Die meisten Männer sind ab einem gewissen Alter kahl, aber nicht blöd. Sie kennen die Kniffe, um lichte Stellen zu kaschieren. Irgendwann jedoch helfen auch Strähnchen, Gel oder die berühmte Topflappenfrisur nicht mehr. Dann heisst es kürzen. Uwe Ochsenknecht hatte früher welliges dunkelblondes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel. Heute trägt der 45-jährige Schauspieler einen Kurzhaarschnitt. Warum? Weil es lächerlich wirkt, mehr vorzugaukeln, als man hat.
Weshalb fahren die meisten Frauen auf coole Typen wie George Clooney, Richard Gere oder Tom Cruise ab und nicht auf Glatzköpfe wie Yul Brynner oder Telly Savalas alias Kojak? Warum macht Thomas Gottschalk, der als letztes Exemplar hinten lang, vorne nichts trägt, Werbung für Gummibärchen? Gummibärchen! Weil Haare Männer sexy machen.
Das Meinungsforschungsinstitut EMNID-Healthcare in München hat sich des Themas im vergangenen Jahr angenommen. Ergebnis: Männer mit dichtem Haar haben mehr Chancen bei Frauen als Männer mit Glatze. Ein Test ergab, dass von den abgebildeten Männern mit vollem Haar jeder vierte als «Mann fürs Leben» in Frage kam – bei Männern mit Glatze traf es gerade mal jeden dreissigsten.
Nun muss man ja nicht gleich den Bund fürs Leben schliessen. Aber auch das Ergebnis für spontane sexuelle Abenteuer ist niederschmetternd. Vollhaarige Männer haben signifikant höhere Chancen, für einen One-Night-Stand erwählt zu werden, als Männer mit Glatze (23 Prozent im Vergleich zu 3 Prozent). Nur sieben Prozent der befragten Frauen finden eine Glatze bei Männern attraktiv. Dafür werden Kahlköpfe als gute Freunde und Gesprächspartner geschätzt – welch ein Trost.
Keine Haare, kein Sex-Appeal
Wer seine Haare verliert, verliert also auch an Sex-Appeal. Kein Wunder, boomt das Geschäft mit Haarwuchsmitteln. Früher versprachen Kosmetiker und Scharlatane, für viel Geld die Leere in eine üppige Vegetation zu verwandeln. Das Ergebnis war häufig eine fettig glänzende Kopfhaut oder ein Hautausschlag. Seriöse Versuche, die «androgenetische Alopezie» – so nennt man den erblich bedingten Haarausfall – zu bekämpfen, sind auch heute noch die Ausnahme. Dabei ist jeder vierte Mann über 25 und jeder zweite über 50 davon betroffen.
Im Standardwerk «Haarkrankheiten» der beiden amerikanischen Mediziner Arthur R. Rook und Rodney P.R. Dawber wird das Phänomen so beschrieben: «Das Kennzeichen und das klinische Merkmal der androgenetischen Alopezie ist bei beiden Geschlechtern der Ersatz von Terminalhaaren durch immer feiner werdende Haare.» Und weiter liest der staunende Laie: «Die Verkleinerung der Haarfollikel geht mit einer Verkürzung der Anagenphase und einem zunehmenden telogenen Effluvium einher.
Dieses Effluvium erregt häufig die Aufmerksamkeit des Patienten und veranlasst ihn zum Arztbesuch.»
Simpel ausgedrückt: Männer mit erblich bedingtem Haarausfall haben früher oder später eine Glatze. So wie Kaspar und Hannes Stämpfli.
Die beiden 39-jährigen Schweizer nehmen an einem internationalen Haarkongress im spanischen Sevilla teil. Die Zwillinge haben es zu einiger Berühmtheit gebracht, weil sie sich als Probanden für eine Studie mit dem Titel «The living proof» – der lebende Beweis – zur Verfügung gestellt haben. Zu beweisen war, dass es Haarwuchsmittel gibt, die wirken. Eineiige Zwillinge mit den gleichen Erbanlagen bieten sich als Versuchsobjekte an. Während Kaspar nichts gegen seine Platte tut, schluckt Hannes seit eineinhalb Jahren täglich Propecia, eine rezeptpflichtige Pille mit dem Wirkstoff Finasterid. Finasterid verhindert, dass sich in der Kopfhaut ein spezielles Hormon (DHT) bildet, welches die Haarwurzeln angreift. Es soll den Haarausfall stoppen und das Wachstum wieder anregen.
«Im ersten Jahr tat sich nichts», sagt Hannes, «dann stellte meine Frau leichte Veränderungen fest.»
Hm, viel ist nicht zu sehen.
«Na ja», sagt Hannes, «ich habe halt zu spät mit der Behandlung begonnen.»
Ganz anders Perry Carlile, 41, aus Buena Vista im amerikanischen Bundesstaat Colorado. Er und sein Zwillingsbruder Terry sind ebenfalls Teilnehmer der Studie. Und Perry, der seit zwei Jahren das Medikament nimmt, hat sichtbar mehr Haare auf dem Kopf als Terry. «Erst kam Babyflaum, jetzt kann ich wieder alle fünf Wochen zum Coiffeur. Der Nachteil ist, dass ich nun wieder den vollen Preis zahlen muss», meint Perry.
Dow Stough, Dermatologe an der Universität von Arkansas und Leiter der Zwillingsstudie, sagt, dass es bei neunzig Prozent der Männer, die mit Propecia behandelt wurden, zu einer Stabilisierung der Haarmenge gekommen sei. Bei sieben von zehn Männern seien Haare sichtbar nachgewachsen. Des Rätsels Lösung liegt, wie Hans Wolff, Professor an der Dermatologischen Klinik der Universität München, ausführt, im Stadium der Glatzenbildung: «Die meisten Medikamente wirken nur da, wo noch intakte Haarwurzeln vorhanden sind.» Eine bestehende Glatze zu revitalisieren, sei hingegen kaum möglich. Wer zu spät kommt, bleibt folglich ein Glatzkopf.
Und die Nebenwirkungen?
Perry Carlile sagt, er habe, seit sich auf seinem Kopf etwas rege, wieder bedeutend mehr Selbstwertgefühl, schliesslich sei es in Amerika wichtig, gut auszusehen. Hannes Stämpfli sagt, er könne nicht beurteilen, ob er mit oder ohne Haare attraktiver sei. Was solle überhaupt dieser Schönheitswahn? Die Glatze sei für ihn ein praktisches Problem: «Wenn man sie nicht einreibt, bekommt man sofort einen Sonnenbrand.» – «Und im Militär hat immer der Scheisshelm gedrückt», sagt Zwillingsbruder Kaspar.
Nicht jeder Mann, der sich um sein Haupthaar sorgt, ist also eitel oder leidet an einem Minderwertigkeitskomplex. «Ich fühlte mich auch vorher schon gut», sagt Hannes Stämpfli. Er wird häufig auf mögliche Nebenwirkungen des Präparats angesprochen: Haben Sie Erektionsprobleme? Haben Sie weniger Lust? «Habe ich nicht», stellt Hannes Stämpfli fest. «Aber solche Fragen müssten Sie eigentlich meiner Frau stellen.» Keiner der 1500 Teilnehmer einer Langzeitstudie habe den Versuch wegen unerwünschter Nebenwirkungen abgebrochen, sagt Hans Wolff, der Dermatologe aus München.
Gut zu wissen. Denn was nützt es, wenn die Haare wachsen, aber die Libido verkümmert?













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