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05.06.2002, Ausgabe 23/02

Interview

«Der Pegel schwoll und schwoll»

Der deutsche Schriftsteller Martin Walser sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt. Sein neuer Roman soll antisemitisch sein. Alles falsch, sagt Walser. Er habe sich nur den Frust mit der Literaturkritik von der Seele schreiben wollen.

Von Roger Köppel und Julian Schütt

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Herr Walser, warum liefern Sie sich im neuen Roman «Tod eines Kritikers» Ihren Kritikern fast erschreckend mutwillig zur Exekution aus?
Einer der Kritiker, Hellmuth Karasek, der mich seit vierzig Jahren kennt, liess, ohne Kenntnis des gültigen Textes, verlauten, das sei der Selbstmord eines renommierten Autors. Ich hätte mich an Marcel Reich-Ranicki geklammert, um auf die Titelseiten zu gelangen. Ich sage Ihnen: Solche Äusserungen machen mir das Land unbewohnbar.

Aus dem Text spricht etwas Selbstzerstörerisches. An einer Figur des Buches spielen Sie in allen Facetten durch, wie jemand kaputtgeschrieben werden kann. Nahmen Sie da nicht indirekt vorweg, was nun mit Ihnen geschieht?
Ich konnte einfach nicht unentgegnet lassen, was Reich-Ranicki noch und noch geschrieben hat. Nun stehe ich als der böse Wüterich da, und DER tut den Leuten Leid. DER durfte mit meinem Lebensstoff dreissig Jahre lang umspringen, wie er wollte. Da begehrte niemand auf. Sie können sich nicht vorstellen, wie froh ich bin, diesen Roman geschrieben zu haben.

Sie sind stolz auf Ihr Werk?
Ich bin froh, es geschrieben zu haben. So froh, dass ich fast hoffe, das lässt wieder nach, dieses Frohsein. Denn das passt gar nicht zu mir, dass ich so lange froh bin.
Sie wirken aufgeräumt. Fühlen Sie sich tatsächlich wohl im jetzigen Sperrfeuer der Kritik?
Es gibt doch keinen Augenblick, wo es einem nur gut oder schlecht geht, wo man nur glücklich oder unglücklich ist. In meinem letzten Roman, «Der Lebenslauf der Liebe», spreche ich vom «Unglücksglück».

Was ging in Ihnen vor, als Sie am Tag vor Fronleichnam die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) aufschlugen und erfuhren, warum das Blatt den Vorabdruck des Buches ablehnte?
Mir war natürlich klar, dass der Vorabdruck nicht konfliktfrei abgewickelt werden kann, angesichts der engen Verbindung zwischen der FAZ und Marcel Reich- Ranicki. Vier professionelle Gewährsleute haben das Manuskript vorab gelesen, keiner fühlte sich gedrängt, mir von einer Publikation abzuraten. Die erste Entwarnung kam von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld. Der kennt den Kulturbetrieb, steht mittendrin. Er hat gesagt: kein Problem, keine Beleidigung weit und breit.

Inzwischen überlegt sich der Suhrkamp-Verlag, ob er das Buch noch veröffentlichen soll...
Moment, bleiben wir zuerst bei der FAZ. Nach den positiven Signalen des Verlags war ich erleichtert und hab gesagt: Dann könnt ihr der FAZ das Buch ja zum Vorabdruck anbieten. Ich war dann sehr überrascht, als ich am Dienstag, den 27. Mai, abends um 18 Uhr 35, den Anruf vom Literaturchef Hubert Spiegel erhielt. Die ganzen Tage hatte ich mit ihm bereits in Kontakt gestanden, und es klang immer so, als ob es mit dem Vorabdruck klappen könnte. Nur das Plazet des Herausgebers Frank Schirrmacher fehle noch, der habe halt schrecklich viel zu tun, hiess es. Um 18 Uhr 35 kam dieser Anruf, sie könnten es nicht bringen. Da war der Literaturchef einsilbig wie nie zuvor. Und, hat er hinzugefügt, es stehe morgen im Blatt. «Ja, was steht im Blatt?», habe ich gefragt. «Warum wir es nicht bringen», hat er gesagt. Und am nächsten Tag war die Ablehnung dann schriftlich drin. Das hätte ich nie erwartet. Eher noch, dass wir eine Lesung auf der Rückseite des Mondes machen müssten, um uns kosmisch durchzusetzen.

