Es sind als Romane getarnte Bankrotterklärungen, die dem im amerikanischen Idaho lebenden Denis Johnson aus der Feder fliessen: aberwitzige, zwischen Schauerroman und wüster «hard-boiled
fiction» oszillierende Metaphernstürme, die von Verheissung, Wahn und Verdammnis künden - und regelmässig die Bewunderung des literarischen Amerika auf sich ziehen. Philip Roth etwa sieht in Johnsons Romanen «eine Prosa von erstaunlicher Schönheit», Tobias Wolff «Kunst vom Range eines Breughel oder Bosch». Die Liste der Johnson-Verehrer unter Amerikas li-terarischen Hochkarätern reicht von Richard Ford über Don DeLillo bis hin zu Robert Stone.
Hierzulande freilich gilt es noch immer, den passionierten Schwarzseher in der Maske des religiösen Komödianten zu entdecken. Einmal mehr Anlass dazu bietet Johnsons früher, endlich auch auf Deutsch vorliegender Roman «Engel» von 1983, der nahtlos dort anschliesst, wo bereits Johnsons frühere Arbeiten «Wiederbelebung eines Gehängten», «Jesus’ Sohn» und «Schon tot» schlossen: in der delirierenden Beschwörung «jener trunkenen Wahnsinnswelt» namens Amerika, die Johnson offenbar Buch um Buch überzeugter als Vorhölle begreift.
Wahn und Erlösung
Johnson, 1949 als Sohn eines amerikanischen Besatzungsoffiziers in München geboren, gehört zu den grossen Geheimniskrämern der Branche: Interviews verweigert er grundsätzlich, das Fotografiertwerden neuerdings ebenfalls. Was zählt, sind seine Bü-cher: wahnhafte, von Trinkern und drogensüchtigen Driftern bevölkerte Romane, in denen Glück ein Fremdwort ist. Seine Figuren sind letzte Überlebende einer Zivilisation, die sich selbst zerstört hat. So etwa der Irrläufer Leonard English in der düsteren Farce «Wiederbelebung eines Gehängten» von 1994, der sich nach einem gescheiterten Selbstmordversuch als Detektiv verdingt - und darin ebenso kläglich scheitert. Der auf lächerliche Weise fehlschlagende Versuch schliesslich, einen Bischof zu töten, bringt ihn hinter Gitter. Als abgetakelter Transvestit kostümiert, fügt er sich willig in die Existenz des Häftlings - und hat den wahren Ort seiner Bestimmung erreicht. -
Nicht minder verstörend muten die desolaten Nachtwandler und moribunden Wiedergänger seiner von Alison MacLean mit Dennis Hopper und Holly Hunter allzu vorlagenhörig ins Bild gesetzten Storysammlung «Jesus’ Sohn» von 1995 an, die allesamt geschüttelt sind von Wahn und uneinlösbaren Erlösungsfantasien. Sie sind Handlanger eines grausamen Erzählergottes, der sie auf einen Weg geschickt hat, an dessen Ende sie Hölle und Auslöschung erwarten. Doch bis es so weit ist, zelebrieren sie ihre alptraumhaften Existenzen mit der Renitenz von von allen guten Geistern verlassenen Selbstverbrennern: Typen wie Jack Hotel, Caplan oder Alsatia, die Johnsons sargschwarze Storys bevölkern; Säufer, Kokser, Bräute des Todes und spirituelle Spinner, die nichts mehr zu verlieren haben und von denen es einmal heisst: «Wir hatten dieses Gefühl von Hilflosigkeit und Schicksal. Wir würden in Handschellen sterben. Man würde uns einen Riegel vorschieben. Ich wusste, dass ich auf dieser Welt war, weil ich es an keinem anderen Ort aushalten konnte.»
