Reykjavik

Das blaue Wunder

Björk kommt von dort, Mick Jagger war schon dort, David Bowie möchte unbedingt hin. Islands Jugend hält trotzdem nichts von Reykjavík. Doch muss sie sich deswegen gleich die Seele aus dem Leib saufen?

Von Michèle Roten

Björk kommt von dort, Mick Jagger war schon dort, David Bowie möchte unbedingt hin. Islands Jugend hält trotzdem nichts von Reykjavík. Doch muss sie sich deswegen gleich die Seele aus dem Leib saufen?

Ich bin in einem Kaff im Zürcher Oberland aufgewachsen, das mit dem Zweck gegründet wurde, eine elektrische Strassenbeleuchtung zu erstellen. Auszug aus der Ortsgeschichte: «1943 – Bei der Felsenburg wird eine Telefonkabine installiert.» Man kann sich also ausmalen, wie aufregend das Leben für einen jungen Menschen dort ist. Immerhin – ich konnte mit Kühen spielen, mich in Maisfeldern verstecken und in der Pubertät jedes vermeintlich überflüssige Gramm in unendlichen Weiten abjoggen, und ich hatte eine unbegrenzte Auswahl an Bäumen, die ich bei Liebeskummer umarmen oder aber treten konnte. Plus: Ich hatte immer noch die Möglichkeit, in die S-Bahn nach Zürich zu steigen, und nach zwei Stunden Zugfahrt war ich gar im Ausland.

Würde man jetzt mein Oberländer Kaff aus der Schweiz herausschneiden und es dann irgendwo in die nördlichsten Weltmeere schmeissen, hätte man sich eine ziemlich genaue Miniatur von Island gebastelt. Wenn sich allerdings Jugendliche aus Reykjavík in den Zug setzen (den es gar nicht erst gibt) und zwei Stunden fahren würden, landeten sie a) mitten in einer Lavawüste, b) irgendwo in einem Fischerdorf mit fünfzig Einwohnern und einem Laden für Ölkleider oder c) mitten in einer Lavawüste mit einem Geysir, der Seife spuckt. Was soll also anderes passieren, als dass 15-Jährige als Hobby «Alkohol» angeben?

Alles ruhig hier

«Schlaflos in Reykjavík» und dergleichen heissen die momentan gehäuften und euphorischen Beiträge über diese Stadt, die plötzlich «International Partytown» genannt wird, dazu Bilder von Feten mit schönen, hip gekleideten jungen Leuten, die die gepiercte Zunge in die Kamera strecken, wild knutschen oder sonst extrem viel Spass haben. Junges Volk auf dem Weg von Europa nach Amerika oder umgekehrt macht einen Zwischenstopp in Reykjavík, um sich zwei Tage nonstop den Rest zu geben. Die Sängerin Björk ist allgegenwärtig, Mick Jagger ist schon mal mit einem Tretroller durch die Stadt gefahren, David Bowie soll sich ein Häuschen angesehen haben, und Damon Albarn von der Britpop-Band Blur ist gar Mitbesitzer vom «Kaffibarinn», der hipsten Bar der Insel.

Was wir vorfinden, als wir an einem Montagabend ankommen: ein verschlafenes Nest mit einem verschlafenen Charme, wenig Menschen, alles ist sehr ruhig. Die Bars schliessen um Mitternacht, und eigentlich fehlt nur ein Büschel aus Dornengestrüpp, das durch die Strassen gewirbelt wird.

Am nächsten Tag erkunden wir die Stadt. Das dauert – wobei wir von starkem Wind und Regen behindert werden – eine knappe halbe Stunde. Reykjavík für Touristen beschränkt sich eigentlich auf die Laugavegur, die Hauptstrasse mit ihren Kleiderläden, Cafés, CD-Shops und Souvenirläden. In diesen Souvenirläden dominieren Papageienvögel und Eisbären in allen Varianten. Obwohl es gar keine Eisbären gibt auf der Insel. Wahrscheinlich will man dem Klischee gerecht werden – auf Island muss es doch Isbären geben.

Mit den Tieren ist das sowieso so eine Sache; in Reykjavík sieht man hier und da eine Katze, aber selten einen Hund. Das hat damit zu tun, dass es bis vor kurzem noch verboten war, in der Stadt einen Hund zu halten. Die überaus fürsorgliche Regierung war nämlich der Meinung, dass Hunde aufs Land gehören. Die Stadt tue ihnen nicht gut. Nachdem ein Wirtschaftsminister sich dann zu seinem illegalen Hündchen bekannt hatte und drohte, sich mit seiner kläffenden Lucy ins Ausland abzusetzen, wurde das Gesetz entschärft. Ansonsten gibt’s hier nur Ponys, Schafe und Fische. Letztere sahen wir höchstens auf dem Teller, schlimmstenfalls in der Form von angegammeltem Hai, einer Spezialität des Landes.

