I. Wall Street war nicht schuld
Die Pleite der New Economy wird gegenwärtig gerne als radikale Abkehr vom Boom gesehen, doch etwas Wichtiges ist Boom wie Pleite gemeinsam: die Mob-Mentalität. Als die Kurse stiegen und alle reich wurden, hörte man selten ein Wort gegen das System oder gegen die Leute, die damit viel Geld verdienten. Jetzt, da die Kurse sinken und sich alle arm, oder jedenfalls weniger reich, vorkommen, hört man selten ein positives Wort über das System oder die Reichen. Der gleiche Herdeninstinkt, der den Boom antrieb, beschleunigte auch die Pleite. Und die Pleite hat den Markt auf ebenso groteske – und vielleicht noch gefährlichere – Art verzerrt wie alles, was mit dem Boom zu tun hatte.
Die jüngste Welle der Empörung über das Verhalten der Wall-Street-Leute begann, als der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer ein obskures staatliches Gesetz anwendete, um bei Merrill Lynch jede E-Mail einzusehen, die Merrill-Angestellte jemals im Zusammenhang mit dem Internet-Boom verschickt hatten. Es war leicht zu verstehen, warum Spitzer es gerade auf Merrill Lynch abgesehen hatte: Er hat politische Ambitionen, und im Gegensatz zu Goldman Sachs oder Morgan Stanley oder sonst einer der grossen Investmentbanken, die für die Internet-Seifenblase wichtiger waren, hatte Merrill Lynch auch viele kleine Kunden bedient. Es ist eine Firma, zu der Wähler einen Bezug haben.
Nicht verstehen konnte ich dagegen, warum Spitzer so scharf auf alte E-Mails von Merrill Lynch war. Hätte der Generalstaatsanwalt beweisen wollen, dass die Analysten der Firma in Sachen Internet allzu optimistisch gewesen waren, ihr Optimismus den Investmentbankern der Firma die Anziehung von Internet-Geschäften erleichterte und man deshalb von einem Interessenkonflikt an der Wall Street sprechen könnte, hätte er dafür nur eine Internet-Suchmaschine gebraucht.
Wer die entsprechenden Veröffentlichungen liest, kann deutlich sehen, was die Wall-Street-Leute getan haben zwischen April 1995, als Netscape den Börsengang einer Internet-Firma erfand, und Frühling 2000, als die Internet-Aktien in den Keller sausten. Die Geschichte wurde nie vertuscht, weil Wall Street sie nie zu vertuschen versuchte. Man kann vielmehr genau sagen, wann Merrill Lynch sich am Boom zu beteiligen beschloss und in welcher Stimmung sie dies tat.
Bis gegen Ende 1998, also drei Jahre nach Beginn des Booms, hatten Merrill Lynch und ihre Börsenmakler gegen Internet-Aktien gekämpft. Es sah nämlich so aus, als würde das Internet die Courtage, die Investoren für Aktiengeschäfte zahlten, überflüssig machen und so das bereits angeschlagene Kerngeschäft von Merrill Lynch weiter aushöhlen. Der oberste Börsenmakler von Merrill Lynch, John Steffens, bezeichnete das Internet sogar als «ernsthafte Bedrohung des finanziellen Lebens der Amerikaner». Merrill Lynch lag gegenüber Goldman Sachs und Morgan Stanley sowie anderen Grossfirmen, die für Internet-Aktienkäufe allerhand Gebühren einsackten, schwer im Rückstand. Gleichzeitig, und das war entscheidend, kam Merrill Lynch ihren fast fünf Millionen Kontoinhabern zunehmend lächerlich vor. Man konnte nicht in den Medien damit werben, wie draufgängerisch man sei, und gleichzeitig den heissesten Sektor, den der amerikanische Börsenmarkt je gesehen hatte, ignorieren.
Im Dezember 1998 kapitulierte Merrill Lynch vor diesem Widerspruch. Nach einer aufsehenerregenden Fehlprognose kaufte sich Merrill bei Amazon.com mit 400 Dollar pro Aktie ein. Niemand kam damals auf die Idee, Merrill Lynch versuche auf diese Weise, Internet-Aktien in die Höhe zu treiben. Die Bank gab ihren an Aktiengeschäften interessierten Kunden einfach nur, was diese wollten. Zu lange schon waren Internet-Aktien zu schnell gestiegen, als dass Merrill Lynch etwas anderes hätte sagen können als: Das wird so weitergehen. So kam es, dass die Investmentbanker von Merrill, die zuvor Opfer der pessimistischen Ansichten der eigenen Analysten über das Internet gewesen waren, nun vom neuen Draufgängertum der Firma profitierten. Das verheimlichten sie in keiner Weise. Bereitwillig erzählten sie den Medien ebenjene Dinge, von denen Eliot Spitzer später behaupten sollte, er habe sie beim Durchstöbern alter E-Mails aufgedeckt.
