Tschukotka, die Halbinsel im äussersten Nordosten Russlands, ist zweimal so gross wie Deutschland und nur einen Katzensprung von Alaska entfernt. Seit zwei Jahren amtet dort der Milliardär Roman Abramowitsch als Gouverneur. Vorige Woche geriet der angeblich «46-reichste Mann der Welt» (Sunday Times) in die Schlagzeilen, weil er den traditionsreichen englischen Fussballklub Chelsea London kaufte – für 190 Millionen Franken.
Als ich Tschukotka vor fünf Jahren besuchen konnte, stand das noch in den Sternen. Die Halbinsel war lebendig tot. Die Menschen hockten bei Temperaturen von minus 25 Grad in ihren Häusern und dröhnten sich mit Alkohol zu. Einst liefen in den kurzen Sommermonaten über sechzig Schiffe im Hafen von Providenija an, 1998 waren es noch drei. Immerhin, in dem Hafenort hungerte niemand; die hier ansässige Grenzbrigade zog in ihren Gewächshäusern Gemüse, hielt Schweine und Kühe. Dazu brachten die Offiziere von ihren Dienstreisen allerhand mit, wovon auch etwas für die 3000 Bewohner abfiel. Und ab und zu kam auch etwas aus Alaska. Von den Dörfern der Nordküste und den Rentiersiedlungen im Landesinnern hörte man dagegen, die Menschen dösten bloss noch der Kältestarre und Auszehrung entgegen.
Die Jüngeren und die Schlaueren waren längst abgehauen, vor allem die zugezogenen Russen und Ukrainer: Lehrer, Ärzte, Ingenieure. Einst war Tschukotka Tummelplatz für Freigeister und Baustelle der Sowjetideologie, ein Ort unsowjetisch hoher Löhne und kleiner individueller Freiheiten, heute leben hier nur noch Schwache und Gestrandete: Binnen eines Jahrzehnts hatte sich die Bevölkerungszahl Tschukotkas auf etwa 70000 halbiert.
Dann kam ein Engel: Roman Arkadiewitsch Abramowitsch, 33. In Jeans, Pullover und mit Stoppelbart tourte er von Dorf zu Dorf, ein Moskauer, der für die Duma kandidierte. Er war zum ersten Mal hier, hatte von den Problemen der Tschuktschen und Eskimos keine Ahnung. Immerhin hörte er sich, anders als sein Vorgänger, die Klagen der Menschen an und versprach zu helfen.
Medienscheu und schlau, war Abramowitsch der vielleicht rätselhafteste der so genannten Oligarchen. Und der jüngste. Der Hauptaktionär der Ölfirma Sibneft und Russlands unbestrittener Aluminium-Zar war schon damals über fünf Milliarden Dollar schwer und damit der zweitreichste Mann Russlands. Autofabriken gehörten ihm, Anteile an Aeroflot und am ersten Fernsehkanal. Wozu wollte der blauäugige Tycoon, dem eine enge Beziehung zu Präsident Boris Jelzins Tochter und Einflüsterin Tatjana Datschenko nachgesagt wurde, diese verarmte arktische Wüste im russischen Parlament vertreten? Weil die parlamentarische Immunität ihn vor einer Strafverfolgung schütze, hiess es in Moskau bald.
Abramowitsch selbst schwieg sich über seine Motive aus. Er begann, von ihm selbst finanzierte Lebensmittel, kanadische Fertighäuser und Treibstoff nach Tschukotka zu verschiffen und Kinder aus der eisigen Provinz zum Urlaub ans Schwarze Meer zu bringen. Dann griff er, ein Jahr nachdem er zum Duma-Abgeordneten gewählt worden war, nach dem Gouverneursposten von Tschukotka. Wenige Tage vor der Wahl zog der damalige Amtsinhaber seine Kandidatur zurück. Roman Abramowitsch, der Milliardär aus Moskau, wurde mit 92 Prozent der Stimmen gewählt.