Antworten einer 12-Jährigen

Zurück zur hundefreien Laugavegur: Ausserhalb dieser Strasse und deren unmittelbarem Einzugsgebiet finden sich nur noch Wohnungen. Die Häuser sind klein, kaum eines hat mehr als zwei Stockwerke, bunt angemalte Betonklötzchen mit ebenso buntem Blechdach, Holz ist hier aufgrund des mageren Bodens Mangelware. Relativ wenig Menschen auf den Strassen, davon aber auffällig viele junge Mütter, in den Cafés sitzen Jugendliche und rauchen. Hier raucht jeder. Auch Steffy. Steffy steht mit zwei Kolleginnen bei acht Grad halbnackt auf der Strasse und lässt sich unter eifrigem Geschnatter mit einem Filzstift vollkritzeln. Sie sieht aus wie 18, ist aber 12. Als ich sie frage, warum sie das macht, antwortet sie: «Weil ich jetzt zur High School gehe.» Auf meine Frage, ob sie denn heute den letzten Schultag hatte, schaut sie mich erstaunt an und erinnert mich daran, dass doch jetzt Ferien seien.

Steffy hat sowieso auf ziemlich alles eine überzeugende Antwort. Was sie denn mal werden wolle? «Stripperin.» Was sie für Hobbys habe? «Mit Freunden rumhängen, Filme gucken und saufen.» Und wie erklärt sie es sich, dass es hier so viele junge Mütter hat? «’Cause people like fucking!» Das wollte ich immer schon mal von einer 12-Jährigen hören.

Auf der Suche nach ein bisschen Wärme verschlägt es uns ins «Prikid», die älteste Bar Reykjavíks. Dort lernen wir auch Óli (ausgesprochen: «Oouli») kennen. Er ist 23, Barkeeper, sieht astrein nordisch aus und ist so etwas wie eine kleine Berühmtheit in Island. Es gibt kaum ein isländisches Hiphop-Video, in dem er nicht auftaucht, später entdecken wir auch eine TV-Werbung für eine CD mit ihm: Drei Männer stehen unter der Dusche, und irgendeinem flitscht immer wieder die Seife aus der Hand. Darauf bücken sich zwei von ihnen, um etwas später mit einem breiten Grinsen wieder auf der Bildfläche aufzutauchen. Jedenfalls ist Óli schwul. Und er sollte so etwas wie unser Sherpa werden. Er spricht ein exzellentes Englisch, wie übrigens alle jungen Isländer, und lässt uns gerne an seinen Gedanken über Reykjavík teilhaben. «Es ist überhaupt nicht schwierig, hier ‹berühmt› zu werden. Ich arbeite seit fünf Jahren als Barkeeper, da kennt man dich unweigerlich. Hier leben 286000 Leute, und die Hälfte davon in Reykjavík! Jeder kennt jeden, du kannst nichts tun, ohne dass es am nächsten Tag die ganze Stadt weiss... Und wir machen viele dumme Sachen, wenn wir betrunken sind. In einem Monat haue ich ab nach Schweden. Und sozusagen alle meine Freunde sehen das gleich – es ist einfach zu klein hier.»

Er sieht darin eine Tendenz bei den Jungen; wohingegen die älteren Isländer ein Heimatgefühl an den Tag legen, das schon fast an Nationalismus grenzt. Man ist stolz auf sein kleines Land, stolz vor allem auch auf die Sprache – aufgrund jahrhundertelanger Isolation hat sich in der isländischen Sprache grammatikalisch nahezu unverändert das Altnordische erhalten. In der Schriftsprache werden sogar noch Runensymbole verwendet. Es gibt auch keine Lehnwörter wie «Radio» oder «Computer», und für das Klingeln des Telefons wird der Begriff «fridthjófur» verwendet, was wörtlich übersetzt «Friedensdieb» bedeutet. Trotzdem ist man offen für ausländische Einflüsse. Besonders das, was amerikanisch ist, gilt als sehr cool bei den Isländern. Einen Hamburger oder Hot Dog kriegt man an jeder Ecke, ein Fischbrötchen hingegen findet sich kaum in diesem Land, das sechzig Prozent seiner Exporteinnahmen dem Fisch verdankt. Im Fernsehen läuft dreimal täglich Jay Leno.