Sein Vorgehen war unnötig, um nachzuweisen, dass es keine Firewalls zwischen Bankern und Analysten an der Wall Street gab. Das Überlappen ihrer Interessen war gut sichtbar versteckt. Spitzers Nachforschungen ergaben deshalb auch kein klareres Bild der inneren Machenschaften der Wall Street während des Booms. Sie lieferten hingegen den Investoren, die – solange die Kurse stiegen – keinerlei Probleme mit dem Interessenkonflikt zwischen Bankern und Analysten gehabt hatten, Sündenböcke, denen man die Schuld zuschieben konnte nach dem Abschmieren der Kurse.
Spitzers Nachforschungen sind eine sonderbare Angelegenheit. Statt die Geschichte zu klären, verzerren sie sie eher. Sie stellen die finanziellen Verluste zahlloser habgieriger, bestens bewanderter Spekulanten als eine Art Diebstahl dar, der von einer Hand voll Leute in böser Absicht begangen wurde. Praktischerweise hat man genügend Details vergessen, wie es in den neunziger Jahren im Finanzgeschäft wirklich zuging, um diese abwegige Neuinterpretation des Booms zuzulassen. Den Zeitungen und Gerichtsfällen nach zu schliessen, glauben viele diese Geschichte, und es ist nicht schwer zu verstehen, warum. Sie zahlt sich aus. Sie zahlt sich aus für Eliot Spitzer, dem als Verdienst angerechnet wird, an der Wall Street aufgeräumt zu haben – was weder er noch sonst jemand je schaffen wird. Sie zahlt sich aus für Investoren, die Geld verloren haben, und für ihre Anwälte, die nun neue Munition für ihre Klagen gegen Merrill Lynch haben. Seltsamerweise zahlt sie sich auch aus für Merrill Lynch. Indem Eliot Spitzer Merrill Lynch zum Eingeständnis gezwungen hat, ihre Berater hätten sich korrumpieren lassen, hat er die Firma davor bewahrt, etwas viel Schlimmeres und ebenso Wahres einzugestehen: dass das, was ihre Berater über das Verhalten von Aktienkursen vorhersagen können, nutzlos ist, und zwar immer. Indem Spitzer die Firma zum Schluss kommen liess, sie habe die amerikanischen Investoren irregeführt, bewahrte er sie vor der viel peinlicheren Schlussfolgerung, die amerikanischen Investoren hätten Merrill Lynch irregeführt.
Es ist schade, dass Merrill Lynch sich nicht etwas besser zu wehren versucht hat. Es gäbe eine Menge zu sagen – wenn nicht unbedingt zugunsten von Wall Street, dann zugunsten des Booms, den die Wall Street mit gefördert hat.
II. Silicon Valley war keine Seifenblase
Positiv am Boom ist zuerst einmal, wie er sich auf das Wertsystem des gewöhnlichen Angestellten ausgewirkt hat. Dieser wandelte sich von einem Menschen, der sich ständig über die Firma beschwerte, bei der er arbeitete, zu einem, der sich zumindest eine Zeit lang fragte, ob er selbst nicht die besseren Ideen hätte. Wenn er das glaubte, ging er nach Silicon Valley. Silicon Valley unterschied sich von allen anderen Weltgegenden durch zweierlei:
a) Es gab massenhaft Startkapital.
b) Die Leute, die dieses Kapital besassen, wussten, dass, wer grosse Gewinne machen wollte, auch einen Misserfolg riskieren musste. An der Wall Street galten Misserfolge immer als Verbrechen. In Silicon Valley hingegen betrachtete man einen Misserfolg – ehrlicher- und mutigerweise – als nahen Verwandten des Erfolgs.
Es ist sonderbar, dass die Suche nach Gerechtigkeit all die Aufsichtsbehörden und Staatsanwälte zu grossen Wall-Street-Firmen geführt hat. Auffällig am Boom war gerade, wie unwichtig die grossen Wall-Street-Firmen dabei waren. Diese hätten nie den nötigen Mut gehabt. Die Leute, die in den neunziger Jahren die Aktienkurse bestimmten, arbeiteten nicht an der Wall Street. Sie arbeiteten als Risikokapitalisten; sie schufen Firmen. Hätte man 1998 einem Risikokapitalisten gesagt, der Internet-Analyst von Merrill Lynch, Henry Blodget, oder sonst ein Wall-Street-Analyst würde einst für den Boom verantwortlich gemacht werden, hätte der Mann sich gefragt, welches Kraut man geraucht habe. Ebenso gut könnte man einem Kellner die Grösse des Restaurants vorwerfen: Die Wall-Street-Leute waren blosse Erfüllungsgehilfen. Das dürfte einer der erfreulichsten Aspekte des Booms gewesen sein: wie er die finanziellen Machtstrukturen auf den Kopf stellte. Plötzlich hatten alle möglichen Leute die Chance, reich und berühmt zu werden.