Nun spekulierte man in Moskau, Abramowitsch reisse sich so die äusserst wertvollen, aber schwer zugänglichen Bodenschätze Tschukotkas unter den Nagel – Blei, Gold, Wolfram – und habe es auf das Öl im Kontinentalsockel der Halbinsel abgesehen. Oder aber, er habe höhere Ambitionen, sehe die gigantischen Probleme, die es in Tschukotka zu lösen galt, als Schule für gewichtigere politische Ämter, so jenes des Moskauer Bürgermeisters.
Wodka nur am Wochenende
Abramowitsch spottete, das interessiere ihn nicht. Die Ölreserven, auf denen seine Firma Sibneft sitze, seien viel zu gross, als dass ihn das tschuktschische Öl locke. Und manchmal langweile ihn das Business. War das Grund genug, eine gottverlassene, baumlose Taiga-Provinz regieren zu wollen? Abramowitsch brachte ein hoch qualifiziertes Team junger Leute in Tschukotkas Hauptstadt Anadyr, es sollte in der Region eine neue Infrastruktur aufbauen. Dazu stellte er Millionen eigenen Geldes bereit. Zugleich flogen immer mehr Kinder aus Tschukotka ans Schwarze Meer in die Ferien.
Abramowitsch trinkt nicht. Kaum im Amt, soll er erwogen haben, den Wodka, für viele die einzige Unterhaltung, ganz zu verbieten. Dann fand er einen Kompromiss: Wodka darf nur am Wochenende verkauft werden. Dafür sind in Anadyr ein Internet-Café, ein Kino, Friseurläden, ein Mobil-Telefonnetz und eine Eishalle – um im Freien eiszulaufen, ist es zu kalt – entstanden, und überall in der Provinz neue Wohnhäuser.
Eine Reportage von John Lloyd, dem Russlandveteranen der Financial Times, der Abramowitsch hehre Motive zubilligte – Tschukotka habe den Milliardär schockiert, er wolle den Menschen helfen –, wurde von der Moskauer Elite umgehend als gekaufte PR abgetan. Als liesse sich die Financial Times auf so was ein.
Abramowitsch flieht die Medien. Sie hauen ihn ohnehin in die Pfanne. Jene wenigen Journalisten, denen er traut, lädt er freilich ein, mit ihm in seiner privaten Boeing 767 zu fliegen. Er gibt keine Interviews, und wenn, dann bloss einsilbige Antworten. Einer, der gleichwohl mit ihm sprechen konnte, der polnische Journalist Zygmunt Dcieciolowski, einer der besten Kenner Russlands, zitiert das russische Sprichwort «Tische jedesch, dalsche budesch» (Auf leisen Sohlen kommt man weiter).
Wie viel Abramowitsch zu verheimlichen hat, ist nicht klar. Sein Werdegang ist schlecht dokumentiert. Er kam erst 1999 in die Schlagzeilen, als der Trickser Alexander Korschakow, Jelzins ehemaliger Leibwächter, eine Pressekonferenz einberief, um Abramowitsch der Einflussnahme auf die Präsidententochter zu bezichtigen. Die Zeitung Kommersant, im Besitz des Oligarchen Boris Beresowski, seines früheren Partners, mit dem er sich inzwischen zerstritten hatte, publizierte einen Kaufvertrag für ein Haus, das Abramowitsch für die Präsidententochter in Garmisch-Partenkirchen erworben haben soll.
Geboren in Saratow als Kind jüdisch-ukrainischer Eltern, wurde Abramowitsch bereits mit vier Jahren Vollwaise. Verwandte in Komi, der nordwestrussischen Gulag- und Öl-Republik, nahmen ihn auf. In der Gorbatschow-Zeit begann der Jugendliche, Plastikspielzeug herzustellen, das er auf Märkten verkaufte. Zugleich will er in Komi und später am Öl-und-Gas-Institut in Moskau studiert haben. Abschlusszeugnisse hat allerdings selbst das Moskauer Enthüllungsblatt Kompromat keine gefunden. Dafür dokumentiert es, was angeblich Abramowitschs erster Coup gewesen sei: Im Februar 1992 verschwand ein Eisenbahnzug mit 55 Zisternenwagen Diesel aus Uchta in Komi, bestimmt für die Armee in der russischen Enklave Kaliningrad. Abramowitsch war mit dem Lieferanten in Uchta verbandelt. Während der Zug unterwegs war, leiteten gefälschte Militärtelegramme die Fracht um, die schliesslich in einem kleinen Moskauer Handelshaus landete. Dessen Direktor war Abramowitsch. In dieser Doppelrolle soll er sich Zahlungsgarantie und Vollmacht selbst ausgestellt haben. Der Brennstoff soll später in Lettland verkauft worden sein. Abramowitsch hat stets seine Unschuld beteuert, er will nichtsahnender Mittelsmann gewesen sein. Die Untersuchung wurde eingestellt.
