht. Willy Schnyder schreibt: «Sie ist nach dem Spinner Rainer Harnecker nahtlos in die Hände des Verbrechers Rainer Hofmann gelangt, also vom Regen in die Traufe geraten.» Er schlägt eine professionelle Deprogrammierung vor, damit sie zu den in der Familie stets hochgehaltenen Werten wie Moral und Ethik zurückfinde und endlich von ihrem neuen Freund loskomme. Dieser gehöre dringendst ins Gefängnis und bedürfe zwangsweise einer intensiven psychiatrischen Behandlung. «Patty ist ein armer Mensch, der nicht mehr selbständig denken und handeln kann», schreibt der Vater. Er räumt ein, «dass die geistige Blockade im Persönlichkeitsbereich interessanterweise nur wenig Einfluss auf ihr Tennisspiel hat». Über die Eltern will Patty nicht sprechen Bei vielen Themen sagt sie: «Das ist schwierig» oder «das mag ich jetzt nicht näher analysieren».
Vor wenigen Monaten zog Patty Schnyder in den Kanton Schwyz, nach Bäch ins hinterletzte Dorf am Zürichsee. An der Schweiz möge sie das Essen, sagt sie. Und die Ruhe. Später will sie ganz weg. Nach Australien. Weil das Leben dort unkompliziert ist, die Leute sie noch mehr in Ruhe lassen werden und Rainer so gerne surft. Auch in Bäch kann sie ihre Einkäufe ungestört im Coop erledigen, und es gibt ganz in der Nähe einen Flugplatz, um wieder fortzufliegen. Weg von der Vergangenheit. Einst hiess es, sie habe einen Bambiblick. Alle Menschen duzten das Mädchen und nannten es ein Schätzeli. Netter als Martina.
Bescheidener und ruhiger als Martina. Und fast genauso talentiert. Das Mädchen aus dem Baselbiet liess das Tennisleibchen stets locker über den Körper fallen. Wenn es auf dem Platz schimpfte, dann mit sich selbst. Las es einen kritischen Zeitungsartikel, wurde es traurig. Der Vater – Finanzdirektor eines internationalen Holzunternehmens – finanzierte jahrelang die Tennisliebe seiner Tochter. Die Mutter umsorgte die beiden Kinder. Das Mädchen war ein extrem liebes Kind. Einmal wollte es das Badezimmer mit Zahnpasta putzen. Das ist schon alles, was die Eltern an Negativem zu berichten wissen. Patty spielte Tennis und Klavier, sie las Bücher und war eine gute Schülerin. Sie liebte ihren kleinen Bruder sehr und war später Patin eines Kängurus im Basler Zoo. Geredet hat sie schon damals nicht viel.
Standfestigkeit und eine gewisse Lockerheit, so lobte das Mädchen früher, gaben ihr die Eltern mit auf den Lebensweg. Viel später beklagte sie sich über den autoritären Erziehungsstil, der die radikalen Freiheitsbemühungen provoziert haben soll. Da lebte sie bereits in einer anderen Welt, in der plötzlich mehr Feinde als Freunde anzutreffen waren. Der Vater schreibt: «Sie können in der Tennisszene Schweiz und im internationalen Umfeld des WTA, bei Trainer und Manager Erkundigungen einholen. Jeder, der unsere Familie kennt, wird bezeugen, dass von autoritärer Erziehung keine Rede sein kann.» Die Fronten scheinen weiterhin klar zu verlaufen. Das war nicht immer so: 1993 wurde Patty Schnyder zum ersten Mal Schweizer Juniormeisterin, Ende 1994 tauchte sie auf Rang 786 erstmals auf der Weltrangliste auf. 1998 gewann sie fünf WTA-Turniere, was ihr die Auszeichnung der Spielerin mit den grössten Fortschritten einbrachte. Ein Jahr später stiess sie in der Weltrangliste auf Position 8 vor und wurde nicht nur zum Stolz der Nation, sondern auch zum Liebling der Funktionäre.
