Dossier Ringier

Die Dreierkiste

Seit Wochen verhandelt Ringier mit dem Springer-Verlag. Warum jetzt? Und was lockt ihn am überschuldeten deutschen Medienriesen?

Von Christian Mensch

Michael Ringier träumt schon lange davon, in einer höheren Liga zu spielen. «Wir wollen in die Champions League», sagte er Anfang der neunziger Jahre, als er mit länderspezifischen Ausgaben von Blick und Cash die Expansion in die neuen offenen Märkte Osteuropas startete. Obwohl Ringier mit einem Umsatz von 145 Millionen Franken in Osteuropa mittlerweile zu den grösseren ausländischen Verlagen zählt, ist er hierzulande der provinzielle Riese aus dem patrizischen Zofingen geblieben. Im Ausland ein kühl kalkulierendes, agiles Unternehmen, das Zeitungen und Zeitschriften in rascher Folge gründet, kauft, verkauft, fusioniert und einstellt, ist Ringier im Heimmarkt der Boulevardkonzern von einst. Hochpolitisiert, zögerlich, ertragsschwach, innovationsgehemmt. «Das eine Geschäft hat mit dem anderen kaum etwas zu tun», urteilt ein ehemaliger Ringier-Manager im Osteuropageschäft. Kaum jemand in der Schweiz nimmt Ringiers Auslandsengagement zur Kenntnis. Und Ringiers Versuch, deutsche Fachkräfte in die Schweiz zu holen, endete im Borer-Debakel.

Dank dem Zusammentreffen verschiedener glücklicher Umstände kann Michael Ringier nun aber aller Welt zeigen, dass er doch dort angekommen ist, wo er sich selbst schon lange sieht: auf der Bühne der europäischen Grossverleger – auf Augenhöhe mit dem grossen deutschen Axel-Springer-Verlag. Seit Wochen verhandelt Michael Ringier mit dem dreimal grösseren Springer-Konzern über einen Einstieg Ringiers oder allenfalls eine Fusion beider Unternehmen. Vielleicht wird es aber auch nur eine Kreuzbeteiligung, wie ein Springer-Anwalt am Rande der ausserordentlichen Springer-Generalversammlung am Dienstag andeutete.

Glücksfälle und langjährige Beziehungen

Glücksfall Nummer eins ist die Pleite des Münchner Unternehmers Leo Kirch, dessen verschachtelter Medienkonzern nun auseinander fällt. Die Insolvenzverwalter sind dabei aufzuräumen und auch die Beteiligung am Axel-Springer-Verlag zu verwerten, die sich Kirch in den vergangenen Jahren zusammengekauft hatte. Das Aktienpaket gehört inzwischen der Deutschen Bank, bei der es Kirch mit 720 Millionen Euro verpfändet hatte.

Glücksfall Nummer zwei ist, dass nur gerade ein Medienkonzern, die WAZ, Interesse an der Springer-Beteiligung zeigte. Die vierzig Prozent an Springer sind längst nicht mehr eine Milliarde Euro wert, die Kirch ursprünglich für die schwer erkämpfte Verlagsbeteiligung wollte. Dennoch ist Springer keine attraktive Partie. Ähnlich wie Ringier ist Springer ein unberechenbares und traditionell ertragsschwaches Unternehmen. Anders als der Schweizer Verlag ist sein deutsches Pendant zusätzlich restrukturierungsbedürftig, und die Eignerfamilie tief in Machtkämpfe verstrickt. Im Geflecht von vinkulierten Aktienpaketen hat es ein Minderheitsaktionär schwer, seine Interessen durchzusetzen. Springer ist eine Schlangengrube, Leo Kirch ist nicht zuletzt daran gescheitert.

Glücksfall Nummer drei ist, dass Ringier langjähriger Geschäftspartner von Kirch als auch von Springer ist. In guten Zeiten bildeten sie ein harmonisches Dreieck, wobei Ringier in der Schweiz die Fernseh-Geschäfte von Kirch und parallel zu Springer die Print-Geschäfte betrieb. In den gegenwärtig schlechten Zeiten pflegt Ringier als einer der wenigen Kontakte zu den beiden heute verfeindeten Konzernen.