Enron. Worldcom. Global Crossing. Adelphia Communications. Tyco. In diesen Firmen sind üble Dinge passiert, keine Frage, aber diese Firmen waren sekundär: Der Boom hätte auch ohne sie stattfinden können. Nicht Kenneth Lay, Bernie Ebbers oder Dennis Kozlowski waren charakteristisch für den Boom. Sinnbild war Jeff Bezos. Er war der Internet-Unternehmer schlechthin. Wie man weiss, schmiss er seinen Job an der Wall Street, packte sein Hab und Gut ins Auto und fuhr quer durch den Kontinent nach Seattle, um dort den Buchhandel umzukrempeln. Er rechnete mit zehn Jahren. Er brauchte drei, und zwar nicht zuletzt weil ein Risikokapitalist namens John Doerr ihm das nötige Kapital besorgte. Vor drei Jahren galt Bezos als Held, und Doerr war der lauteste Förderer des Internet-Unternehmers. 1999 trugen in Silicon Valley Leute Wahlkampf-Buttons, auf denen «Gore and Doerr in 2004» stand. Heute ist Doerr von der öffentlichen Bühne verschwunden – «konnte um keinen Kommentar gebeten werden», schreiben sie jeweils über einen Mann, dessen Kommentare noch vor ein paar Jahren unumgänglich waren. Bezos ist zu einer Art Antihelden geworden, einem dieser Internet-Windmacher, denen man unverdient viel Kapital reingeschoben hatte, damit sie ein Unternehmen gründen konnten, das – volle acht Jahre später – noch immer sehr wenig Profit abwirft.
Viele Investoren versuchen zu vergessen, dass und warum sie einmal Geld in Amazon gesteckt haben. Verschiedene Redaktoren versuchen zu vergessen, dass sie Jeff Bezos einst zum «Mann des Jahres» oder «Einflussreichsten Mann des Internets» erklärten. Wer immer an der Wall Street zu Amazon.com geraten hatte, ist heute, wie Bezos und Doerr, Angeklagter bei Gerichtsfällen, verklagt von Kleinaktionären, die mit Amazon-Aktien Geld verloren haben.
Dazu sind zwei Dinge zu sagen. (Wahrscheinlich mehr, aber ich halte mich zurück.) Erstens: Schauen Sie mal, was Jeff Bezos getan hat. Dass ein Mann, der in Princeton abgeschlossen und an der Wall Street eine grosse Zukunft vor sich hatte, seine lukrative, prestigeträchtige, aus sozialer Perspektive jedoch sinnlose Stelle kündigte, um eine Firma zu gründen – das grenzt an ein Wunder. Und dass seine Firma den ursprünglichen Plan auch in die Tat umsetzen würde – wie war das möglich? Mittlerweile werden jährlich Bücher für fast 2,5 Milliarden Dollar über das Internet verkauft, und ein riesiger Prozentsatz davon stammt von Amazon. Sogar Skeptikern ist klar, dass diese Zahlen nur der Anfang eines mächtigen Trends sind. Doch wer hatte 1996 auch nur von Amazon.com gehört? Damals war es ein doofer Name auf einem Schild an einem kleinen Haus in einem wenig angesehenen Viertel von Seattle. Ein vernünftiger Mensch hätte sich 1996 bestenfalls erhoffen können, dass dieses komische Amazon.com von Barnes & Noble aufgekauft und dann stillgelegt würde, um so einen Konkurrenten aus der Welt zu schaffen. Stattdessen hat Amazon.com die Bücherpreise gesenkt, der Leserschaft erleichtert, Bücher zu kaufen, und damit die Chancen für Autoren, mit dem Schreiben ihr Leben zu verdienen, erhöht. Ist das schlecht? (Niemand deutet hier an, Barnes & Noble stehe auf wackligen Füssen. Aber wessen Zukunft hätten Sie lieber: die von Barnes & Noble oder die von Amazon.com? Und wessen Namen?)
Als Zweites ist zum übertriebenen Ehrgeiz von Amazon.com zu bemerken: Haben sich Jeff Bezos oder sonstige Internet-Unternehmer wirklich so unvernünftig verhalten? Im Rückblick lässt sich das leicht sagen, aber warum hätte er sich anders verhalten sollen? Er expandierte, so schnell er konnte, weil a) der Markt ihm Kapital nachwarf und b) er, Bezos, zu Recht annahm, er würde von der Konkurrenz geschluckt, wenn er dies nicht täte. Es ist nicht die Aufgabe eines Unternehmers, zimperlich zu agieren und sich besonders vorsichtig zu verhalten. Seine Aufgabe ist es vielmehr, zu viel Ehrgeiz zu entwickeln. So viele Risiken einzugehen, wie es der Markt ihm erlaubt. Der Unterschied zwischen einer robusten Marktwirtschaft wie der amerikanischen und einer weniger robusten wie etwa der französischen ist, dass Erstere energische, ehrgeizige Menschen zu Spekulationsgeschäften ermutigt – und dass diese sich auch ermutigen lassen. Sie ermutigt zu Risikobereitschaft, und das ist etwas Schönes. Der Wirtschaftsautor George Anders hat es so formuliert: «Die Persönlichkeitsstruktur, die einem überhaupt erlaubt, Jeff Bezos zu sein, verfügt über kein Sperrventil.» Hätte sie eines, gäbe es Amazon.com nicht.
