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11.10.2001, Ausgabe 41/01

Islamistischer Terror

Im Wunderland des Hasses

Terrorkurse, Waffenschiebereien und ganz legale Finanzinstitute - die Verbindungen des islamistischen Terrors reichen bis in die Schaltzentralen des Westens

Von Johannes von Dohnanyi

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Seit über zwei Jahrzehnten gehört das Institut Pio Manzu in Verucchio zu den ersten Adressen unter den internationalen Denkfabriken. Hier an der italienischen Adriaküste haben Altpolitiker wie Henry Kissinger und Michail Gorbatschow, Strategie-Experten wie der Amerikaner Edward Luttwak oder Zukunftsforscher wie Alvin und Heide Toffler über geopolitische Entwicklungen debattiert. In diesem illustren Kreis sass seit Jahren auch der Financier Youssef Mohamed Nada.



Der am Luganersee lebende Syrer mit italienischem Pass ist Präsident der Nada Management Organization SA. Bis zum 26. Februar dieses Jahres war das Unternehmen im Handelsregister von Lugano unter dem Namen Al Taqwa aufgeführt. Der jordanische Geheimdienst entdeckte Verbindungen von Al Taqwas inzwischen aufgelöster Bank auf den Bahamas zu Osama Bin Ladens Terrornetz al-Qaida. Nadas Partner Ghelab Himmat wird zum Netz der terroristischen Muslimbrüderschaft gezählt. Und mit von der Partie ist auch der zum Islam konvertierte Schweizer Rechtsextremist und Holocaust-Leugner Ahmed Huber.



Beim auch von der Uno mitgetragenen Pio-Manzu-Institut wurde die Mitgliedschaft des «Doktor Nada» suspendiert. Im Übrigen, glaubt dessen Sprecherin, werde die «bedauerliche Affäre» schon bald geklärt sein.



Von Slowenien bis Malaysia



Da könnte sie irren. Denn inzwischen interessieren sich auch die italienischen Behörden für Youssef Nada und seine Geschäfte. In Florenz ermitteln sie gegen einen somalischen Banker, der über Nadas Unternehmen Geld an Bin Laden transferiert haben soll.



Die Kollegen in Slowenien entdeckten Anfang September im Hafen Koper 48 Tonnen Waffen. Ein gewisser Ismail von der Firma Tame Consult im malaysischen Tamantung hatte die Fracht als Maschinenteile deklariert. Die Ermittler vermuten, dass die Ladung tatsächlich aus Afghanistan stammt und für die UCK im Kosovo bestimmt war. Unter den bisher sichergestellten Spuren soll es Hinweise auch auf die Nada-Gruppe geben. Derzeit, so ein Ermittler, wolle er entsprechende Gerüchte «weder bestätigen noch dementieren».



Ismail gehört der malaysischen Moslemorganisation Al-Arqam an. Diese betreibt eine
internationale Videoverleih-Kette, die als Kommunikationszentren des fundamentalistischen Untergrunds gelten. Die in Malaysia wegen Religionsverirrung und staatsfeindlicher Aktivitäten ihres Gründers Ashaari Muhammed verfolgte Organisation ist laut singapurischem Geheimdienst eine Rekrutierungszentrale für Osama Bin Ladens Gotteskrieger aus Malaysia, Brunei, Indonesien und den Philippinen.



Das Internet spiegelt einige der Verflechtungen im internationalen Terrornetz. Auf einer mit religiösen Inhalten gefüllten Webseite von Al-Arqam findet sich ein Link namens «Alice in Wonderland». Für den Eingeweihten war dies tatsächlich die Tür zu einem Wunderland, einem Wunderland von Hass und Gewalt. Von hier aus kam er etwa zu dem in London registrierten Unternehmen Sakina Security Services.



