«Attilas Hunnen»

«Attilas Hunnen»

Wer soll rein? Wer muss raus? Was Europa von Amerikas liberaler Einwanderungspolitik lernen kann.

Von Johannes von Dohnanyi

Taoufik Menai kann mit seinem italienischen Leben rundherum zufrieden sein. Aus einer Randexistenz als illegaler Tomatenpflücker und Äpfelernter, als Tellerwäscher und Kellner wagte der gelernte Buchhändler aus Tunis 1992 den Sprung in die Selbständigkeit. Ein Jahrzehnt später setzt die von ihm und seinen Freunden in Reggio Emilia gegründete Kooperative el-Karama (Würde) über eine Million Franken mit Handelswaren aller Art um. So stolz ist Taoufik Menai auf seinen Erfolg, dass er wenig davon hält, dass die italienische Presse ihn inzwischen als den «Berlusconi der Immigranten» bezeichnet. Der Vergleich mit dem TV-Milliardär und Ministerpräsidenten sei doch allein schon deshalb schief, meint der nordafrikanische Selfmademan selbstbewusst, «weil ich als Muslim und farbiger Einwanderer doppelt so gut sein musste wie jeder Italiener».

Die italienische Bilderbuchkarriere des Tunesiers Taoufik Menai kann sich durchaus mit der des Marokkaners Mohammed Mahria messen, in dessen «Marrakesch»-Bäckerei in Rotterdam selbst Hollands Königin Beatrix schon mal am Tresen steht. Und auch der Türke Metin Colpan, der mit Quiagen eines der erfolgreichsten Biotechunternehmen Deutschlands führt, gehört zu der wachsenden Zahl von Einwanderern, die sich, mit Kebab-Buden und schicken Ethno-Restaurants ebenso wie in klassischen Industriesektoren und der New Economy, in den letzten Jahren überall in Europa in Unternehmer verwandeln. Rund sechs Prozent der deutschen Privatunternehmen sind inzwischen im Besitz von Ausländern. Gut 60 000 Türken gehören zu dieser neuen Gründergeneration. Mit ihren fast 350 000 Angestellten machen sie jährlich um die 40 Milliarden Franken Umsatz. Etwa das Zehnfache davon steuern die fremden Arbeitgeber insgesamt zu den Volkswirtschaften der Europäischen Union bei. Und selbst in Italien, wo die Einwanderungswelle erst vor wenigen Jahren begann, haben schon 168 000 Immigranten den Sprung in die Selbständigkeit geschafft. «Wir sind ein nicht mehr zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor», sagt auch der mit Asia-Food-Importen zum vielfachen Euromillionär gewordene Chinese Qiang Wang in Mailand. Sein bisher ungehört gebliebenes Angebot: «Wenn wir als gleichberechtigte Partner anerkannt würden, könnten wir in unserer alten Heimat Märkte öffnen, zu denen man ohne Hilfe nur schwer Zugang findet.»

In dem einen Wort «Partner» liegt das Problem. Einwanderer gelten in Europa noch immer nicht als Chance. Stattdessen sehen immer mehr Menschen in den Fremden eine potenzielle Gefahr für einheimische Arbeitsplätze, politische Stabilität und zunehmend auch ein Risiko für die eigene kulturelle Identität. Weil die Colpans und die Wangs das Image der seltenen Paradiesvögel nicht loswerden, gibt es bisher auch kaum Initiativen, um den für die Einwanderer mit Vorurteilen und bürokratischen Hindernissen gespickten Hürdenlauf zum Erfolg zu erleichtern. Unter Bankiers, beschrieb Die Zeit die Möglichkeit für unternehmerisch aktive Einwanderer, Zugang zu deutschem Venture-Capital zu erhalten, «gilt offenbar die Regel: je weiter das Heimatland des Bewerbers entfernt und je dunkler seine Hautfarbe, desto geringer seine Chancen».

Während von Amts wegen verordnete Stolpersteine wie zum Beispiel die «Beschränkungen der deutschen Gewerbefreiheit für Nicht-EU-Ausländer» in der Regel mit endlosen Behördengängen überwunden werden können, ist gegen die aus Vorurteilen geborene Schikane durch Beamte und private Einheimische kein Kraut gewachsen. In Österreich wollen die Prüfer von angehenden muslimischen Köchen schon mal wissen, wie man einen anständigen Schweinsbraten zubereitet. Und im italienischen Vicenza zeigten einheimische Handwerker ihre auch sonntags arbeitende chinesische Konkurrenz wegen unlauteren Wettbewerbs an. Die Justiz hatte Verständnis. Die Hinterhofbetriebe der zu fleissigen Immigranten wurden geschlossen.