Ringier arbeitet seit den frühen achtziger Jahren eng mit Leo Kirch zusammen. Gemeinsam führen sie den Teleclub, gemeinsam betreiben sie das Schweizer Programmfenster von Sat 1. Als Ringier die Expansion nach Osteuropa nicht mehr aus eigener Kraft finanzieren konnte, verhalf Kirch zur nötigen Finanzspritze. Als Kirch 1993 aus kartellrechtlichen Gründen seine Anteile am heutigen Sportkanal DSF beschränken musste, übernahm Ringier als Strohmann für drei Jahre 17,1 Prozent des damals schwer defizitären Senders.

Noch weiter zurück reicht die Zusammenarbeit von Ringier mit Springer. Die Kontakte seien lose gewesen, doch als Boulevardverleger hätten sie stets gemeinsame Interessen verbunden, sagt eine langjährige Ringier-Managerin. So standen Springers Bild-Journalisten hilfreich zur Seite, als Ringier 1959 die Boulevardzeitung Blick lancierte. Springer war der Konzern, nach dem sich Michael Ringier orientierte, Springer war aber auch Hort steter Gefahr. Denn wie jetzt Mathias Döpfner, Springers starker Mann, so wollte schon einer seiner Vorgänger, Jürgen Richter, den Schweizer Verlag 1996 übernehmen. Was Ringier dazumal heftig dementierte, bestätigen heute Ringier-Verwaltungsräte.

Nicht zuletzt die forsche Akquisitionslust Springers hat das Verhältnis der beiden Verlage in den vergangenen Jahren abkühlen lassen. Deutliches Indiz dafür ist der Kauf der Handelszeitung 1999, mit dem Springer erstmals in den Heimmarkt des ehemaligen Schwesterunternehmens eingedrungen ist. Selbst die immer wieder erwähnte Zusammenarbeit in Osteuropa war kein Liebesverbund, sondern eine Mesalliance, die aufgrund nachhaltiger Zerrüttung geschieden wurde: 1996 wurde Springer von ihrem damaligen Partner Kirch gedrängt, dessen Anteile an der osteuropäischen Allianz mit Ringier zu einem teuren Preis zu übernehmen. Vier Jahre später wurde die Allianz entflochten, da die Deutschen gemäss tschechischen Quellen höchst unzufrieden mit dem Partner aus der Schweiz waren. Ringier blieb nicht lange alleine; heute ist der Verlag in Osteuropa mit dem Springer-Konkurrenten Gruner + Jahr verflochten.

Kirch als treibende Kraft

Beobachter gehen deshalb davon aus, dass Ringier nicht von Springer ins Rennen geschickt worden ist, wie derzeit in allen Medien kolportiert wird. Ringier sei vielmehr gezielt von Kirch lanciert worden. «Die Initialzündung ging von Kirch aus», sagt ein Ringier-Verwaltungsrat. Doch scheint nun auch Friede Springer, die Hauptaktionärin im Springer-Haus, Gefallen am Bewerber gefunden zu haben. Beide Verlegerpersönlichkeiten verdienen ihr Geld mit dem Boulevard – Friede Springer mit Bild und Michael Ringier mit Blick –, doch beide sind eher den schönen Künsten zugeneigt. Für Friede Springer, als fünfte Gattin die Witwe Axel Springers, ist Michael Ringier zudem ein Glücksfall. Sie kann als eigentliche Testamentsvollstreckerin ihres Mannes in die deutsche Mediengeschichte eingehen, falls es ihr gelingt, mit Michael Ringier einen «echten Verleger» an Bord zu holen. Firmengründer Axel Springer scheiterte seinerzeit damit, sein Unternehmen mit der Verlegerdynastie Burda zu verschmelzen und damit eine geregelte Nachfolge zu schaffen. Friede versucht es nun mit der Dynastie Ringier. Der Schönheitsfehler dabei: Die Verlegerdynastie Ringier droht mit Michael ebenfalls zu enden. «Es ist weniger als eine Hoffnung, dass eines Tages meine Kinder das Geschäft übernehmen», sagte Ringier in einem Gespräch.

