Alois Gratwohl ist beseelt von einer grossen Idee. Sie heisst therapeutisches Klonen – er nennt sie die «Kerntransfer-Methode». Weil das Wort «Klonen» unpassend sei, es wecke bei den Leuten Horrorvisionen von grünen Männchen.
Alois Gratwohl aber will Leben retten. In seinem Alltag als Hämatologe transplantiert er leukämiekranken Patienten Blutstammzellen, gewonnen aus dem Knochenmark von verwandten oder fremden Spendern. Dabei erlebt er oft genug, wie sich die gesunden Spenderzellen gegen den Empfänger richten und bei diesem Verheerendes bewirken. «Graft versus Host Disease» heisst die gefürchtete Krankheit, die sich etwa in der Gestalt von Nierenversagen, Fehlfunktion von Mund- und Tränendrüsen oder schlimmen Hautreaktionen zeigt. Alois Gratwohl wünscht sich Stamm- und Gewebezellen, die keine Abstossungsreaktionen hervorrufen; deren Erbgut im Zellkern identisch ist mit demjenigen des Empfängers. Deshalb «Kerntransfer».
Pure Zukunftsmusik ist das – doch in Alois Gratwohls Denken so gut wie Realität. «Stellen Sie sich vor», hebt er an, faltet seine Hände über dem Tisch im kleinen Büro des Klinikums 2 im Basler Kantonsspital, fünfter Stock, Abteilung Hämatologie, die er leitet. «Stellen Sie sich vor, Ihr Mann habe einen Knollenblätterpilz gegessen, und seine Leber wäre zerstört. Sie spenden eine Eizelle, diese würde entkernt und mit dem Kern einer Körperzelle Ihres Mannes verschmolzen. Daraus liessen sich embryonale Stammzellen generieren. Aus denen könnte man Leberzellen züchten, welche die Gewebeeigenschaften Ihres Mannes hätten. Er könnte wieder gesund werden.» Pause. Und dann, eine kleine Terz höher: «Was kann man gegen diese Vorstellung haben? Was ist so schlimm daran, eine Eizelle zu spenden, wenn Sie dadurch Ihren Mann retten können?»
Ein Prediger voll Leidenschaft
Leise und eindringlich ist Alois Gratwohls Stimme, wie die eines Seelsorgers, der einem verirrten Schäfchen gut zuredet. Auch die Anrufe von Ärzten und Pflegenden seiner Abteilung, die während des Interviews den Chef um Rat fragen, beantwortet er mit stoischer Ruhe. Einzig die Augen sagen etwas anderes: dass in diesem Mann eine Leidenschaft brennt, die ihresgleichen sucht.
Davon tritt etwas mehr zutage, als er von Irving Weissman erzählt, dem Leiter des neuen Instituts für Krebs- und Stammzellbiologie der kalifornischen Stanford University. Weissman hat in den USA kürzlich für Aufsehen gesorgt mit der Aussage, dass er für die Herstellung neuer Stammzelllinien auch das therapeutische Klonen erproben wolle. Für dieses Vorhaben, erzählt Gratwohl, habe der Amerikaner von privater Seite einen sehr hohen Forschungsbeitrag bekommen. «Er ist weltweit einer der besten Stammzellenforscher», sagt er. Und hätte er, Gratwohl, noch einmal ein Sabbatical in Aussicht, dann würde er selber nach Stanford reisen, um in Weissmanns Gruppe die Kerntransfer-Methode zu lernen – und sie dann in Basel einzuführen.
Gratwohl ist der einzige Schweizer Wissenschaftler, der unumwunden sagt: «Wir brauchen das therapeutische Klonen.» Oder eben «den Kerntransfer». In Basel hat der 56-Jährige seine Medizinerkollegen überzeugen können, dieses Bekenntnis kollektiv zu unterstützen, nämlich in der Stellungnahme zum neuen Embryonenforschungsgesetz – welches das Klonen verbietet.
Bei Nichtmedizinern kommen seine Ideen weniger gut an. Sie wecken zwar keinen offenen Widerstand, aber ein diffuses Unbehagen – das Gefühl, hier gehe einer zu weit. Wenn sie Alois Gratwohl zuhöre, sagt etwa Pascale Steck, Geschäftsführerin des Basler Appells gegen Gentechnologie, dann laufe es ihr kalt über den Rücken. Gleichzeitig lasse sich dem Argument, dass Forschungsverbote die Heilungschancen schwerkranker Menschen mindere, kaum etwas entgegensetzen.
Was ist denn wirklich so schlimm am «Kerntransfer»? Was lässt sich dagegen einwenden, ein Ei aus dem eigenen Schoss herzugeben für jemanden, der todkrank ist? Selbst wenn es sich beim «Kerntransfer» um dieselbe Technik handelt, mit der das Klonschaf Dolly geschaffen wurde und jüngst, angeblich, das erste Klonbaby namens Eve?