Der so genannte Absturz kam überraschend und hatte mit sportlichen Leistungen vorerst nicht viel zu tun. «Spinnt Patty?», sorgte sich die Boulevardpresse. Sie muss dringend einen Psychologen konsultieren, riet der Vater schon damals. Sie wendet sich von allen ab, die es gut mit ihr meinen, klagten Trainer und Coach. Patty antwortete: «Was soll das Theater? Ich will jetzt endlich so leben, wie es mir passt.» Ein Mann, der deutsche Heilpraktiker Rainer Harnecker, wurde für schuldig befunden, den seltsamen Wandel mit einer Gehirnwäsche und Hörigkeit provoziert zu haben. Anders konnte man sich das veränderte Verhalten des Mädchens überhaupt nicht erklären. Plötzlich maulte es über den Trainer, widersprach den Eltern und fand Journalisten blöd.
Behandlung mit dem Nadelroller
Harnecker beförderte die gelangweilte und lebenshungrige Patty mit einer Schocktherapie in ein sehnlichst herbeigewünschtes anderes Dasein. Es war ein dummer Zufall, dass es seines war. Was wusste sie sonst vom Leben? «Nicht viel», antwortet Patty. Sie musste sich darauf verlassen, was ihr die Erwachsenen mitteilten. «Selbst fehlte es mir in fast allen Belangen an Erfahrung», sagt sie rückblickend. Die Eltern rieten ihr damals zu einer selbständigen Entscheidung, was den neuen Helfer betraf, worauf der Mann das Mädchen bald mit Orangen fütterte. Er verordnete als einziges Training das Velofahren und pro Nacht nur fünf Stunden Schlaf. Anstelle von Zurechtweisungen und Brüskierungen gab es als Motivationstraining jetzt Bachblütentherapie, Streicheleinheiten und, so wurde vermutet, weitere Frivolitäten. Später behandelte Harnecker Patty mit einem Nadelroller, schottete sie von der Umwelt ab und behauptete, er sei in die Tennisspielerin verliebt. Worauf Patty erklärte: «Ja, wir sind ein Paar, und ich will jetzt endlich frei sein.» Ihrer Entourage, Eltern, Trainer und Coach, missfiel diese Entwicklung. Eric van Harpen, er trainierte vorübergehend auch Conchita Martinez, Arantxa Sanchez und Anna Kurnikowa, sah seinen Einfluss mit dem Auftauchen von Rainer Harnecker gefährdet. Plötzliches Interesse am geistigen und seelischen Wohl seines Schweizer Schützlings war die Folge. Er tat es auf seine Art. Er alarmierte die Eltern und äusserte sich despektierlich über deren Tochter. Öffentlich beklagte er ihre Faulheit und fehlende Motiva-tion. Aussagen, die bestens in das Weltbild des holländischen Patriarchen passten: «Männer gehen auf den Platz, um zu gewinnen, Frauen, damit sie nicht verlieren», lautet einer seiner Lieblingssätze. Und: «Aus diesem Grund müssen weibliche Spielerinnen manipuliert werden.»
Das Mädchen ist zu eidechsenhafter Ruhe erstarrt. Sie sagt, ohne die Stimme zu heben: «Das sind die Aussagen eines Mannes, der glaubt, etwas über den Frauencharakter aussagen zu können.» Stimmen die Aussagen? «Und wenn schon?», fragt Patty. Sie hält ihre Geschlechtgenossinnen grundsätzlich für verantwortungsbewusster, mag das Problem aber nicht näher analysieren. Sie musste sich an den Fronten des Lebens allein durchsetzen, um Eigenständigkeit zu erlangen, sagt sie. Nun habe sie sich von jenen Zwängen befreit, die aus ihr eine biegsame Persönlichkeit machten, der jede Verhaltensveränderung doppelt angelastet werde. Das hat Energie und – zumindest vorübergehend – ein bisschen Sympathie gekostet. Im Verlauf dieser Erneuerung kam sie ausserdem zum Schluss, dass die Schweiz keineswegs ein emanzipiertes Land sei. Warum nicht? «Das ist einfach so», brummt das Mädchen, und nach einer langen Pause sagt es: «Früher liess ich alles über mich ergehen. Dann begann ich mich mit Händen und Füssen gegen ein paar Männer aus meinem Umfeld zu wehren.» Den Rest der leidigen Geschichte kenne man ja.
