Klassik

Ode an die Orgel

Kein Musikinstrument eignet sich besser zur Machtentfaltung. Wer die Orgel spielt, beherrscht Himmel und Erde.

Von Michael Gassmann

Die berühmtesten Eröffnungstakte der Orgelmusikgeschichte: dreimal der Wechsel a?g?a wie ein Donnerschlag; dann dreimal der Sturz hinunter zum Grundton d; dreimal dessen Bestätigung, danach drei Pausen, in denen der Widerhall des Klangs den Kirchenraum füllen kann. Af?rmativer als Bachs Toccata d-Moll kann ein Musikstück nicht beginnen. Dieser Beginn ist eine Zurschaustellung von Macht. Erstens der Orgel: denn nur sie kann mit solcher Geste selbst einen Kathedralraum füllen. Zweitens der des Komponisten: denn es bedurfte Bachs, um diese Geste zu gestalten. Drittens der Macht Gottes: Die dreifache Bekräftigung des Grundtons verweist symbolisch auf die Dreieinigkeit.

Die Orgel ist ein Mittel zur Demonstration, zur Ausübung und zur Verherrlichung von Herrschaft; das begründet ihre Sonderstellung von Anfang an: Am Hof von Byzanz liess Kaiser Theophilus (829?842) zur Zierde seiner Macht zwei Orgeln aus Gold bauen und sie mit Edelsteinen schmücken. Im Westen zählte man damals Orgeln zu den Wunderdingen des Orients, spätestens seit eine byzantinische Delegation 812 ein Instrument zu Karl dem Grossen nach Aachen brachte, um diesem nach oströmischer Art zu huldigen. Von Aachen aus verbreitete sich die Orgel dann allmählich im Abendland und fand Eingang in die Kirche. Bis in die jüngere Vergangenheit setzten sich die Herrscher ein Denkmal, indem sie eine Orgel bauen liessen. Peter der Grosse plante eine «Monstre Orgue», die an Grösse alle bisherigen Instrumente übertreffen sollte. Hitler war dem Zaren insofern voraus, als sein Projekt eines Rieseninstruments für das Nürnberger Reichsparteitagsgelände tatsächlich verwirklicht wurde. Dass das Ungetüm kaum Furore machte, lag daran, dass es bereits kurz nach der Fertigstellung zerbombt wurde.

Auch als Kircheninstrument blieb die Orgel im Zentrum weltlicher Interessen: Im 17. und 18. Jahrhundert wetteiferten die holländischen Städte um die grössten und aufwendigsten Instrumente. Haarlem zahlte für die von Christian Müller 1738 errichtete Orgel in der Sint-Bavo-Kerk die unvorstellbare Summe von 59000 Gulden. Nur 21500 davon bekam der Orgelbauer, der Rest ging an den Schnitzer und an den Maler des Gehäuses. Die äussere Pracht der bis zum Deckengewölbe reichenden, von einem Stadtwappen gekrönten Orgel sollte den Ruhm Haarlems mehren. Noch immer gibt?s dort zwei Organisten: einen, der von der Kirche, und einen, der von der Stadt bezahlt wird. Letzterer ist reicher an Ruhm und Geld; mit ihm erinnert die Stadt an ihre goldene Zeit.

Orgeln sind technische Wunderwerke, ein den Raum bestimmender Teil der Architektur und das grösste, lauteste und farbenprächtigste Musikinstrument. Die Orgel vereinige alle anderen Instrumente in sich, schrieb Michael Praetorius in seiner «Syntagma musicum» von 1619, und das gilt noch immer. Der Wind, von Hand oder mit einem Gebläse in die Orgel gepumpt, strömt, wenn man in die Tasten greift, zu vielen Pfeifenreihen, deren unterschiedliche Bauart sehr verschiedene Klangfarben bewirkt.

