Kannibalismus II

Die Gier

Auch Peter Greenaway hat einen Mann gebraten. Im Film.

Von Thorsten Stecher

Herr Greenaway, was wissen Sie über Menschenfresserei?
Recht viel. Immer, wenn jemand mit Stolz verkündet, er sei Vegetarier, sage ich: O interessant, ich bin Kannibale.

Aha. Ist dies der Grund, warum in Ihrem berühmten Film «The Cook, the Thief, His Wife and Her Lover» ein junger Mann zuerst gebraten und dann gegessen wird?
Der Kannibalismus in «The Cook» war mehr Metapher als Realität. Ich benutzte ihn für eine politische, soziale Botschaft: Guckt Leute, wie verdorben wir in unserer Konsumgesellschaft bereits sind. Gierig schlingen wir alles in uns hinein, inklusive unserer Mitmenschen.

Wir sind, was wir essen?
Aber natürlich. Das beginnt doch bereits mit der Religion. Worauf beruht denn das Abendmahl? Auf den Worten von Jesus Christus: Nehmt dies und esst. Es ist mein Leib, der euch gegeben wird an meiner Statt. Was also finden wir im Kern des katholischen Glaubens? Eine kannibalistische Geste! Aber auch kulturell ist das tief verankert. Auf nichts ist die (männliche) Weltsicht so fixiert wie auf die weibliche Brust. Und ist das Saugen von Milch aus so einer Brust nicht eine Unterform von Menschenfresserei? ›››

Ähnlich wie im Falle Armin M. wird der geröstete Mann auch in Ihrem Film vom Penis her verspeist.
Das war eine Frage der Geschlechterpolitik. Es ist ja die Frau im Film, die ihren Liebhaber grillen lässt. Sie will ihren Ehemann provozieren, indem sie sagt: «Sein Penis ist das Beste, die ideale Vorspeise.» – Ausserdem, wer weiss, vielleicht ist er ja eine Delikatesse.

Vielleicht. Hat Sie auf dem Filmset denn kein richtiger Koch beraten?
O doch. Ein sehr guter sogar. Einer aus dem Londoner «Savoy-Hotel». Die Frage war ja: Wie bekommt man einen ganzen Mann fachgerecht gar?

Wie nämlich?
Man brät ihn wie einen Ochsen. An einem Spiess, den man längs durch den Körper treibt. Unser Koch schlug dann noch wahlweise vor, den Mann in einem grossen Ofen im eigenen Saft zu schmoren, ähnlich wie ein Huhn oder eine Weihnachtsgans. Kalkulierte Garzeit: sechs Stunden – wenn man nicht möchte, dass gewisse Partien noch roh sind und andere schon matschig.

Das haben Sie ernsthaft durchgerechnet?
Im Filmgeschäft darf man nichts dem Zufall überlassen.

Jetzt aber mal ernsthaft, Herr Greenaway: Für viele ist die Szene vom gegrillten Mann die eindrücklichste Ihres Werkes. Warum?
Nun, ich glaube, gerade weil sie so ekelhaft ist. Kannibalismus ist eine gefährliche Zone. Sie ängstigt uns zutiefst; dies obwohl wir sie, in unserer Vorstellungen, wohl alle schon mal durchschritten haben. Andererseits bin ich mir sicher, dass sich der Kannibalismus in gewissen Umständen auch unter «zivilisierten Menschen» durchsetzen kann – und auch schon durchgesetzt hat. Denken Sie an eine Gruppe Menschen, die mit dem Flugzeug in den Anden abgestürzt ist. Irgendwann werden die Überlebenden Hunger bekommen... Es ist das Wissen um diese Möglichkeit, das uns so ängstigt.

«The Cook» wurde 1989 von der amerikanischen Zensur unter «X-Rated» eingestuft, das heisst so behandelt wie ein Pornofilm.
Ich glaube, dass man über den Film so erschrak, weil er Tabus auslotete. Er stellte präzise und seriöse Fragen zu den Extremen der menschlichen Erfahrung. Das nicht, um sie zu zelebrieren. Mein Film sollte den Zuschauern helfen, das Normale zu verstehen. Eine Mittelebene sozusagen, auf der wir alle doch hoffentlich so lange wie möglich sehr glücklich leben können.


Peter Greenaway, 60, in Wales geboren, gilt als der künstlerisch ambitionierteste und kontroverseste britische Filmemacher. Er lebt in Amsterdam.

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