Überall auf dem Kontinent gilt bis heute, dass Fremde zwar ein vielleicht nötiges, im Ganzen aber unerwünschtes Übel sind. Von einer aktiven und damit auch an den eigenen Interessen orientierten Einwanderungspolitik hat Europa nie etwas wissen wollen. Wie tief den Europäern ihr Misstrauen gegen die Migranten aus anderen Ländern und Kontinenten sitzt, zeigt der Debattenstand über eine von Brüssel vor vier Jahren vorgeschlagene integrierte Immigrations-Strategie. Wirklichen Fortschritt hat es nur in einem Punkt gegeben. Nachdem der Schengen-Vertrag die alten Binnengrenzen aufgehoben hat, wollen sich die Europäer künftig vor allem auf den gemeinsamen Schutz ihrer Aussengrenzen konzentrieren. Offiziell geht es vor allem um das berechtigte Anliegen, die Ströme falscher Flüchtlinge und illegaler Einwanderer zu kontrollieren. Tatsächlich ist es die hyperrestriktive Einwanderungspolitik Europas, die viele Immigranten überhaupt erst in die Illegalität treibt. Kein Wunder, wenn es da nur wenige der vorwärts strebenden, ehrgeizigen und vor allem gut ausgebildeten Immigranten in die Alte Welt zieht. Die versuchen ihr Glück lieber gleich in Amerika.

Drei Dinge vor allem machen die Vereinigten Staaten für Ausländer attraktiv. Zum einen gilt der Besitz einer der nach strengen Auswahlkriterien jährlich vergebenen 55 000 Green Cards als Vertrauensvorschuss in die eigenen Fähigkeiten. Für Reiche, besonders Talentierte und innovative Denker stehen die Grenzen Amerikas immer offen. Zum anderen darf sich, wer die begehrten Einreiseund Arbeitspapiere hat, sofort als aktiver Teil des American Dream fühlen. Und schliesslich honoriert die amerikanische Gesellschaft wenig anderes so sehr wie Einsatz, Leistung und Erfolg – unabhängig von Rasse und Hautfarbe.

Ganz anders Europa. Anstatt möglichst viele hochqualifizierte Ausländer in die Festung Europa zu locken, staunt der amerikanische Energieanalytiker Alan Troner, «klingt die europäische Einwanderungsdebatte immer so, als stünde Attila mit seinen Hunnen direkt vor den Toren». Er habe sich einfach nicht willkommen gefühlt, bestätigt Khaw Wei Kang, der eigentlich «irgendwo in Europa» ein Dot.com-Unternehmen aufmachen wollte. Wie die meisten ehrgeizigen und gut ausgebildeten Auswanderer sucht auch der junge Informatiker aus Schanghai sein Glück jetzt stattdessen in Amerika.

Um den provisorischen Charakter ihrer Anwesenheit zu unterstreichen, nannte man in Europa die Ausländer verschämt «Gastarbeiter» oder «Saisonniers». Selbst die vielgelobte deutsche Green Card, mit der Deutschland seit zwei Jahren dringend benötigte IT-Experten aus dem aussereuropäischen Ausland lockt, hat an dieser Grundhaltung nichts verändert. Im Unterschied zu dem amerikanischen Vorbild, das für das ganze Leben gilt, verlieren deutsche Green-Card-Besitzer ihr Aufenthalts- und Arbeitsrecht nach vier Jahren. Eine Erneuerung ist möglich, eine Garantie dafür gibt es nicht.

Zahlenmässig unterscheidet sich die Migrationswelle nach Europa und in die Verei-nigten Staaten kaum. Hüben wie drüben des Atlantiks wächst die Bevölkerung jährlich um etwa eine Million Ausländer. Rund zwei Drittel davon kommen legal entweder mit Arbeitsgenehmigung, mit Sondererlaubnis oder auch als Flüchtlinge. Die restlichen 300 000 sind illegale Immigranten, die sich, wie in Europa, auch im Fall der Vereinigten Staaten selbst durch die schärfste Bewachung vor allem der südlichen Grenze nach Mexiko nicht aufhalten lassen. Der entscheidende Unterschied sei aber, sagt die Immigrantenanwältin Heidi Meyer aus Washington, «dass wir wissen, was wir an den Einwanderern haben».