Am 3. Juni 2002 publizierte Merrill Lynch ihren ersten verbesserten Forschungsbericht über das Internet. Wie zu erwarten, zielte er darauf ab, alles, was Merrill Lynch zwei Jahre früher über das Internet gesagt hatte, als hohles Gerede zu entlarven. Der Bericht, der versprach, «verschiedene Internet-Mythen auseinander zu nehmen», beruhte im Wesentlichen auf der akademischen Arbeit eines Dr. Andrew Odlyzko, der früher im Forschungslabor von AT&T gearbeitet hatte und gegenwärtig das Digital Technology Center der University of Minnesota leitet. Im Bericht wurden hämisch Business Week und der ehemalige Vorsitzende der Federal Communications Commission, Reed Hundt, zitiert, der laut Business Week gesagt hatte: «Der Internet-Verkehr verdoppelt sich alle drei Monate.» Das Problem bei allem, was über das Internet gesagt und geschrieben werde, meinte Odlyzko, sei, «dass es dafür keine harten Daten gibt». Eine Verdoppelung des Internet-Verkehrs alle drei Monate? «In jedem einzelnen Fall, den ich zu untersuchen versuchte, bekam ich nichts Greifbareres als Statements von Leuten von Worldcom. Nie stiess ich sonst wo auf eine verlässliche Aussage, dass auch in ihrem Unternehmen die Wachstumsrate so hoch sei. Meine Vorgesetzten bei AT&T sprachen oft von solchen Wachstumsraten, aber sie achteten immer darauf, ‹Internet-Verkehr› zu sagen und nicht ‹unser Internet-Verkehr›.»
Der Witz der Sache war, dass alle möglichen, scheinbar verlässlichen Quellen annahmen, der Internet-Verkehr nehme mit einer Wachstumsrate zu, die übers Jahr gesehen 1000 oder mehr Prozent ausmachen würde, dabei betrug die tatsächliche Wachstumsrate pro Jahr 70 bis 150 Prozent. (Und das ist immer noch so.) Diese Annahme war die Grundlage für die wilde Expansion von Amazon – und für den Internet-Boom überhaupt. Viele Internet-Firmen, die Pleite gingen, hätten Erfolg gehabt, wären mehr Kunden online gewesen. Und die Internet-Firmen, die erfolgreich waren, hätten mehr und schneller Erfolg gehabt. Wäre die Zahl der Internet-Benutzer so gewachsen, wie die Leute 1996 behaupteten, dann könnten all die heute unbenutzten von Global Crossing und Worldcom verlegten Leitungen der Nachfrage nicht genügen. Wären so viel mehr Menschen so schnell online gegangen, hätte Amazon.com in den ersten paar Jahren Barnes & Noble vielleicht tatsächlich vom Markt verdrängt.
Dr. Odlyzko hat also einen interessanten Punkt angesprochen. Er hat allerdings, wenn auch unfreiwillig, einen noch interessanteren Punkt ins Spiel gebracht, der den Überschwang Ende der neunziger Jahre zu erklären hilft. Das Gefühl, fantastische Möglichkeiten zu haben, das Anfang 1997 alle ergriffen zu haben schien, beruhte nicht einfach auf einem Lügengespinst. Zwischen Dezember 1994 und Dezember 1996 war der Internet-Verkehr unvorstellbar schnell gewachsen. «In diesen zwei Jahren», sagt Odlyzko, «betrug die jährliche Wachstumsrate 1000 Prozent und verdoppelte sich alle 100 Tage. Das war in der Tat eine Periode wahnsinnigen Wachstums.» Erst Ende 1997 verlangsamte sich das Wachstum, und da fiel das niemandem auf.
Kurz: Das durch die Internet-Manie geschaffene Klima in der Finanzwelt hielt, auch nachdem das wahnsinnige Wachstum etwas langsamer geworden war, noch einige Jahre an. Im Rückblick ist dies wenig überraschend, da sich 1997 alle möglichen gesellschaftlichen und finanziellen Interessen auf die Wachstumsraten der vorangegangenen zwei Jahre ausgerichtet hatten. Und was sich zwischen 1994 und 1996 im technologischen Bereich in den USA getan hatte, war in der Tat eine Art Wunder. Wer hätte sagen können, was als Nächstes geschieht? Alle konnten nur raten; und wenn sogar Alan Greenspan nicht herauskriegte, was sich wirklich tat, dann darf Ihnen und mir vergeben werden, dass wir nicht über prophetischere Gaben verfügten. Die Frage war nicht, ob diese Technologie die amerikanische Geschäftswelt in vielerlei Hinsicht verändern würde. Die Frage war, wie schnell dies geschehen würde.
III. Den Boom mit dem Bade ausschütten
Wer soziale Fortschritte nach dem Gewinn von Unternehmen bemisst, wird den Boom mit Leichtigkeit als unerfreulich abtun können. Schwieriger wird es, wenn man einen Schritt zurücktritt und das grosse wirtschaftliche Ganze betrachtet.
