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27.01.2009, 19:18, Weltwoche online

Boliviens neue Verfassung

Vom letzten Mohikaner zum ersten Indio

Die neue Verfassung Boliviens wird in Europa mehrheitlich als Meilenstein für die amerikanische Urbevölkerung gefeiert. Die Euphorie ist fehl am Platz. Das nationalistisch-sozialistische Machwerk wird das gespaltene Land um Jahrzehnte zurückwerfen.

Von Alex Baur

Glückstaumel: Boliviens Präsident Evo Morales im Konfetti-Regen der Bewohner des Koka-Dorfes Villa 14 de Septiembre in Zentral-Bolivien. Bild: Keystone (AP)

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Auf Deutschland übertragen müsste die Schlagzeile etwa so lauten: „Nach Jahrhunderten der Unterdrückung durch fremdrassige Immigranten werden die Rechte der germanischen Bevölkerungsmehrheit aufgewertet“. In der realen Aktualität lauten die Schlagzeilen so: „In Bolivien schlägt die Stunde der Ureinwohner“ (Tages-Anzeiger), „Mehr Rechte für Boliviens Urvölker“ (Basler Zeitung), „Das Ende des Kolonialstaates“ (20 Minuten), „Das koloniale Erbe abschütteln“ (Zürichsee-Zeitung), „Grosser Sprung für Bolivien“ (NZZ) oder „Die Indios schlagen zurück“ (St. Galler Tagblatt, unsere Lieblingslektüre).

Die Rede ist von der neuen Verfassung, die gemäss Hochrechnungen am Sonntag rund 60 Prozent der Wahlbevölkerung Boliviens angenommen hat und die der angeblich bislang unterdrückten Mehrheit der Bevölkerung, den Indios, spezielle Vorrechte einräumt. Die einen loben die Absage an „500 Jahre Unterdrückung durch die Kolonialisatoren und eine europäisch-amerikanisch geprägte Oberschicht“ (NZZ). Andere mahnen, dass die im neuen Grundgesetz verankerte Anerkennung der „Gemeinschaftsjustiz“ (Tages-Anzeiger) in den Indio-Kommunen zu Rechtsuntersicherheit führen könne (dass bei den „Volksprozessen“, die gelegentlich in Lynchmorde ausarten, Köperstrafen die Regel sind, wird gnädig übersehen). Man diskutiert, ob die Verstaatlichung von Latifundien und Bergbauunternehmen (wie bei allen früheren Versuchen) in ein bürokratisches Desaster münden wird, oder ob diesmal ein Wunder passiert und alles ganz anders kommt.

Doch keiner fragt, ob es in einem demokratischen Rechtsstaat angeht, dass einer nach Rasse und Herkunft definierte Mehrheit der Bevölkerung Sonderrechte zugebilligt werden. 

Man dürfe doch die Realität in einem lateinamerikanischen Andenstaates nicht auf Europa übertragen, wird man entgegnen. Ach wirklich? Sind die Grundrechte nur für uns universal? Ist die Rassenfrage eine Frage der Rasse und nur dann verdammenswert, wenn das Opfer dunkler Hautfarbe ist? Sind die Indios vielleicht, geläutert durch das Joch jahrelanger Unterdrückung, andere, bessere Menschen geworden? Natürlich meidet man den Begriff „Rasse“, und erst recht „rassistisch“. Ethnie klingt schon bedeutend besser, und aus den Indianern hat man „Indigene“ (span. Indigenas = Eingeborene) gemacht. Die WoZ schreibt von einem „interkulturellen und plurinationalen“ Staatswesen.

