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21.11.2002, Ausgabe 47/02

Buch II

Tod durch den Vorhang

Die italienische Krimiautorin Donna Leon über Leo Tolstois Novelle «Der Tod des Iwan Iljitsch», in der ein erfolgreicher Beamter die Vergeblichkeit seiner Existenz erkennt.

Von Donna Leon

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Viele von uns Gewohnheitsleserinnen und -lesern sehen den Sommer als Mogelzeit: Wir bekommen zu viel Eis zu essen, verbringen zu viel Zeit damit, uns an der Sonne zu lümmeln, legen ein paar Kilos zu und erlauben uns, zusammen mit dem Eis auch ein paar Schrottbücher zu verschlingen. Mit etwas Glück werden wir von jemandem in sein Sommerhaus am See eingeladen, wo wir, umgeben von diesem feuchtmuffigen Geruch, den es nur in an Seen gelegenen Häusern zu geben scheint, in der dortigen Bibliothek herumstöbern, so hochnäsig wie verstohlen in die Biografie von Michael Jackson hineinschauen und, falls wir erwischt werden, immer noch sagen können, wir hätten nur die Bilder angucken wollen. Wir können aber auch guten Gewissens «Das scharlachrote Siegel» der Baroness Orczy, Kenneth Grahames «Der Wind in den Weiden» oder gar Margaret Mitchells «Vom Winde verweht» wieder lesen – es ist schliesslich Sommer, nicht wahr?

Gelegentlich findet sich auf demselben Regal aber auch ein auf die Seite gekipptes richtiges Buch, das unsere Aufmerksamkeit packt und uns daran erinnert, was Bücher wirklich mit uns anstellen können. Ich hatte diesen Sommer das Glück, inmitten von Eisessen und Schwimmen Tolstois «Der Tod des Iwan Ijitsch» nach zehn Jahren wieder zu lesen, obschon Gore Vidal, glaube ich, die Novelle als öde didaktisch abgetan hat.

Die Lust an der Macht

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein erfolgreicher Regierungsbeamter zieht sich durch einen läppischen Unfall eine Verletzung an der Seite zu, wird krank und stirbt in der Folge. Doch schauen wir uns die Adjektive genauer an, denn sie sagen uns mehr: «erfolgreich», «läppisch». Vielmehr, lassen Sie mich den Satz etwas ausbauen und dann die Adjektive betrachten. Also: «Ein erfolgreicher, verheirateter Regierungsbeamter zieht sich beim Einrichten seiner modischen neuen Wohnung durch einen läppischen Unfall eine Verletzung an der Seite zu und stirbt in der Folge, umsorgt von seinem treuen Diener Gerasim.» Doch, das könnte reichen.

Erfolgreich. Nach allen üblichen Massstäben ist Iwan Iljitsch ein erfolgreicher Mann. Er ist ein Jurist, der sich mit Ausdauer dank den richtigen Verbindungen und dem Spielenlassen von Beziehungen innerhalb des Beamtenwesens hochgedient hat, bis er sein Ziel – zwei Stufen über seinen Kollegen und eine beträchtliche Steigerung des Gehalts – erreicht hat. Als der bohrende Schmerz in seiner Seite schlimmer wird und seine Untätigkeit ihn zum Nachdenken zwingt, begreift er, dass ihm an seinem Beruf die Ausübung von Macht besonders gefiel, das Gefühl, einen anderen Mann mit einem Befehl oder einem Blick zu bebendem Schweigen zu bringen. Ihm wird klar, dass dies aber etwas anderes ist als das, was er eigentlich aus seinem Leben hatte machen wollen.

«Er schrie ununterbrochen»

Verheiratet. Er hat Praskowia Fedorowna geheiratet, eine Frau, zu der er sich anfangs heftig hingezogen fühlte – ausserdem kam sie aus den richtigen Verhältnissen, stand zur Verfügung und war es für einen Mann seiner Position schliesslich an der Zeit zu heiraten. Mittlerweile streiten sie sich. Sie haben kaum Gemeinsamkeiten. Sie sind seit Jahrzehnten zusammen, und nach seinem Tod wird sie über sein Sterben sagen: «Die letzten drei Tage schrie er ununterbrochen. Es war unerträglich. Ich weiss gar nicht, wie ich das ausgehalten habe. Man hat ihn drei Zimmer weit gehört. Ach, was habe ich gelitten.»

