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20.02.2009, 15:43, Weltwoche online

Kommentar

Lehren aus dem «Fall Stettbach»

Die Zürcher Strafverfolgungsbehörden verheimlichten das Geständnis der vermeintlich von Skinheads verletzten Brasilianerin Paula O., weil sie den Fall versanden lassen wollten. Die Weltwoche machte der Justiz einen Strich durch die Rechnung.

Von Alex Baur

Die Verletzungen, welche sich die vermeintlich schwangere Paula O. selbst beibrachte. Bild: Keystone

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Am letzten Mittwoch (18.2.) abend zierte sich die Zürcher Staatsanwaltschaft noch, den Bericht der Weltwoche über das klare Geständnis von Paula O. im Polizeiverhör zu bestätigen. Die Verwirrung um den Fall der vermeintlich von Rechtsextremen überfallenen Brasilianerin, der vor allem in Brasilien gewaltige Wellen geworfen hatte, hielt damit an. Erst am Donnerstagnachmittag bequemten sich die Ermittlungsbehörden mit einem dürren Communique um eine Klärung: Paula O. hat zugegeben, dass sie sich ihre Verletzungen selber beigebracht hat, auch ihre angebliche Schwangerschaft war frei erfunden. Gemäss der Verlautbarung hatten die Behörden das Geständnis «in Anbetracht des widersprüchlichen Aussageverhaltens der Frau  … ganz bewusst» verheimlicht. Es werde nun, so ist weiter zu lesen, im Zusammenhang mit der Weltwoche-Publikation wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses ermittelt.

Hat die Weltwoche mit ihrer Publikation unverantwortlich gehandelt, ja vielleicht sogar die Ermittlungen beeinträchtigt, wie die Zürcher Staatsanwaltschaft suggeriert? Tatsache ist: zum Zeitpunkt der Publikation war das Geständnis beim Polizeiverhör bereits fünf Tage alt. Entgegen der Darstellung der Strafermittler ist das Aussageverhalten der Brasilianerin in Bezug auf die kriminologischen Erkenntnisse alles andere als «widersprüchlich» – vielmehr deckte es sich mit den gerichtsmedizinischen (Selbstverletzung) und dem gynäkologischen (keine Schwangerschaft) Befund. Eine Vertuschungsgefahr bestand insofern nicht mehr, als Paula O. in diesen fünf Tagen ohnehin mehr als genug Zeit hatte, um sich mit allfälligen Zeugen zu besprechen. Auch die Staatsanwaltschaft hätte das vermeintliche Opfer längst einvernehmen können, das nun plötzlich die Täterin war. Sie hat es nicht getan. Und das ist in Anbetracht der Implikationen, die der Fall mit sich gebracht hat, unverständlich bis skandalös.

Unverständlich ist auch, dass die Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP) die Öffentlichkeit nicht schon vor einer Woche anlässlich ihrer ersten Pressekonferenz über das Geständnis von Paula O. informierte. Maurer machte an jenem Freitag dem 13. (Februar) lediglich bekannt, dass keine Schwangerschaft nachgewiesen werden konnte und dass die Gerichtsmediziner von einer Selbstverletzung ausgingen. Mag sein, dass sich die Zürcher nicht bewusst waren, dass gerade in Lateinamerika die Verlautbarung einer Behörden nicht mehr als eine mögliche Version der Dinge ist. Erst das Geständnis brachte die grundsätzliche Klärung, nach der die Öffentlichkeit dringlich verlangte.
Entgegen dem Eindruck, den die Zürcher Staatsanwaltschaft nun vermittelt, wurde nie mit Hochdruck ermittelt. Die Umstände weisen vielmehr darauf hin, dass man die Geschichte unter den Teppich wischen wollte – und dies auch getan hätte, wenn die Weltwoche das Geständnis und vor allem die Umstände darum nicht publik gemacht hätte.

