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26.09.2002, Ausgabe 39/02

Buch II

Wer tötet, kriegt Reis mit Sauce

Ahmadou Kourouma ist einer der bedeutendsten Autoren des frankophonen Afrika. In seinem vierten Roman schildert er das Leben eines Kindersoldaten in Liberia und Sierra Leone.

Von Marcel Hänggi

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Zwei Französisch-Wörterbücher, ein Englisch-Dictionnaire und das «Verzeichnis der lexikalischen Besonderheiten des Französischen in Schwarzafrika», geerbt von einem Unbekannten, sind alles, was der kleine Birahima besitzt. Mit ihrer Hilfe will er seine «chaotische Geschichte» (im französischen Original treffender: «mes salades»), sein «Blabla» erzählen.

Ahmadou Kourouma, Ivorer und einer der bedeutendsten Schriftsteller des französischsprachigen Afrika, ist ein Meister der ironisierenden Perspektive. Sein letzter Roman, «Die Nächte des grossen Jägers» (soeben im Unions-Verlag als Taschenbuch erschienen), ist die Lebensgeschichte eines grausamen Diktators in Form eines Heldenepos. Sein neuestes Werk, «Allah muss nicht gerecht sein», erzählt von der Barbarei der Bürgerkriege in Liberia und Sierra Leone aus der Perspektive eines Täters. Dieser wird als Achtjähriger zum Mörder, bevor er einen Begriff davon haben kann, was gut ist und was böse. Nicht umsonst heisst sein Mentor, der ihn einführt ins erbarmungslose Handwerk eines Kindersoldaten, Papa le Bon – ein Kriegsfürst, der sich als Philanthrop tarnt und «heisse Tränen vergiesst», wenn eines seiner Opfer im Krieg fällt.

Karriere durch Elternmord

Birahimas Vater stirbt früh. Da es den Kleinen vor den Hexereien seiner verkrüppelten Mutter ekelt, verlässt er die Schule und wird zum Strassenkind, zum «Kind ohne Furcht und Tadel», das «alles und jedes klaute, damit ich zu essen hatte». Als auch die Mutter stirbt, soll eine Tante auf ihn aufpassen. Diese aber flieht, als ihr gewalttätiger Mann in der Gegend auftaucht. Birahima schliesst sich dem Marabut Tiécoura an, um die Tante im benachbarten Liberia zu suchen. Dabei hofft er, zum Kindersoldaten zu werden, denn Kindersoldaten kriegen Reis mit Sauce zu essen. Sein Wunsch geht in Erfüllung, als er in einen Hinterhalt von Papa le Bon gerät: «Und der Wald drumherum hat zu spucken begonnen, tralala, tralala, tralala, aus dem Maschinengewehr.» Nur ein «Lyakon», ein Bluthund, zu werden und damit doppelte Essensrationen zu erhalten, bleibt dem Jungen verwehrt: Er müsste zur Initiation seine eigenen Eltern ermorden – aber die sind schon tot. Lässt sich so viel Grauen 223 Seiten lang aushalten?

Es lässt sich, weil Ahmadou Kouroumas Roman grosse Literatur ist und der kleine Täter, der «in Liberia war und viele Menschen mit der Kalaschnikow getötet und Hasch geraucht und auch harte Drogen genommen hat», einem mit seiner eigentümlichen Sprache ans Herz wächst. Die zwei Schuljahre, die Birahima absolviert hat, genügten, um lesen zu lernen; sie genügten nicht für gutes Französisch. Deshalb blieben er und seine Sprache «kleine Neger». Diese naive und trotzige Sprache ist jedoch gespickt mit den schwierigen Wörtern der Franzosen, die der Erzähler wie die Flüche – «Faforo (Schwanz meines Papas)!» – und die afrikanischen Ausdrücke mit Hilfe der Wörterbücher erklärt.

Hexerei wirkt – wenn alle daran glauben

Dass auch Mädchen unter den Kindersoldaten sind und eine «Kalasch» haben, nennt Birahima «ulkig», und er kommt mit drei Weisheiten aus, sich seine Welt zu erklären: «Allah muss nicht in allen Dingen auf Erden gerecht sein», «Allah lässt keinen Mund leer, den er geschaffen hat» und, für die groteskesten Bestialitäten: «Der Stammeskrieg will es so.» Nur einmal wankt das Weltbild des Kindes: Er ist wütend über die Fetischpriester, die für den Tod seiner Freunde nur hanebüchene Erklärungen bereithalten. Doch dann erobert ein Kindersoldat, geschützt durch einen Fetisch, im Alleingang ein Dorf, das die ganze Rebellenarmee zuvor nicht hat einnehmen können. Hexerei – ein Motiv in allen Büchern Kouroumas – kann wirken in einem Umfeld, in dem alle an sie glauben.

In den lapidaren Erklärungen Birahimas findet sich der beissende Spott des Autors. Das Friedensabkommen von 1999 für Sierra Leone beruhte auf der von den USA, Frankreich, England und der Uno unterstützten Idee, «eine Veränderung der Veränderung vorzuschlagen, ohne dass sich auch nur das Geringste verändert». Und in einem Satz erfasst das Kind die Logik des Kriegs: Man konnte in Liberia «unglaublich viel Geld verdienen, weil es dort nur noch Rebellenführer gab und Leute, die grosse Angst hatten zu sterben».

Leider verliert das Buch in seiner deutschen Übersetzung etwas von seinem Charme und Sprachwitz – wenn etwa «nègres noirs africains indigènes» zu «afrikanische Eingeborene» wird. Es lohnt sich, «Allah n’est pas obligé» im Original zu lesen (Editions du Seuil, Paris 2000). Man braucht gar nicht besonders gut Französisch zu können: «p’tit nègre» reicht, und was darüber hinausgeht, wird erklärt.

Ahmadou Kourouma hat seinen vierten Roman, der in Frankreich mit dem Prix Renaudot und dem Prix Goncourt des Lycéens ausgezeichnet wurde, Flüchtlingskindern in Dschibuti gewidmet. Sie baten ihn, das Buch zu schreiben: «Die Kinder sagten: Wenn Sie ein grosser Schriftsteller sind, dann müssen Sie über die Stammeskriege schreiben. Dann wird es besser mit diesen Kriegen.» Die Hoffnung allerdings, dass «es» nun besser würde, kann Kourouma kaum bestärken. Denn Allah ist nicht verpflichtet, gerecht zu sein. Faforo!

Ahmadou Kourouma: Allah muss nicht gerecht sein. Albrecht-Knaus-Verlag, München. 223 S., Fr. 33.60

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 39/02
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