Entrollte Johnsons zuletzt auf Deutsch erschienener opulenter Roman «Schon tot» die illusionslose Geschichte des an Lungenkrebs erkrankten Leerläufers Carl van Ness und dessen blutig endender Versuche, den Weg des Samurai zu gehen, «der absolute Distanz zu allem zu gewinnen sucht», so operiert seine frühe, nun vorliegende Romanze «Engel» zunächst noch mit solchen Begriffen wie Einsicht, Reue und Hoffnung. «Schon tot» lieferte beeindruckende literarische Kamerafahrten entlang der Ränder einer sterbenden Zivilisation - eine fiebrige Sinfonie des Schreckens, die das unterkühlte, auf jedwede Erklärung seiner Figuren verzichtende Noir-Kino eines Jean-Pierre Melville mit der Lakonie und dem düsteren Aberwitz der amerikanischen Krimilegende David Goodis mischte. Vor der Kulisse eines von wabernden Nebelschwaden verhangenen Mendocino County inszenierte Johnson sein Epitaph auf die toten, erloschenen Seelen Amerikas - in seinem grössenwahnsinnigen Gestus einzigartig, ja, grandios.
Jagd durch Amerikas Weiten
Und nun also «Engel», dieses herzzerreissende, atemlose, anmassende, wilde und darin bisweilen an Wong Kar-wais rauschhaftes Hongkong-Endspiel «Fallen Angels» von 1995 erinnernde Buch. Es verschneidet die Begegnung zweier gefallener Engel und ihre immer verzweifelteren Versuche, über das Schicksal zu triumphieren. Bis die Geschichte ihren finsteren Zenit erreicht hat - und beide wie Steine in die Tiefen ihrer eigenen Abgründe stürzen: hier die zu allem entschlossene Jamie, die ihre beiden Kinder Miranda und Baby Ellen in den erstbesten Greyhound-Bus verfrachtet, um ihrem untreu gewordenen Mann zu entfliehen; dort der ziellose und zu Gewaltausbrüchen neigende Streuner Bill Houston, der Jamies Vertrauen gewinnt - und zu dem Anlass werden wird, der sie einhundert Seiten später um den Verstand bringt. Ziellos lassen sie sich nach Pittsburgh, Chicago und Phoenix treiben auf ihrem Trip ins Verderben. Ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat - und eine Frau, die das versteht. Sie ziehen durch abgewrackte Motels und stillen ihre Sehnsüchte mit Alkohol und Drogen; denn sie sind Spieler, die nicht wahrhaben wollen, dass spielen in ihrem Fall verlieren heisst. Und so setzen sie immer wütender das Letzte, was ihnen geblieben ist: ihre nackte Haut - auch auf die Gefahr hin, diese zu verlieren. «Der Bus trug sie aus der Wolkenbank, die über dem westlichen Ohio lag, hinaus in reineres Licht, wo alte Schneefelder gleissend auf der Erde der Berghänge brannten. Bald hatten sie das Bier ausgetrunken. In den Dosen war nur noch Bourbon, und sie wusste nicht, ob sie gerade aufwachte oder verrückt wurde.»
Johnsons Figuren sind ernst zu nehmende Sozialfälle und unbelehrbare Tänzer auf des Messers Schneide, halluzinierende Spinner und wundersam Erleuchtete. Er offenbart uns ihre geheimsten Verstrickungen und ihre nicht selten krude Logik, die wir missdeuten und lächerlich finden können - ablehnen aber können wir sie nicht. Denn je länger wir sie verfolgen auf ihrer Jagd durch Amerikas Weiten, des-to menschlicher, verständlicher und nachvollziehbarer erscheint uns ihre Motivation: ihre Verdammnis ebenso wie die Halsstarrigkeit, mit der sie auf der Erfüllung des Glücks beharren. Und während die Drogen die Welt vor ihren Augen beleben und mit Farben übergiessen, wächst das zunächst ungleiche Paar immer schicksalhafter zusammen. Bis Bill - gemeinsam mit seinen beiden Brüdern James und Burris - einen Überfall auf eine Bank verübt, einen Wachmann erschiesst, gefasst wird und in der Gaskammer landet, während Jamie sich in Wahn- und Fieberträume rettet und im Bett eines Krankenhauses erwacht. «Es war das Vakuum, nicht grösser als eine Faust, nicht praller als der Muskel des Herzens, das Dinge in sich hineinsaugte und die ganze Maschinerie, die Bill Houston jetzt um sich herum in Betrieb sah, aus dem Lot und in Bewegung brachte. Er beobachtete seinen Prozess wie durch eine magische Wand, voll Erstaunen darüber, wie wenig zwischen Abdrücken und Nichtabdrücken gelegen hatte, ein Körnchen Kraft nur, eine Viertel-sekunde Anstrengung.»