Leben in der Dunkelheit

Óli lädt uns ein in seine WG. Zusammen mit Rósa bewohnt er ein kleines blaues Knusperhäuschen unweit des Zentrums (hier ist alles unweit des Zentrums) mit engen Treppen und kleinen Räumen. Rósa ist 22 und will auch weg aus Island. «In einem Land mit so wenig Einwohnern fällt dir schnell mal die Decke auf den Kopf. Die Leute sind zwar oberflächlich schon freundlich, aber kaum kehrst du ihnen den Rücken zu, stecken sie dir ein Messer rein. Es wird so viel getratscht hier. Ausserdem – sieh dich mal um! Und die Hälfte des Jahres ist es dunkel!» Tatsächlich ist es nicht so, dass Isländer irgendwie auf die Winterdunkelheit geeicht sind. Viele nehmen in diesen Monaten Prozac, die Erfinderischen stellen sich einen Scheinwerfer auf den Balkon, der mittels eines Timers jeden Morgen die aufgehende Sonne simuliert. Wenn man dann das Haus verlässt, um zur Arbeit zu gehen, knipst man die Sonne aus, und die Nacht ist zurück.

Wir sitzen ziemlich lange da und reden. Im Hintergrund läuft Bebel Gilberto. Sonnenmusik an einem nasskalten Herbsttag mitten im Sommer. Unser Mitbringsel, ein Sixpack Bier für über zwanzig Franken, ist im Nu Geschichte. Óli und Rósa lästern über Island, aber irgendwie liebevoll und mit einem Augenzwinkern. Unter der Woche arbeiten sie wie die Wilden, 12-Stunden-Tage sind hier die Regel, die meisten haben zwei Jobs, manche sogar drei, um ihr Leben zu finanzieren, denn hier ist wirklich alles verdammt teuer.

Mit 13 fängt man in Island an zu arbeiten, die meisten als Parkgärtner. Diese Parkgärtner sind eine faszinierende Spezies. Sie hocken den ganzen Tag an einer kleinen Böschung und stochern unmotiviert in der Erde rum, manchmal liegen sie auch ganz nonchalant neben ihren Hacken und Schaufeln und tun gar nichts. Mit drei Mädchen, die sich so verdingen, reden wir dann auch. Mit Verlaub – das sind die langweiligsten Wesen, die ich je getroffen habe. Jedes Wort muss man ihnen aus der Nase ziehen, während sie Grashalme auszupfend rumlümmeln.

Pornodarsteller gesucht

Es sind zwei Sachen, die sich durch alle Gespräche, die wir mit jungen Isländern haben, konsequent durchziehen: erstens der Mangel an Anonymität in einem 280000-Seelen-Land und die sich daraus ergebenden Kauzigkeiten und zweitens eben das Saufen. So bekennen sogar diese unscheinbaren Exemplare sich irgendwann zu dieser des Isländers liebsten Freizeitbeschäftigung.

Und wir haben das zweifelhafte Vergnügen, die konzentrierte Reinform dieser beiden Eigenheiten am eigenen Leibe erleben zu dürfen: Just an diesem Augustwochenende wird Verslunarmannarhelgi gefeiert, ein Fest zur Erinnerung an den Tag, als Island 1874 seine Verfassung erhielt. Ganz Island hat frei und fährt hinaus, um in der Wildnis zu zelten. Es gibt verschiedene Anlässe, unter anderem das Pjodhatid-Festival auf den Westman Islands, wo die Jugend hinfährt.

Da uns versprochen wurde, dort das wahre Wesen der isländischen Adoleszenz kennen zu lernen, entschliessen wir uns hinzufahren.

Óli findet diese Idee entzückend. Er erzählt uns begeistert, dass es dort immer ganz viele Vergewaltigungen gibt und die Politiker jedes Jahr danach diskutieren, ob man dieses Fest nicht abschaffen müsse. Ausserdem sollen wir Ausschau halten nach einem Pärchen aus Kalifornien, das er am Tag zuvor kennen gelernt habe. Die beiden seien auf der Suche nach isländischen Mädchen, für einen Pornofilm, und wollten auch ans Festival.