Sobald die Aktienkurse fallen, wird ein wesentlicher Punkt gern vergessen: Aktienverluste sind keine Verluste für die Gesellschaft. Das Geld geht vielmehr von einem Menschen auf einen anderen über. Ende 1999 steckte ich etwas Geld in eine Internet-Firma namens Exodus Communications. Das war habgierige Dummheit von mir, aber ich hatte an einer Konferenz von Merrill Lynch (schon wieder die!) teilgenommen, und was sie erzählten, war so gut, dass ich dachte: «Selbst wenn Exodus Communications nicht der ganz grosse Erfolg wird, werden genug Leute daran glauben und die Kurse so hoch treiben, dass ich meine Aktien dann immer noch schnell mit Gewinn verkaufen kann.» Alle anderen wurden reich, ohne zu arbeiten; warum nicht auch ich? Ich hätte riechen müssen, dass der Moment, da ich mich entschloss, es sei Zeit, Internet-Aktien zu kaufen, der Moment war, diese zu verkaufen. Stattdessen sprang ich für 160 Dollar pro Aktie bei Exodus Communications auf, sah die Firma noch ein paar Punkte zulegen – und zusammenbrechen. Was geschah mit meinem Geld? Es ist nicht einfach verschwunden. Es wurde eingesackt von dem Menschen, der mir die Aktien verkaufte.
Verdächtige, der Wahrscheinlichkeit nach geordnet:
a) ein Exodus-Angestellter;
b) ein offener Investmentfonds mit guten Verbindungen, der sich zum Preis des Börsengangs eingekauft hatte;
c) ein Tagesspekulant, der die Aktie für 150 Dollar gekauft hatte.
Zu den Billionen, die in den vergangenen zweieinhalb Jahren vom Aktienmarkt abgezogen wurden, muss man deshalb die Frage stellen: Von wem kamen sie, und an wen gingen sie? Ein demnächst erscheinendes Buch, «In the Company of Owners», geschrieben vom Soziologen Joseph Blasi und dem Ökonomen Douglas Kruse in Zusammenarbeit mit dem Business Week-Reporter Aaron Bernstein, gibt eine ingeniöse Antwort auf die zweite Frage. Die Professoren durchkämmten die Angaben über Aktienoptionsverkäufe gewöhnlicher Angestellter der hundert grössten New-Economy-Firmen. Sie stellten fest, dass die Führungskräfte dieser Firmen sich mit grossen Geldbündeln abgesetzt hatten, dass die gewöhnlichen Angestellten insgesamt aber noch den grösseren Reibach machten. Im Lauf des Booms schoben Investoren den gewöhnlichen Angestellten von hundert Start-up-Firmen mehr als 78 Milliarden Dollar rüber.
Was die Autoren verblüffte, war, wie egalitär die Strukturen der Boom-Firmen waren. «Keine andere Industrie», schreiben sie, «hat das Vermögen je so tief, breit und weit zu verteilen versucht, geschweige denn zu verteilen vermocht wie diese Firmen.» Natürlich heisst es bei Klagen im Zusammenhang mit der Pleite, bei der «Vermögensverteilung» habe es sich um gross angelegten Betrug gehandelt. Doch wer nur einen Augenblick lang darüber nachdenkt, stellt fest, dass dem mitnichten so war: Die Leute, die für diese Firmen arbeiteten, glaubten an das, was sie taten, und bewiesen es, indem sie an ihren Aktien bis zum bitteren Ende festhielten. Die Angestellten von Exodus Communications besassen zum Zeitpunkt des Untergangs Unmengen von Exodus-Aktien.
1984 schrieb ein Ökonom namens Martin Weitzman ein Buch, das die Welt hätte verändern müssen. Es hiess «The Share Economy». Darin beschrieb er als eine Art ökonomische Utopie das, was sich als die Struktur innovativer Firmen der neunziger Jahre erweisen sollte. Er wies darauf hin, dass Rezessionen nicht zu vermeiden seien, deren tragischste Folge, die Arbeitslosigkeit, hingegen schon. Die Entlassungen bei Rezessionen rührten daher, dass die Löhne «klebrig» seien, das heisst Firmen ihre Angestellten nicht davon überzeugen könnten, in schlechteren Zeiten Lohnkürzungen hinzunehmen. Da sie bei den Löhnen nicht sparen könnten, würden die Firmen stattdessen Angestellte entlassen. In schlechten Zeiten werde somit für Arbeit zu viel bezahlt. Die von Weitzman vorgeschlagene Lösung war von atemberaubender Einfachheit: Man solle einen Teil der Entlöhnung der Angestellten vom Schicksal der Firma abhängig machen. Ihnen statt Bargeld Aktien geben. In guten Zeiten hätten die Aktien mehr Wert und kämen einer Lohnerhöhung gleich. In schlechten würden sie an Wert verlieren und entsprächen einer Lohnkürzung.
Mehr als zehn Jahre lang wurde Weitzmans Idee von seinesgleichen als brillant gepriesen und vom Rest der Welt ignoriert. Dann setzte sie sich in spektakulärem Masse durch. Plötzlich wurde eine vernünftigere Struktur – die Angestellten, die am Erfolg ihrer Firma beteiligt waren – weithin akzeptiert. Jetzt gilt sie ebenso plötzlich als diskreditiert. Warum?