Im Lauf der Jahrhunderte hat man viele zeitgenössische Blasinstrumente nachgeahmt: Flöten, Krummhorn, Pommer, Zink, Schalmei, Posaune und Trompete, später Oboe, Klarinette, Fagott. Auch die Streichinstrumente werden blasend imitiert, zum Beispiel Gambe, Cello und Viola. Einige barocke Orgeln besitzen Pauken, die man mit einem Fusstritt betätigen kann. Sogar die menschliche Stimme kommt als näselnde Vox humana in der Orgel unter. Die gesamte menschengemachte Musik wird so von der Orgel zusammengefasst und -gespielt. Das Allumfassende des Instruments lässt sich theologisch deuten: Die Kirche vergleicht den Aufbau der Orgel mit dem eigenen: bestehend aus vielen Gliedern, die von einem Atem beseelt werden. Als imponierendes Abbild der Kirche verherrlicht sie mit ihrem Spiel Gottes Macht.

Selbst im Wasser pfeift?s

Ihre Wirkung entfaltet sich auch in die andere Richtung: Neben die Vox humana tritt in vielen Orgeln die Vox coelestis, ein Register von ätherischem, schwebendem Wohlklang. Einige Instrumente haben Glocken und Zimbelstern; hier und dort trällert eine Nachtigall (technisch betrachtet bloss eine Pfeife, die im Wasser steht und geräuschvoll Blasen wirft). Die Orgel repräsentiert also auch die Himmelsmusik, die von oben auf die Erde herniederklingt. Mit diesem Instrumentarium lässt sich eine barocke Illusion der realen Präsenz Gottes schaffen, vergleichbar dem Licht, das bei manchen Altären durch goldene Fenster hinter der Darstellung des heiligen Geistes strömt. Im Passauer Dom gibt es sogar eine Heilig-Geist-Orgel; sie ist im Dachstuhl untergebracht und sondert durch ein Loch in der Decke bei Bedarf überirdische Klänge ins Kirchenschiff ab. Der Organist sitzt also quasi an der Schaltstelle von Himmel und Erde und musiziert in doppeltem Auftrag.

Die privilegierte Stellung hat immer auch das Misstrauen der kirchlichen Obrigkeit hervorgerufen. Die Konkurrenz von geistlicher und musikalischer Herrschaft ist für jedermann mit den Augen wahrnehmbar. Während im Luthertum die Orgelmusik einen hohen Stellenwert besitzt, hat man in der katholischen Kirche früh begonnen, der unkontrollierten Instrumentalmusik durch die Bevorzugung der Vokalmusik Zügel anzulegen. Wenn die Orgel sich Geltung verschaffen will, wird sie in der Praxis oft rüde in die Schranken verwiesen. Von einem deutschen Kardinal wird kolportiert, er unterbreche mitten im Gottesdienst Choralvorspiele seiner Organisten, die ihm zu lang erscheinen, mit barschen Worten. Aus dem Konflikt mit der Geistlichkeit speist sich der Anekdotenvorrat der Kirchenmusiker.

Der Salon in der Kirche

Seit das 19. Jahrhundert den Künstler als Hohepriester der Kunstreligion entdeckte, haben es viele Pianisten, Geiger und Dirigenten, aber nur wenige Organisten geschafft, dieses Priestertum auszuüben. Bei den wenigen, denen es gelungen ist, wurde die Geistlichkeit zu Recht misstrauisch, denn bei ihnen paarte sich die Aufgabe des Mittlers zwischen Himmel und Erde mit der des Mittlers zwischen Genie und Publikum. Der Franzose Charles-Marie Widor (1845?1937) war ein solcher Organist mit Kultstatus. 64 Jahre lang wirkte er an der Kirche St-Sulpice in Paris und entwickelte sich zu einer Institution in Frankreichs Musik- und Gesellschaftsleben. Den Boden seiner Orgelempore hatte er mit kardinalrotem Teppich auslegen lassen. Dort standen jene, die des Meisters Spiel aus der Nähe bewundern durften. Hinter der Orgel befand sich ein wohlausgestatteter Salon, in dem Widor auch während der Predigt seine Gäste, darunter zahlreiche Verehrerinnen, bewirtete.