Hrannar im Koma

Wir besteigen also um halb drei in der Nacht frohen Mutes die Fähre, wo Alkohol zwar verboten ist, aber trotzdem in Strömen fliesst. Wir kommen einigermassen erschlagen um sieben Uhr morgens auf der Insel an, wo Busse bereitstehen, welche die Menge auf das Festivalgelände bringen. Es ist kalt, es regnet in Strömen, dazu ein fieser Wind – Dreckswetter. Der Buschauffeur kommentiert das als «unexpected shower, but hey: This is Iceland!». Dazu grinst er, der Mistkerl in Ölkleidern. Hier noch ein Auszug aus der Geschichte: Die Bewohner der Westman Islands nahmen 1874 nicht an den Festivitäten auf dem Festland teil, da sie die Insel nicht verlassen konnten – wegen des schlechten Wetters. Darum feierten sie zu Hause, und das tun sie auch heute noch.

Als wir auf dem Gelände ankommen, strecken ein paar zur Begrüssung den Kopf zum Zelt hinaus und kotzen ins Gras. Andere liegen einfach rum, während der Regen auf sie niederprasselt. Gegen Mittag wird der Wind zu einem ausgewachsenen Sturm, wenn ich den Mantel ausbreite, kann ich mich fast in einem 45-Grad-Winkel gegen den Boden neigen, und trotzdem stehen die Zelte noch, von innen beschwert mit Bierkisten (auf dem Gelände kann man keinen Alkohol kaufen). Völlig durchgefroren und nass bis auf die Knochen warten wir im Verpflegungszelt auf den Abend.

Wir lernen ein Grüppchen jugendlicher Schwerenöter kennen. Hrannar ist 16 und vertreibt sich die Zeit mit dem Klauen von Autos und deren Verschrottung. Er ist ein hübscher Junge, aber sehr betrunken. Er fällt regelmässig in eine Art Koma und von der Festbank, was die Sanitäter auf den Plan ruft, die ihn auf ihr Wägelchen packen und zum Ausnüchterungszelt bringen wollen. Seine Zwillingsschwester Rebecca verhindert das jeweils erfolgreich, indem sie ihm ein paar Ohrfeigen verpasst. Worauf er wieder aufwacht und sich eine Minute oder so völlig normal verhält, um dann wieder deliriös zu werden. Rebecca erzählt derweil ausführlich von ihrer Intimrasur und lässt uns ihre Meinung zu diversen Sexualpraktiken wissen. Wir beginnen auch zu trinken.

Ich frage Rebecca, ob sie an diesem Festival Sex haben wolle, insgeheim die Antwort fürchtend. «Weswegen sind all diese Leute hier, denkst du? Wegen der Musik? This is Iceland!» Ausserdem erfahre ich, dass es eine spezielle Technik gibt bei den Vergewaltigungen hier.

Man schneide aus einem Igluzelt den Boden heraus, benütze das Restzelt als überdimensionierten Regenschirm und werfe sich damit auf die besoffenen Mädchen, die im Matsch herumliegen. Vorsätzliche, vorbereitete Vergewaltigung. Und das in einem Land, wo die Kriminalität so gering ist, dass sogar versuchte Einbrüche in der «Tagesschau» gemeldet werden. Irgendwann beginnen die Konzerte. Es wird gesoffen, getanzt, gegrölt, gekotzt und dann wieder von vorne, das Ganze bis um sieben Uhr morgens. Um acht geht unsere Fähre zurück, wir sind nass, erschöpft, betrunken und deprimiert. Die Pornostars haben wir nicht gesehen.

Turbo-Besoffenmacher

Es ist Samstagnachmittag, wir versuchen ein bisschen zu schlafen. In den Nachrichten bringen sie Beiträge über die verschiedenen Festivitäten, und wir staunen nicht schlecht, als wir plötzlich im Fernsehen zu sehen sind. «Hey: This is Iceland!», sage ich zu mir selbst, bevor es jemand anderes tut.

Später machen wir uns auf, um mit Óli eine dieser berühmt-berüchtigten Partys in Reykjavík zu feiern. Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, sagen wir uns und trinken weiter. Dabei lernen wir einen isländischen Spezialtrick kennen: Man hat in der einen Hand ein Glas Wodka, in der anderen eine Zitronenscheibe, deren eine Seite in Zucker, die andere in gemahlenen Kaffee getunkt wurde. Wodka runter, Zitronenfleisch abbeissen – der Turbo unter den Besoffenmachern. Wir vertrinken in etwa das Jahreseinkommen eines indischen Teppichknüpfers. Trotzdem realisiere ich, dass irgendwann tatsächlich das Porno-Pärchen aufkreuzt – eine an allen Enden operierte Wasserstoffblondine und ihr männliches Pendant.

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