Expeditionen

Die Krankmacher

Von James Hamilton-Paterson

Als ich am letzten Weihnachtstag dem grau brandenden Meer entlangspazierte, kam ich zum Schluss, dass ich am Meer-Entzug-Syndrom leide oder MES, wie dieses Leiden in Zukunft genannt werden wird. Es tritt bei Anfälligen auf, wenn diese sich längere Zeit fern dem Meer aufgehalten haben. Zu den Symptomen gehören Ruhelosigkeit, Beklemmung, plötzliche ruckartige Bewegungen, als suche der Patient sehnsüchtig einen Horizont ab, und gelegentliche auditive Halluzinationen von Wellen und Möwen. Im Folgenden soll die wissenschaftliche Ätiologie dieses Syndroms beschrieben werden, mit Verweis auf die aquatische Vergangenheit der Gattung Homo und auf eine «genetische Erinnerung» oder Nostalgie nach dem Ozean, der jahrtausendelang unsere Wiege war.

Also gut, ganz ernst ist dieser Vorschlag nicht gemeint. Doch er klingt nicht wirklich weiter hergeholt als viele jener Syndrome, die fast täglich aufzutauchen scheinen und sogleich entsprechende Experten, Forschungsgelder, widerwillige Anerkennung durch die Gesellschaft und schliesslich die gesetzliche Festschreibung als echte Krankheiten nach sich ziehen. Man ist versucht, die dauernde Identifikation und Klassifikation neuer Syndrome als einen Trick raffinierter Mediziner zur Steigerung ihres Einkommens zu verspotten. Die säuerliche Reaktion der Ärzte darauf lautet: Der schwedische Naturforscher Carl von Linné habe durch sein System zur Klassifikation von Pflanzen auch nicht deren Zahl vermehrt. Die Pflanzen seien schon da gewesen; er habe sie nur benannt und geordnet.

Egal ob die Wissenschaft bestehende Syndrome aufdeckt oder sie sich aus den Fingern saugt: Das Gesamtgewicht vermutlich auf uns lastender Gebrechen wächst von Jahr zu Jahr. Ein Problem der modernen medizinischen Pathologie ist, dass sie den Anspruch hat, wissenschaftlich und somit unparteiisch zu sein; andererseits wissen wir alle, dass damit grotesker Missbrauch getrieben werden kann und getrieben worden ist. Für Freud etwa war Homosexualität etwas fraglos Pathologisches, eine Einschätzung, die das ganze 20. Jahrhundert lang grauenvolle Folgen zeitigte und dies noch immer tut. Ebenso wissen wir, was vielen Dissidenten in der Sowjetunion widerfuhr: Sie wurden Ärzten übergeben, die Geistesgestörtheit diagnostizierten und ihnen bewusstseinsverändernde Medikamente verschrieben und sie jahrelang in Irrenhäuser steckten. Dies geschah zweifellos oft im guten Glauben: Weil der Marxismus-Leninismus als vollkommen rational (und rational vollkommen) galt, musste jeder, der ihm widersprach, demzufolge verrückt sein. Auch in der westlichen Psychiatrie gibt es Horrorgeschichten; dazu gehört nicht zuletzt, dass zurzeit bei so vielen Kindern «Hyperaktivität» oder ein «Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom» diagnostiziert wird und in manchen Schulen der USA praktisch jede Schülerin und jeder Schüler dauernd unter Medikamenten steht. Mit anderen Worten: Wissenschaft lässt sich nie trennen von der Gesellschaft, in der sie praktiziert wird. Die Prioritäten und die Denkweise einer Kultur wirken sich immer sowohl auf die Forschungsgegenstände und die Interpretation der Ergebnisse als auch auf die Anwendung von Entdeckungen aus.

Wir sind jetzt endlich dabei, uns von der naiven Interpretation der Medizin als eines nicht nachlassenden Pathologisierungsunternehmens zu lösen. Zunehmend wird erkannt, dass eines Menschen Syndrom eines anderen Menschen Talent sein kann, dass Gesundheit etwas anderes ist als das Fehlen von Krankheiten mit pseudolateinischen Namen. Ausserdem ist der menschliche Körper (und besonders der menschliche Geist) insofern wie ein Auto, als es fast unmöglich ist, ihn der modernen Diagnostik zu unterziehen, ohne dass diese irgendwelche Schäden feststellt, obschon Körper wie Auto bestens funktionieren. Irgendetwas ist doch grundlegend verkehrt, wenn die Gesamtbevölkerung als medizinisch krank diagnostiziert werden könnte, obwohl es den meisten von uns Westlern fast immer bestens geht. Dass eine deutliche Mehrheit gesund ist, dürfte eine der Definitionen von Normalität sein. Freuds «Psychopathologie des Alltagslebens» trifft angeblich auf uns alle zu, doch solange wir durch unsere Symptome nicht handlungsunfähig gemacht werden, können wir in dieser Hinsicht wohl nicht abnorm sein.

Es ist erhellend, sich auf den Ursprung des Worts «Pathologie» zu besinnen: Es kommt vom griechischen Wort «pathos», das bezeichnet, was einem «zustösst, widerfährt, was man erlebt, erleidet, spürt». Es ist schade, dass diese ursprüngliche Bedeutung verdrängt wurde durch die vom «Erleiden» abgeleitete sekundäre der «Krankheit». Das bei mir feststellbare MES rührt ganz direkt daher, wie ich das Meer erlebe und spüre. Ich spüre heftig, dass es fehlt. Ich höre und rieche es, wenn es nicht da ist, und spüre, wie es mich wiegt, obschon mein Körper völlig ruhig ist. Andererseits ertrage ich es auch nicht, zu lang am Meer zu wohnen, da es mir zu deutlich von Dingen spricht, die mich melancholisch stimmen. Melancholie ist freilich keine Funktionsstörung. Sie ist genauso wenig ein Symptom wie das Älterwerden. Sie erwächst ganz natürlich daraus, dass uns ein einziges, kurzes, nichtwiederholbares Leben auf diesem Planeten gegeben ist; und daran kann kein Arzt etwas ändern.

Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Illustration: Lorenz Meier

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