Noch am letzten Montag (16.2.) war in den brasilianischen Medien mit Verweis auf Schweizer Quellen zu lesen, Paula O. sei frei, jederzeit in ihre Heimat zurückzukehren. Hat sie diesen deutlichen Fingerzeit vielleicht nicht kapiert? Die Brasilianerin wäre nach einer Ausreise für die geruhsame Zürcher Staatsanwaltschaft nicht mehr greifbar gewesen, wenn sich diese endlich zu einer formellen Einvernahme durchgerungen hätte. In diesem Fall wäre man nicht umhin gekommen, das unliebsame Verfahren einzustellen. Denn das Geständnis bei der Polizei (ohne Beisein eines Verteidigers) hätte den Ansprüchen der Rechtsstaatlichkeit natürlich niemals genügt. Einen Fall Stettbach hätte es dann, wie der Tages-Anzeiger am 14. Februar (wenn auch in einem anderen Zusammenhang) prophezeite, nie gegeben.

Gemäss Recherchen der Weltwoche war die Staatsanwaltschaft am letzten Wochenende noch bemüht, den Fall Paula O. mit einem schnellen Strafbefehl zu erledigen. Die Brasilianerin spielte aber dem Vernehmen nach nicht mit. Sie hatte bis dahin auch keinen grossen Grund zur Sorge. Die Zürcher Strafermittler hatten die scheinbar kranke Frau immer rücksichtsvoll behandelt, auch als längst klar war, dass Paula O. in eine Lügnerin war. Eine Pass- und Ausreisesperre wurde erst verhängt, als die Weltwoche die Fakten auf den Tisch legte.

Das mag damit zu tun haben, dass Opfer in der Schweiz generell unter einer Art Immunität stehen, die oft erhalten bleibt, wenn sie sich als Täter entpuppen. Im Zusammenhang mit Kampfscheidungen beispielsweise sind Falschanschuldigungen betreffend angeblicher sexueller Übergriffe auf die Kinder eine notorische Plage. Doch selten wird ein Verleumder (in diesem Fall meistens Mütter) zur Verantwortung gezogen. Gewiss, meist ist es schwierig, den Urhebern der Falschanschuldigung einen Vorsatz nachzuweisen. Doch es mangelt auch am Willen. Solche Untersuchungen sind sehr unangenehm. Der Preis, den man dafür in Kauf nimmt, ist hoch: Im schlimmsten Fall landet ein Unschuldiger im Gefängnis; doch allein schon der Verdacht auf einen sexuellen Übergriff kann Existenzen ruinieren.

Mag sein, dass Paula O. an einer seelischen Erkrankung leidet. Offenbar ist man sehr schnell bereit, dies einfach anzunehmen. Immerhin sollte zumindest in Betracht gezogen werden, dass die Frau mit zehntausenden von Franken aus den Kassen der Opferhilfe belohnt worden wäre, wenn sie mit ihrer erfundenen Geschichte Erfolg gehabt hätte. Andererseits fällt doch auf, dass man bei anderen Tätern, die zweifellos vermindert zurechnungsfähig waren – nehmen wir zum Beispiel den Babyquäler Rene Osterwalder oder den notorischen Pädophilen Daniel H. –, kaum so viel Verständnis aufbringt (zu recht übrigens; denn eine mögliche Erklärung für ein Verbrechen ist noch lange keine Rechtfertigung).

Vor allem aber ist der Fall Paula O. - gerade für die in Zürich regierende Mehrheit, zu der auch Polizeivorsteherin Esther Maurer gehört - politisch nicht opportun. Es war kein Zufall, dass sich die junge Brasilianerin die Buchstaben SVP auf Bauch und Beine ritzte. In der Einvernahme behauptete sie, die Insignien der Volkspartei auf den famosen «Raben-Plakaten» zum Personenfreizügigkeits-Referendum gesehen zu haben. Diese Aussage lässt aufhorchen. Denn bereits im ersten Bericht über den vermeintlichen Skinhead-Überfall tauchten die «Raben-Plakate» auf, die mittlerweile in Brasilien als vermeintliche Symbole für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit fast so bekannt sind wie in der Schweiz.
Paula O. hat das Geschrei um die angeblich rassistischen SVP-Inserate ad absurdum geführt und als das entlarvt, was es ist: reine Stimmungsmache. Wenn sie ein Opfer war, dann am ehesten ein Opfer der (partei)politisch motivieren Propagandahetze jener, die in schwarze Raben und Schäflein rassistische Motive hinein interpretieren. Paula O. kann den Verdienst für sich beanspruchen, die besorgten Mahner wieder die vermeintliche Fremdenfeindlichkeit der Schweiz der Lächerlichkeit preis geben zu haben.