Mit Frank Schirrmacher verstanden Sie sich doch gut. Warum fiel ausgerechnet er Ihnen in den Rücken?
Das frage ich mich die ganze Zeit. In meinem neuen Buch gibt es einen Autor, der sich schlimm behandelt fühlt. Der sagt an einer Stelle sinngemäss: Wenn du jemanden wirklich treffen willst, dann musst du es so machen, dass er nie begreift, warum. Das sind die richtigen Schläge, wenn man ein ganzes Leben darüber nachdenken muss, warum, warum, warum, und doch nie darauf kommt. So hat mich nun Schirrmacher getroffen.

Aber Entschuldigung: Sie lassen nicht irgendeiner, sondern der wichtigsten deutschen Tageszeitung ein Romanmanuskript zukommen, worin nicht irgendein, sondern deren prominentester Autor, der langjährige Literaturchef Marcel Reich-Ranicki, als Person karikiert und demontiert wird. Das war doch ein Stich ins Fleisch der FAZ. Und da wollen Sie über Schirrmachers Absage erstaunt sein?
Die letzten, ich weiss nicht, fünf oder sechs Romane wurden in der FAZ verlässlich vorabgedruckt. Da schickt man fast aus Routine jedes neue Manuskript wieder hin. Warum auch nicht? Es gab im Vorfeld sogar Stimmen, die meinten: Vielleicht findet das Reich-Ranicki ganz toll, einmal so umfassend beschrieben zu werden. Eine Romanfigur ist ja nie identisch mit einer wirklichen Person. Die Romanfigur ist überzeichnet, ist grandios in ihrer Show, ist prächtig, ist frech, ist lustig, ist brutal, ist sentimental, alles bis zum Gehtnichtmehr. Da habe ich mir dann auch gedacht: Ja, vielleicht freut sich DER, einmal so al fresco an die grösste Wand der Welt projiziert zu werden. Das war nicht der Fall, wie wir jetzt wissen.

Sie haben im Vorfeld der Debatte ein «skandalöses» Buch angekündigt, dessen Titel Sie nicht nennen mochten. Dass in Ihrem Roman eine gewaltige Explosionsladung steckt, muss Ihnen bewusst gewesen sein. Sie steuerten doch mit totaler Instinktsicherheit Punkte des Schmerzes an.
Nur meines Schmerzes. Wer lange im Voraus schon verrät, er habe ein Buch mit der Überschrift «Tod eines Kritikers» geschrieben, würde nur eine unappetitliche Spekulationswelle auslösen. Da glaubt dann jeder zu wissen, wer gemeint ist. Ich hätte aber nie gedacht – und das ist das seriös Katastrophale an der ganzen Affäre –, dass ein Buch mit hundert Motiven so grell auf ein Nebenmotiv eingeengt werden kann. Da komme ich nicht mit. Grad heute hab ich von Schirrmacher «mit bestem Gruss» – eine vertrackte Formel – den Originalbrief nachgereicht bekommen, den er zuvor in der FAZ veröffentlicht hat, datiert vom 28. Mai. Aber warum publizierte er ihn? Es kann doch nicht sein, dass einer nur aus saisonalen Gründen so gehandelt hat.

Saisonal? Sie meinen wegen des Antisemitismus-Streits um Möllemann und die deutsche FDP?
Ja.

Aber Sie müssen nach der heftigen Diskussion über Ihre Friedenspreisrede 1998 zumindest geahnt haben, dass Sie mit Ihrem Buch noch ein Brikett nachschieben.
Sie trauen mir doch wohl nicht im Ernst zu, dass ich diesen Antisemitismus-Streit noch zusätzlich aufheizen wollte. Das entbehrt doch jeder Logik

Sie sprechen Ihrem Text eine provokative Wirkung kategorisch ab?
Es ist einfach nicht meine Art, mich in meinem Schreiben mit möglichen Wirkungen zu beschäftigen. Für mich sind der Anlass wichtig und das Handwerk und die Stimmung.

Nun wird nicht mehr nur die Moralkeule gegen Sie geschwungen, nun werden Cruise-Missiles der Moral gegen Sie abgefeuert. Die FAZ, der Spiegel und selbst besonnene Bedenkenträger wie der Historiker Heinrich August Winkler hören aus Ihrem Text antisemitische Klischees heraus.
Was habe ich denn getan? Ich erfand ganz aus mir heraus zwei schöne deutsche Wörter: «Herabsetzungslust» und «Verneinungskraft». Schirrmacher und Konsorten behaupten nun, ich benütze anti- semitische Klischees. Da machen sie letztlich nichts anderes als Goebbels: Sie taxieren Antisemitisches. «Herabsetzungslust» ist doch ein wunderbares Wort. Jeder von uns, selbst der Pfarrer von Wasserburg, kennt diese Herabsetzungslust. Die Behauptung, ich bediente mich aus dem antijüdischen Repertoire, empfinde ich als Beleidigung. Schirrmacher soll mir, notfalls vor Gericht, beweisen, dass ich «Herabsetzungslust» und «Verneinungskraft» in meinem Buch antisemitisch verwende. Da kann einem sonst die Darstellung jeder Regung als Antisemitismus ausgelegt werden.