Modisch. Der Erzähler macht deutlich, dass dieses letzte Haus Iwan Iljitschs, das Haus, in dem er und um dessen willen er sterben wird, mit dem ausgestattet ist, «was man gewöhnlich im Haus von Menschen mit bescheidenem Vermögen sieht, die reich wirken möchten und dadurch einfach nur wie ihresgleichen wirken». In seiner Agonie wird Iwan Iljitsch klar, dass sein Leben kein bisschen anders ist als das Leben anderer Leute, die in solchen Häusern wohnen.

Läppisch. Er verletzt sich beim Aufhängen von Vorhängen: Seiner Seite wird ein Schlag versetzt, der sich im Lauf der Zeit tödlich auswirkt. Iwan Iljitsch stirbt für seine Vorhänge.

Stippvisite im Krankenzimmer

Treu. Gerasim ist der einzige Mensch, der Iwan Iljitsch anders als mit gereizter Ungeduld begegnet. Iljitschs Ärzte stochern und zwicken, diagnostizieren dies und das, verschreiben Arzneien von unterschiedlicher Nutzlosigkeit, reden ihm die ganze Zeit ein, es bestehe Hoffnung, und sehen zu, dass sie nicht leer ausgehen. Seine Frau und seine Kinder schauen auf dem Weg zu ihren verschiedenen Vergnügungen im Krankenzimmer vorbei und beteiligen sich an der kollektiven Fiktion, dass er nicht im Sterben liege. Einzig Gerasim, der stoische, freundliche Bauernbursche, sieht keinen Grund, seinem Herrn die Wahrheit zu verheimlichen: «Eines Tages kommen wir alle dorthin.»

Lesen und erschauern

Das wär’s. Sozusagen. Nach monatelangen Leiden, in den letzten Stunden seines Todeskampfs blickt Iwan Iljitsch auf sein Leben zurück und sieht, dass er es für nichts und wieder nichts wegwarf, indem er dem Trugbild dessen, was «modisch» und was «anständig» sei, folgte und nichts als läppische und wertlose Entscheidungen traf. Am Ende, als die Illusion hinweggefegt wird vom Schmerz und der unausweichlichen Einsicht, dass er sterben wird, sieht er, dass er sein Leben lang Regeln gefolgt ist, die Fremde für ihn aufgestellt hatten, und dass er dies getan hat in der Hoffnung, diese Fremden beeindrucken zu können.

Er hat sein Leben verbracht mit einer Frau, die er nicht mag, zwei Kindern, für die er nicht sonderlich viel übrig hat, und in einem Beruf gearbeitet, von dem er nachträglich begreift, dass er ihn gar nicht wollte. Und immer, immer waren seine Entscheidungen Nichtentscheidungen, hatte er darüber nicht mehr Kontrolle als ein Nasenaffe, der sein Weibchen aufgrund der Grösse und Farbe ihrer Nase wählt.

Wenn ich mich richtig erinnere, bemerkt Aristoteles in seinem Text über das Wesen der Tiere, dass ein einziges Erhaschen dessen, was er «himmlisches Sein» nennt, uns mehr Freude mache als die ganze Welt. Welche Wahrheit Iwan Iljitsch auch immer schauen mag in seiner letzten Epiphanie – ob es nun himmlisches Sein ist oder die Ahnung, dass es nach seinem verpassten Leben doch noch einen Lichtschimmer geben könnte –, seine Erleuchtung erfüllt ihn mit Freude und dem Gefühl, der Tod sei überwunden.

Es ist unmöglich, diese Novelle zu lesen, ohne darob zu erschauern, wie genau sie unsere Zeit widerspiegelt. Und uns. Doch damit kein weiterer Gore Vidal an diesen Worten Anstoss nimmt, will ich darauf nicht länger herumreiten.

Aus dem Englischen von Thomas Bodmer.

Leo N. Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch. Insel. 175 S., Fr. 29.50.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 47/02
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