Vorige Woche liess er an der seit 1994 eingemotteten Atomanlage von Yongbyon die Siegel der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) entfernen. Nun schmiss er die drei IAEA-Überwacher aus dem Land, wie Saddam Hussein vor vier Jahren. Im Gegensatz zum Iraker verfügt Kim jedoch über ein Nuklearprogramm. Nordkorea könnte in zwei Monaten eine einsatzbereite Atombombe haben. Mit dem nuklearen Vabanquespiel hat Kim alle Seiten in Nordostasien aufgeschreckt, selbst seine letzten – skeptischen – Freunde in Moskau und Peking. Andrerseits setzt sich der innerkoreanische Dialog fort, als ob nichts geschehen wäre; die Bauarbeiten an der Bahnverbindung über die Grenze gehen weiter. Gewiss könnte die jüngste Eska-lation die mühsame Entspannung zwischen den beiden Koreas nichtig machen, doch bislang ist das nicht geschehen. Selbst die amerikanische Lebensmittelhilfe – Nordkorea hängt von Almosen ab – kommt weiter ins Land.
Aus Pjöngjangs Communiqués wird denn auch deutlich: Kim Jong Il hat nicht die Absicht zur militärischen Aggression. Seine Drohgebärden sind verhandelbar, ihr Adressat ist Washington. Kim glaubt – in Verkennung der Kräfteverhältnisse –, die USA an den Verhandlungstisch zu zwingen, ihnen einen Nichtangriffspakt abringen zu können. Gelänge eine Einigung mit den USA, so hat man in Pjöngjang stets geglaubt, zögen Tokio und Seoul nach.
Der US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hingegen warnte, die USA liessen sich nicht erpressen. Pjöngjang freilich meint, das gehöre zum Spiel: Also erhöht es den Druck – wie schon 1994, bis es damals fast zum Krieg kam. Indes läuft Kim Jong Il Gefahr, so weit, wie er nun gegangen ist, ohne Gesichtsverlust nicht zurückzukönnen. Seine Propaganda stilisiert ihn als mutigen Führer, der im Namen der Dritten Welt den aggressiven Amerikanern die Stirn bietet. Dieses trotzige Spiel macht einen bewaffneten Konflikt auf der koreanischen Halbinsel denkbar, einen Krieg, den niemand will – Kim Jong Il am wenigsten –, auf den sich aber alle vorbereiten.
Während er mit der Kriegsangst seine Position festigt – Nordkorea wähnt sich, seit Peking und Moskau gute Beziehungen zu Südkorea haben, von Feinden umzingelt –, würde sein Regime einen neuen Koreakrieg nicht überleben. Den Frieden auf die Dauer allerdings auch nicht. Der Parallelen zu Rumänien und Jugoslawien ist man sich in Pjöngjang durchaus bewusst.
Entführung fürs Privatvergnügen
Wer ist der kurz gewachsene Mann mit der schwarzen Tolle und einer abgedunkelten Brille, der mit dem nuklearen Feuer spielt? Der «geliebte Führer» seines stalinistischen Staates, für den die Erpressung ein Instrument der Aussenpolitik ist, lässt Menschen entführen, Drogen nach Japan und Taiwan schmuggeln und Diplomaten Falschgeld in Umlauf setzen, etwa in Bangkok. Als Waffenlieferant zählt er Gaddafis Libyen, Jemen, Burma und die Tamil Tigers zu seinen Kunden. Und die neue Atommacht Pakistan, die er mit ballistischen Raketen für ihre Sprengköpfe versorgt. In seinem Arbeiterparadies genügt ein falscher Witz, einen ins Arbeitslager zu bringen.
Viele Informationen besitzen wir über Kim Jong Il nicht, Quellen gibt es kaum; bloss offizielle Hagiografien, Berichte von Überläufern, dazu die Einschätzungen des südkoreanischen Filmerpaares Shin Sang Ok und Choi Eun Hee. Kim liess die beiden 1978 im Abstand von einigen Monaten aus Hongkong verschleppen: weil er sie, wie er ihnen freimütig bekannte, «unbedingt brauchte». Sie sollten Pjöngjangs Filmindustrie professionalisieren – und ihn als Filmstars privat unterhalten. Dazu hielt er die beiden acht Jahre lang in einem vergoldeten Käfig fest, bis ihnen die Flucht gelang.
