-A  A  A+
19.12.2002, Ausgabe 51/02

Nazigold

«Eine kleine Gruppe spielt alles hoch»

Stephen P. Halbrook über Stuart Eizenstat, die Arbeitsweise amerikanischer Historiker und die Rolle von Hillary Clinton in der Kampagne gegen die Schweiz.

Von Hanspeter Born

Anzeige

Das Buch von Stuart Eizenstat «Imperfect Justice» hat, bevor es auf dem Markt ist, grosse Aufregung ausgelöst. Auf dem Umschlag zeigt es ein Schweizerkreuz, das von einem aus Goldbarren gebildeten Hakenkreuz überdeckt wird.
Dieses Cover ist absolut verwerflich. Das Buch ist ein Produkt des Eizenstat-Berichts, der von der amerikanischen Regierung bestellt worden war. Dieser Bericht befasst sich einzig mit Gold- und finanziellen Transaktionen und verschweigt die von Nazideutschland ausgehende Bedrohung und den schweizerischen geistigen Widerstand. Er sagt nichts über den gewöhnlichen Schweizer, der zu den Waffen gerufen wurde, und die Schweizerin, die allein zu Hause die Arbeit verrichtete. Ein Aspekt wird herausgegriffen und verzerrt wiedergegeben. Eizenstat behauptet auch, die Schweiz habe den Krieg um zwei Jahre verlängert. Diese Behauptung wird nicht durch den kleinsten Beweis gestützt.

Mit seiner Wertung steht Eizenstat nicht allein. Auch der New Yorker Richter Edward Korman hat sich abschätzig über das Verhalten der Schweiz gegenüber Hitler geäussert.
Korman ist ein Richter, der seine Schulbildung in den Vereinigten Staaten erhalten hat und von Geschichte nichts versteht. Sein Kommentar, wonach die Schweiz unter Hitlers Kontrolle war, finde ich auch verwerflich. Wir stehen hier vor dem Phänomen des «hässlichen Amerikaners», der ein kleines bisschen Wissen besitzt – gerade genug, um gefährlich zu sein und diese Art von Sprüchen über ein anderes Land zu machen.

Wie erklären Sie sich, dass die Schweiz zur Zielscheibe der Kritik geworden ist?
Die Leute, die die Schweiz angreifen, leben in einer Fantasiewelt, die nicht existiert. Wenn Sie wissen wollen, was die Alliierten in der Kriegszeit selber über die Schweiz dachten, dann schauen Sie sich an, was Winston Churchill gesagt hat: «Von allen Neutralen hat die Schweiz das grösste Recht auf Auszeichnung. Sie war ein demokratischer Staat, der für Freiheit und Selbstverteidigung in den Bergen gestanden hat und – trotz Rasse – weitgehend auf unserer Seite war.» So dachten auch die Amerikaner. Mein Buch «Die Schweiz im Visier» enthält viel Stoff aus den amerikanischen Medien, von amerikanischen Politikern und Diplomaten, die sich in diesem Sinne äusserten.

Wenn jetzt amerikanische Kritiker die damalige Bedrohung der Schweiz kaum zu Kenntnis nehmen, empört dies die Schweizer Aktivdienstgeneration. Zu Recht?
Kurz nachdem der Eizenstat-Bericht erschienen war, nahm ich an einer Tagung über die Schweizer Neutralität nach dem Krieg teil. Beim Mittagessen sass ich neben dem Historiker Swaney, der die Forschungsarbeit für den Eizenstat-Bericht koordinierte. Ich erwähnte die deutschen Invasionspläne für die Schweiz. Swaney wusste nicht einmal, dass solche überhaupt existierten. Er und seine Mitarbeiter hatten keine deutsch oder französisch geschriebenen Bücher über den Zweiten Weltkrieg konsultiert. Wir Amerikaner sind nicht besonders sprachbegabt, und der Eizenstat-Bericht stützte sich hauptsächlich auf englischsprachige Quellen. Aber selbst wenn man dies in Betracht zieht, kann der Bericht nur als politischer Angriff gewertet werden. Vor 1995 dachte nämlich auch im englischsprachigen Bereich niemand so. Hätte nicht eine kleine Gruppe von Leuten ein Interesse gehabt, die Frage hochzuspielen, wäre all das nicht passiert. Man kann diese Personen an den Fingern beider Hände abzählen: Edgar Bronfman, Hillary Clinton, Al D’Amato und ein paar andere erfanden dieses Zerrbild der Schweiz.

Hillary Clinton?
Edgar Bronfman hatte eine Unterredung mit Hillary Clinton und überzeugte sie, dass sie ihren Gatten, Bill Clinton, dazu bringen sollte, die amerikanische Regierung in die Anti-Schweiz-Kampagne einzuspannen. Das Endergebnis war der Eizenstat-Bericht.
Unterschätzten die Schweizer Behörden in den neunziger Jahren die Sprengkraft des Themas?