Die Erotik der Macht: Unter denen, die zu Ruhm und Einfluss gelangen, sind immer wieder Organisten: Bevor Harald Schmidt zum Satirepapst wurde, liess er sich zum Kirchenmusiker ausbilden und lernte, welche Tasten man für den grösstmöglichen Effekt beim Publikum drücken muss. Der frühere britische Premierminister Edward Heath gilt in der Öffentlichkeit auch als versierter Organist.

Die Orgel war technisch immer auf der Höhe ihrer Zeit und allen anderen Instrumenten weit überlegen. Heute kann man etwa an der Orgel von Notre-Dame in Paris nicht nur die vorprogrammierten Klangfarben elektronisch speichern, sondern sogar sein eigenes Spiel. Wer mag, kann nach der Aufnahme nach unten ins Kirchenschiff gehen und sich selbst auf der Orgel spielen hören. Die drei Computer des Instruments können noch mehr: Improvisationen können aufgezeichnet und als Partitur ausgedruckt werden. Für blinde Organisten liefert das Wunderding einen speziellen Service: Die Orgel spricht mit ihnen und informiert sie unter anderem darüber, welche Klangfarben eingeschaltet sind.
Die Fähigkeit, unterschiedliche Klangfarben nach Belieben zu mischen, macht die Orgel ohnehin zum ersten synthetischen Instrument. Der Synthesizer, Inbegriff technisch-musikalischer Revolution, ist im Prinzip nur ein Versuch, die Idee «Orgel» mit elektronischen Mitteln zu verwirklichen.

Das Festessen in der Orgel

Der Aufwand, der beim Orgelbauen getrieben wird, ist auch eine Prestigesache für den Orgelbauer. Henry Willis, Schöpfer der gigantischen, 1871 fertig gestellten Orgel der Londoner Royal Albert Hall, wollte Freunden und Konkurrenten die Ausmasse des Bauvorhabens und damit die Leistungsfähigkeit seiner Firma unter Beweis zu stellen. Deshalb lud er, bevor die Pfeifen eingebaut wurden, zu einem grossen Festessen ins Innere der Orgel. Auch eine Demonstration von Macht.

Wer Orgel spielt, kennt das Gefühl der Allbeherrschung: wenn der Boden bebt, weil die tiefen Frequenzen die Eigenresonanz des Baukörpers treffen, und wenn die hohen Töne die Scheiben zum Klirren bringen. Nichts ist schöner, als nach dem Schlussakkord im Nachhall die apokalyptische Wirkung auf den Raum zu geniessen.

Der Klangmächtigkeit wegen schätzt man die Orgel auch im Kino ? für das jüngstgerichtliche Donnern. Mit Joseph Vilsmaiers Ver?lmung des Romans «Schlafes Bruder» von Robert Schneider hat das Kino die Macht des Orgelklangs sogar direkt thematisiert.

Als Instrument der Macht hat die Orgel sogar in die im weiteren Sinne politisch motivierte Literatur Eingang gefunden. Günter Grass? Gedicht «Die Seeschlacht» ist zwar an der Oberfläche lapidar und grotesk; dahinter aber wirkt als subtiles Gewürz der ganze Assoziationsraum Orgel: «Ein amerikanischer Flugzeugträger / und eine gotische Kathedrale / versenkten sich / mitten im Stillen Ozean / gegenseitig. / Bis zum Schluss / spielte der junge Vikar auf der Orgel. ? / Nun hängen Flugzeuge und Engel in der Luft / und können nicht landen.» Wenn das Dröhnen der Kampfjets das Donnern der Orgel übertönt, dann ist es wirklich um die Welt geschehen.

Orgel-Klassiker auf CD:
J.S. Bach: Orgelwerke. Gespielt von Helmut Walcha. Deutsche Grammophon
Charles-Marie Widor: Das Orgelwerk 1?7.
Gespielt von Ben van Oosten. MDG
Max Reger: Die Grossen Orgelwerke.
Diverse Interpreten. Magna
Olivier Messiaen: Die Orgelwerke.
Gespielt von Olivier Latry. Deutsche Grammophon

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