Mit ihm spielen sei wie über Wasser wandeln, sagte der Tenorsaxofonist Charles Lloyd.
Tatsächlich hat Lloyd, seit er den Jugendfreund für seine ECM-Studio-Aufnahmen zurückholte, dichter gespielt als je zuvor. Billy Higgins, der am 3. Mai dieses Jahres starb, war mehr eine Aura als ein Schlagzeuger; ein Aggregatzustand. Seine Kreuz- und Gegenrhythmen, sein fliegendes, pulsierendes Spiel auf den Becken, seine überwachen Reflexe im Zusammenspiel und seine Instant-Dialoge, wie er sein aufs Wesentliche beschränkte Instrument stimmte, wie er sich auf die erst bei genauem Hinhören bemerkbaren afrikanischen Elemente bezog - das alles lässt sich analysieren und beschreiben, und greift doch zu kurz. Vor und über all dem war Higgins ein Medium, in dessen Strahlungsbereich sich alles verdichtete. Ein perkussiver Inspirationsraum und ein federleichtes Gravitationszentrum all der unzähligen Partner, die er zum Fliegen brachte. Er war mit seinem polyvalenten und subtilen Swing, mit seinem Puls dafür verantwortlich, dass die legendären frühen Platten von Ornette Coleman ein breiteres Publikum fanden als ein paar Avantgarde-Freaks («Something Else!», «The Shape of Jazz to Come», «Change of the Century»); Cecil Taylor suchte seine Nähe ebenso wie Dexter Gordon, mit Monk spielte er ebenso wie mit Hancock, mit Rollins so gern wie mit Coltrane - nicht zu reden von den zahllosen Sessions für Blue Note. Der allgegenwärtige Mr. Higgins war das Paradebeispiel eines Schlagzeugers, bei dem das, was er (bei seinen Partnern) bewirkte, wichtiger war, als was er spielte, ein enorm wandlungsfähiger, entspannter, elastischer sanfter Provokateur, der sich nicht nur in unterschiedlichsten Stilen zurechtfand, sondern immer gleich auch deren Koordinaten bestimmte.
Vor einem guten Jahr war an dieser Stelle Charles Lloyds CD «The Water Is Wide» zu preisen. Jetzt liegt der zweite, weniger balladeske Teil jener Los-Angeles-Session vom Dezember 1999 vor, als ein unfreiwilliger Nachruf auf einen der zweifellos bedeutendsten Drummer der letzten fünfzig Jahre: «Hyperion With Higgins». Für einmal ist solch olympischer Aplomb kein leeres pathetisches Getöse. Higgins bringt alles, das heisst alle auf den Punkt, auf den jeweils eigensten Kern, und auf einen gemeinsamen Nenner. Lloyd wird ja das Image des Coltrane-Epigonen und -Ausbeuters seit den sechziger Jahren nie ganz los, als er mit seinem Quartett (zu dem auch der junge Keith Jarrett gehörte) Triumphe feierte wie sonst nur Rockstars. Das war nie ganz gerecht (von Coltrane kam sein Ton, aber weniger die Läufe, die nach dessen Tod Hunderte von Tenoristen kopistischer runternudelten als Lloyd). In den drei ECM-Produktionen mit Higgins fand er endgültig zu einer eigenen Hymnik. John Abercrombie, eigentlich ein Gitarrist aus einer anderen stilistischen Weltgegend, war selten so sparsam, ja lapidar zu hören, und Brad Mehldau, zurzeit der Shooting Star des Jazzpianos, vergisst, Higgins als Gewissen im Rücken, fast alle seine romantischen und impressionistischen Manierismen. Dank der selbstlosen, sozusagen minimalistischen Aufmerksamkeit von Higgins wird aus dieser Allstar-Gruppe (der Bassist ist Mehldaus Larry Grenadier) eine veritable Band, ein Ensemble, das klingt, als spielte es seit Jahrzehnten zusammen (aber ohne die dabei fast unvermeidbare routinierte Langeweile).
«The Caravan Moves On» heisst das letzte Stück. Wohin, ohne den Kompass und das Zeitmass von Higgins’ lebendigem Herzschlag?
Charles Lloyd: Hyperion with Higgins. ECM 1784 CD014000-2













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