Zehn Jahre Amerika reichen dem statistischen Durchschnitts-Immigranten, um sich für dieses Lob zu bedanken. Dann liegt sein Einkommen nämlich schon um 13 Prozent über dem mittleren Einkommen der Einheimischen. 1996 liessen die neun Prozent Ausländer 162 Milliarden Dollar in die Steuerkassen fliessen. Umgekehrt belasteten die Einwanderer das amerikanische Sozialbudget mit nur fünf Milliarden.

Ohne Einwanderer aus Asien wäre auch Silicon Valley undenkbar gewesen. Kanwal Rekhi zum Beispiel wanderte als 18-Jähriger aus der indischen Armenprovinz Kanpur nach Kalifornien aus. Zwanzig Jahre später, lange vor dem Internetboom, verkaufte er sein Unternehmen Excelan für die damals noch gigantische Summe von 210 Millionen Dollar. Und er war nicht der Einzige: Ob der Halbleiterproduzent Cirrus Logic, der B2B-Programmentwickler Aspect Development oder der Online-Server für Grossbanken Xpede – ein Viertel aller im Silicon Valley angesiedelten New-Economy-Unternehmen wurde 1998 von Immigranten aus China oder Indien besessen oder geleitet.

Ob Unternehmeraspiranten, Künstler, Wissenschaftler oder Flüchtlinge – die USA waren von Anfang an ein Einwanderungsland. Als die Lyrikerin Emma Lazarus im Jahr 1883 gebeten wurde, die rechten Worte für eine Inschrift an der Freiheitsstatue von New York zu finden, klang das hinterher so: «Gebt mir Eure Ermüdeten und Armen / die nach Freiheit lechzenden Massen / die an Euren Küsten abgewiesenen Gestrandeten / Und sendet sie, die Heimatlosen, Sturmgebeutelten, zu mir / Hoch halt ich meine Laterne an der Goldnen Tür.»

Pathetischer Schwulst, vielleicht. Und natürlich nicht die ganze Wahrheit. Wenn es ihnen zu viel wurde, wussten auch die Amerikaner eine Grenze zu ziehen. Schon 1862 hatten die weissen Einwanderer Kaliforniens «jeden Chinesen, der nicht Zucker, Reis, Kaffee oder Tee produziert», mit einer monatlichen Kopfsteuer von zweieinhalb Dollar belegt. Das Geld aus dem «Anti-Coolie Act» finanzierte eine über die «Mongolians» wachende chinesische Polizei. Diskriminierung pur! Und 1923 war es mit den Versprechungen an alle «Gestrandeten, Heimatlosen und Sturmgebeutelten» endgültig vorbei. Washington begann die unkontrollierte Immigration durch länderspezifische Quoten zu steuern.

So kamen die USA zwar zu einer Vielzahl von Talenten aus aller Welt. Die angestrebte ethnische Harmonie wurde nie erreicht. Noch Mitte der neunziger Jahre prallten in Los Angeles südamerikanische «Latinos» und koreanische Immigranten in tagelangen blutigen Strassenschlachten aufeinander. Nach dem geplatzten Traum vom amerikanischen «Melting Pot», dem sozialen Schmelztiegel, hoffen die Amerikaner jetzt wenigstens auf die «Salad Bowl», die Salatschüssel, in der alle Zutaten einzeln für sich existieren und – vielleicht – schlussendlich doch ein gemeinsames Ganzes bilden.

Was aber bleibt, ist genau dieser Schuss Hoffnung auf Erfolg, auf sozialen Aufstieg und schliesslich auf das Verlassen des Gettos, der den amerikanischen Traum am Leben hält und der letztlich dazu führt, dass Europa im Wettbewerb um die begehrten hochqualifizierten Einwanderer immer zu kurz kommt. Dabei würde ohne Immigranten der europäische Alltag längst nicht mehr funktionieren. Paris erstickte ohne die nordafrikanischen Müllmänner innert weniger Tage an den eigenen Abfällen. Nur die meist illegal in den Privathaushalten beschäftigten Krankenpfleger und Altersbetreuer bewahren das italienische Gesundheitssystem vor dem endgültigen Kollaps.