Ist das die letzte Lockerung in einem gelangweilten Kulturbetrieb, dass man einen Autor als Antisemiten diffamiert, nur weil er Wörter wie «Herabsetzungslust» und «Verneinungskraft» braucht? Oder weil er einem Kritiker vorhält, er sei nicht schöpferisch und schaffe nichts Eigenes? Der Nobelpreisträger Günter Grass hat die Kritiker vor ein paar Jahren «parasitär» genannt, und niemand verunglimpfte ihn deswegen als Antisemiten.
Man könnte durchaus von einer Gelangweiltheit sprechen, wo es geradezu fanatischer Reaktionen bedarf, um noch eine Feuilletondebatte auszulösen. Wobei mir Gelangweiltheit zu sehr nach Baudelaireschem Ennui klingt. Da rutscht die Argumentation auf eine zu edle Ebene. Deutschland ist der Schauplatz des ewigen Dreissigjährigen Krieges. Das Land der Intoleranz schlechthin. Unter allen Regierungen und Regimes war Toleranz in Deutsch- land nie gefragt. Und Intoleranz im Namen der Aufklärung immer hoch im Kurs. Die Deutschen behandeln alles auf religiöse Art. Man muss hier immer auf fundamentalistisch-religiöse Weise Recht haben. Ich nehme mich da nicht aus, ich bin davon genauso angesteckt. Wobei mir alles Religiöse, das nicht begabt genug ist, als Heuchelei erscheint. Am Ende solcher religiösen Dispute steht dann die da und dort erhobene Forderung, man solle mein Buch nicht drucken.

Oder gleich verbrennen.
Das haben Sie gesagt.

Sie galten bereits in den achtziger Jahren als Nationalist, später unter Feuilleton-Intellektuellen als Populist und jetzt als Antisemit, leiden also schon lange unter dem Liebesentzug vieler Literaten und Kritiker. Sind Sie dadurch radikalisiert worden? Gelangten dadurch ungute Emotionen in Ihren neuesten Text?
Da kann ich nur darauf verweisen, dass ich das Projekt schon sehr lange verfolge. Oben in meinem Arbeitszimmer könnte ich Ihnen meine Notizbücher zeigen. Ich bin im Augenblick bei Band 46. Da könnten wir schauen, wann genau ich mit dem Projekt begonnen habe. Immer wenn ein Band fertig ist, mache ich eine Registratur, und auf die letzte Seite kommen Projekte, die Titel haben und von Notizbuch zu Notizbuch ernährt werden. Oder sterben und dann nicht mehr vorkommen. Da gibt es seit mindestens 25 Jahren eine Abkürzung: «T. E. Kr.» – «Tod eines Kritikers». Seit 25 Jahren. Das sind selten ruhige, sachliche Eintragungen, sondern da geht es darum, Dinge, die mir zustossen, für mich erträglich zu machen. Das ist meine Lebensart. Ich wurde also nicht durch Liebesentzug zur Inkompetenz zugerichtet, wie Sie mir unterstellen. Ich kann diesen Paragrafen der Unzurechnungsfähigkeit nicht akzeptieren. Ich bin – oh Gott, ich wage es kaum auszudrücken – leider wahnsinnig normal.

Martin Meyer schrieb in der NZZ, Ihrem Roman fehle die Distanz. Aus Ihrer Perspektive wäre das ein absurdes Kriterium, weil Sie nicht über Dinge schreiben können, zu denen Sie Distanz haben.
Moment, das würde ich nicht sagen. Distanz ist nicht mein Wort. Aber ich kann mir denken, was Martin Meyer denkt. Es könnte sein, dass der Text, der da abgelaufen ist bei mir, weniger Distanz hat als alles, was ich bislang geschrieben habe. Das könnte er gemeint haben.