Es kursieren Gerüchte über wilde Partys, Orgien und Besäufnisse. Kim Jong Il sei der beste Einzelkunde des französischen Cognac-Brenners Hennessy, heisst es. Seine Frau Sung Hye Rang, eine Schauspielerin, vertrieb er mit ständigen Affären ins Exil (sie starb kürzlich in Moskau). Er liebt schnelle Autos, soll in jeder Provinz Nordkoreas eine luxuriöse Residenz unterhalten, eine private Videothek mit 22000 Filmen besitzen, ein James- Bond-Fan sein, sich überhaupt mehr um Filme kümmern als um die Staatsgeschäfte. In seinem Büro sollen stets auf zwanzig Schirmen Fernsehprogramme laufen, drei davon südkoreanische.
Nordkoreas Medien entnehmen wir, dass er oft Fabriken, Kolchosen und Armee-Einheiten besucht. Sie zeigen ihn, wie er eine Brauerei inspiziert und eine Zahnbürstenfabrik – und stets weise Ratschläge erteilt. Öfter noch, wie er militärische Verbände begutachtet, stets den Vorrang der Armee betonend. Andrerseits scheut er die Öffentlichkeit, hält kaum Reden, gibt keine Interviews und reist erst seit zwei Jahren ins Ausland: nach China und zweimal nach Russland – tagelang mit einem Sonderzug statt im Flugzeug. Seine Gesundheit ist ein Staatsgeheimnis. Die Weltpresse hat ihn lange als Spinner, Playboy und Irren verhöhnt.
Ein südkoreanischer Unterhändler berichtet allerdings, Kim sei ein guter Zuhörer. Finde er einen Vorschlag akzeptabel, entscheide er auf der Stelle. Er ziehe Gespräche beim Essen offiziellen Terminen vor, spreche ausser über Filme auch gerne über Musik und übers Internet. Einer, der seine schlechten Karten meisterhaft spiele, schreibt ein Beobachter. Der russische Präsident Wladimir Putin sagte nach dem letzten Treffen, Kim Jong Il sei ein «gebildeter Mensch und gescheiter Politiker mit feinem Humor». Auch Südkoreas Präsident Kim Dae Jung schien beim Gipfel angetan. Und die frühere US-Aussenministerin Madeleine Albright liess sich von Kim gar zum Tanz hinreissen.
Ist er nun wirklich der launische Tyrann, Pirat, Rüpel und Schurke, als den US-Präsident George W. Bush ihn darstellt? Der Halbgott, als den seine Untertanen ihn (angeblich) verehren? Oder bloss ein unorthodoxer Staatschef eines ungewöhnlichen Landes und eine Geisel der Strukturkrise, in der sich dieses befindet?
Der Filmer Shin Sang Ok, der viel Zeit mit seinem Entführer verbrachte, glaubt, dieser sei sich der miserablen Lage Nordkoreas durchaus bewusst. Auch wisse er, wie unpopulär er sei. Doch er finde keinen Ausweg, das Land zu reformieren, ohne seine Macht zu riskieren. Und sein Gesicht. Schon deshalb werde er nie zum Gegenbesuch nach Seoul reisen. «Was, wenn dort keine winkenden Massen am Strassenrand stünden?», fragt Shin.Kim, so Shin, ziehe sich Hollywoodfilme rein, als wären es Dokumentarstreifen über das Leben im Westen – ein Missverständnis, das wir aus der Ex-Sowjetunion kennen. Eine Kindheit im Guerillalager und Bürgerkrieg, in meist bäuerlichen Verhältnissen, ohne intellektuelle Stimuli und fern der traditionellen koreanischen Kultur, dann eine Jugend in der Isolation der Nomenklatura des kommunistischen Klientenstaates, ein ungebildeter, misstrauischer, allmächtiger Vater; Kim Jong Il erhielt kaum Gelegenheit, einen Sinn für die Realität jenseits seiner Grenzen zu entwickeln. Vielleicht erklärt sich sein Säbelrasseln bloss damit, dass eine nukleare Erpressung in einer Hollywood-Schwarte durchaus zum Ziel führt?
Sicherlich ist Kim Jong Il ein Gefangener seiner Rolle, als Sohn des «grossen Führers» Kim Il Sung dessen Erbe vollstrecken zu müssen: einerseits der «Arbeiterpartei» die Macht zu erhalten, andrerseits die «Revolution» zu vollenden. Der alte Kim versprach jedem Nordkoreaner täglich ein Hühnchen im Topf, Seidenkleider und ein Ziegeldach über dem Kopf. Stattdessen herrscht Hunger. Dagegen gelobt Kim Fortschritt, betreibt aber Stagnation. Um sein Volk zu ernähren, müsste er die Wirtschaft ankurbeln; um die Macht seiner Clique zu sichern, die Zeit anhalten. Letzteres erklärt sich aus der Geschichte Nordkoreas.
