Westen

Die Aktivistin

Die Nobelpreisträgerin Jody Williams kämpft seit Jahren gegen Landminen. Sie will beweisen, dass internationales Recht die furchtbaren Waffen bannen kann. Aufgezeichnet von Martin Kilian

Von Aufgezeichnet von Martin Kilian

Kürzlich feierten wir den fünften Jahrestag der Unterzeichnung des Abkommens gegen Landminen. Mich überrascht immer wieder, dass das Verbot von Landminen eine solche Resonanz hat. Regierungen und Organisationen auf der ganzen Welt und natürlich besonders jene Menschen, die von Landminen betroffen sind, setzen sich dafür ein. Es ist jetzt zehn Jahre her, dass wir mit dem Kampf für ein Verbot von Landminen begonnen haben. Unvermindert zieht dieses Anliegen die Menschen an, darunter auch Prominente wie Paul McCartney oder die Schauspielerin Angelina Jolie.

Die Vitalität dieser Bewegung ist wirklich erstaunlich. Politisch gesehen wird die Kampagne als Leuchtturm der Hoffnung gesehen, weil sie einer der wenigen Fälle einer wirklich demokratischen Partnerschaft zwischen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Regierungen ist. Gemeinsam wurde das Problem der Landminen angegangen und innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums ein Erfolg erzielt. In der heutigen Welt, besonders in der Welt nach dem 11. September 2001, wirkt dieser Erfolg noch beeindruckender.

Die Leute sehen so oft nur das Negative, aber für mich ist die Bewegung gegen Landminen ein Gegenbeispiel. Schliesslich sind Landminen eine Metapher für den Krieg und seine zerstörerischen Nachwirkungen. Ausserdem ist der Kampf gegen Landminen ein Lehrstück, wie die Menschen mit internationalem Recht umgehen können. Warum das so ist? Weil der Gegenstand dieses Kampfs einfach zu begreifen ist. Landminen sind etwas Furchtbares, deshalb die Frage: Wie können wir sie loswerden? Die Lösung: Wir müssen sie mit Hilfe eines internationalen Vertrags loswerden. Wie funktioniert ein internationaler Vertrag? Welche Elemente sind erforderlich, um ein lebensfähiges Abkommen zustande zu bringen? Die Leute kapieren plötzlich, dass internationales Recht etwas Reales ist, womit man arbeiten kann und das man für seine Sache einsetzen kann.

Der Vertrag soll funktionieren

Das ist grundverschieden von der Auffassung der amerikanischen Regierung: dass internationales Recht Handschellen gleicht und man es deshalb interpretiert, wie es einem gerade passt. Der Grund, warum ich nach all den Jahren noch immer in der Kampagne gegen Landminen mitarbeite, ist einfach: Ich möchte, dass dieser Vertrag funktioniert, weil ich beweisen will, dass internationales Recht zählt. Ich glaube, dass der Landminenvertrag auch weiterhin überaus erfolgreich sein wird, da wir uns nie auf unseren Lorbeeren ausruhen. So war das Abkommen kaum unterzeichnet, als wir bereits ein Netzwerk entwickelten, um seine Umsetzung zu gewährleisten. Auch des- halb könnte der Widerstand gegen Landminen als Beispiel für andere internationale Bewegungen dienen.

Dass die USA den Vertrag nicht unterzeichnet haben, ist negativ und positiv zugleich. Ich weiss, das klingt merkwürdig. Mir wäre sehr daran gelegen gewesen, wenn noch die Regierung Clinton die Vereinbarung unterschrieben hätte. Zum damaligen Zeitpunkt wäre es sehr wichtig gewesen, die volle Macht der amerikanischen Regierung hinter dem Vertragswerk zu haben. Andererseits haben wir der Welt gezeigt, dass ein Thema auch dann aufgegriffen werden kann, wenn die stärkste Macht auf Erden sich diesem Thema verweigert. Immerhin haben 130 Nationen den Vertrag unterzeichnet, und die Zahl der Hersteller von Landminen ist von 55 auf 14 gesunken – das ist eine Erfolgsstory!

Kein Schulterklopfen

Ausserdem sollte das eine Inspiration für Regierungen und NGOs gleichermassen sein. Denn wenn man auf ein gemeinsames Ziel hinarbeitet, kann selbst der grösste Widerstand überwunden werden. Natürlich klingt das schrecklich idealistisch, so wie diese blöden Aufkleber, auf denen steht: «Stellen Sie sich Weltfrieden vor!» Zur Hölle damit: Wenn du den Weltfrieden willst, musst du dafür arbeiten! Sich etwas nur vorzustellen, reicht nicht. Man muss sich auf einige Prinzipien festlegen und dann für ihre Verwirklichung eintreten!