Rassismus und Xenophobie sind in der Schweiz ausgesprochen verpönt. Wer Blochers Parteigänger des Rassismus bezichtigt, verharmlost den Rassimus. Parteien wie die Schweizer Demokraten (SD), die effektiv auf Fremdenfeinlichkeit setzen, kamen in diesem Land nie über ein Randgruppendasein hinaus. Und selbst die wenigen Rechtsradikalen, die man auch hierzulande findet, muten im internationalen Vergleich doch recht harmlos an. Warum sollten wir darauf nicht stolz sein? Warum dichten wir uns Probleme an, von denen wir bislang glücklich verschont blieben? Der «Fall Stettbach» könnte zum Anlass werden, beim vorschnellen Denunzieren generell einen Gang tiefer zu schalten.

Erschienen auf WELTWOCHE online, 26.02.2009
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Kommentare

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PET77     09.03.09 22:44

Ich entschuldige mich, ich habe aus Zeitmangel nicht den ganzen Fall gelesen.

Trotzdem sind die Gesetze teilweise unbefriedigend.

Wir brauchen dringend ein Politiker- und ein Beamten-Strafrecht.

Und nicht mehr Gefängnisse, sondern Arbeits-Straflager. Manche Menschen müssen das Arbeiten für frech überzogene Löhne neu erlernen.

PET77     09.03.09 22:35

Heh, was gehen uns diese Leute an ? Bevor die sich voll ficken lassen, soll sich dieses Gesindel um die finanzielle Sicherstellung der Aufzucht ihrer Kinder kümmern. Sind das hirnlose Tiere, oder was ?

Sorry, aber ich zahle meine Steuern nicht dafür, dass sie vom Polit-Gesindel verschleudert und verschenkt werden.

An erster Stelle Calmy, die tausende Millionen Steuergelder an die neuen zehn EU-Ostländer verschenkt. Was solche Weiber anrichten, das muss man sich mal auf der Zunge vergehen lassen.

Dieser Staat wird zunehmend "auf Hausfrauenart" geführt. Das hat keine Zukunft.

Indices     24.02.09 00:35

Was seit Tagen in der Luft lag, hat sich nun durch den Beitrag von Alex Baur erhärtet. Wie in diesem Fall Polizeidirektion und Staatsanwaltschaft sich uns Bürgern gegenüber verhalten, stösst auf blankes Entsetzen und setzt grosse Fragezeichen.

Mit ihrer Tat hat Paula O. Hunderttausende von Wählern und Sympathisanten der SVP verunglimpft und unter tatkräftiger Mithilfe der Angehörigen, der Diplomatie und gewisser Medien durch den Dreck gezogen.

Dass sich die Justiz erst aufgrund eines Artikels in der Weltwoche und mit unverständlicher, grosser Verzögerung dazu aufraffen konnte, die Öffentlichkeit über das vor der Polizei längst erfolgte Geständnis zu orientieren, ist ebenso unverständlich wie die Tatsache, dass O. nach Hause entlassen wurde, ohne vorher von der

musssein     22.02.09 21:31

@Constanze

Yep, so könnte es ein; dem könnte ich zustimmen.

constanze     22.02.09 20:10

...man denke auch an den Krankheits- und Aufmerksamkeitsgewinn, den Frau Oliveira gehabt hätte, wäre sie denn mit ihrer Geschichte durchgekommen. Man(n) wäre für den Rest des Lebens nett zur ihr gewesen - schlechtes Gewissen oblige, usw.

