Die «Gefahr für die öffentliche Ordnung» kommt mit schulterlangen weissen Haaren und in abgewetzten Hosen daher. Wenn der Cantautore Franco Trincale dreimal pro Woche an der Nordseite des Mailänder Doms seine Elektrogitarre, das Notenpult und den Mikrofonständer aufbaut, ist jeweils die «Rechtssicherheit» in Gefahr. Und wenn der Bänkelsänger dann auch noch sein «verleumderisches Material» in Form von Kassetten an die Passanten verkauft, ist zuweilen gar «der soziale Friede in der ganzen Republik» bedroht.
Dies berichteten Privatdetektive, die sich in den vergangenen Wochen unter die spärlichen Zuhörer Trincales mischten. Und so haben es die Verteidiger von Silvio Berlusconi in ihrem Antrag geschrieben, den in Mailand hängigen Prozess gegen den Premierminister und Unternehmer nach Brescia zu verlegen ? wegen Richterbestechung. Gelingt es, das Verfahren um zwölf weitere Monate zu verschleppen, werden Berlusconi und die mit ihm angeklagten Parlamentarier wegen Verjährung freigesprochen.
In Berlusconis Medien ist Trincale längst zum Abschuss freigegeben. Das Kampfblatt Il Giornale fordert zum Beispiel, dem Strassenkünstler die öffentlichen Plätze der Stadt zu verbieten oder, besser noch, ihm gleich das Maul zu stopfen.
Seit rund vierzig Jahren kommentiert Trincale Erdbeben und Kindsmörder, Kriege und korrupte Politiker, kurz: Ungerechtigkeiten jeder Art. Den Mailändern gilt er als sympathisches Unikum. Wirklich ernst genommen haben sie ihn nie.
Auf einmal ? «Berlusconi sei Dank», schüttelt sich der Barde auf dem Domplatz entsetzt in Richtung der vielen Überwachungskameras ? ist aus dem bisher unbeachteten Cantautore ein «caso nazionale», ein Fall geworden, der die Nation beschäftigt. Aufmüpfige Privatradiostationen spielen seine Balladen. Und sogar Pippo Baudo, Italiens Altmeister im Small-Talk-Show-Biz, hat sich an den ehemaligen Schulkameraden aus dem sizilianischen Militello erinnert und Trincale zum jährlichen Schnulzenfestival nach San Remo eingeladen.
«Jetzt», beschimpft der Cantautore seine etwa vierzig Zuhörer hinter dem Dom, «glaubt ihr alle, ich sei so reich, dass ihr meine Kassetten nicht mehr kaufen müsst.» Die Umstehenden lachen verlegen und behalten das Portemonnaie im Hosensack. «Glaubt ihr etwa, eure Gesichter würden beim Kauf einer Kassette gefilmt?», fragt der Bänkelsänger in die Runde. Da drehen viele sich um und gehen. «Sehen Sie», packt Trincale einen erschrocken zurückspringenden Herrn am Jackenrevers: «Das ist der Anfang des Regimes!» Dann greift er zur Gitarre, winkt der vorbeifahrenden Patrouille der Finanzpolizei zu und schreit seine Spottverse gegen Berlusconi in den Mailänder Sonntagnachmittag.
Nur wenige Meter weiter steht ein Mann mit Trenchcoat und Spiegelbrille und schreibt Wort für Wort mit. Neues Material für die Akte Trincale ? und für die Kuriositätensammlung aus dem Italien Silvio Berlusconis.













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