Die amerikanischen Befürworter des Krieges im Irak scheiden sich in zwei Lager: Entweder sind sie neokonservative Idealisten wie der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz oder hartgesottene Realisten wie Vizepräsident Dick Cheney. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Glaube, die Vereinigten Staaten wirkten in einer manichäischen Welt als Kraft des Guten. Wie andere amerikanische Architekten dieses Krieges waren Wolfowitz und Cheney überzeugt, das irakische Volk werde die Armeen der Alliierten willkommen heissen. «Ich glaube wirklich, dass wir als Befreier begrüsst werden», bekundete Cheney Mitte März im Fernsehen. Vielleicht wird sich das geknebelte irakische Volk noch erheben, vorerst aber zwingt die Realität eines harten Kampfes die Optimisten zu einer Korrektur ihrer Prognosen. Auch amerikanische Kommentatoren müssen umdenken. «Wir wollen die irakische Infrastruktur nicht zerstören, weil wir dieses Land in ein paar Tagen besitzen werden», tönte Tom Brokaw, der Moderator des Fernsehsenders NBC.
Inzwischen sieht es danach aus, als werde ein gutes Stück der irakischen Infrastruktur dem Krieg zum Opfer fallen. Dauern die Kämpfe an und wächst ihre Intensität, wird für den Irak gelten, was einst in Vietnam galt: Um das Land zu retten, muss es zerstört werden. Als Grund für den unerwarteten Widerstand des Despoten in Bagdad und seiner Truppen entdecken die Kriegsbefürworter plötzlich einen irakischen Nationalismus. Doch der Verweis auf die Kraft des Nationalismus wird der tatsächlichen Gefahr womöglich nur teilweise gerecht. So bangt etwa der ehemalige CIA-Agent und Irak-Experte Robert Baer, ob aus dem säkularen Krieg im Irak ein religiöser Krieg zu werden droht, ein Dschihad durchgeknallter Kämpfer aus allen Ecken der islamischen Welt.
Kenner des Nahen Ostens wie Baer hatten allerdings den Versicherungen, ein Waffengang gegen Saddam werde ein Spaziergang sein und eine rebellierende irakische Armee den Despoten mit Hilfe amerikanischer Kampfflugzeuge selbst zur Strecke bringen, nie so recht getraut. Mit gutem Grund: Während irakische Oppositionelle Präsident Bush noch im Januar einflüsterten, die amerikanischen Invasoren würden «mit Blumen und Süssigkeiten» begrüsst werden, warnten Analysten der CIA die Kriegsplaner im Pentagon vor der Gefahr eines Partisanenkriegs im Irak. Da sich der Krieg vielleicht bis in die Sommermonate oder noch länger hinziehen wird, sind die Propheten eines Spaziergangs nach Bagdad in Erklärungsnot geraten. «Wahrscheinlich haben wir die Bereitschaft des Regimes, Kriegsverbrechen zu begehen, unterschätzt», entschuldigt der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz die Fehlkalkulation. Wie aber kann Wolfowitz von der Brutalität des Regimes überrascht sein? Nichts seit dem Nazi-Regime reiche an sie heran, hiess es zuvor.
Keinesfalls können die amerikanischen Kriegsherren mit dem Stand der Dinge zufrieden sein. Auch wenn amerikanische Verbände nach nur zwei Kriegswochen vor den Toren Bagdads stehen, darf Saddam Hussein sich damit brüsten, der grössten Macht auf Erden bereits jetzt länger getrotzt zu haben als die arabischen Frontstaaten 1967 dem Kleinstaat Israel. So wird in der an Tragik reichen nahöstlichen Folklore nun ausgerechnet der Oberschurke Saddam zu einem Helden gestylt – ein neuer Saladin als Balsam für die lädierte arabische Seele. «Je länger dies andauert, desto mehr werden Staaten in der Region willens sein, uns herauszufordern», warnt deshalb der amerikanische Militärstratege Andrew Krepinevich.
Dröhnender Optimismus
Dafür verantwortlich ist die Regierung Bush, die einen völkerrechtlich zweifelhaften Krieg lostrat, und besonders ihr Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Immer wieder kanzelte Rumsfeld seine Kommandeure ab, wenn sie auf die magere Zahl amerikanischer Kampfverbände verwiesen, die in den Irak vorstossen sollten. Statt gigantischer Mobilisierungen verlangte er revolutionäre Strategien. Laut Berichten amerikanischer Medien entlädt sich jetzt hinter vorgehaltener Hand der Unmut der Militärs gegen den ruppigen Vorgesetzten. Stellvertretend für viele aktive Offiziere kritisiert General a.D. Barry McCaffrey, ein Veteran des ersten Golfkriegs, den Verteidigungsminister als Ideologen, der den Rat seiner Generäle ausgeschlagen habe, weil er sie für dumm halte.
Solche Anwürfe sind der Regierung Bush natürlich höchst unangenehm; sie übertönt die Beanstandungen der Skeptiker mit einem dröhnenden Optimismus. Mit welcher Berechtigung aber? Ein längerer Krieg würde der Weltwirtschaft erheblich zusetzen und überdies das Image der Vereinigten Staaten nicht nur in der arabischen Welt derart ramponieren, dass Madeleine Albrights «unverzichtbare Nation» Gefahr liefe, ein in Jahrzehnten angehäuftes Kapital zu verspielen. Nur ein möglichst schneller Sieg der Alliierten wird das Sterben beenden und eine humanitäre Katastrophe in den irakischen Städten verhindern. Danach wird sich erweisen, ob George W. Bush eine jener historischen Lawinen verursacht hat, die ursprüngliche Intentionen unter sich begraben oder sie sogar ins Gegenteil verkehren.













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