In einem Alter, in dem die wenigsten 21-Jährigen Millionen verdienen und sich mit einem Taschengeld begnügen, drängte Rainer Hofmann an die Seite des Vaters, der bis anhin das Vermögen seiner Tochter betreute. Hofmann gab sich als Wirtschaftsdetektiv aus und überprüfte, mit wem sich das Mädchen wirklich einlässt. Bald stellte sich heraus, dass Harnecker mit dem Gesetz in Konflikt stand. Wochenlang beherrschte das ungewöhnliche Paar daraufhin die Schlagzeilen. In der Zwischenzeit spielte Patty schlecht, sagte ihre Teilnahme am Fed-Cup ab, durfte bald keine Jogurt-Werbung mehr machen und verlor auch die übrigen Sponsoren. Zur Überraschung aller sagte sie dem Wunderheiler schliesslich per Telefon tschüss. Doch ihre Familie freute sich nicht. Denn in der Zwischenzeit hatte sie sich in den Detektiv verliebt. Kein Trost für die Umwelt. Patty fiel innert kurzer Zeit auf den Weltranglistenplatz 30 zurück. Der zweite Rainer ist ebenfalls zehn Jahre älter als Patty. Er passt optisch ungefähr gleich gut zu ihr wie Marilyn Manson zu Francine Jordi. Seine kleine Tochter anerkannte er erst per Gerichtsentscheid. Wegen Betrugs, Veruntreuung und Urkundenfälschung in mehreren Fällen wurde er zu einer 18-monatigen Gefängnisstrafe verurteilt. Die Vollstreckung der Strafe wurde zur Bewährung auf drei Jahre ausgesetzt. «In jedem Leben gibt es dunkle Flecken», antwortet das Mädchen gelassen. Kenne man die genauen Sachverhalte, relativiere sich einiges. Auch der zweite Rainer ist ein «schwieriges Thema». Doch offenbar verfügt er über ein paar nette Seiten.
«Wäre ich sonst 364 Tage pro Jahr mit ihm zusammen?», fragt Patty.
Künstliche Lebensinseln
Rainer Hofmann bucht Hotels, nimmt Telefonate entgegen, organisiert Reisen und hält der Tennisspielerin viele Unannehmlichkeiten vom Hals, wie sie sagt. Die Finanzen verwaltet sie heute selbst oder weiss, wo sich ihr Geld befindet und was damit angestellt wird. Wie viel sie schon verdient hat, ist nicht genau bekannt. Sicher sind nur die mehr als zwei Millionen Dollar Preisgeld, hinzu kommen die Einnahmen der Sponsorenverträge. Rainer will zudem auch auf den Mond fliegen und später auswandern. Er mag Pizza und Sofaabende in Bäch. Genau wie Patty. «Hörigkeit? Abhängigkeit? Blödsinn. «Ich werde weiterhin als Person ohne eigenen Willen hingestellt», sagt das Mädchen. Es kommt durchaus vor, dass sie bereits im Bett liegt, während ihr Verlobter noch in der Hotelbar weilt. Sie kann auch alleine weg, wenn sie will. Mit Freundinnen? «Weniger», antwortet Patty. Sie ist eine Einzelgängerin.
