-A  A  A+
12.01.2009, 09:18, Weltwoche online

Wortkontrolle

Der «Risiko-Jugendliche»

Jung, gewalttätig, Schulabbrecher, schwierige Familienverhältnisse: Hier spricht der Soziologe vom «Problem-Jugendlichen». Die Steigerung davon ist der «Risiko-Jugendliche». Eine Annäherung.

Von Peter Keller

Auch nicht gegen «Verhaltensauffälligkeit» gefeit: der Braunbär. Bild: Wikipedia (GNU-Lizenz für freie Dokumentation)

Anzeige

Die Karriere vom «Problembären» zum «Risikobären» kann tödlich enden. Für den Bären. Als im Frühling 2006 «Bruno, der Problembär» die österreichisch-bayrische Grenze überschritt, war die Aufregung gross. Einmal über den ersten Bären, der seit 1835 wieder in Bayern gesichtet worden war. Dann über seine, wie es heute so schön heisst, «Verhaltensauffälligkeit». Bruno verhielt sich eben nicht so, wie es die Biologen wollten, sondern wie ein vernünftiger Mensch: Statt mühsam hinter wendigen Hasen nachzujagen, holte sich Bruno Nutz- und Haustiere – feine, gutgenährte Schäfchen, die ihm sozusagen von selber ins Maul stolperten.

Da «Problembär» Bruno sein Verhalten nicht ändern mochte, sich weder fangen noch vertreiben liess und in der Nähe menschlicher Siedlungen auftauchte, wurde er umgehend zum «Risikobären» befördert und zum Abschuss freigegeben. In Bayern dauert die Zeitspanne zwischen «Zum Abschuss freigegeben» und Abschuss höchstens 24 Stunden. Das hätte man Bruno fairerweise vorher mitteilen sollen.

Was den Biologen recht ist, ist dem Sozialarbeiter-Milieu gerade billig genug. Auch hier wird kräftig draufloskategorisiert. Statt Bären trifft es jedoch Jugendliche. So ist der «Problem-Jugendliche» eine feste Grösse. Die Basler Justizdirektion spricht von «Problem-Jugendlichen», die in Gruppen auftreten würden, mit Messern bewaffnet und alkoholisiert seien, provozierten und dreinschlügen. Also an sich schon eine unschöne Erscheinung.

Nun taucht erstmals der Begriff «Risiko-Jugendlicher» auf. Eingeführt durch die Luzerner Frauenärztin Ruth Draths (Neue Luzerner Zeitung, 09.01.2009). Schlechte Schulbildung und Probleme mit dem Elternhaus würden die «Risiko-Jugendlichen» kennzeichnen. Dazu seien sie, führt Draths weiter aus, «früh sexuell aktiv». Ach so. Entwarnung. Die Ärztin spielt auf die Kinderschwangerschaft jener Dreizehnjährigen an, die kürzlich einen gesunden Jungen zur Welt brachte. Doch trotz Entwarnung: Der dreizehnjährigen Jungmutter und «Risiko-Jugendlichen» Ramona wird von Reisen nach Bayern dringend abgeraten.

Erschienen auf WELTWOCHE online, 26.02.2009
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

Schnellzugriff  

Schlagworte

wortkontrolle

Meist ...

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist kommentiert

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist gelesen

Weitere Autoren

alle Autoren

Stöbern

Ausgaben