Tritt Alois Gratwohl vor ein Publikum, wird aus dem Seelsorger ein Prediger. Ganz egal, ob er Journalisten, Schülerinnen vom Basler Bäumlihof-Gymnasium oder die Teilnehmer eines Bürgerpanels vor sich hat. Dann bemüht er sich zwar um Nüchternheit, spricht aber mit glühenden Wangen von den «Optionen, die wir uns offen halten müssen», von «starren Dogmen, die morgen schon fallen können», vom Mut, den es manchmal brauche, weit in die Zukunft zu denken; im Interesse des Menschen und seinem Kampf gegen Krankheiten.
Das neue Embryonenforschungsgesetz, das die Forschung an überzähligen Embryonen und embryonalen Stammzellen regeln soll, ist in seinen Augen «falsch». Weil es zu sehr mit der Reproduktionsmedizin verknüpft sei und weil es die Tür zu künftigen Möglichkeiten verschliesse. «Wir brauchen dieses Gesetz, und darum befürworte ich lieber diesen Rahmen als gar keinen», sagt er. «Aber eine Revision ist quasi vorprogrammiert.»
Herunterspielen und verschleiern
Komplizierte Zusammenhänge reduziert Gratwohl in seinen Auftritten zu einfachen, für Laien verständlichen Schemas, medizinische Fachbegriffe verwendet er so zurückhaltend wie möglich. Umso stärker dafür sein moralischer Appell, vorgetragen in Moll: Der Mensch dürfe sich mögliche Therapiechancen nicht verbauen. Die Beispiele gleichen sich: «Stellen Sie sich vor, Sie leiden an Leukämie, und Ihre Schwester wäre bereit, eine Eizelle zu spenden», setzt er wieder an. Eine Eizelle für den Kerntransfer, versteht sich. Für die Herstellung von blutbildenden Stammzellen, die der Körper nicht abstösst.
Die Mehrzahl weiblicher Angehöriger von Betroffenen sei bereit zu einer solchen Eispende, wenn man ihnen Hintergrund und Ziel erkläre, sagt Alois Gratwohl. Als ob das alles morgen schon möglich wäre. Als ob Wissenschaftler schon heute imstande wären, Stammzellen aus dem Embryonalstadium in eine bestimmte, gewünschte Entwicklungsrichtung zu «lenken» und neues Gewebe in Fülle zu generieren. Nie erwähnt er von sich aus, dass es nicht eine, sondern Hunderte von Eizellen bräuchte, wie die Erfahrung bei Dolly gezeigt hat, bis nur schon der «Kerntransfer» gelänge – von Dollys kläglichem Ende letzten Monat ganz zu schweigen. Kein Wort über den Umstand, dass die Schweizer Verfassung jegliche Form des Klonens verbietet, auch das therapeutische.
Es ist dieses Herunterspielen von Schwierigkeiten, die sprachliche Verschleierung des Wortes «Klonen», weswegen Gratwohl unter anderem kritisiert wird – auch von Personen, die seine Fachkompetenz sonst schätzen. Zu ihnen gehört Max Hauck, Koordinator des Nationalen Forschungsprogramms «Implantate und Transplantate», in dem Gratwohl als Studienleiter für die Stammzellen-Projekte fungiert. Haucks Vorwurf an den Hämatologen: Wenn Laien merken, dass aus einem «Kerntransfer» theoretisch auch ein fertiges Klonbaby entstehen kann, fühlen sie sich für dumm verkauft.
Gratwohl selber nimmt solche Einwände ebenso in Kauf wie die Kritik, menschliches Leben dürfe grundsätzlich nicht instrumentalisiert werden, auch nicht zur Erforschung neuer Therapien. Man dürfe den Wissenschaftlern das Forschen an Embryonen nicht erlauben, heisst es dann etwa, sonst folge das Klonen auf dem Fuss. Gratwohl: «Ich habe mich in der Stammzellendebatte schon immer für den Kerntransfer eingesetzt. Und wenn man mir jetzt vorhält, ich wolle die ganze Hand, wenn man mir nur den kleinen Finger gebe, dann stimmt das nicht. Ich habe von Anfang an gesagt, ich will die ganze Hand.»
Indes ist Gratwohl kein Severino Antinori, keine schillernde Figur mit Starallüren. Eher ein im Grunde bescheidener Kliniker, der sich mit Leib und Seele für sein Fachgebiet einsetzt. Seine Triebfeder: der kranke Patient. In seinen klinischen Studien beschäftigt er sich hauptsächlich mit der «Graft versus Host Disease» – jener Reaktion einer Stammzellentransplantation, die Ärzte wie er am meisten fürchten. Es treffe ihn in seinem Innersten, wenn er einen Patienten verliere, sagt Gratwohl. Alle, die sich an der lauen Schweizer Stammzellendebatte in irgendeiner Form beteiligen und dabei einen Eindruck des Basler Hämatologen gewinnen, attestieren ihm dieses beispiellose, fast religiöse Bestreben, Menschen zu helfen und zu heilen. «Er ist kein Showman», sagt etwa der Ethiker Hans-Peter Schreiber, der im Rahmen einer Fortbildung einmal eine Woche auf Gratwohls Abteilung verbrachte. «Was er nach aussen vertritt, das lebt er auch. Alois ist der Letzte, der sich kaufen liesse. Er ist absolut integer.»
