Kulturtipps

Musik

Von Ernst Kindhauser

Der grosse Rock-Konsens, der dritte. Kaum sind die Elogen auf die Velvet-Underground-Wiedergänger The Strokes («Is This It?») und den Americana-Eklektiker Ryan Adams («Heartbraker») verklungen, hypen die Gazetten ’And You Will Know Us By The Trail Of Dead’ als Zukunft des Pop. Hinter dem Endlosnamen verbergen sich vier Twentysomething aus Austin, Texas, die im Ruf stehen, eine mirakulöse Live-Band abzugeben. «Source Tags & Codes» ist ihr drittes Album - und ihr bestes: Kongenial verwandelt das Quartett Punk, Hardcore und Rock in Blut, Schweiss und Tränen. Der Bass wummert, das Schlagzeug knattert, die Gitarren fräsen, der Sänger kreischt. Grosse Krachmusik, schmerzhaft, hyperenergetisch, mitreissend.
Die Zukunft des Pop? Gemach. Abgesehen davon, dass die alle Monate, in Britannien jede Woche verkündet wird: Wer mit Art-Rock, Punk, Grunge, College-Rock und Ich-weiss-nicht-welchen-Cores aufgewachsen ist, erkennt im vermeintlich neuen Ding die Wiederkehr des schon Bekannten. Pseudo-Rebellentum erinnert an MC5, heulende Gitarren an Hüsker Dü, kreischendes Chaos an Black Flag. Dennoch bleibt offen: Weshalb stehen die Zeichen plötzlich wieder auf Rock, über dessen Ableben in den neunziger Jahren sich niemand echauffierte?
Mag sein, dass das Popkarussell schneller rotiert denn je. Viel Stillstand war zuletzt, das Bedürfnis rast, die weit verbreitete Déjà-entendu-Tristesse zu überwinden. Kaum aufgestiegen in den Popolymp, schon abberufen ins Popnirvana. Das verkommt immer mehr zur Asservatenkammer, aus der man alte Helden bei Bedarf rasch hervorzerren kann. Heute Elektro, morgen Rock, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind.
Mag auch sein, dass das Zeitalter der elektronischen Soundtüftler sich dem Ende zuneigt. Techno, Hip-Hop, Drum ’n’ Bass betonten den vitalistischen Aspekt des Pop, das Werden und Vergehen auf der ewigen Party. «Zuviel Hymnen, zuwenig Energie», schliesst das Musikmagazin Spex kühl dieses Kapitel Popgeschichte. Eine neue Generation hat genug von der Künstlichkeit und Kälte der Cybermusik, und der 11. September hat diesen Twens zum Durchbruch verholfen.
Songwriter wie Ryan Adams, Gitarrenbands wie The Strokes und Trail Of Dead gehen zurück zu den Wurzeln des Pop, zu echten Instrumenten: Schlagzeug, Bass, Gitarre. Dabei erwecken sie einen alten Mythos zu neuem Leben: Rock ist Waffe ist Gegengewalt. Wie ehedem wird dies nur blutjunge Savonarolas mit Aggressionsstau und solipsistischen Neigungen wirklich entzücken. Alle anderen kaufen lieber die neue Beverly Knight («Who I Am»). Die kann man auch zu zweit hören.

...And You Will Know Us By The Trail Of Dead: Source Tags & Codes. Motor Music

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