Business Class

Insubordination

Von Martin Suter

Um neun Uhr dreissig meldet das Vorzimmer die Ankunft des Taxis. Fenner lässt es zehn Minuten warten, lange genug, um zu entscheiden, dass es Däubler ist, der der Restrukturierung des Marketings zu opfern sei.
«Flughafen, Terminal A», befiehlt Fenner vom Rücksitz aus und beginnt, einen Stapel Memos diagonal zu lesen. «Und die Musik ab.»
Das Taxi fährt an, aber die Musik – ein Volksmusik-Potpourri – spielt weiter. Wahrscheinlich hat er mich nicht gehört, denkt Fenner und sagt es noch einmal, etwas lauter und mit Nachdruck. «Stellen Sie die Musik ab.»
Der Fahrer reagiert nicht. «Hallo! Hören Sie nicht gut? Die Musik ab, habe ich gesagt.»
Der Fahrer blickt stur geradeaus. Offenbar wirklich schwerhörig, denkt Fenner und tippt ihm auf die Achsel.
«Die Musik bleibt», brummt der Fahrer.
Jetzt ist es Fenner, der nicht richtig gehört hat. «Wie bitte?»
«Die Musik bleibt, habe ich gesagt.»
Für einen Moment verschlägt es Fenner die Sprache. Er hat es hier mit einem Fall von Insubordination zu tun, etwas, das ihm seit Jahren nicht mehr untergekommen ist. «Ich gebe Ihnen genau zehn Sekunden Zeit», sagt er schneidend.
«Und wenn nicht?», fragt der Fahrer.
Fenner geht die Liste der Sanktionen durch: Lohnkürzung, Nichtbeförderung, Versetzung, Entlassung. Angesichts der Schwere des Delikts entscheidet er sich für die schärfste Massnahme. «Dann sorge ich dafür, dass Sie rausfliegen.»
Der Fahrer geht vom Gas und fährt rechts ran. «Was soll das?», schnappt Fenner.
«Sie sind es, der rausfliegt», sagt der Fahrer.
«Sofort weiter, ich verpass meinen Flug.»
«Raus.» Der Fahrer fasst nach hinten und öffnet die Tür. Das Geräusch des vorbeibrausenden Verkehrs wird lauter.
«So fahren Sie schon los», sagt Fenner und lässt es etwas versöhnlich klingen. Der Fahrer bleibt ungerührt. Fenner sieht sich schon mit Sack und Pack auf dem Pannenstreifen der Flughafenautobahn Autostopp machen. «Fahren Sie weiter – bitte.»
«Bitte wie noch?», fragt der Fahrer und zeigt auf das Schild am Armaturenbrett: «Fritz Hofer Taxi» steht dort.
Fenner schaut auf die Uhr. Noch zwanzig Minuten. «Fahren Sie weiter, bitte – Herr Hofer», bringt er schliesslich heraus. Der Fahrer schliesst die Tür und fährt los. Fenner erreicht seine Maschine, und nie wird jemand von diesem Zwischenfall erfahren.
Nach Fenners Rückkehr fällt, für viele überraschend, an Stelle von Däubler der viel besser qualifizierte Jean Hofer der Restrukturierung des Marketings zum Opfer.

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