Auf Deutschland übertragen müsste die Schlagzeile etwa so lauten: „Nach Jahrhunderten der Unterdrückung durch fremdrassige Immigranten werden die Rechte der germanischen Bevölkerungsmehrheit aufgewertet“. In der realen Aktualität lauten die Schlagzeilen so: „In Bolivien schlägt die Stunde der Ureinwohner“ (Tages-Anzeiger), „Mehr Rechte für Boliviens Urvölker“ (Basler Zeitung), „Das Ende des Kolonialstaates“ (20 Minuten), „Das koloniale Erbe abschütteln“ (Zürichsee-Zeitung), „Grosser Sprung für Bolivien“ (NZZ) oder „Die Indios schlagen zurück“ (St. Galler Tagblatt, unsere Lieblingslektüre).
Die Rede ist von der neuen Verfassung, die gemäss Hochrechnungen am Sonntag rund 60 Prozent der Wahlbevölkerung Boliviens angenommen hat und die der angeblich bislang unterdrückten Mehrheit der Bevölkerung, den Indios, spezielle Vorrechte einräumt. Die einen loben die Absage an „500 Jahre Unterdrückung durch die Kolonialisatoren und eine europäisch-amerikanisch geprägte Oberschicht“ (NZZ). Andere mahnen, dass die im neuen Grundgesetz verankerte Anerkennung der „Gemeinschaftsjustiz“ (Tages-Anzeiger) in den Indio-Kommunen zu Rechtsuntersicherheit führen könne (dass bei den „Volksprozessen“, die gelegentlich in Lynchmorde ausarten, Köperstrafen die Regel sind, wird gnädig übersehen). Man diskutiert, ob die Verstaatlichung von Latifundien und Bergbauunternehmen (wie bei allen früheren Versuchen) in ein bürokratisches Desaster münden wird, oder ob diesmal ein Wunder passiert und alles ganz anders kommt.
Doch keiner fragt, ob es in einem demokratischen Rechtsstaat angeht, dass einer nach Rasse und Herkunft definierte Mehrheit der Bevölkerung Sonderrechte zugebilligt werden.
Man dürfe doch die Realität in einem lateinamerikanischen Andenstaates nicht auf Europa übertragen, wird man entgegnen. Ach wirklich? Sind die Grundrechte nur für uns universal? Ist die Rassenfrage eine Frage der Rasse und nur dann verdammenswert, wenn das Opfer dunkler Hautfarbe ist? Sind die Indios vielleicht, geläutert durch das Joch jahrelanger Unterdrückung, andere, bessere Menschen geworden? Natürlich meidet man den Begriff „Rasse“, und erst recht „rassistisch“. Ethnie klingt schon bedeutend besser, und aus den Indianern hat man „Indigene“ (span. Indigenas = Eingeborene) gemacht. Die WoZ schreibt von einem „interkulturellen und plurinationalen“ Staatswesen.
Tatsächlich verschleiern die politisch korrekten Sprachregelungen einmal mehr die Realität. Die vermeintlich revolutionären Neuerungen in Bolivien sind so alt und abgestanden wie der angeblich völlig neuartige „Sozialismus des XXI Jahrhunderts“. Die Tendenzu zu einer masslos übertriebenen Glorifizierung der Inka-Kultur lässt sich bis zu den spanischen Chronisten zurückverfolgen. Bereits die nationalistischen Caudillos und Diktatoren, welche die spanischen Kolonialherren vor immerhin bald 200 Jahren ablösten, wussten die (durchaus vorhandenen) rassistischen und antiamerikanischen Ressentiments geschickt zu nutzen. Dass mit Morales erstmals ein vermeintlicher „Indio“ - in Wirklichkeit ist der Gewerkschafter, der keine einzige der 36 Indianer-Sprachen Boliviens beherrscht, ein klassischer Mestize - auf dem Präsidententhron Boliviens sitzt, ist schlicht Unsinn. Der legendäre Zinnbaron Simon Iturri Patino, der wohl reichste Bolivianer aller Zeiten, hatte ebenso indianisches Blut in seinen Adern wie diverse Militärdiktatoren.
Doch die Menschen in den Anden – gleichgültig ihrer Abstammung – funktionieren nach genau denselben Grundmustern wie alle anderen Menschen auf dem Planet. Sie streben nach Wohlstand und Sicherheit, danach kommt, insbesondere und gerade für die verarmten Schichten, lange nichts mehr. Die neue Verfassung verspricht ihnen alles Mögliche. Doch an Versprechen war nie ein Mangel in den zahlreichen völlig neuartigen Verfassungen Boliviens. Entscheidend ist allein, ob die neuen Spielregeln in der Praxis zu mehr Wohlstand und Sicherheit führen werden. Doch gerade in dieser Hinsicht sieht es düster aus. Es gibt keinen Grund, warum just dieses nationalistisch-sozialistische Experiment nicht zum Bankrott führen sollte.
Mit den Petrodollars des Caudillo Hugo Chavez im Rücken und einer Rassen- und Klassenhatz, wie sie Bolivien schon lange nicht mehr erlebt hatte, hat der Volkstribun Morales sein Land an den Rand einer Sezession getrieben. Während das feudal geprägte Hochland in der liberalen Phase der letzten Jahrzehnte stagnierte, erlebte das kapitalistische Tiefland, wo Herkunft und Rasse eine untergeordnete Rolle spielen, eine wirtschaftliche Blüte. Morales hat den Graben vertieft. Auf der anderen Seite wettet kein internationaler Investor heute noch einen müden Dollar auf Bolivien. Schlechte Aussichten für ein Land, in dem wirtschaftliches Wachstum und die Bekämpfung der Armut zuoberst auf der Agenda stehen müsste.
Doch auch die romantischen Illusionen über die vermeintlich heile Naturwelt der Indianer sind nichts Neues unter dem Himmel. Dieselben Klischeebilder vom „Edlen Wilden“, die Karl May in seiner tristen Gefängniszelle aus phantasievoll kreierte, finden sich in den Artikeln wieder, die Journalisten in ihren sterilen Redaktionsstuben fabrizieren. Dabei gibt es keinen Grund, weshalb für die Menschen in den Anden die kapitalen Fehlleistungen des Autokraten Morales – hemmungsloser Populismus, Willkür, Rassenhetze, Selbstherrlichkeit, Verachtung der Rechtsstaatlichkeit – gut sein sollen, die wir für uns nie akzeptieren würden. Es ist das alte Lied - alles schon da gewesen.

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