-A  A  A+
02.04.2003, Ausgabe 14/03

Belletristik

Ein moderner Doktor Faustus

Seine lakonischen Beschreibungen von Gewalt brachten ihm den Ruf des kalten Beobachters ein. In seinen Tagebüchern zeigt sich William S. Burroughs jetzt als Mensch voller Angst, Trauer und Schmerz.

Von David Signer

Anzeige

Das 20. Jahrhundert ist nicht gerade arm an seltsamen Schriftstellerleben. Aber eine der unglaublichsten Biografien ist zweifellos jene des Amerikaners William S. Burroughs. Burroughs kam aus einer der reichsten Familien der USA (sein Grossvater hatte die Rechenmaschine erfunden), er war Junkie und Homosexueller, lebte in New York, Paris, London, Tanger und Mexiko, wo er bei einem Unfall seine Frau erschoss. Als Verfasser von «Naked Lunch» war er das literarische Schreckgespenst der fünfziger und sechziger Jahre. «Ein Schriftsteller von der Gefährlichkeit eines genialen Gangsters», schrieb eine französische Zeitung damals. 1997 starb er im – angesichts seines Lebens unglaublichen – Alter von 83 Jahren. Kürzlich erschienen seine letzten Tagebucheinträge unter dem Titel «Last words» auf Deutsch. Sie sind nicht weniger als der Versuch, mit seinem Leben fertig zu werden.

Als Kammerjäger in Chicago

«Wir haben alle von ihm gelernt», schrieb Jack Kerouac in seinem Roman «On the road» über seinen Freund Burroughs. «Und er hatte alles Recht zu lehren, denn er verbrachte seine ganze Zeit damit zu lernen. Er hatte seinen langen, dünnen Körper einst um die ganzen Vereinigten Staaten und den grössten Teil von Europa und Nordafrika geschleppt, nur um zu sehen, was gespielt wurde. Er war Kammerjäger in Chicago, Barmann in New York, Gerichtsdiener in Newark. In Istanbul bahnte er sich einen Weg durch ein Gedränge von Opiumsüchtigen und Teppichhändlern, auf Ausschau nach dem, was sich tat. In englischen Hotels las er Spengler und den Marquis de Sade. In Chicago plante er einen Überfall auf ein Saunabad, zögerte über einem Drink genau zwei Minuten zu lang, erbeutete zwei Dollar und musste schleunigst das Weite suchen. Nun war sein letztes Studienobjekt die Rauschgiftsucht.»

Das war in den vierziger Jahren und erst der Anfang der Odyssee dieses modernen Doktor Faust. Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Burroughs hatte die Eliteuniversität Harvard absolviert. Dann war er nach Wien gegangen, um Medizin zu studieren und heiratete eine jüdische Intellektuelle, die er in Dubrovnik kennen gelernt hatte, um sie vor den Nazis zu retten. Zurück in den USA führte er seine Studien in Anthropologie weiter.

Zehn Jahre später hing er an der Nadel, wurde verhaftet und konnte sich nach Mexiko absetzen. Er beschäftigte sich mit der Maya-Kultur und reiste mit einem Ethnobotaniker nach Südamerika, um eine indianische Medizinmanndroge zu erforschen (woraus der Briefbericht «Auf der Suche nach Yage» hervorging). Zurück in Mexico City wollte er eines Abends an einer Party seiner Frau Joan ein Glas vom Kopf schiessen und tötete sie. Dieses traumatische Ereignis gab den Ausschlag für sein Schreiben, wie er später festhielt:

«Die erschreckende Schlussfolgerung drängt sich auf, dass ich ohne Joans Tod niemals zum Schriftsteller geworden wäre, und ich muss erkennen, wie sehr dieses Ereignis mein Schreiben motiviert und geprägt hat. Ich lebe mit der ständigen Drohung, von etwas besessen zu werden, und mit der ständigen Notwendigkeit, mich dieser Kontrolle zu entziehen.»

Schon fast vierzig, veröffentlichte er 1953 seinen Erstling «Junkie». Er verliess Mexiko und landete, schwer heroinsüchtig, im marokkanischen Tanger. 1959 publizierte er schliesslich, nach einem definitiven Entzug, sein berühmtestes Werk «Naked Lunch». In den Sechzigern experimentierte er mit der Cut-up-Montagetechnik und schrieb kommerziell wenig erfolgreiche Bücher wie «Soft Machine» oder «Nova Express», die die Zerstörung der konventionellen Romanform bis zum Exzess trieben. Eine Art Comeback erlebte der alte Mann, den viele schon lange tot glaubten, nach seiner Rückkehr in die USA mit dem Roman «Städte der roten Nacht», der unter anderem einen Spionagethriller um geheime Maya-Papyri, eine Piratenstory aus dem 18. Jahrhundert und eine Science-Fiction in der Wüste Gobi ineinander verschachtelt und ihn zum zweiten Mal zu einer Underground-Kultfigur machte.