Sie leisteten diesen berufsmässigen Kritikastern («bashers») gute Dienste. Man muss verstehen, dass es sich hier um ein typisches amerikanisches Vorgehen handelt, das wir «Playing Hardball» nennen. Wenn man eine Gerichtsklage einreicht, dann will man gewinnen, und so beginnt man damit, den Gegner möglichst schlecht zu machen – als Inbegriff des Bösen, als grossen Satan, was auch immer. Die Schweiz wurde das Opfer dieser Taktik.

Hätten sich die Schweizer nicht besser verteidigen können?
Ein Fehler, der am Anfang gemacht wurde, bestand darin, dass die Schweizer die Sache nicht von Regierung zu Regierung behandelten. Man hätte nicht Vertreter der Botschaft zu den Anhörungen der Kongressausschüsse entsenden sollen. Wenn das Staatsdepartement der USA mit dem Schweizer Botschafter über die Holocaust-Gelder reden will, ist dies der normale Dienstweg. Der Bankenkommission von Senator D’Amato ist die Schweiz keine Rechenschaft schuldig. Die Schweizer hätten sich auch nicht von der Boykottdrohung amerikanischer Gemeinden einschüchtern lassen sollen. Aussenpolitik wird von der Bundesregierung gemacht, nicht von Gemeinden.

Steht es einer Gemeinde nicht frei, zu tun, was ihr beliebt? Wenn sie nicht mit Schweizer Banken geschäften will, ist das ihre Sache.
Nein, Gemeinden dürfen nicht Boykotte gegen andere Länder organisieren. Es gibt einen Entscheid des Obersten Gerichtshofes, der es Bundesstaaten und Gemeinden untersagte, Burma wegen Verletzung des Menschenrechts zu boykottieren. Aussenpolitik ist Sache des Präsidenten und seiner Regierung. Als im Falle der Schweiz Gemeinden mit Boykott drohten, rührte die Clinton-Administration keinen Finger, weil sie das Vorgehen billigte.

Die Schweizer hätten sich nicht einschüchtern lassen dürfen?
Ich will keine Vorwürfe machen. Aber man war zu konziliant. Denken Sie an die ganz andere Haltung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg gegenüber Hitler. Diese Haltung existierte sechzig Jahre später überhaupt nicht, und zwar nirgends, nicht in der Botschaft und nicht in Bern. Die Amerikaner haben nichts gegen die Schweizer. Es war eine ganz kleine Anzahl von Politikern und Medienleuten, die diese ganze Sache kreiert haben. Wenn man einzelnen Zeitungen glauben wollte, die diese Sache aufbauschten, hätte man meinen können, alle Amerikaner hassten die Schweiz. In Wahrheit weiss der typische amerikanische Arzt oder Arbeiter nichts von diesem Thema, und wenn er davon wüsste, wäre es ihm egal.

Wenn Sie die Schweiz über den Umgang mit der Geschichte beraten müssten, was würden Sie ihr sagen?
Es wäre gefährlich für mich, der Schweiz Ratschläge zu geben. Aber ich hoffe, dass Schweizer Historiker weiter forschen und dass ein Projekt «mündliche Geschichte» in Angriff genommen wird, in dem Menschen der Aktivdienstgeneration interviewt werden, bevor sie alle gestorben sind. Die junge Generation sollte wissen, was geschah, und für die Opfer, die während des Kriegs erbracht wurden, dankbar sein.

Stephen P. Halbrook, 55, ist Rechtsanwalt in Fairfax,Virginia. Bereits als Bub hatte er sich für den Zweiten Weltkrieg interessiert und sich beim Betrachten militärischer Karten immer gefragt, wieso in einem von Hitler besetzten Europa die Schweiz ein weisser Fleck geblieben war. Als Spezialist für amerikanischeVerfassungsgeschichte fielen ihm später Parallelen auf zwischen dem republikanischen Befreiungskampf der amerikanischen Gründungsväter gegen die britische Monarchie und demjenigen der Eidgenossen gegen die Habsburger. Als passionierter Schütze besuchte er 1991 die Schweiz, um am Schützenfest in Luzern teilzunehmen.

Für sein Buch «Die Schweiz im Visier: Die bewaffnete Neutralität im Zweiten Weltkrieg» (Novalis-Verlag, vergriffen) wurde er mit dem Preis der Max-Geilinger-Stiftung für Verdienste um die schweizerische und angloamerikanische Kultur ausgezeichnet.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 51/02
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Schnellzugriff  

Mehr von Hanspeter Born

alles von Hanspeter Born

Meist ...

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist kommentiert

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist gelesen

Weitere Autoren

alle Autoren

Stöbern

Ausgaben