Wie auch immer der junge Geschäftsmann zu seinem ersten schnellen Geld gekommen ist – in jenen Jahren verschwamm die Grenze zwischen raffinierten Händeln und perfiden Verbrechen, die Gesetze änderten ständig –, er wusste es einzusetzen. In jener Zeit fehlte es überall an Liquidität, der Wert des Rubels brach ein, die ehemaligen Staatsbetriebe verfügten ohnehin über kein Geld; in der Planwirtschaft hatten sie das nicht gebraucht. So genannte Barter-Broker bewahrten die russische Wirtschaft vor dem Stillstand, als Banker des Äquivalententauschs. Sie suchten einen Käufer, zum Beispiel für Benzin, fanden einen Kunden, der allerdings nur mit einigen Tonnen Butter zahlen konnte oder mit tausend Fernsehern. Für solche Kunden suchte ein Barter-Broker Abnehmer. Er gewährte ihnen virtuelle Kredite – und nahm Prozente in Waren, die er gegen bar verkaufte. Mit diesen Methoden der Schattenwirtschaft, übertragen auf den Gross- und Rohstoffhandel, kamen die späteren Oligarchen zu ihren ersten Millionen. Sie waren die Einzigen, die ausreichend Bargeld hatten. Auch Roman Abramowitsch mit seiner kleinen Moskauer Öl-Handelsfirma.
Im innersten Kreis der Macht
Mitte der neunziger Jahre lernte Abramowitsch auf einer Jacht in der Karibik Boris Beresowski kennen, den ersten Milliardär, der sich direkt in die Politik Russlands einmischte – und der heute im selbst gewählten Exil in London lebt. Beresowski machte den zwanzig Jahre jüngeren Abramowitsch zu seinem Partner, als die Regierung Jelzin die staatlichen Grossbetriebe, Ölgesellschaften, Gold-, Nickelminen und Aluminiumhütten gegen Kredite verscherbelte. Aus Millionären wurden dabei Milliardäre – sie dankten es Jelzin mit Spenden zur Wiederwahl 1996. Und kauften sich fortan, direkt oder öfter indirekt, politische Entscheidungen.
Mittlerweile haben sich Beresowski und Abramowitsch überworfen, der Jüngere hat kein Verständnis für die Politkapriolen des Älteren, der, «statt zu arbeiten, der Regierung Ratschläge erteilt».
Abramowitsch fand angeblich Zugang zur «Familie», wie man den engen Kreis um Jelzin nannte. Wobei er Jelzin, solange dieser Präsident war, persönlich nie getroffen haben will. Dennoch schrieben Insider dem rätselhaften Business-Benjamin mehr Einfluss zu als allen andern Oligarchen. Das schien sich zu bestätigen, als sie der neue Präsident Wladimir Putin bei Amtsantritt zur Standpauke zitierte: Als Geschäftsleute hätten sie freie Hand, von der Politik dagegen sollten sie lassen. Nur einer der Oligarchen erhielt keine präsidiale Aufforderung: Roman Abramowitsch, der nicht nur Sibneft und die russische Aluminiumindustrie kontrolliert, sondern auch an der Kernenergie und den Eisenbahnen Beteiligungen halten soll.
