Er kann jetzt weinen. Unter einem wolkenlosen Himmel in Brooklyn stehen 168 Feuerwehrmänner vor Rudolph Giuliani. Sie tragen weisse Hüte, weisse Hemden, weisse Handschuhe. Es ist der Tag ihrer Beförderung, sie rücken vor auf die Positionen der verlorenen Kameraden. «Ihr seid meine Helden», ruft Giuliani, «und wir werden diesen Feiglingen zeigen, dass sie uns einige unserer kostbarsten Leben genommen haben, aber nicht unseren Geist.»
Dann applaudiert der Bürgermeister seinen Feuerwehrmännern, und sie applaudieren ihrem Bürgermeister. Der setzt sich, senkt den Kopf. Und weint.
Rudolph Giuliani ist aus der Asche gestiegen. Er war ein Bürgermeister im Zwielicht seiner Amtszeit. Er hatte die Stadt sicherer gemacht. Aber das vergangene Jahr war ein trauriges Kapitel. Er wurde immer herrischer, war dabei, als ein Spalter aus dem Amt zu scheiden - der die Nöte der Schwarzen nicht verstand, die Kunst zensieren wollte und Anständigkeit predigte, während er die Hand seiner Geliebten hielt. Es ist vergessen, vergeben. Der grosse Verbrechensbekämpfer findet seine strahlendste Stunde im gröss-ten aller Verbrechen.
Am Tag, als der Himmel über New York einstürzte, war Giuliani der Mann, zu dem die Stadt aufschaute. Er gab den Trauernden eine Stimme und den Ver-ängstigten ein Versprechen, an einem Tag, an dem der Präsident lange Zeit verschwunden schien. «New York ist immer noch hier», sagte der Bürgermeister vor den Ruinen. «Wir haben enorme Verluste zu beklagen, und wir werden furchtbar um sie trauern. Aber New York wird immer hier sein.»
Der Mann, der so ungern das Rampenlicht teilte, steht plötzlich Schulter an Schulter mit seinen Rivalen. Er umarmt Hillary Clinton, die Frau, deren Ansehen er zerstören wollte, um Senator zu werden. Er hält schützend die Hand über die muslimische Bevölkerung der Stadt. Er ist jetzt «der Bürgermeister Amerikas».
Am Montagmorgen beginnt er den Tag demonstrativ in seinem Büro in der City Hall, wo die Fahnen auf halbmast wehen und nur wenige Telefone funktionieren. Als er den Handel am Mercantile Exchange eröffnet, rufen die Händler «Ru-dy! Ru-dy!» und empfangen ihn mit Applaus. «Ihr seid alle Überlebende», sagt Giuliani, «und ich glaube, es gibt einen Grund dafür. Gott wollte, dass wir die Verpflichtung spüren, die wir tragen.»
Schon werden Stimmen laut, die eine Gesetzesänderung fordern, um Giuliani eine dritte Amtszeit zu erlauben. Nein, sagt der Bürgermeister, demokratische Prozesse zu unterhöhlen, war das Ziel der Terroristen. Aber er hat jetzt eine Zukunft, vielleicht als der Mann, der den Wiederaufbau leitet, vielleicht als der Mann, der die Terroristen jagt.
Als New York in der St. Patrick’s Cathedral seiner Toten gedenkt, sitzt Giuliani in der ersten Reihe wie einer, den die Stadt zu Lebzeiten selig gesprochen hat. «Wir haben die Besten New Yorks von ihrer besten Seite gesehen», sagt Kardinal Edward Egan. Er dankt dem Präsidenten für seine Unterstützung, und die Gemeinde schweigt. Er dankt dem Bürgermeister und Gouverneur George Pataki, und die Gemeinde applaudiert.
Auf einmal sehen die New Yorker in ihm den Bürgermeister, den sie sich immer wünschten. Und sie vergessen, dass Rudolph Giuliani seinen schwersten Kampf in diesen Tagen im Stillen ficht. Er hat den Krebs in seiner Prostata noch nicht besiegt.













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