Würden in der Country-szene Girlgroups zusammengestellt, dann wären die Dixie Chicks eine Traumformation: Drei fesche Blondinen, die nicht nur glockenhell singen, sondern von Banjo über Fiedel und Dobro bis zur Klampfe auch beherzt und hochtalentiert zulangen. Und darüber hinaus sieben Meilen gegen den Wind erkennen, was ein guter Song ist.
Nun sind aber die Chicks ein selbst erfundener Trupp und daher nicht halb so berechenbar, wie das Plattenfirmen und neuerdings auch Politiker gern hätten. Und so fing das an: Die Schwestern Martie und Emily Erwin, 1969 und 1972 in Dallas zur Welt gekommen, spielten Geige, Mandoline und Gitarre, bevor sie in die Schule kamen. Sie spielten vorher bereits in einer Country-Band, und bald gewannen sie allerlei Preise in regionalen Wettbewerben und der National Fiddle Championship.
1989 stellen sie sich dem härtesten Test: der Strassenecke. Auf den Streets of Dallas sah man die Erwin Sisters um ein Trinkgeld spielen. Flugs wurden sie vom Trottoir weg in Pubs engagiert und gingen bald auch auf Tournee mit der Sängerin Laura Lynch – nun als Dixie Chicks. 1995 kam Natalie Maines, die heutige Sängerin, dazu, 1974 in Lubbock, Texas, geboren und Tochter eines berühmten Steel-Guitar-Spielers. Die drei Stimmen rankten sich ineinander, und die Besetzung war perfekt.
Es pluckert und tickert der Funk
Das Album «Home», in den USA schon 2002 veröffentlicht, ist auch für Dixie-Chicks-Verhältnisse ein Sonderfall. Zum ersten Mal verzichtete die Band auf elektrische Begleitung und legte ein reines, makelloses und ganz erstaunliches Bluegrass-Album vor. Es steht Aug in Aug mit den hochraffinierten Rhythm-’n’-Blues-Alben dieser Tage. Purer weisser Soul, gesungen von drei Texanerinnen, die auch mit schwarzer Musik aufgewachsen sind. Zwischen den vielen Stimmen und Saiten ist nicht bloss Swing zu spüren. Nein, da pluckert, tickert und blitzt der pure Funk.
Der Abend vor Kriegsbeginn live in München. Thomas Gottschalk lungert rum auf der Suche nach «Wetten, dass...?»-Stars und findet die Dixie Chicks offensichtlich gut genug. Die stehen zu zehnt auf der Bühne, in der Mitte Natalie mit akustischer Gitarre, links Emily mit Banjo, rechts Martie mit der Geige. Sie tragen keine Jeans und Holzfällerhemden, sondern schwarze, lange, mit allerlei Kettchen versehene Roben – hier hören wir Countrysongs hauchende Goth-Queens!
Im Stück «More Love» geht es um alte Woodstock-Anliegen: Wenn überhaupt etwas eine Antwort sei auf der Welt, dann mehr Liebe. Rasend schnell und selbstironisch «White Trash Wedding», der Bräutigam kann sich keinen Ring leisten, die Braut würde besser nicht Weiss tragen – Armeleuteheirat auf Amerikanisch. Das rührende «Travelin’ Soldier» erzählt von einem in den Krieg fahrenden Soldaten, der am Schiffspier eine junge Frau anspricht und sie fragt, ob er ihr seine Briefe schicken dürfe, er hätte sonst niemanden dafür.
In Europa in Sicherheit
Worauf das Mädchen schwört, sie würde niemandem mehr ihre Hand geben, wenn der Soldat nicht lebend zurückkäme. Der Song erhielt minutenlangen Applaus, es war nur ein paar Stunden vor dem Kriegsbeginn.
Für die Dixie Chicks hatte der Konflikt schon neun Tage früher begonnen. An ihrem Konzert vom 10. März in London bemerkte Natalie, sie käme zwar aus Texas wie George W. Bush, aber für dessen Politik würde sie sich echt schämen. Beifall im Publikum. Aber schon anderntags Verstimmung im Homeland. Patrioten rufen zum Boykott auf, eine US-Radiostation um die andere nimmt die Dixie Chicks aus dem Programm. In Kansas City rief WDAF-AM die Hörer dazu auf, CDs und Konzertkarten der Chicks in Müllcontainer zu werfen, die vor dem Radiostudio aufgestellt wurden. Das Parlament von South Carolina verlangte von den Dixie Chicks eine Entschuldigung und Gratiskonzerte für die US-Army. Erschreckt entschuldigte sich Natalie Maines bei Präsident Bush – der Boykott ging weiter.
«Sie verbrennen unsere CDs oder häufen sie auf und fahren mit Traktoren drüber», erzählen die Dixie Chicks der Weltwoche in München. «Wir mussten Security anstellen, um unsere Familien zu schützen.» Dies von drei in DKNY und Versace gekleideten Schönheiten in einem grossen Hotelzimmer, die froh sind, in Europa und in Sicherheit zu sein. Als kämen sie aus der dunkelsten Ecke der Welt.
Aus eben jenem Land, dem sie eben eine Reihe der eindringlichsten Hymnen gewidmet haben.
Dixie Chicks: Home. Sony













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