Auf welche Art Springer und Ringier den Schulterschluss planen, ist derzeit höchst ungewiss. Deutsche Zeitungen kolportieren mit Verweis auf «Verhandlungskreise» seit rund einer Woche, eine Fusion beider Unternehmen werde angestrebt. Möglich wäre auch eine Kreuzbeteiligung. Das Resultat wäre das grösste Zeitungshaus Europas, der Springier-Konzern, mit einem Umsatz von 3,5 Milliarden Euro. Eine Ringier-Sprecherin dämpft allerdings die hohen Erwartungen: «Ob überhaupt und wann es zu einem Abschluss kommt, ist völlig ungewiss.»

Wer hat welche Vorteile?

Für Springer scheint der Deal nur Vorteile zu bringen: Die Schmach, dass sich ausser der WAZ niemand die Finger am eigenen Unternehmen verbrennen wollte, würde in einen Triumph verwandelt. Mit Ringier sässe ein neuer, angesehener Grossaktionär mit am Tisch. Er hätte zwar Mitsprache in den Aufsichtsgremien für sich reklamiert, bliebe aber sonst ungefährlich, wäre kein Murdoch, kein Bertelsmann, kein Berlusconi. Gleichsam im Vorbeigang hätte sich Springer mit Ringier einen mittelgrossen europäischen Verlag einverleibt.

Kopfzerbrechen macht Schweizer wie deutschen Experten, weshalb Ringier sich zu einem solchen Geschäft hergeben soll. Betriebswirtschaftlich ergibt eine Fusion für Ringier keinen Sinn. «Grösse allein ist kein Wert», betonte Michael Ringier wiederholt. Und Ringier-Manager bestätigen, dass es praktisch keine Synergien gäbe, weder im Einkauf von Rohstoffen wie Papier noch im gemeinsamen Vertrieb, noch in Osteuropa, wie die Geschichte gezeigt hat. Es mag auch niemandem einleuchten, weshalb Michael Ringier, der stets auf seine Unabhängigkeit pochte, ausgerechnet jetzt sein Unternehmen verkaufen soll. Schliesslich wird – ein wenig Börsenaufschwung vorausgesetzt – der Konzern in einigen Jahren deutlich mehr wert sein als die heute geschätzten 800 Millionen Euro. Die Rendite des Ringier-Konzerns ist zwar bescheiden. Doch im Gegensatz zu manchen Verlagshäusern schreibt Ringier schwarze Zahlen, und die Kassen sind nach den Verkäufen von Betty Bossi und der Neuen Luzerner Zeitung prall gefüllt, wie seit Jahren nicht mehr.

Gut informierte Ringier-Kreise behaupten, es lägen Cash-Mittel in Höhe von 250 Millionen Franken bereit. Dazu stünden weitere rund 100 Millionen in Aussicht für einen bereits vorbereiteten Teilverkauf des Konzerns. Mit 350 Millionen Eigenmitteln liesse sich das Springer-Paket von vierzig Prozent auch ohne Fusion der Unternehmen finanzieren. Die zusätzlich benötigten Fremdmittel von rund 730 Millionen Franken kosteten bei einer Verzinsung von sechs Prozent lediglich rund 44 Millionen Franken. So viel sollte Ringier als zweitgrösster Aktionär allemal als Dividende vom Springer-Konzern erhalten, der einen Umsatz von 2,6 Milliarden Euro ausweist. Wenn Friede Springer an einem Partner Ringier gelegen ist, dann liesse sich leicht eine fixe Mindestdividende festlegen, die jegliches Risiko für Ringier beseitigt. Da die Verlegerwitwe zur eigenen Machtabsicherung zudem fünf Prozent selbst übernehmen will, wie angesagt, bleibt Ringier eine jährliche Zinslast von 37 Millionen Franken – ein günstiger Preis für 35 Prozent am mächtigen Springer-Konzern.