Ich bin im November im kanadischen Ottawa gewesen, wo der fünfte Jahrestag der Verhandlungen begangen wurde. Es wurde gefeiert, aber vor allem wurde überlegt, wohin wir jetzt gehen. Was mich am meisten an den Menschen beeindruckt, die sich für ein Verbot von Landminen einsetzen, ist, dass sie nicht herumsitzen und sich auf die Schultern klopfen, sondern immer neu fragen: Was passiert jetzt? Was ist mit den 50 Nationen, die den Vertrag noch nicht unterschrieben haben? Was ist mit den 14 Herstellern von Landminen, die es noch immer gibt? Andauernd werden neue Strategien entwickelt, damit unsere Arbeit endlich fertig wird. Zumal es ja noch andere Aufgaben gibt.

Doch vieles hat sich nicht geändert. Die Regierung Bush befasste sich unlängst mit der Minenfrage. Laut dem Pentagon gibt es im Moment keine Alternative zu Landminen. Diese Haltung wundert mich nicht. Schliesslich hat die jetzige amerikanische Regierung dem internationalen Recht mehr Schaden zugefügt als jede andere amerikanische Regierung. Jahrzehntelange Bemühungen sind unterlaufen worden. Auch deshalb gehen wir durch die gefährlichsten Zeiten, die ich je erlebt habe. Und vielleicht ist die Regierung Bush die gefährlichste Regierung in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Denn diese Regierung ist mit einer klaren Vision angetreten: die Welt zu dominieren. Schon während der Clinton-Ära haben diese Leute sich überlegt, wie sie den Status Amerikas als einziger Supermacht zu ihrem Vorteil einsetzen können.

Der 11. September war ein furchtbares Ereignis, und die Regierung Bush, ja die Welt hat klar ein Recht, gegen Terroristen vorzugehen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass diese amerikanische Regierung den Massenmord des 11. September dazu benützt, weit über das Ziel der Terrorbekämpfung hinauszuschiessen. Die euro-päischen Regierungen verhalten sich sehr widersprüchlich dazu. Einerseits sind sie sehr schnell dabei, die Vereinigten Staaten zu kritisieren, andererseits aber nicht willens, wirklich gegen die Regierung Bush aufzustehen. Sie maulen, aber letztlich unterstützen sie diese amerikanische Regierung – viel Wind, aber kein Handeln.

An den Universitäten gärt es

Vielleicht ist das so, weil sie vor dieser Regierung Angst haben. Auf meinen Reisen spreche ich oft mit Diplomaten verschiedener Länder, und sie sagen, in vielen Variationen, immer das Gleiche: Wenn du die amerikanische Regierung herausforderst, wirst du an den Rand gedrängt.

Sie behaupten, dass man mit früheren amerikanischen Regierungen durchaus auch Meinungsverschiedenheiten haben konnte. Nicht aber mit der Regierung Bush. Die amerikanische Militärmacht ist überwältigend, die Wirtschaftsmacht ebenfalls, deshalb glaubt diese Regierung, nicht zuhören zu müssen. Sie will erreichen, dass niemand jemals zu den Vereinigten Staaten aufschliesst. So steht es ja schwarz auf weiss in diesem viel zitierten Papier zur nationalen Sicherheit. Was die Chinesen wohl dachten, als sie dieses Dokument lasen?

Aber es gibt hierzulande Widerstand gegen diese Sicht der Zukunft. Ich halte sehr viele Vorträge an amerikanischen Universitäten, und dort gärt es. Was ist mit unseren Bürgerrechten? Was mit den Kriegsplänen? Und stets kommt die gleiche Frage: Warum hassen sie uns? Neulich sass ich im Flugzeug neben einer Amerikanerin. Sie sagte: Weil wir frei sind, hasst man uns! Ich antwortete, nein, man hasst uns wegen der Kluft zwischen dem, was wir vorgeben zu sein und dem, was wir wirklich sind.


Jody Williams, 52, erhielt zusammen mit der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen (ICBL) 1997 den Friedensnobelpreis. Zuvor engagierte sich die Amerikanerin beim «Nicaragua-Honduras-Aufklärungsprojekt» und bei einer medizinischen Hilfsorganisation für El Salvador.

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