Ich bin nicht der Meinung, dass ein Börsentrauma für die Wirtschaft von Gutem ist. Doch das letzte war in wirtschaftlicher und moralischer Hinsicht nicht annähernd so schlimm, wie es dargestellt wurde. Die am weitesten vorausblickenden Firmen der USA experimentierten mit einer Unternehmensstruktur, die auf einer Beteiligung der Angestellten beruhte. Sie war sehr viel sinnvoller als die althergebrachte Struktur. Leute wie ich, die sich mit heissen Aktien vergnügten, erhielten eine teure Lektion über das Spielen mit Aktien. Wir wurden rasch und gerecht bestraft. Für einen Boom, der rückblickend verrückt und zufällig schien.
Doch war dem so? Treiben Spekulanten den Preis von Technologie-Aktien in lächerliche Höhen, so hat das Folgen: zum Beispiel viele junge Menschen, die eine technische Ausbildung und Lust haben, sich als Unternehmer zu betätigen; einen höheren Status des Unternehmertums; und, keineswegs zufälliger, viele interessante Geschäftsideen, die vielleicht ihrer Zeit voraus sind, aber eines Tages genau richtig liegen. Zu den Folgen gehört im vorliegenden Fall auch, dass viele träge Grossunternehmen von den Emporkömmlingen unsanft aus dem Schlaf gerissen wurden und sich zu grösserer Effizienz aufrappelten. Egal, was man sonst über den Boom meint: Er brachte die Leute auf Trab.
Der massive Transfer von Geld in die technische Abteilung der amerikanischen Gesellschaft hatte einige nützliche Nebenwirkungen. Wie sonst liesse sich zum Beispiel erklären, dass viele der im Boom gegründeten Firmen weiterhin schnell wachsen? «Von Ende 1999 bis Ende 2001», schreiben die Autoren von «In the Company of Owners», sei in den 100 wichtigsten Firmen der Boomzeit die Beschäftigung um 26 Prozent gestiegen. Das sind 177000 Stellen. Diese Firmen haben reale Kunden und reale Verkäufe, die weiter gewachsen sind nach der High-tech-Pleite und dem Niedergang der Dotcoms. Bis im Juli dieses Jahres waren nur 8 dieser 100 Firmen Bankrott gegangen. Nur 3 weitere hatten einen Einnahmenrückgang zu verzeichnen. Den Autoren des Buchs zufolge haben die anderen im Lauf der vergangenen drei Jahre den Gesamtumsatz um 59 Milliarden Dollar gesteigert.
Und was ist von den robusten Produktivitätszahlen zu halten, die 1995 ins Rollen kamen und dies noch immer tun? «Produktivität», das heisst der Ausstoss pro Mensch und Arbeitsstunde, ist der weitaus beste Massstab zur Beurteilung des wirtschaftlichen Gesundheitszustands. Damit bekommen Wirtschaftsstatistiken den Wohlstand einer Nation am ehesten in den Griff. Eine noch nicht veröffentlichte Arbeit von Prof. William Nordhaus von der Yale University zeigt, dass ab 1995 ein rätselhafter Anstieg der Produktivität zu verzeichnen ist. Rätselhaft insofern, als letztlich niemand präzis sagen kann, woher dieser oder jeder andere Produktivitätsanstieg rührt. Doch unterm Strich, sagt Nordhaus, «rührt er von technischen Veränderungen her. Die Leute finden heraus, wie sie dasselbe auf bessere Art machen können.»
Und worum sonst ist es Ende der neunziger Jahre gegangen, wenn nicht darum, wie man mit neuen Werkzeugen dasselbe auf bessere Art machen kann? Eine mögliche Interpretation dieser Finanzperiode ist, zu sagen, der Markt habe damals versucht, die Leute eher für Neuerungen als für Gewinne zu bezahlen, in der Annahme, dass langfristig gesehen die Neuerungen grössere Gewinne bringen würden.
Das Auseinanderklaffen von Unternehmensgewinnen und wirtschaftlicher Produktivität wirft interessante Fragen auf: Werden Unternehmensgewinne überschätzt? Und: Haben Industrien mit hohen Produktivitätswachstumsraten auch hohe Unternehmensgewinnwachstumsraten? Im Gegenteil. Die Industrien der Zukunft, in denen die Produktivität der Leute am schnellsten wächst, haben die kleinsten Gewinne vorzuweisen. Das amerikanische Wirtschaftsleben tendiert dazu, sich immer den Interessen der Investoren anzupassen, doch das heisst nicht, dass es das auch immer tun sollte. Der Internet-Telecom-Boom ist eines von vielen Beispielen, dass eine extrem nützliche technische Neuerung auftaucht, aber nicht für Unternehmensgewinne sorgt.