Ihr Roman wird als aggressiver Akt empfunden. Warum haben Sie ein Buch über Kritiker und speziell über Marcel Reich-Ranicki geschrieben und nicht über einen Autor, den die Kritik einzuengen und zu demontieren versucht?
Andere Kritiker fragten besorgt: Warum, Herr Walser, haben Sie einen klar identifizierbaren Kritiker genommen? Warum nicht einen erfunden? Da denke ich: Ja, das sagt man von aussen so leicht. Den letzten Roman, «Der Lebenslauf der Liebe», hätte ich in München, das ich gut kenne, spielen lassen können. Aber der Stoff stammte halt aus Düsseldorf, das ich nicht kannte. Und dann habe ich gemerkt: Ein Stoff hat eine ursprüngliche Tendenz, und wenn man diese verletzt, wird man nachher mit Fälschen nicht mehr fertig. Diesmal wollte ich ein Buch über die Machtausübung im Kulturbetrieb schreiben. Ja, hätte ich denn nun die Inkarnation dieser Machtausübung aus Diskretions- oder aus Martin-Meyerschen Distanzerfordernisgründen auslassen sollen? Und stattdessen ein Kerlchen aus siebzehn weniger bekannten Vorbildern verfertigen sollen? Leidzufügende Vorbilder brauche ich nun mal zum Schreiben. Ich mach’s nie ohne.

Sie spielen aber mit dem Feuer: Marcel Reich-Ranicki war im Warschauer Getto eingesperrt und sehr direkt vom Tod bedroht.
Das läuft darauf hinaus, dass man über ihn nicht schreiben darf, auch wenn er im deutschsprachigen Literaturbetrieb mächtig wie kein anderer Kritiker ist? Ich greife ihn ja ausschliesslich als Kritiker, nie als Juden an. Alles wird nun in meinem Buch auf Schlüsseltext hin gelesen. Da wird in der Figur Pilgrim mein Verleger Siegfried Unseld entlarvt, obwohl der unter seinem richtigen Namen vorkommt, und in einer andern Figur seine Gattin Ulla Berkewicz, was eine geradezu aberwitzige Unterstellung ist, gegen die sich Ulla Berkewicz genauso wehren muss wie ich. Es werden mir Mordfantasien über lebende Personen angelastet, obwohl im Buch niemand umgebracht wird.

Der literarische Topos, dass sich Autoren drastisch über Kritiker auslassen, ist im Übrigen altbewährt, gewissermassen geadelt. Jeder kennt Goethes Sprüchlein: «Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent.» Darf man heute nicht mehr sagen, was man für wahr und richtig hält? Muss man seine Worte immer schon im Lichte ihrer übelsten Auslegung formulieren?
Wissen Sie, Reich-Ranicki will immer Recht haben. Mein innigster Wunsch ist immer gewesen, nicht Recht haben zu müssen. In einem Roman schon gar nicht. Es ist wunderbar, nicht Recht haben zu müssen. Die Erfahrung der eigenen Überflüssigkeit provoziert in uns Intellektuellen ganz verschiedene Arten von Produktivität. Wenn gottlose Intellektuelle wie Schirrmacher und Karasek den Antisemitismus-Vorwurf saisongerecht anbieten, dann übernehmen sie die Rolle der Kirche. Dann erfüllen sie das moralische Bedürfnis, das früher die Kirche befriedigte.

Wenn man Ihnen zuhört, hat man den Eindruck, dass wir auf einen neuen Glaubenskrieg zusteuern.
Ich weigere mich, diese Antisemitismus-Attacke nur aus der Aktualität – Möllemann und so weiter – zu erklären. Ich habe öfter gemerkt, dass ich dem Zeitgeist nicht entspreche, und wurde demgemäss getadelt. Sogar Reich-Ranicki hat noch 1998 dementiert, ich sei ein Antisemit; Ignatz Bubis hat den Vorwurf des latenten Antisemitismus zurückgenommen. Jetzt kommen die Bezichtigungen erneut und aggressiv.

Wenn es antisemitisch ist, Wörter wie «Herabsetzungslust» und «Verneinungskraft» in den Mund zu nehmen oder die israelische Regierung zu kritisieren – wie ist dann Antisemitismus zu definieren?
Ich bin Erzähler, kein Definierer. Die Reaktionen auf mein Buch sind zudem so krass und in der Wirkung auf mich so gravierend, dass ich mir derzeit keine weiterführenden Gedanken machen kann.

Im Journalismus gilt die Regel: Wo man persönlich zu betroffen ist, muss man besonders behutsam vorgehen.
Ja, deshalb ist mancher Journalismus nicht besonders lebensvoll. Normalerweise sind wir Objekte irgendeines Einflusses, irgendeiner Machtausübung. Nachdem man etwas aufgeschrieben hat, ist man nicht mehr bloss Objekt. Man kann sich schreibenderweise einbilden, Subjekt zu sein. Im letzten Kapitel meines Romans steht Nietzsches Satz: «Diese meinen, die Wirklichkeit sei hässlich: aber daran denken sie nicht, dass die Erkenntnis auch der hässlichsten Wirklichkeit schön ist...» Ist das nicht toll? Ich sage immer: Literatur wirft einen weissen Schatten. Das kann noch so entsetzlich sein. In dem Augenblick, in dem es Sprache ist, ist es nicht mehr die pure, nackte Grausamkeit oder Unerträglichkeit...

