Chefarzt Rudolf Ehmann

Schutzpatron der Ungeborenen

Null Toleranz: Der sechzigjährige Chefarzt Rudolf Ehmann sorgt dafür, dass in Nidwalden keine Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden

Von Barbara Lukesch

Nidwalden rühmt sich gern, der Kanton mit den meisten Luftseilbahnen der Schweiz zu sein. Weniger Aufhebens macht man am Fusse des Stanserhorns um einen andern Superlativ: Nidwalden ist der letzte Kanton, auf dessen Territorium keine Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Die Frauen aus Stans, Beckenried oder Hergiswil sehen sich in einer Notlage nach wie vor gezwungen, in einem Spital oder in einer Arztpraxis in Luzern, Zürich, Basel oder Olten um Hilfe nachzusuchen. Rund ein Dutzend Nidwaldnerinnen liessen vergangenes Jahr in einer ausserkantonalen Klinik abtreiben, vermutet Kantonsarzt Hans Galliker. Die Zahl der ambulanten Eingriffe entzieht sich seiner Kenntnis, doch muss sie nach Einschätzung von Fachleuten etwa doppelt bis dreimal so hoch sein. In der offiziellen Statistik, die nur die kantonseigenen Schwangerschaftsabbrüche erfasst, steht Nidwalden mit einer Null da. Diese verdankt es allein dem Abtreibungstourismus.



Warum diese Verlogenheit und Doppelmoral in einer Zeit, in der sich in der Schweiz die Abbruchspraxis trotz restriktiven Gesetzen weitgehend liberalisiert hat? "Die Zeit ist mehr als reif, das überkommene Gesetz der liberalen Praxis anzupassen", sagt Anne-Marie Rey von der Schweizerischen Vereinigung für die Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs (SVSS). Am 2. Juni entscheidet das Schweizer Volk an der Urne.



Das Rezept: Horrorszenarien



Selbst die katholische Innerschweiz hat ihren Widerstand aufgegeben: Uri, Obwalden, Zug und Schwyz ermöglichen den Frauen seit einigen Jahren den Abbruch innerhalb der Kantonsgrenzen, weil Gesundheitsdirektionen und Chefärzte die Zeichen der Zeit erkannt haben und ihren Patientinnen nicht länger einen Teil der gynäkologischen Grundversorgung verweigern mögen. Selbst im Kantonsspital Appenzell hat der aufgeschlossene Chefgynäkologe Ekkehard Steuble trotz Widerstand des Pflegepersonals die eine oder andere Abtreibung durchgeführt. Einzig Nidwalden steht noch abseits.



Dabei gibt es im Kanton mit seinen 35 000 Einwohnern viele Frauen und Männer, die diese Haltung als "hochproblematisch" oder gar "hanebüchen" empfinden. Regula Wirsch, Chefin des Sozialamts, bedauert, dass der herrschende Zustand das "hinterwäldlerische Image unseres Kantons zementiert". Auch innerhalb der Ärzteschaft ist das Thema Schwangerschaftsabbruch ein Dauerbrenner, der immer wieder für hitzige Diskussionen sorgt. Selbst die Präsidentin der CVP-Frauen, Rahel Jacob-Keller, hält den Moment für gekommen, die Fristenlösung, kombiniert mit einer freiwilligen Beratung, zu legalisieren. Warum nur hält Nidwalden trotz verbreitetem Unbehagen an seiner unzeitgemässen Regelung fest?



Die Antwort hat einen Namen: Rudolf Ehmann. Der Chefarzt Gynäkologie und Geburtshilfe am Kantonsspital Stans ist der unumschränkte Herrscher über sämtliche gynäkologischen Spitalbetten in Nidwalden. Ein radikaler Gegner jeglichen Schwangerschaftsabbruchs. Sogar von Pille und Spirale will Ehmann nichts wissen, da er sie für frühabtreibende Methoden der Empfängnisverhütung hält. Der Sechzigjährige, Mitglied der Vereinigung katholischer Ärzte und Gründungspräsident des "Ja zum Leben"-Pendants "Human Life International", wirft in Vorträgen mit Horrorszenarien um sich. Mal sagt er, mit der Abtreibung halte "die perfektionierte Tötung ungeborener Kinder zunehmend Einzug in unsere Gesellschaft mit der Folge eines wahren Holocausts Ungeborener". Dann wieder behauptet er, dass "ausgerechnet in den Ländern, welche die moderne Kontrazeption im grossen Stil akzeptierten, die Abtreibunsgzahlen im gleichen Zeitraum nicht ab-, sondern massiv zunahmen".