Der Koreakrieg war so sehr ein Bürgerkrieg zwischen den Rebellen gegen die japa-
nischen Besatzer und jenen, die sich mit der Kolonialmacht arrangiert hatten, wie er ein Stellvertreterkrieg des Kalten Krieges war. Vater Kim trat – wie Mao Zedong – zuerst als Guerillaführer in Erscheinung. Im «Exil» in der Mandschurei probte er den Kampf gegen die Japaner, erhielt ab 1941 in der Sowjetunion eine militärische Ausbildung. Nach Kriegsende zurück in Korea, bauten die Sowjets ihn zum künftigen Führer auf. Schliesslich half ihm der Koreakrieg, seine Ansprüche zu verfestigen, indem er die überlieferten Politstrukturen zerstörte.
Heldenbiografie von der Propaganda
War Kim Il Sung Kommunist? In Korea gab es keine Kommunisten, man unterschied während der Kolonialzeit allerdings nicht zwischen Nationalisten und Kommunisten, wichtig war der Widerstand gegen die Japaner. Koreas Nationalismus fusste auf dem Schock, im 19. Jahrhundert von Japan übers Ohr gehauen und 1910 eingesteckt worden zu sein. Der australische Korea-Kenner Adrian Buzo beschreibt ihn als ein «Gefühl der Ungerechtigkeit, der Machtlosigkeit und Ungleichheit»; die Koreaner hatten keine Hoffnung, die Aussenwelt könnte etwas anderes sein als eine Bedrohung.
Nach Ende des Bürgerkriegs adaptierte der junge Guerillaführer Kim Il Sung die Ideologie seines Gönners, Stalins; sie war durchaus kompatibel mit der koreanischen Erfahrung, Opfer der imperialen Mächte Japan und Amerika zu sein. Allmählich zementierte er seine Macht, schaltete Rivalen aus. Die Propaganda konstruierte ihm eine Heldenbiografie, stilisierte seine Vorfahren zu Radikalpatrioten, ihn selbst zum Schöpfer der «Juche»-Philosophie, einer konfuzianisch angehauchten Variante von Stalins «Sozialismus in einem Land». Wie unter Stalin wurde der Personenkult immer dreister.
In Diktaturen ist die Macht personifiziert, die Institutionen sind schwach – in kommunistischen Diktaturen ohne Privatbesitz erst recht. Doch kaum ein anderer Diktator hat die Institutionen selbst seines eigenen Apparats so nachhaltig zerschlagen wie Kim Il Sung: Selbst Stalin bemühte sich, der Verfassung zumindest formal zu genügen. Nordkoreas KP dagegen respektiert nicht einmal ihre eigenen Einrichtungen; ein Parteitag, gemäss Statuten alle vier Jahre, hat seit 1980 nicht stattgefunden.
Wie einst Stalin verschob Kim Il Sung seine leitenden Kader in ständigen Rochaden immer wieder, damit sich keine Fraktionen bilden können. In seiner Führungsriege sassen Ex-Guerillas, die an seiner Seite gekämpft hatten, Generäle und Verwandte. Adrian Buzo nennt dies eine «Guerilla-Dynastie».
Ab 1974 baute der alte Kim Il Sung seinen Sohn Kim Jong Il auf, als seinen Leutnant und designierten Nachfolger. Auch ihm dokterte die Propaganda eine Biografie: Kim Jong Ils Mutter wurde zur antijapanischen Widerständlerin, seine Geburt vom russischen Dorf Vyatskoje nach Korea verlegt, auf den Berg Paekdu, wo Tangun, so der Mythos, der Urvater des koreanischen Volkes, geboren sein soll. Als ob das nicht genügte, ging zu seiner Geburt ein Leitstern über dem Paekdu auf, und «ein schlafender Drache rührte sich, was Winde und Sturm verursachte», wie es in seiner offiziellen Biografie heisst. Der Leitstern verkündigte dem koreanischen Volk die nationale Wiedergeburt, mithin das Ende der Unterjochung durch die Japaner.
Papa Kim entstammte einer presbyterianischen Familie; die Geschichte der Geburt Christi muss ihm bekannt gewesen sein. Seinen Sohn machte er somit zum koreanischen Messias. Der studierte in Pjöngjang schlecht und recht Volkswirtschaft, einige Monate auch in der DDR, von wo er aber vorzeitig nach Hause geschickt worden sein soll. 1967 trat er in den Parteiapparat ein, kam 1974 ins Politbüro und leitete lange den Geheimdienst. In diese Zeit fallen die Verschleppungen von Japanern und Südkoreanern und die Bombenanschläge auf eine südkoreanische Regierungsdelegation 1983 in Rangun und 1987 auf ein Verkehrsflugzeug des Südens. Letzterer sollte Seouls Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 1988 sabotieren.