Der gleiche Vorwurf liesse sich gegenüber vielen anderen technischen Neuerungen machen, etwa gegenüber der Flugzeugindustrie. Warren Buffett, der sich an US-Airways-Aktien bös die Finger verbrannt hat, zitiert den Luftverkehr gern als Beispiel für einen technischen Bereich, der Investoren kaum je einen Rappen eingebracht hat. Doch was für Warren Buffett schlecht ist, muss nicht schlecht sein für die USA. Uns ginge es ohne den Luftverkehr wirtschaftlich nicht besser. Nur Investoren tun gut daran, um Luftverkehrsfirmen einen grossen Bogen zu machen. Die meisten Vorteile technischer Neuerungen werden gratis direkt an die Konsumenten weitergegeben, das ist die für Investoren traurige Wahrheit.
Aus diesem Grund investieren vorsichtige Investoren wie Warren Buffett prinzipiell nicht in Hochtechnologie. Und aus demselben Grund lässt eine geistig gesunde, vernünftige Börse weniger Kapital in Innovationen fliessen, als für die Gesellschaft optimal wäre. Gute technische Neuerungen sind wie neue Strassen: Ihr Vorteil für die Gesellschaft steht in keinem Verhältnis dazu, was der Mensch oder die Firma, die sie geschaffen haben, daran verdienen. Sogar der Laisser-faire-Flügel der Wirtschaftsleute ist seit langem der Meinung, es könnte Gewinn einbringen, wenn der Staat Innovationen unterstützte, etwa indem er die technischen Abteilungen der Hochschulen finanzierte. Das tut der Staat ja auch, allerdings relativ unsystematisch. Und so klafft eine riesige Lücke zwischen der optimalen Menge von Investitionen in den technischen Fortschritt und dem Betrag, der in der Regel tatsächlich investiert wird. Insofern waren die neunziger Jahre eine Ausnahme.
Die interessante Frage, die sich nun stellt, ist nicht: Waren die späten neunziger Jahre eine schreckliche Katastrophe für die Wirtschaft der USA?, sondern: Sollten wir aus sozialpolitischen Gründen die neunziger Jahre wiederzubeleben suchen?
III. Das Alte kehrt wieder
Die momentane Haltung gegenüber der New Economy ist sehr sonderbar: Sie wird von vielen gedeutet als eine populistische Auflehnung gegen die Business-Elite. Doch tatsächlich handelt es sich eher um eine Auflehnung der Elite gegen den Populärkapitalismus. Es ist eine Reaktion dagegen, dass den Massen so exzessiv viele Möglichkeiten geboten worden waren. (Kein Gratiskapital mehr!)
Die entscheidenden Fragen beim Kapitalismus sind: Wer bekommt Kapital? Und zu welchen Bedingungen? Wenn der Kleine kein Kapital bekommt, profitiert in der Regel der Grosse davon. Schauen Sie sich um. Wer profitiert von der Pleite? Die alte Garde: die in Ehren ergrauten Unternehmen, Anleihenhändler, Leveraged-Buyout-Firmen, öffentlich gebundene Betriebe. Niemand spricht mehr von der Notwendigkeit, Microsoft zu zerschlagen. Sogar die grossen Wall-Street-Firmen haben, allen Bedrängnissen zum Trotz, ihre Position gegenüber den Online-Brokern wahrscheinlich verbessern können.
IV. Die Tugenden des Lasters
Am amerikanischen Finanzleben lässt sich eine Menge kritisieren, allerdings liegen die Probleme weniger bei den Verstössen gegen die Spielregeln als am Spiel selbst. Sogar in den gepflegtesten Zeiten ist es von rücksichtsloser Verbohrtheit. Es erhebt das Streben nach Geld über alle anderen, edleren Bestrebungen. Es ist ziemlich bekloppt, wenn ein Mann, der eine Milliarde Dollar besitzt, sein Leben dem Erwerb einer weiteren Milliarde widmet, doch genau dies tun einige unserer angesehensten Bürger. So sind wir. Die Amerikaner sind unfähig, die Reichen zu hassen; sie werden sie immer den Armen vorziehen. Der Boom und alles, was dazugehörte – der Hype, die Hoffnungen, das wilde Gerangel darum, auch ein Stück vom Kuchen zu kriegen, die eskalierenden Definitionen des Wortes «reich», das groteske Hochtreiben der Managerlöhne –, das alles liegt uns viel mehr am Herzen als die Pleite und was zu ihr gehört. Leute, die uns aus Distanz betrachten, erkennen dies. Deswegen bringen sie, wenn sie uns treffen wollen, das World Trade Center zum Einsturz und nicht die Börsenaufsicht. Doch warum sehen wir selbst nicht, wie wir sind?
Es ist bedauerlich, dass manche Manager die Bücher frisiert und ihre Firmen bestohlen haben. Doch im Zusammenhang des grossen Ganzen gesehen, ist ihr Verhalten belanglos. Nicht einmal das: Es war absehbar. Ein Boom ohne Gauner ist wie ein Hund ohne Flöhe. Verglichen mit dem Eisenbahn-Boom sieht der Internet-Boom sauber aus. Der Wall-Street-Boom der achtziger Jahre, der Konglomerate-Boom der sechziger – kaum waren sie vorbei, war klar, wer die Bösewichte waren, und es folgte eine Periode regulatorischen Eifers, dessen Wirkung sich aber, sowie die Kurse wieder stiegen, in nichts auflöste.