Sakina Security Systems war eine kaum getarnte Organisation zur Rekrutierung und Ausbildung von Dschihad-Kämpfern. Die Mitarbeiter, so die Eigenwerbung, hätten ihr Handwerk «bei der britischen SAS, der Fremdenlegion, den US-Marines, den libyschen Spezialeinheiten und den sowjetischen Speznas elernt». Als «The Ultimate Jihad Challenge» bot Sakina einen zweiwöchigen Terrorkurs in Amerika an. Im Lehrplan: Scharfschiessen, Dschungelkampf, Waffenschmuggel und die Kunst, einen Hinterhalt zu
legen. Ganz unten auf der Seite dann der Link zum eigentlichen Ziel: eine Moschee vor dem lichterloh brennenden Wort «Tschetschenien».



Die Vergangenheitsform ist zwingend. Mitte letzter Woche stürmte die britische Polizei die Büros von Sakina Security Systems im Südosten Londons und verhaftete den 43-jährigen Geschäftsführer Sulayman Bilal Zainul Ibidin.



Sakina-Gründer Muhammad Jameel entkam. Das Ausbildungsangebot für die Dschihad-Kämpfer ist, wie die meisten Webseiten islamischer Extremisten, über Internet nicht mehr
erreichbar. Der Truppenübungsplatz in Amerika wurde noch nicht gefunden.
Zainul Ibidin hatte engen Kontakt zu den Supporters of Islam, die der Ägypter Abu Hamza von seiner Moschee in Finsbury Park aus führt. Hamza hat angeblich in Afghanistan gekämpft. Im Internet verbreitete er Bin Ladens Aufruf zum heiligen Krieg. «Wer das Schwert führt, wird die Welt beherrschen», predigte er seinen Anhängern, die ihm im vorigen Jahr in ein paramilitärisches Ausbildungslager folgten.



Ibidin unterhielt Kontakte zum in Syrien geborenen Scheich Omar Bakri im Stadtteil Tottenham. Der will die Schliessung von Sakina Security Services nicht verstehen: «Die wollten nur zusammen schwimmen, boxen und Kampfsport betreiben.» Bakri hat in der Vergangenheit Sympathien für Bin Laden gezeigt. Von Palästina über Kaschmir bis Bosnien und Tschetschenien müssten «alle besetzten islamischen Gebiete mit einem heiligen Krieg befreit werden».



Die meisten der fundamentalistischen Internetseiten verweisen schliesslich früher oder später auf eine Webseite namens Mahbata, die eines der elektronischen Sprachrohre des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi ist.



Für den angekündigten weltweiten Kampf gegen den Terror täte eine radikale Durchleuchtung der internationalen Finanzstrukturen Not. Zu eng sind die Beziehungen zwischen den Milliarden, die auch die Terroristenkassen speisen, und den Machtzentren des Westens. Es sei kaum zu erklären, schreibt der Pariser Informationsdienst Intelligence online, «dass die Geschäfte des Bin-Mahfus-Clans bisher weder in Europa noch in den Vereinigten Staaten näher unter die Lupe genommen wurden».



Der Multimilliardär Chalid Salim Bin Mahfus war nicht nur eine der Schlüsselfiguren im internationalen Skandal um die von Fundamentalisten, Geheimdiensten und dem organisierten Verbrechen genutzte Bank of Credit and Commerce International (BCCI). Bin Mahfus, der enge Beziehungen zum saudischen Hof pflegt, ist auch Partner der Familie Bin Laden unter anderem im Banken- und Telekommunikationssektor, im Ölgeschäft und beim amerikanischen Pharmakonzern Hybridon. Die beiden Familien sind Geschäftspartner des saudischen Financiers Gaith Pharaon, der ebenfalls eine wichtige Rolle im BCCI-Skandal spielte und der Mitte der achtziger Jahre in den geplatzten Versuch verwickelt war, über ein Unternehmen auf den Seychellen drei Atomwaffen an Gaddafi zu verkaufen.