«Last words» umfasst Burroughs letzte Tagebucheinträge vom 14. November 1996 bis zum 30. Juli 1997. Zu dieser Zeit lebte er relativ zurückgezogen in seinem Häuschen in Lawrence, Kansas, bezog regelmässig Methadon aus einer Klinik, seit er Ende der siebziger Jahre rückfällig geworden war, und beschäftigte sich mit seinen Katzen, Malerei und Schiessübungen. Aber seine letzten Texte sind alles andere als beschaulich. Sie sind getragen vom Bemühen, sich auch den unerträglichsten Episoden seines Lebens zu stellen. Für jemanden, der weder mit Burroughs’ Biografie noch mit seinem Werk vertraut ist, sind sie nicht immer leicht verständlich mit ihren Andeutungen und der obsessiven Rekapitulation von traumatischen Schlüsselszenen. Aber wer sich auf die Spurensuche einlässt, wird Zeuge einer der abgründigsten Selbstbefragungen der zeitgenössischen Literatur.

Am 29. Januar 1997 etwa erinnert sich der Autor daran, wie er seine Frau im Spital sich selber überlassen hatte, als sie 1947 den gemeinsamen Sohn Billy zur Welt brachte, der mehrheitlich bei Burroughs’ Eltern in Palm Beach aufwuchs und 1981 an den Folgen seines Alkoholismus starb. Das lässt ihn an seine Katze denken, die er in Tanger ebenfalls im Stich gelassen hatte:

«Ich fuhr Joan ins Krankenhaus, und statt zu warten und nervös auf den Fingernägeln zu kauen wie der werdende Vater in der allseits bekannten Karikatur, ging ich zurück zum Jeep, vermutlich um einen Schluck Whiskey zu trinken. Irgendwer hatte mir einen neugeborenen Welpen auf den Autositz praktiziert. Ein Hundebaby, das jaulte und bellte. Ich liess es mir eine Lektion sein.

Die Katze aus Tanger, die irgendein Tier zwischen den Pfoten hatte. Und weiter in dieser qualvollen Rückschau. Meine Güte, zu was ich mich alles hinreissen liess! Ich war besessen, buchstäblich besessen vom Schreiben, nachdem ich mit fünfunddreissig Jahren einen späten Start mit Junky hingelegt hatte. Ich vergass die Katze, die sich ihr Futter selber krallte. Vergass auch Mutter und Dad, Joan und Billy. Ich musste weiter, nach New York oder sonstwo hin. Einmal, als ich aus Palm Beach abreiste, sagte Billy, er war damals acht oder neun: ‹Ich wusste, dass er einfach zurück nach New York fahren würde.› Zurück zu Junk und all dem, was ich zu lernen hatte, zu all dem, was ich damals trieb. Basta für heute! Meine Vergangenheit ist ein vergifteter Fluss.»

«Last words» ist voll von Trauer und quälender Selbstbefragung; aber ausgerechnet die Jahre mit Morphium werden nicht bereut, im Gegenteil: «Ohne Gottes Eigene Medizin hätte ich durchaus als einer der Typen enden können, die versuchen ‹den grossen amerikanischen Roman› zu schreiben, ohne dass je etwas draus wird, oder als alkoholischer Akademiker: ‹Wird man ihn berufen? Ob er sich von seinem Liebhaber trennen wird, mit dem er seit zehn Jahren zusammen ist?› Eine stinklangweilige Seifenoper, und dank Gottes Eigener Medizin bin ich nie drauf reingefallen.»

Wie ein Geist

1989 besuchte ich in Basel eine Ausstellung von Burroughs’ Bildern in der Galerie Carzaniga + Ueker. Es war Nachmittag, ich stand alleine im Saal vor einem zerballerten Gemälde, als ich jemanden hereinkommen hörte. Auf meiner Höhe angekommen, sagte eine verwaschene Stimme: «Hello.» Ich drehte mich um. Da stand Burroughs, wie ein Gespenst aus einer andern Welt, und blickte mich durchdringend an.