Könnte es sein, dass der Skandal zum Wesen des Kapitalismus gehört? Dass eine gesunde freie Marktwirtschaft zwangsläufig eine Anzahl Menschen in Versuchung bringt, sich korrupt zu verhalten? Dass die Gauner kein Anzeichen dafür sind, dass etwas faul ist, sondern dafür, dass etwas mehr oder weniger so funktioniert, wie es sollte? Schliesslich beruht Marktwirtschaft ja auf einem System von Anreizen, die einen wenig edlen Zug des Menschen fördern: den Eigennutz. Kann es deshalb wirklich erschrecken, dass, sowie dieses System einen aufregenden Aufschwung erlebt, der Eigennutz ausser Kontrolle gerät?
Natürlich ist es gut, dass Gauner angeprangert werden. So können wir mit dem Gefühl, der Gerechtigkeit sei Genüge getan worden, weitergehen, und vielleicht werden das nächste Mal weniger Menschen der Versuchung erliegen. Doch gleichzeitig sollte man sich auch fragen: Wie konnten die Gauner damit überhaupt je durchkommen? Wo waren die kühnen Regulierer und die Gift und Galle speienden Journalisten vor fünf Jahren, als es ein bisschen mutiger, ja vielleicht auch etwas nützlicher gewesen wäre, gegen die Exzesse des Booms ins Feld zu ziehen? Was tat der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer während des Börsenhochs vor fünf Jahren? Was tat die Presse? Sie feuerten genau jene Leute an, die sie jetzt fertig machen wollen. Genau die Leute, die heute unbedingt Blut sehen wollen, waren daran beteiligt, das Klima zu schaffen, das korruptes Vorgehen begünstigte.
Ungefähr zur selben Zeit, als im Oktober letzten Jahres der Enron-Skandal aufflog, gab es ein schönes Beispiel dafür, wie mühelos das, was in den Neunzigern gefeiert wurde, nach der Jahrtausendwende zum Anklagepunkt geriet. Schadenfreudig berichtete die Zeitschrift Forbes, die Zeitschrift Fortune habe für die Titelgeschichte ihrer Nummer 26 über die wirtschaftlichen Folgen des 11. Septembers damit werben wollen, hier kämen «die klügsten Köpfe, die wir kennen» zu Wort. Einer dieser Köpfe war Kenneth Lay, der Vorsitzende und Chief Executive von Enron. Die Gestaltung der Nummer 26 mit Lay auf dem Titelblatt war bereits fertig, als der Enron-Skandal aufflog. Doch das brachte Fortune nicht ins Rudern. Mit Hilfe von Bildbearbeitungsmöglichkeiten, die in den neunziger Jahren entwickelt worden waren, wurde Kenneth Lay einfach vom Titelblatt getilgt. Das Fortune-Heft erschien termingemäss, und ungeachtet aller Schmeicheleien, welche die Zeitschrift im Lauf der vergangenen paar Jahre Enron hatte angedeihen lassen, geisselte sie den Skandal wacker mit. Schon nach wenigen Monaten hatten zwei Fortune-Autoren ihr Enron-Buch für 1,4 Millionen Dollar verkauft.
Schön für sie, sage ich. Schliesslich müssen wir alle irgendwie unseren Lebensunterhalt verdienen. Aber das nächste Mal, wenn ein Redaktor, ein Regulierer oder ein Politiker, der wiedergewählt werden möchte, ein grosses Geschrei veranstaltet über die Ungerechtigkeiten des Booms, sollte ihn jemand stellen und fragen: «Was taten Sie, als der Boom losging?» Und sollte die Antwort lauten: «Ich nutzte ihn für meine Zwecke», ist es am besten, man verzeiht ihm. Denn das war nun wirklich nicht der schlechteste Zeitvertreib.
Aus dem Amerikanischen von Thomas Bodmer
Michael Lewis ist einer der brillantesten Wirtschaftsjournalisten der USA. Er ist regelmässiger Mitarbeiter des New York Times Magazine. Zuletzt erschien von ihm «The Future Just Happened». Hodder & Stroughton. 258 S., Fr. 21.10
Erwähnte Literatur Joseph Blasi, Douglas Kruse, Aaron Bernstein: In the Company of Owners. The Truth About Stock Options. Basic Books. 256 S., $ 19.25. Erscheint im Januar 2003
Martin L. Weitzman: Das Beteiligungsmodell. Campus. 209 S., Fr. 35.–
21.11.2002, Ausgabe 47/02
Trotz Pleiten
Plädoyer für die New Economy
Ein Boom ohne Gauner ist wie ein Hund ohne Flöhe. Trotz Enron, Worldcom und anderen Pleiten sollte man die Dotcom-Pioniere nicht verteufeln. Im Gegenteil.
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