Es ist noch gar nicht so lange her, da dachte ich auf meinen Schwimmausflügen daran, irgendwann einmal – nicht allzu bald – ein Wassertagebuch zu schreiben. Es sollte all die Sätze und Gedanken enthalten, die mich begleiten auf den langen, endlosen Strecken. Jeder Schwimmer, ob er nun Schriftsteller ist oder nicht, kennt sie, diese rettenden Formeln. Es sind die Stossgebete, die er ins Wasser keucht im Moment der Erschöpfung, ebenso wie die langen, traumgedehnten Gedanken mittendrin, die unendlich viel Zeit vergehen lassen und den Schmerz in sich aufnehmen, um ihn davonzutragen in völlige Spurlosigkeit. Es sind die Anfeuerungsrufe und Hymnen, wenn der Sieg über das Wasser mit Händen zu greifen ist und man sich gleichzeitig so eins fühlt mit dem Element, dass es zwischen Sieger und Besiegtem keinen Unterschied mehr gibt. Und es sind die Verwandlungen des Wassers selbst, das jeden Tag anders ist, gnädig und grausam, geschmeidig und zäh, steil manchmal wie ein Berg aus Dunkelheit und Schwere, aber dann wieder durchlässig und belebend wie Licht. Es gäbe immer etwas zu berichten in einer solchen Wasserchronik, 365 Tage im Jahr. Denn das Wasser wechselt unaufhörlich sein Gesicht. Es ist nie das, was man denkt, und nie so, wie man es erwartet.
Die vergangenen Wochen standen im Zeichen einer Wasserchronik ganz anderer Art: einer von Stunde zu Stunde wechselnden Ticker-Meldung über steigende Pegelstände, aufgeweichte Deiche, Sickerstellen und gebrochene Dämme. Die Flutkatastrophe in Österreich, Tschechien und Ostdeutschland hat eine beispiellose Welle der Zerstörung über das Land gebracht. In jeder Zeitung, auf jedem Fernsehkanal fortlaufend Berichte über die Evakuierung ganzer Städte und Landstriche, über wild entschlossene Hausbesitzer, die trotz Lebensgefahr in ihren eigenen vier Wänden ausharren, und über Helfer, die rund um die Uhr Sandsack auf Sandsack türmen. Wer es bisher nicht glauben wollte, dem ist es spätestens nach dieser Woche klar: Wir befinden uns im Krieg – in einem Stellungskrieg mit dem Wasser, das zu einer brachialen Rückeroberung des Landes ausholt, aus dem es vertrieben worden ist.
Der Alptraum des Krieges ist allgegenwärtig, angefangen von den Deichläufern, die wie Späher auf den Dammkronen patrouillieren und mit ihren Stöcken die Befestigungsanlagen prüfen, bis hin zu den Menschenketten im Hinterland, die einen Sandsack nach dem anderen von Hand zu Hand weiterreichen, als liesse sich das Wasser damit löschen wie Feuer nach einem Bombenangriff. Während an dieser Front der Elemente noch gekämpft wird, wird andernorts Haus um Haus verbarrikadiert und alles bewegliche Gut weggeschleppt. Im Radio hört man auf einmal Formulierungen wie: Man habe den Dresdner Zwinger und die Semper-Oper «aufgegeben», um an aussichtsreicherer Stelle den «Kampf» gegen das Hochwasser wieder aufzunehmen. Kampf und Kapitulation, Rückzug und der Aufbau neuer Verteidigungslinien – ein mitunter makaberes Katastrophenszenario nimmt seinen Lauf.
Doch es ist nicht nur das Martialische, das uns mit der Flut wieder einholt. Das Grauen hat auch eine mythisch-religiöse Dimension. Beinahe gebetsmühlenhaft ist von «sintflutartigen Regenfällen» die Rede gewesen, jetzt bekommt die Floskel einen Beigeschmack von Wahrheit. Desgleichen der Helikopter-Blick auf die überfluteten Landschaften, auf die von einzelnen Baumreihen und Strommasten durchbrochene schlammbraune Weite.
Die Stille der Vernichtung, die das Wasser bringt, erreicht biblische Ausmasse. Menschenleere Flächen, Weiden ohne Vieh. Beinahe zwangsläufig drängt sich der Gedanke an eine Arche Noah auf. Unterdessen rollt landseits eine Flucht vor dem Wasser, die an den Exodus ganzer Völker erinnert.
Jahrzehntelang schien es, als sei die gemässigte Klimazone Mitteleuropas von den grössten meteorologischen Heimsuchungen ausgenommen. Spätestens seit den vergangenen Wochen weiss auch der Letzte, dass wir bei der Veränderung des Weltklimas und den damit einhergehenden Katastrophen nicht unbeteiligte Zuschauer bleiben werden.
Wenn jetzt in China der Dongting-See – ein Stausee von der Grösse Luxemburgs – über die Ufer tritt und 700000 Menschen akut in Sicherheit gebracht werden müssen, wenn das Wasser dort Zehntausende Häuser zerstört und eines der wichtigsten Reisanbaugebiete zu vernichten droht, dann ist dies nicht mehr länger eine exotisch-schauerliche Kunde aus fernen Ländern. Es ist nebenan. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Meldungen von Überschwemmungen im Osten Kambodschas, wo etwa einhunderttausend Menschen vor den Wassermassen des Mekong auf der Flucht sind, in den Tageszeitungen hinten bei den Kleinanzeigen landen. Die Superlative im Krieg der Elemente verdrängen einander. Wir werden uns daran gewöhnen müssen und fangen damit schon mal an. Dies ist kein Jahrhunderthochwasser. Es ist der Beginn einer neuen Wasserzeit.
Dabei wird der Krieg gegen das Wasser nur die eine Seite sein. Viel tödlicher und grausamer wird es zugehen, wenn erst der Krieg ums Wasser losbricht, um die im Verhältnis zum Bedarf knappste Ressource der Welt: Trinkwasser.
Nichts wird mehr so sein, wie es war. Welche Sicherheit bietet die gute alte Immobilie noch, wenn steigende Grundwasserspiegel die Fundamente ins Wanken bringen? Was werden neue, höhere Deiche nutzen, wenn sich jetzt schon zeigt, dass die Menge des Wassers nur ein Teil des Problems ist, während die viel grössere Schwierigkeit darin besteht, dass es nirgendwohin abfliessen kann? Die gefrässige Dauer des Elbhochwassers auch in einer Phase relativer Trockenheit beweist, dass die jäh vorangeschrittene Oberflächenversiegelung dem Fluss seinen natürlichen Raum genommen hat. Die Flut verebbt nicht, sie wird von einer Stadt zur nächsten nur gestaut. Wo die Gewalt des Wassers durchbricht, zeigt sich in Wahrheit ein vergewaltigtes Element. Und der Fäkalschlamm, den es hochspült, der ganze Müll und üble Gestank lassen die Rückeroberungen des Wassers als das erscheinen, was sie eigentlich sind: eine Revolte der Kanalisation.













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