Der weit verzweigte Bin-Laden-Clan beteuert, alle Verbindungen zu Osama abgebrochen zu haben. Doch viele Indizien sprechen dafür, dass zumindest indirekte Kontakte weiter bestehen. Spuren führen auch zu Chalid Salim Bin Mahfus, dessen Schwester nach Angaben der CIA mit dem Terroristen verheiratet ist. Bin Mahfus ist Präsident der Saudi-Sudan Bank (SSB) in Khartoum.



Zum Direktor der SSB berief er Saleh Idris. Der ist offizieller Besitzer der von Osama Bin Laden gegründeten pharmazeutischen Fabrik Al Shifa, die 1998 als angebliche Giftgasfabrik von amerikanischen Cruise-Missiles zerstört wurde. Saleh Idris ist mit der Tadamon Islamic Bank verbunden. Dieses zweitgrösste Geldinstitut des Sudan ist Anteilseigner der 1991 von Osama Bin Laden gegründeten Al Shamal Islamic Bank in Khartoum. In ihrem Verwaltungsrat sitzt die vom saudischen Prinzen Mohammed Al Faisal Al Saud geleitete Faisal Islamic Bank, deren in Bahrain registrierte Muttergesellschaft Islamic Investment Company of the Gulf wiederum die Dar Al Maal Al Islami (DMI) kontrolliert. Die DMI gilt als das wichtigste saudische Finanzinstrument der internationalen Islamisierung. Nur einer von vielen Strängen - alles Zufälle?



Die von der DMI gespeiste saudische International Islamic Relief Organization (IIRO) residiert in London an der gleichen Adresse wie Bin Mahfus’ International Development Foundation (IDF). In die IIRO sollen Gelder der anfangs erwähnten Al Taqwa Management in Lugano geflossen sein. Es gilt als gesichert, dass Osama Bin Laden in der Vergangenheit Gelder sowohl von der IIRO als auch der IDF erhielt. Zufälle!



Doch die Saudi-Clans arbeiten nicht nur im Orient. Ein Partner Bin Mahfus’ sitzt im Aufsichtsrat des Carlyle Investmentfonds. In dessen Verwaltungsrat finden sich John Sununu, seinerzeit Berater des Expräsidenten George Bush, oder James Baker, dessen Aussenminister. Der Verwaltungsratspräsident Frank Carlucci war unter Ronald Reagan Verteidigungsminister.



Expräsident Bush ist Verwaltungsrat der Carlyle-Tochtergesellschaft Caterair.
Die Carlyle-Gruppe kontrolliert grosse Aktienpakete der amerikanischen Rüstungsindustrie. Die Bin-Laden-Familie hat mehrere Millionen Dollar bei Carlyle investiert. Sollten die finanziellen Verbindungen zwischen den Bin Ladens und dem al-Qaida-Gründer Osama bewiesen werden, dann würde der Terrorist an jeder auf Afghanistan abgefeuerten Rakete mitverdienen.



Ende der siebziger Jahre stieg Osama Bin Ladens Vater Salem Mohammed in die texanische Ölgesellschaft Arbusto ein. Hauptanteilseigner war der heutige Präsident George W. Bush. Arbusto fusionierte später mit Harken Energy. Chalid Bin Mahfus und Gaith Pharaon, beide BCCI-Betrüger und verdächtig dicht an den Terroraktivitäten Osama Bin Ladens, sind über ihren Partner Abdullah Taha Bachsch indirekt mit Harken Energy verbunden.



Es gebe, beteuern die Sprecher der Familie Bush, weder unsaubere Verbindungen noch
Geheimnisse in den Geschäftsbeziehungen der Präsidentenfamilie. Mag sein. Man mag auch annehmen, dass die grossen Finanzinstitutionen wissentlich keine Gelder von Terroristen halten oder bewegen. Doch Glaubwürdigkeit im globalen Krieg gegen den Terror kann es nur geben, wenn man bereit ist, das über die Jahre im globalen Finanzdschungel gewachsene Unkraut auszumerzen. Werden die Feldherren in den westlichen Hauptstädten den dafür nötigen Mut aufbringen?

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 41/01
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