Ich folgte ihm. In einem Nebenraum fand eine Pressekonferenz statt, und ich setzte mich unauffällig hinzu. Burroughs sprach über Paul Klee, arabische Musik, religiöse Kontrolle bei den Mayas, Aids, biologischen Terrorismus und den verlogenen Krieg gegen Drogen. Ich sprach ihn auf Höhlenmalerei an, und er räsonierte über den Zusammenhang von Kunst und Magie: «Jeder Künstler möchte Leben erschaffen. Kerouac hat eine ganze Generation zum Leben erweckt.»

Am erstaunlichsten an Burroughs war der Kontrast zwischen der tadellosen Erscheinung eines pensionierten Bankdirektors, dem gleichgültigen, leicht ironischen Tonfall und dem psychischen Hochdruck, der dahinter spürbar war. Später gab es Aufnahmen im Innenhof. Burroughs stand neben einer alten Eisenplastik und strich mit der Hand nachdenklich über den Rost. Ich stellte mich neben ihn und bat eine Frau, ein Bild von uns zu machen. Dann verschwand er plötzlich, mit den Worten: «Ich muss noch die madegassischen Lemuren im Zoo sehen, bevor man schliesst.»

Aus der Aufnahme des Gesprächs mit meinem Walkman war nichts geworden, nur Rauschen und Flüsterstimmen. Und das Bild bekam ich auch nie. Das alles hätte aus einem seiner Romane stammen können, die so oft eine Atmosphäre von Unwiederbringlichkeit evozieren. In «Last words» zum Beispiel heisst es zehn Tage vor seinem Tod:

«Da fällt mir ein, wie in Mexico City der Mann vom Schreibmaschinenverleih kam, um meine Maschine zurückzufordern. Er konnte natürlich nicht wissen, wer ich bin, weil ich’s damals noch gar nicht war, und er sagte: ‹Wenn Sie bezahlen gut, okay. Wenn Sie bezahlen malo, nicht gut.› Also nahm er die Maschine wieder mit, und ich sah ihn nie wieder. Es war ein grauhaariger Mann mittleren Alters, ohne jede Spur von Feindseligkeit. Alter Staub von toten Menschen und Orten.»

Obsessive Suche nach Stoff

Lange stand Burroughs im Ruf, ein gefühlloser und kalter Beobachter zu sein. Die medizinische Nüchternheit, mit der er seine Sucht beschrieb; seine tadellose Kleidung inmitten des schlimmsten Chaos; seine lakonischen Beschreibungen von Gewalt und Perversion; seine Faszination für Waffen, Revolutionen und exotische Krankheiten, die seine Bücher durchzieht, trugen ihm das Image eines zwar brillanten und hochgebildeten Stilisten ein, der jedoch auf seiner obsessiven Suche nach Stoff und Erfahrungen über Leichen geht, im Innersten unbeteiligt wie ein Ausserirdischer. In seinen Tagebüchern wird nun ersichtlich, dass sich hinter dem «hombre invisible», wie er in Tanger genannt wurde, ein Mensch voller Angst, Trauer und Schmerz versteckt. Und voller Liebe, wenn er über den Tod seines lebenslangen Freundes Allen Ginsberg schreibt oder das Ende seiner geliebten Katze Fletch («Wie sollte man als Unsterblicher den Schmerz ertragen, wenn nach und nach die ganzen Weggefährten wegsterben?»). Und da erstaunt es dann auch nicht mehr, wenn seine «letzten Worte» vom 30. Juli 1997 zugleich die Unmöglichkeit eines gesicherten Wissens und die Liebe beschwören. Am Ende wird er in gewisser Weise doch fertig mit seinem Leben, indem er sich eingesteht, dass man nie damit fertig wird:

«Keinen heiligen Gral, kein letztes Satori, keine endgültige Lösung. Nur Konflikte. Das Einzige, was zur Lösung von Konflikten beitragen kann, ist Liebe, so wie ich sie für Fletch, Ruski, Spooner und Calico empfand. Reine Liebe. Das, was ich für meine Katzen empfinde und empfunden habe. Liebe? Was ist das? Das natürlichste schmerzstillende Mittel, das es gibt. LOVE.»

Drei Tage später starb er an einem Herzinfarkt.

William S. Burroughs: Last words.
Sans Soleil. 326 S., Fr. 42.–
Hörspielfassung: «Last Words. Qui vivra verra».
William S. Burroughs, Ulrike Haage, Barbara Schäfer u.a. Fr. 35.–

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 14/03
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Schnellzugriff  

    Meist ...

    kommentiertgelesen

    zu den Top 20
    meist kommentiert

    Weitere Autoren

    alle Autoren

    Stöbern

    Ausgaben