Eigensinnig und etwas unberechenbar in ihren Stimmungen, wie sie sich selbst charakterisiert. Die beste Schweizer Tennisspielerin geht dann allein an den Strand. Sie liest ein Buch oder so. Was die andern in diese Liaison und in ihr Leben hineindenken, ist ihr mittlerweile gleichgültig. Gleichgültig, unwichtig, egal. Das sind Ausdrücke, die das Mädchen häufig verwendet. Die Meinungen der anderen bedeuten ihr nichts mehr. Sie blickt aus dem Fenster und korrigiert sich. «Eigentlich weniger als nichts. Sonst hat man diese ständige innere Unruhe und weiss nie, wo man hingehört.»
Die Eltern setzten alles daran, um das Mädchen vom neuen Mann wegzubringen. Patty muss es als Ultimatum aufgefasst haben, dem sich die übrige Welt angeschlossen hatte: er oder wir. Jetzt ist die Tennisspielerin zehn Monate pro Jahr mit Rainer unterwegs, und während der übrigen Zeit machen sie gemeinsam Pause in Bäch. Ansonsten reist das Paar rund um den Globus. Sie halten sich selten länger als eine Woche am selben Ort auf und leben aus dem Koffer. «Wir logieren meist in Ferien-Resorts», sagt Patty. Dort gibt es Coiffeursalon und Swimmingpool, Souvenirshop und Restaurant. Nur neue Erfahrungen und Freunde sind auf diesen künstlichen Lebensinseln nicht zu finden. «Falls sich die Anlage beim Stadtzentrum befindet, kann man am Abend zu Fuss etwas trinken gehen. Sonst bleiben wir meist im Hotel», beschreibt sie den spannenderen Teil solcher Tage, Wochen, Monate. Dieses Leben ist eintöniger, als man denken könnte.
«Da machen sich die Aussenstehenden wahrscheinlich ganz falsche Vorstellungen», sagt die Tennisspielerin ernst. Vielleicht sind darum viele Leute neidisch? Vielleicht ist sie darum in der Schweiz nicht so beliebt? Auf jeden Fall konzentriere man sich unter diesen Umständen zwangsläufig auf jene Personen, die einen umgeben, ähnlich denken und leben. Ihr Verlobter ist der Mensch, dem sie am allermeisten vertraut. Er ist überhaupt der einzige Mensch, dem Patty vertraut. Einsam? Früher sagte das Mädchen: «Nein, sicher nicht. Es umsorgen mich ja andauernd nette Leute.» Heute antwortet Patty Schnyder: «Einsamkeit ist ein Thema. Ich bin ja dauernd mit den gleichen Leuten zusammen.»
«Alles Rätselraten über die Erziehung, den Trainer und van Harpen ist sinnlos», schreibt der Vater. «Die einzige Lösung ist nach meiner Auffassung die Ausschaltung des Einflusses von Rainer Hofmann auf die Psyche unserer Tochter. Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass die Familie erst schlecht gemacht wird, seit wir versuchen, Herrn Hofmann gerichtlich zu verfolgen. Auf der Homepage von Patty wurde er als Knallerbse bezeichnet und anderweitig verunglimpft. Später kam es zu einer Klage, in der Patty die Offenlegung der väterlichen Buchhaltung forderte und den Vater krimineller Machenschaften verdächtigte. Das Verfahren ist hängig. Wann die Sache zur Verhandlung kommt, steht noch nicht fest. Willy Schnyder reagierte auf die Anschuldigungen mit einer Klage gegen unbekannt, und seither hat man sich nicht mehr gesehen. Versuche, den Kontakt mit Patty wieder aufzunehmen, scheiterten. Für die elterlichen Bemühungen um eine Versöhnung hat die Tochter kein Verständnis. «Sie wollen mich in die alte Welt zurückholen, doch dahin will ich nie mehr zurück.» Was war eigentlich so anders in jenem Universum? «Alles und nichts», antwortet Patty und will jetzt gehen. Sie steht auf, setzt sich zu Rainer an den Tisch und lächelt zum ersten Mal richtig nett.
Patty Schnyder spielt am 19./20. Juli in Winterthur im Schweizer Fed-Cup-Team gegen Israel um den Aufstieg in die Weltgruppe.













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