Dass Ringier für einen Wachstumssprung bereit ist, weit grössere Risiken in Kauf zu nehmen, zeigte das Unternehmen in den achtziger Jahren. Angetrieben von Michaels Bruder Christoph, kaufte Ringier innerhalb von wenigen Jahren in den USA einen Druckkonzern zusammen. Stolz erklärte Ringier 1989 nach der Übernahme von W.A. Krueger, er gehöre nun zu den «Top five» in Amerika, und jeder der 3000 neuen Drucker erhielt eine Swatch als Geschenk. Krueger stellte sich jedoch als überzahlter und hochverschuldeter Sanierungsfall heraus, dessen Rettung Ringier an den Rand einer Existenzkrise brachte. Einem Eigenkapital von 55 Millionen Dollar standen Bankschulden von 450 Millionen Dollar gegenüber. Der Alptraum, der sieben Jahre später mit dem erlösenden Verkauf aller Restaktivitäten endete, kostete Ringier gesamthaft einen dreistelligen Millionenbetrag. Christoph Ringier hatte seine Chance als Firmenchef verspielt und musste 1991 das Ruder seinem Bruder Michael überlassen. Vor drei Jahren bilanzierte dieser in einem Gespräch: «Das Engagement in Amerika hat uns um zehn Jahre zurückgeworfen. Als einziges Asset bleibt, dass wir unglaublich viel gelernt haben.»

Geblieben ist Michael Ringier vor allem das internationale Flair. Es verspricht Bedeutung, als Verleger in den Fernen Osten zu reisen, nach Hongkong, Vietnam oder nach China, auch wenn der Asien-Umsatz mit 44 Millionen Franken eher gering ist. In Osteuropa gehören ihm renommierte Zeitungen, die als bedeutende politische Stimmen einen wesentlichen Anteil an der Demokratisierung ihres Landes leisteten. Unter den Schweizer Verlegern sieht man Michael Ringier selten. Das Verhältnis ist gespannt, der Umgang gestört. Aus Angst, Ringier als kräftig zahlendes Mitglied zu verlieren, wollte man Michael Ringier Anfang Jahr sogar als neuen Präsidenten des Verlegerverbandes gewinnen. Ein Ansinnen, das man nach der Affäre Borer aber schnell wieder fallen liess.

Michael Ringier tritt dafür international auf. Er ist Mitglied in den europäischen Dachverbänden und aktiv beim European Publishers Council. Als einziger Schweizer Verleger trifft er sich da mit Europas Verlagsadel zum gepflegten Gespräch. Dort steht der Blick selbstbewusst in einer Reihe mit El País, The Independent und Die Zeit. Im Ausland geniesst er das hohe Ansehen, das ihm, dem Boulevardverleger, im Inland versagt bleibt.

Michael Ringier tritt im Ausland als machtvoller Verleger auf. Er ist kein beauftragter Manager renditebesorgter Shareholder, sondern Eigentümer mit Verfügungsgewalt. Ihm gehören 51 Prozent der Stimm- und ein Drittel der Kapitalrechte. Sein Bruder ist ausbezahlt, seine beiden noch am Geschäft beteiligten Schwestern haben sich bisher nie eingemischt. Der Verwaltungsrat ist zwar international zusammengesetzt, doch in entscheidenden Fragen gilt einzig die Meinung Michael Ringiers, wie Verwaltungsräte bestätigen. Am vergangenen Samstag wurde das oberste Gremium im heimischen Zofingen erstmals darüber informiert, welche Verhandlungen Michael Ringier seit Wochen mit Springer führt. Eine strategische Diskussion, ob ein derart gewichtiges Geschäft für das Unternehmen richtig sei, gab es zuvor keine. Einsam zieht Michael Ringier seine internationalen Kreise. Entsprechend verunsichert reagiert die Basis, die nicht weiss, ob sie morgen zu Springer oder Springer zu ihr gehört. Michael Ringier wird es sie wissen lassen. Zum Zeitpunkt, den er bestimmt.

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