Wer Tschukotka aus der Zeit vor Abramowitsch kannte und nun wieder besucht hat, sagt, man erkenne es nicht wieder. Nur das Wetter ist geblieben. Allein die Steuergelder Abramowitschs haben das Provinzbudget mehr als verdoppelt. Gewiss sind die leer stehenden Häuser mit ihren schwarzen Fenstern noch da, nachts hört man die streunenden Hunde vor Hunger heulen. Aber in den Dörfern sind Rotkreuz-Zentren eingerichtet worden, man kann nun Geld nach Tschukotka schicken, die Schulen sind erneuert worden, Abramowitsch hat Lehrbücher drucken lassen. Die Versorgung mit Alltagsgütern, Schuhen zum Beispiel, hapert dagegen immer noch, und die hohe Arbeitslosigkeit ist kaum zurückgegangen. Kleiderhilfe aus Alaska wird weiterhin behindert, nicht von Abramowitsch, sondern von den russischen Zollbehörden, gegen deren Unbeweglichkeit offenbar auch ein Milliardär kaum ankommt.
Wie lange, hat man sich in Tschukotka oft gefragt, wird das Wunder währen? Wird Abramowitsch die ferne Provinz auf Dauer von seinem Geldtropf versorgen lassen? 200 Millionen Dollar hat er sich sein Engagement bisher kosten lassen. Doch nun gab er bekannt, für eine zweite Amtszeit nicht zur Verfügung zu stehen. Sein Team fürchtet, er könnte sich in eine Falle manövriert haben: Bleibt er Tschukotka verbunden, wird er seine Privatsubventionen über viele Jahre weiter leisten müssen; zieht er sich zurück, wird es heissen, er habe sich die Provinz bloss zum Spielzeug gehalten, das ihn nun langweile, wie seine Jachten.
Geldwaschanlage oder Privatvergnügen
Zumal er jetzt ein neues Spielzeug hat: Chelsea London. Mit den rund 190 Millionen Franken Kaufpreis übernahm er nicht nur 50,9 Prozent der Aktien, sondern auch die Schulden des Traditionsvereins. Seit er in den englischen Fussball eingefallen ist, spekulieren die Medien, wen er einkaufen will. Würde alles stimmen, was geschrieben wird, hätte Abramowitsch für rund 900 Millionen Franken neue Spieler gekauft.
Warum das Engagement? Sicher nicht als Investition. Um präventiv in England schon mal Fuss zu fassen, falls er unter Druck des Kreml käme, schnödet sein einstiger Ziehvater Beresowski. Weil Fussballklubs, wie Restaurants und Baufirmen, sich hervorragend zur Geldwäsche eignen? Um das Image des Räuberbarons loszuwerden? Oder, so Abramowitsch selber, weil ihm dies erlaube, mehr Zeit in England zu verbringen – und er seine fünf Kinder hier zur Schule schicken wolle. Als ob man dafür einen Fussballklub besitzen müsste. Weil Chelsea unter den 70000 Russen in London als schick gilt und auch in Russland einen guten Namen hat, mithin um aufzuschneiden? Oder ist auch der Klub nur ein weiteres Spielzeug, das ihn irgendwann langweilen wird? Sibneft wird demnächst mit der Ölgesellschaft Yukos fusionieren, und auch die Anteile seines Aluminiumimperiums will Abramowitsch verkaufen. Warum, weiss kein Mensch.
Eines wird übersehen: Schon Abramowitschs korrupter Vorgänger als Gouverneur in Tschukotka besass eine Profi-Mannschaft. Nicht in seinem eigenen Namen zwar, aber zu seinem Privatvergnügen: Spartak Tschukotka. In Moskau stationiert, kickte die Gurkentruppe sich durch eine untere russische Liga – auf Kosten der verarmten arktischen Provinz.
Dann doch lieber Chelsea London. Dass mit Abramowitsch ein Moskauer Milliardär den Traditionsklub vor der Pleite gerettet hat, tut nicht nur dem gebeutelten russischen Selbstbewusstsein gut, sondern fordert vor allem dem im Umgang mit Russland (und seinen Superreichen) meist arroganten Westen Respekt ab. Das kann auch Abramowitsch nicht entgangen sein.













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