Im übrigen finde ich, dass sich die Zürcher Polizei und die Schweizer Behörden in diesen Fall sehr korrekt verhalten haben.

Von Seiten einiger brasilianischer Kläffer-Medien, die diesen saftigen Knochen immer noch nicht loslassen mögen und denen es möglicherweise lieber gewesen wäre, die Geschichte wäre wahr, würde man jetzt eigentlich Entschuldigungen und Richtigstellungen erwarten. Aber auch dortzulande scheinen gute Manieren zur Seltenheit geworden zu sein.

constanze     22.02.09 16:04

@mussein

Es handelt sich nicht um eine echte Schwangerschaft. Es können jedoch alle Anzeichen einer Schwangerschaft vorhanden sein bis hin zur Zunahme des Leibesumfangs und Milchbildung.

http://de.wikipedia.org/wiki/Scheinschwangerschaft

In Oliveiras Fall hiess es, sie habe behauptet, im Dezember schwanger geworden zu sein und habe dies ihrem Familien- und Freundeskreis mitgeteilt und als Beweis Ultraschallbilder einer Zwillingsschwangerschaft herumgezeigt. Ich nehme an, Oliveira wusste, dass irgendwann die Stunde der Wahrheit kommen würde und dass dies bei ihr zu wachsendem Stress und Spannung und der unseligen Inszenierung de

marcoweb     22.02.09 15:36

Noch vor einer Woche wurde in Brasilien in der Newszeitschrift EPOCA ein Artikel veroeffentlicht, der zwar die Falschaussage der Schwangerschwaft erwaehnte und auf moegliche Selbstverstuemmelung einging, zuletzt aber den Schluss zog, dass Schweizer Polizei wohl einen fremdenfeindlichen Uebergriff vertuschen wollte. Das mediale Echo ist gewaltig - taegliche Fernsehberichte und ueberall werden wir darauf angesprochen. Bedauerlich, dass die Zuercher Polizei und Ihre Vorsteherin nicht sofort vollstaendig kommuniziert und damit dem lateinamerikanischen Medienspektakel (mit Negativpraesenz fuer die Schweiz) fruehzeitig die Grundlage entzogen haben.

musssein     22.02.09 14:02

Constanze, was meinst Du mit Deinem letzten Bericht?
Mir fehlt ein wenig das Wissen, wie man eine Scheinschwangerschaft abtreiben kann. Ist es so etwas wie Beischlaf, wobei man seine Jungfernschaft erhält?

Marignano     22.02.09 12:08

"Der «Fall Stettbach» könnte zum Anlass werden, beim vorschnellen Denunzieren generell einen Gang tiefer zu schalten.".

Das mag so stimmen. Allerdings würde ich es begrüssen, wenn die Weltwoche mit dem "einen Gang tiefer schalten" mitmachte oder sogar voranginge. Dieser Artikel ist kein Beitrag dazu.

"Rassismus und Xenophobie sind in der Schweiz ausgesprochen verpönt." Das hoffen und wollen wir (fast) alle.

"Blochers Parteigänger" greifen aber immer wieder und sehr gerne zu simplen Erklärungen, in denen "die Ausländer" (gerne auch verbunden mit dem Wort "kriminell") eine wichtige Rolle spielen. Ob das nun Xenophobie fördert oder "nur" aufgreift, ist für mich zweitrangig. Dies

Christine     22.02.09 09:06

@Jincuia

".. stellen sie schon an den Pranger?" (die WeWo die Frau Oliveira).

Nanana. Da ist Brasilien, der Vater, der Staatspräsident, die Bevölkerung, die Botschafterin, doch selber ganz schön vorgeprescht bezüglich der Schweiz? Schon vergessen? Sollte man aber auch nicht unbedingt vergessen.

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