Dieser Aussage widerspricht nahezu die gesamte Fachwelt. Das amerikanische Alan Guttmacher Institute etwa konstatiert unter Bezugnahme auf eine Studie: "Empfängnisverhütung reduziert die Wahrscheinlichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs um 85 Prozent." Mitunter konstruiert Ehmann derart abstruse Zusammenhänge, dass einem vom blossen Zuhören schwindlig wird: "Verhütung geht heute so weit, dass gleichgeschlechtliche Liebe gefördert wird, da es sich dabei um nichtreproduktive Sexualität handelt."



Der Chefarzt fürchtet um die abendländische Kultur. Pornografie, Pille und Sexualerziehung, so glaubt er, treiben die Gesellschaft in den moralischen Zerfall. Da ist ein papsttreuer Kämpfer für Sitte, Ehe und Fortpflanzung um jeden Preis am Werk, da ficht ein Mann mit Verve gegen sexuelle Lust und so genannte Libertinage, ein Ewiggestriger also, der seinen Zenit, so möchte man meinen, doch eigentlich überschritten haben müsste. Nicht so in Nidwalden. Ehmann wurde Mitte der achtziger Jahre ausdrücklich auch wegen seiner restriktiven Haltung zum Schwangerschaftsabbruch vom Nidwaldner Landrat zum Chefarzt gewählt und wird diese Funktion allem gesellschaftlichen Wandel zum Trotz zumindest in der nahen Zukunft beibehalten. Da kann Balz Wolfisberg, Allgemeinpraktiker in Stans, noch lange klagen: "Ein fundamentalistischer Katholik wie Ehmann gehört nicht auf den Chefposten eines Kantonsspitals, das einen Leistungsauftrag gegenüber der gesamten Bevölkerung zu erfüllen hat."



Doch in Nidwalden mag es derzeit niemand mit Ehmann aufnehmen. Die Regierung ist dank einem neuen Spitalgesetz aus der personellen Verantwortung entlassen und spielt den schwarzen Peter dem nun zuständigen Spitalrat zu. Dessen Präsident wiederum hüllt sich wortreich in Schweigen und will nichts zur vielerorts geforderten Entlassung Ehmanns sagen. Man dürfe Ehmann, so heisst es, nicht unterschätzen. Der Frauenarzt, der als tüchtiger Operateur, guter Geburtshelfer und aufmerksamer Gesprächspartner gilt, könne auf eine beträchtliche Anhängerschaft zählen und habe vor allem unter den älteren Frauen aus den Tälern und von den Bergen treue Patientinnen, die "den Doktor Ehmann in den Himmel heben". Seit gut einem Jahr beklagt das Kantonsspital Stans allerdings auch eine deutliche Abnahme der Geburtenzahlen. Der Hauptgrund für die rückläufige Auslastung liegt darin, dass immer mehr Nidwaldnerinnen ihre Kinder statt im Kantonsspital im Stanser Geburtshaus "Arco" zur Welt bringen, das von drei Hebammen geführt wird. "Unsere Patientinnen schätzen es, ihre Geburten auf selbstbestimmte und natürliche Art in einer persönlichen Atmosphäre zu gestalten", sagt Doris Lüthi.



Hindernislauf durch die Kantone



Da stellt sich die Frage, warum es der links-grüne Gesundheitsdirektor Leo Odermatt in seiner vierjährigen Amtszeit nicht geschafft hat, das Problem des Schwangerschaftsabbruchs zu lösen oder zumindest eine Möglichkeit zur Abtreibung auf Kantonsboden anzubieten. Zunächst gewährte der Regierungsrat der Weltwoche ein längeres Gespräch; nach Lektüre seiner Zitate will Odermatt aber plötzlich nichts mehr mit diesem Artikel zu tun haben. Am 3. März stellt er sich der Wiederwahl, und mitten im Wahlkampf lieben es die Politiker nicht, auf Versäumnisse angesprochen zu werden.



Anders im ebenso konservativ-katholischen Nachbarkanton Obwalden: Dort wird die Frage der Abtreibung dank dem Einsatz der Gesundheitsdirektorin und der Anstellung einer fortschrittlichen Gynäkologie-Oberärztin im Kantonsspital auf zeitgemässe Art angepackt und gelöst. Das Obwaldner Spitalgesetz definiert einen Leistungsauftrag, der "Interventionen bei Schwangerschafts-Erstehungsunfähigkeit" vorsieht.