Die der Beruf des Kritikers normalerweise mit sich bringt und erzeugt.
Ich rede jetzt von mir. Aber wenn ich im Notizbuch etwas festhalte, dann ist das, was mir passiert ist, nicht mehr so hässlich, wie wenn ich es ungeschrieben hinnehme.

Was war die schlimmste Kränkung, die Reich-Ranicki Ihnen zugefügt hat?
Das weiss ich noch genau. 1976 kaufte ich mir am Bahnhof die Zeitung, natürlich die FAZ, das Schicksalsblatt, und lese SEINE Kritik über «Jenseits der Liebe». Ihm fiel selber keine Überschrift ein. So beutete er meine Überschrift für seine gegen mich aus. Ich wählte «Jenseits der Liebe» – er machte «Jenseits der Literatur», stiess mich aus der Literatur aus, sagte, nicht ein Satz lohne sich, gelesen zu werden. Von wegen lohnen: Das Buch hat sich in der Taschenbuchausgabe inzwischen über 130 000 Mal verkauft.

Die stolze Verkaufszahl konnte Sie nicht besänftigen? Wurden Sie insgeheim das Gefühl nicht los, Reich-Ranicki könnte irgendwo doch Recht gehabt haben?
Max Frisch hat in seinem ersten «Tagebuch» davon gesprochen, dass eine negative Kritik stets etwas Verdächtiges hat. Der Tadel bleibe kleben. Er hat das, wie es seine Art als junger Autor sein durfte, etwas direkt formuliert. Ich würde es so ausdrücken: Den Lobenden kann man unterbrechen. Ich gehe im neuen Buch darauf ein, warum man Verrisse doppelt so langsam liest wie Lob. Verrisse liest man in Zeitlupe. Sie bleiben haften. Lob und Tadel sind immer Anmassungen gegenüber dem Gelobten und dem Getadelten. Wer ist Reich-Ranicki, dass er mich tadeln darf? Es gäbe neben Lob und Tadel noch etwas Drittes: Zustimmung. Der, über den wir hier reden, kann nicht zustimmen. Er kann nur loben oder verreissen. All diese Erfahrungen dürfen dann schon mal 150 Seiten ergeben.

Reich-Ranicki hat doch auch Bücher von Ihnen gelobt. Sie waren eine Zeit lang fast befreundet.
Wir waren mal zum Geburtstag bei ihm eingeladen und hatten noch kein Geschenk. Da fuhren wir nach Ludwigshafen, stoppten vor einem Antiquitätenladen. Es könnte sein, dass da etwas für DEN drin ist. Da haben wir ein altes Glas gefunden. Auf ein Papier schrieb ich sinngemäss: Wir sind immer Clowns in unserem Zirkus und watschen einander zur Freude des Publikums, und wenn wir wieder hinausgehen, sagen wir: Na, das war heut wieder eine Watsche.

Ist das Buch aus einer Urgekränktheit gegenüber Kritikern geschrieben?
Als 1955 mein erstes Buch erschien, sagte mir der Verleger Peter Suhrkamp: «Reagieren Sie nie auf Kritik.» Manchmal hört man von Kollegen, die auf Kritik reagieren. Das endet meistens übel. Kein Mensch interessiert sich für Klagen von Schriftstellern, die sich zu Unrecht kritisiert fühlen. Diese Einsicht habe ich über Jahrzehnte beherzigt.

Jetzt haben Sie ein Buch daraus gemacht. Sie sagten einmal in einem Interview: «Wenn die Provokation zu stark wird, kann man sich nicht beherrschen. Ob etwas gut oder weise ist, fragt man sich dann nicht.» Kann dann sogar ein «Dokument des Hasses» (Schirrmacher) entstehen?
Das Buch ist nicht aus Hass entstanden. Sondern aus dreissig Jahren Erfahrung. Der Pegel schwoll und schwoll. Jetzt ist es vorbei. Und es ist mir völlig egal, was darüber geschrieben wird. Ich fühlte mich noch nie so unabhängig. Und dabei steht nur ein kleiner Teil dessen drin, was ich in meine Notizbücher eintrug. Ich könnte noch mal ein Buch schreiben.

Das haben Sie nicht allen Ernstes vor?
Noch nicht.


Mitarbeit: Matthias Ackeret

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 23/02
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