In den achtziger Jahren übernahm Kim Jong Il die Geschäfte seines Vaters, erhielt aber erst 1991 eine offizielle Position: Papa machte ihn zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte, 1992 zum Marschall. Dass er ihm damit das Instrument der Machtausübung in die Hand gab, zugleich aber an jene Kräfte band, die sich gegen jede Öffnung sperrten, kann dem alten Kim nicht entgangen sein. Dem Sohn, der nie gedient hat, sicherte er damit die Loyalität der Militärs, den Generälen – Papas Weggenossen – den Einfluss auf den Sohn.
Fortbestand der Papa-Dynastie
Folgen wir der Argumentation des langjährigen Korea-Beobachters Aidan Foster-Carter, verfügt Kim Jong Il kaum über Spielraum, das Land gegen den Willen der Generäle zu öffnen. Abhängig vom Phantom des toten Vaters, der ihn als Statthalter installiert hat, mithin von der Armee, die ihn stützt, kann Kim Jong Il bloss den Status quo erhalten: den Fortbestand von Papas Guerilla-Dynastie inklusive deren xenophoben Nationalismus. Ein Generationswechsel, wie China ihn regelmässig erlebt, ist unmöglich, zumal auch die Verwandtschaft in der Führungsriege sitzt; etwa Schwester Kim Kyong Hui und ihr Ehemann Jang Song Taek. Seinen Halbbruder und Rivalen Kim Pyong Il dagegen schiebt Kim auf Botschafterposten ab, jüngst nach Warschau. Nur Kim Jong Nam, sein ältester Sohn – der voriges Jahr mit einem falschen Pass nach Tokio zum Einkaufen flog, von der Grenzpolizei jedoch entdeckt wurde –, scheint in Ungnade gefallen zu sein.
Entzweit Kim Jong Il sich mit den Militärs, verliert er seine Hausmacht und seine Macht, weil es andere stabile Institutionen nicht gibt, auf die er sich stützen könnte. Papa und Sohn haben alle zerschlagen. Dem nordkoreanischen Staatsgebäude droht nicht, wie es die Propaganda will, die Zerstörung durch einen Angriff des Südens oder der USA oder die Zersetzung durch Konterrevolutionäre: Seine Strukturen sind bereits kaputt, zerschmettert vom eigenen Tyrannen. In Nordkorea herrscht Absolutismus: Doch statt «L’Etat, c’est moi», wie der französische König Louis XIV klarstellte, müsste Kim Jong Il sagen: «L’Etat, c’est mon père.» Der grandiose Übervater. «Mais le père est mort, le père est mort» – der Kaiser ist nackt; nur traut noch keiner sich, das zu sagen.
1994, nach dem Tod Kim Il Sungs, prognostizierte der damalige Präsident Südkoreas, Kim Young Sam, die baldige Implosion des Nordens. Die erste Runde nuklearer Erpressungsdiplomatie verschaffte Aufschub; in Form von Almosen, die Kim halfen, den Status quo zu halten. Ohnehin wünscht niemand in Nordostasien den Kollaps Nordkoreas; China, Russland, Japan und die US-Truppen in Südkorea fürchten ein Machtvakuum, Flüchtlingsströme, eine hungrige, bis an die Zähne bewaffnete Millionenarmee ohne Kommando. Deshalb wird man ihn auch dieses Mal, wenn Kim sich nicht zu erratisch benimmt, wieder aufpeppen.
Derweil zerfällt Nordkoreas Wirtschaft, Kim findet kein Rezept. Verzweifelte Öffnungsversuche – die Gipfel mit Seoul und Tokio, Besuche im kapitalistischen Russland und beim Wirtschaftswunder von Schanghai, eine ökonomische Sonderzone und Tourismusprojekte – haben wenig gebracht. Jeder Vorstoss scheitert, sei es, weil Kim Jong Il ökonomische Mechanismen nicht versteht – nach dem Schanghai-Besuch heuerte er Architekten an, um die imposanten Gebäude nachzubauen –, weil die Neuerungen dilettantisch angegangen werden, weil irgendwo jemand bremst (die Armee? – oder er selbst) oder bloss, weil die Realität komplexer ist als das Kino. Und gefährlicher.
«L’Etat, c’est son père», aus dessen Schatten er sich nicht lösen kann. Welche Koinzidenz, dass Kim Jong Il mit Amerikas Präsident George W. Bush auf einen Gegenspieler trifft, der sich ebenfalls aus dem Schatten eines grösseren Vaters lösen muss, sich dem Papa zu beweisen sucht, um ein Gesicht zu gewinnen.













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