Auch in Nidwalden könnte man heute weiter sein, zumal Chefarzt Ehmann genügend Angriffsfläche bot, die man für einen Schnitt hätte nützen können. So kam es zu zahlreichen Abgängen von Ärzten und Hebammen in Ehmanns Abteilung, die sich vor allem mit dem Führungsstil des Chefs erklären. "Es ist unmöglich, mit einem Vorgesetzten wie ihm zusammenzuarbeiten", sagt ein Betroffener. Dann folgte ein Konflikt mit der Hebamme Irmgard Hummler, die von Ehmann fristlos entlassen wurde, was sie sich aber nicht gefallen liess. Die Fachfrau prozessierte erfolgreich - der Kanton musste ihr rund 20 000 Franken zahlen - und gründete anschliessend das private Geburtshaus "Arco". Ehmann blieb im Amt.



Mittlerweile scheint sich Gesundheitsdirektor Odermatt dafür entschieden zu haben, das Problem Ehmann auszusitzen. Verschiedene Entwicklungen begünstigen dieses Vorhaben. So wird die Fusion der Spitäler Stans und Sarnen, die in zwei Jahren vollzogen sein soll, auch einen personellen Wechsel auf der Ebene der Chefärzte unumgänglich machen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Obwalden den restriktiven Ehmann niemals akzeptieren würde; sein Abgang ist also praktisch programmiert. Kommt hinzu, dass die eidgenössische Volksabstimmung vom 2. Juni auch Odermatt zwingen würde, Farbe zu bekennen: Nidwalden, verspricht er, werde das Gesetz selbstverständlich umsetzen und spätestens dann die Auseinandersetzung um den Schwangerschaftsabbruch führen.



Bis es so weit ist, lassen sich die Nidwaldnerinnen an der Schwangerschafts- und Familienplanungsstelle in Luzern beraten, die von ihrem Heimatkanton mit bescheidenen 17 000 Franken pro Jahr mitfinanziert wird. Oder sie werden von ihren Hausärzten, darunter auch Kantonsarzt Galliker, nach Olten oder Zürich verwiesen. Oder sie wenden sich direkt an das Kantonsspital Uri in Altdorf. Dort wird zwar der Abbruch in der gynäkologischen Abteilung durchgeführt, doch schickt man die Frauen vorher mangels Urner Gutachter zum Nidwaldner Psychiater Armin Walter zurück, der diese Dienstleistung für "einen selbstverständlichen Bestandteil" seiner beruflichen Tätigkeit hält. Als wäre diese interkantonale Tour nicht Realsatire genug, ist Walters Privatpraxis in den Räumen des Kantonsspitals Stans untergebracht, nur ein paar Schritte von Ehmanns Wirkungsfeld entfernt.



Dass diese Zustände nicht befriedigen, steht für Gabriela Müller, bis vor kurzem Mitarbeiterin der Luzerner Beratungsstelle, ausser Frage: "Es ist für den Verarbeitungsprozess der Betroffenen nicht förderlich, wenn sie zum Abbruch in einen anderen Kanton abgeschoben werden." Für Migrantinnen, die nicht gut Deutsch sprechen und sich oft in einer besonders schwierigen Lebenslage befänden, sei der Zwang zu einem solchen Hindernislauf "eine regelrechte Zumutung". Gegner der Fristenlösung argumentieren, Aufgabe eines verantwortungsvollen Staates sei es nicht, Müttern in Not zur Abtreibung zu verhelfen. Vielmehr müsse er ihnen fürsorglich unter die Arme greifen. Aber auch diesbezüglich steht Nidwalden im Abseits. Eine einzige Kinderkrippe, das "Chinderhuus" in Stans, muss die Bedürfnisse des ganzen Kantons abdecken. Es mangelt an Kinderzulagen, die diesen Namen verdienen. Und eine finanzielle Mutterschaftsbeihilfe, wie sie etwa in Luzern, aber auch andernorts längst eingeführt ist (und im Gegensatz zu den Sozialhilfebeiträgen nicht zurückerstattet werden muss), fehlt ganz. Zerknirscht gesteht die Sozialamtschefin Wirsch: "Da besteht ein Widerspruch."

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

 
|


weitere Ausgaben