Feindbild Forscher
Dafür politisch ziemlich unklug. Er merke nicht, dass er Flurschaden anrichte, sagen die ihm Wohlgesinnten. Konkret: Er gefährde womöglich das Embryonenforschungsgesetz, welches das Parlament dieses Jahr verabschieden soll. Denn mit seinen zukunftsgerichteten Ideen gibt er exakt das Bild des Forschers, der dem Machbarkeitswahn verfallen ist – und dabei sämtliche Grenzen überschreitet. «Ich bin heute klar gegen das reproduktive Klonen, und was Antinori oder die Raëlianer betreiben, ist pure Effekthascherei», sagt er zwar. Wenn man aber das Kopieren von Menschen in den grösseren Kontext der Evolution stelle, sei es womöglich nicht ganz so abwegig. «Wir müssen offen bleiben: Was heute als absurd gilt, ist in einer Zeit nach uns vielleicht selbstverständlich. Und ich hüte mich davor zu sagen, es gebe gute und böse Techniken.»
Unangenehm sind solche Aussagen vor allem der Stiftung Gen-Suisse, in deren Stiftungsrat Gratwohl vertreten ist. Noch im vergangenen Juni, mitten im Vernehmlassungsverfahren, agierte die von der Pharmaindustrie finanzierte Gen-Suisse Seite an Seite mit Gratwohl: In der Schweiz müsse über die gezielte Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken und über das therapeutische Klonen diskutiert werden, forderte der damalige Präsident Richard Braun lautstark vor den Medien. Seit Anfang Januar hat die Stiftung einen neuen Präsidenten, Peter Gehr heisst er, und der ist ziemlich kleinlaut. Nein, es sei ein «ganz schlechter Moment», sich für das therapeutische Klonen einzusetzen, sagt er auf Anfrage. Er persönlich plädiere diesbezüglich eher für eine gewisse Zurückhaltung. Genau dies hält Alois Gratwohl für unehrlich. Er sagt: «Wenn zum Beispiel Präsident Bush verkündet, das therapeutische Klonen sei in den USA verboten, dabei ist es in der privaten Forschung zugelassen, ist das doppelzüngiges Gerede.» Das könne er nicht, dafür habe er ein zu ehrliches Gemüt.
Überzeugt und konsequent
Alois Gratwohl war 28 Jahre alt, als sein Selbstverständnis als Arzt, sein Glaube an das Machbare entscheidend geprägt wurde. Er war damals in den USA als Visiting Fellow am National Cancer Institute in Bethesda, Bundesstaat Maryland. In der Abteilung für krebskranke Kinder betreute der Schweizer Leukämiekranke – innerhalb des damals grössten Transplantationsteams weltweit. Allerdings steckte die Therapie mit den Stammzellen aus Knochenmark noch in ihren Anfängen, und sie schien die Hoffnungen nicht zu erfüllen, die man in sie gesetzt hatte. «Ich war noch kein Jahr dort, als die amerikanische Gesundheitsbehörde NIH verfügte, das Programm sei zu stoppen; die Knochenmarktransplantation sei keine Therapie der Zukunft», erzählt Gratwohl.
Er blieb trotzdem in den USA, betreute weiterhin seine Patienten, sah, dass nicht alle Zentren ihre Aktivitäten stoppten und dass sich die Bemühungen allmählich lohnten: Immer mehr Patienten überlebten. Heute ist die Knochenmarktransplantation eine Standardtherapie. «Man kann aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehen, dass sie einmal ernsthaft in Frage gestellt war», sagt Gratwohl, «wenngleich die Behandlung noch immer sehr schwierig ist.»
Und er erzählt von einem zweiten Schlüsselerlebnis in den achtziger Jahren, als er bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (heute SIAK) in Bern den Antrag stellte, ein nationales Register für nichtverwandte Knochenmarkspenden aufzubauen. «Es hiess, das gehe nicht und es sei ohnehin zu teuer.» Zehn Jahre später gab es dieses Register – angeschlossen an ein internationales Netz mit insgesamt acht Millionen typisierten Fremdspendern.
Alois Gratwohl hat aus solchen Erfahrungen die Erkenntnis gezogen, «dass man etwas bewegen kann, wenn man seiner Überzeugung folgt». Man müsse sich nur konsequent dafür einsetzen.













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