Johnson, der seine Geschichte zuletzt wie eine Eiterbeule aufsticht und den Geruch von Tod und Fäulnis freisetzt, schwingt sich in der Beschreibung von Houstons letzten Lebensmomenten, bevor er das tödliche Gift in der Gaskammer einatmet, zu einer sprachlichen und moralischen Qualität auf, die zum Stärksten und Anrührendsten zählt, was in den letzten Jahrzehnten an amerikanischer Prosa geschrieben wurde: Momente von irisierender Helligkeit und niederschmetternder Schwärze - blendend und klaustrophobisch zugleich. Camus meets Kafka - und so zeichnet Johnson ein zeitgenössisches, existenzialistisches Alltagsinferno, in welchem persönliche Identität, individuelles Wahrheitsstreben sowie physische und metaphysische Sicherheit einem nicht aufzuhaltenden, furchterregenden Erosionsprozess ausgeliefert sind. Er tut es unerschrocken
und mit geradezu alttestamentarischer Wucht.
Gefangen in Johnson-County
So sind seine Figuren von Beginn an Gefangene, Seins-Geworfene, denen ihr Schöpfer kein Entkommen aus ihren Delierien gewährt. Darin vor allem erinnern sie mal an die Höllenfahrer eines Cormac McCarthy, in ihrem gotteslästerlichen Furor an die Geschöpfe des luziden Häretikers Louis Ferdinand Céline.
Denis Johnson, der schwarze Romantiker unter Amerikas Apokalyptikern, hat mit «Engel» einen wilden und durch und durch bedrohlichen Roman geschrieben, unter dessen Sätzen alle Hoffnungen zerrieseln: eine Bibel für Abgrundsüchtige - überhitzt und anmassend und so unergründlich, wie man das von diesem Autor kennt. Zugleich aber ist «Engel» auch ein ergreifendes Buch über die Liebe und den Preis, den sie mitunter kostet: blutgetränkt und heillos romantisch. «Man brauchte ja bloss Nachrichten zu hören, um zu erkennen, dass die Welt in Stücke ging. Sie hatte keine Ahnung, was aus der Mitte der Dinge hervorbrechen würde, wenn die Zeit erst gekommen war.»
Glück, so will es Johnsons fatalistische Weltsicht, jedenfalls nicht. Und auch wenn Jamie am Ende halbwegs wieder genesen wird und vermeintlich dem langen Arm der staatlichen Fürsorge entkommt: Ihrem wahren Schicksal aber wird sie nicht wirklich entfliehen, denn im Grunde ist sie von Beginn an dort gefangen, wo der Mensch - wie es der Engländer Malcolm Lowry einst formulierte - «irgendwann aufgehört hat davonzulaufen; in jenem ausserordentlichen Land, aus dem er niemals zurückkehren kann, auf der richtigen Seite der Verzweiflung: Der Name dieses Landes ist Hölle».
* Denis Johnson: Engel. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Alexander-Fest-Verlag. 240 Seiten, Fr. 36.10
06.09.2001, Ausgabe 36/01
«Engel»
Auf der richtigen Seite der Verzweiflung
Finstere Ekstasen: Die Romane des Amerikaners Denis Johnson künden von Wahn und Untergang. So auch sein frühes Road-Movie «Engel»
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