In der Schweiz ist schon heute jeder vierte Arbeitsplatz mit einem Fremden besetzt. Allerdings hat die strenge Einwanderungsselektion der Vergangenheit dazu geführt, dass die Eidgenossenschaft – mit grossen Abstrichen – Amerika heute ähnlicher ist als der Europäischen Union. 56,8 Prozent der 1,4 Millionen Fremden, die im Dezember 2001 in der Schweiz lebten, kamen aus den EU- und Efta-Staaten, der Rest aus «Drittstaaten», sprich minderentwickelten Ländern. Der Anteil der hochqualifizierten Immigranten liegt deutlich höher als in den benachbarten Ländern der Union.

Zum 1. Juni 2002 steht der Schweiz eine kleine Revolution ins Haus. Wenn an diesem Tag die bilateralen Verträge in Kraft treten, werden über die kommenden fünf Jahre die bisher gültigen Wohnrechts- und Arbeitsbeschränkungen für EU-Bürger aufgehoben. Die neuen Regeln gelten nicht für Fremdarbeiter in der Union. Mit dem 1. Juni läuft aber auch das Saisonnier-Statut aus. In Zukunft sollen aus Drittstaaten nur noch Hochqualifizierte eine Chance in der Schweiz erhalten.

Ausländer raus? Wenn er solche Sätze hört, denkt Christoph Müller vom Berner Bundesamt für Ausländerfragen zum Beispiel an die unbesetzten Stellen in der Landwirtschaft, auf dem Bau und in der Hotellerie: «Natürlich sind wir weiterhin vor allem am Zuzug von hochqualifizierten Ausländern interessiert. Aber auch in den unteren Kategorien brauchen wir dringend mehr Fremde.»

Dies gilt natürlich auch in der Europäischen Union. Vor allem auf lokaler Ebene gibt es deshalb eine Reihe interessanter Initiativen, um die Betriebe der in Europa zu Unternehmern gewordenen Einwanderer endlich als «Job-Motor» (Süddeutsche Zeitung) zu nutzen. So macht eine Reihe von deutschen Bundesländern Immigranten-Unternehmer für die Ausbildung von Lehrlingen fit. «Wir müssen die Integrationsanstrengungen dringend verstärken», warnt Rudolf Hartung vom SPD-Vorstand in Berlin. Wer ausgeschlossen bleibt, wird anfälliger für radikale Positionen. Doch jede sachliche Diskussion darüber, wie aus passiven «Gastarbeitern» aktive und schöpferische Partner für die europäischen Volkswirtschaften werden könnten, ist im derzeitigen kollektiven Erregungszustand über die vermeintliche Fremdeninvasion fast unmöglich.

Jetzt rächt es sich, dass im vergangenen Jahrzehnt jedes Angstsignal aus der Bevölkerung über die rasante Zuwanderung als fremdenfeindlich oder gar rassistisch gebrandmarkt wurde. Dass die soziale Integra-tionskraft vor allem im linken Multikultilager als grenzenlos gesehen wurde. Und dass unbekümmert etwa darüber debattiert wurde, den von der negativen Reproduktionsrate verursachten Bevölkerungsschwund durch massive Einwanderung auffangen zu wollen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts allein für Deutschland 188 Millionen Immigranten, hiess eine der absurdesten Ideen aus der demografischen Abteilung der Uno.

Da wird es fast verständlich, wenn inzwischen praktisch jeder fünfte Wähler in Europa mehr oder weniger offen mit der Idee vom «aufgeklärten Patriotismus» des deutschen Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber oder den kruden «Ausländer raus»-Parolen des Franzosen Jean-Marie Le Pen oder des Lombarden Umberto Bossi sympathisiert. Die Politiker mögen von der Integration schwärmen. Ein Grossteil ihrer Wähler aber möchte den ungeliebten Migranten so wenig Hoffnung wie möglich machen. Am liebsten hätten sie ihre «Gastarbeiter» wie die Heinzelmännchen – fleissig und unsichtbar. Weil das kein Anreiz für die ist, die nach oben wollen, kommen zumeist die anderen, denen das Verlassen der Heimat nicht Teil einer kalkulierten Karrierestrategie, sondern Flucht vor Hunger und bitterer Armut ist – ein entscheidender Unterschied.

Und wer sich trotz der nötigen Qualifikation den ersten Lebensunterhalt im unteren Bereich des Dienstleistungssektors verdient, begreift bald die Grenzen des european way of life. Von wegen vom Tellerwäscher zum Millionär. Bis auf wenige Paradiesvögel lautet die Faustregel für die Alte Welt immer noch: Einmal Tellerwäscher – immer Tellerwäscher.

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