Tatsächlich verschleiern die politisch korrekten Sprachregelungen einmal mehr die Realität. Die vermeintlich revolutionären Neuerungen in Bolivien sind so alt und abgestanden wie der angeblich völlig neuartige „Sozialismus des XXI Jahrhunderts“. Die Tendenzu zu einer masslos übertriebenen Glorifizierung der Inka-Kultur lässt sich bis zu den spanischen Chronisten zurückverfolgen. Bereits die nationalistischen Caudillos und Diktatoren, welche die spanischen Kolonialherren vor immerhin bald 200 Jahren ablösten, wussten die (durchaus vorhandenen) rassistischen und antiamerikanischen Ressentiments geschickt zu nutzen. Dass mit Morales erstmals ein vermeintlicher „Indio“ - in Wirklichkeit ist der Gewerkschafter, der keine einzige der 36 Indianer-Sprachen Boliviens beherrscht, ein klassischer Mestize - auf dem Präsidententhron Boliviens sitzt, ist schlicht Unsinn. Der legendäre Zinnbaron Simon Iturri Patino, der wohl reichste Bolivianer aller Zeiten, hatte ebenso indianisches Blut in seinen Adern wie diverse Militärdiktatoren.

Doch die Menschen in den Anden – gleichgültig ihrer Abstammung – funktionieren nach genau denselben Grundmustern wie alle anderen Menschen auf dem Planet. Sie streben nach Wohlstand und Sicherheit, danach kommt, insbesondere und gerade für die verarmten Schichten, lange nichts mehr. Die neue Verfassung verspricht ihnen alles Mögliche. Doch an Versprechen war nie ein Mangel in den zahlreichen völlig neuartigen Verfassungen Boliviens. Entscheidend ist allein, ob die neuen Spielregeln in der Praxis zu mehr Wohlstand und Sicherheit führen werden. Doch gerade in dieser Hinsicht sieht es düster aus. Es gibt keinen Grund, warum just dieses nationalistisch-sozialistische Experiment nicht zum Bankrott führen sollte.

Mit den Petrodollars des Caudillo Hugo Chavez im Rücken und einer Rassen- und Klassenhatz, wie sie Bolivien schon lange nicht mehr erlebt hatte, hat der Volkstribun Morales sein Land an den Rand einer Sezession getrieben. Während das feudal geprägte Hochland in der liberalen Phase der letzten Jahrzehnte stagnierte, erlebte das kapitalistische Tiefland, wo Herkunft und Rasse eine untergeordnete Rolle spielen, eine wirtschaftliche Blüte. Morales hat den Graben vertieft. Auf der anderen Seite wettet kein internationaler Investor heute noch einen müden Dollar auf Bolivien. Schlechte Aussichten für ein Land, in dem wirtschaftliches Wachstum und die Bekämpfung der Armut zuoberst auf der Agenda stehen müsste.

Doch auch die romantischen Illusionen über die vermeintlich heile Naturwelt der Indianer sind nichts Neues unter dem Himmel. Dieselben Klischeebilder vom „Edlen Wilden“, die Karl May in seiner tristen Gefängniszelle aus phantasievoll kreierte, finden sich in den Artikeln wieder, die Journalisten in ihren sterilen Redaktionsstuben fabrizieren. Dabei gibt es keinen Grund, weshalb für die Menschen in den Anden die kapitalen Fehlleistungen des Autokraten Morales – hemmungsloser Populismus, Willkür, Rassenhetze, Selbstherrlichkeit, Verachtung der Rechtsstaatlichkeit – gut sein sollen, die wir für uns nie akzeptieren würden. Es ist das alte Lied - alles schon da gewesen.

Erschienen auf WELTWOCHE online, 26.02.2009
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Kommentare

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Manipulierter Propagandakritiker     01.02.09 19:13

Der neueste Kalauer vom Baur:

„Auf Deutschland übertragen müsste die Schlagzeile etwa so lauten: „Nach Jahrhunderten der Unterdrückung durch fremdrassige Immigranten werden die Rechte der germanischen Bevölkerungsmehrheit aufgewertet.“

Tja, Herr Baur, entweder besitzen Sie einen ausgezeichneten Galgenhumor und wollen uns eine rabenschwarze Satire auf die grassierende „Evophobie“ präsentieren. Oder aber Sie beweisen sich einmal mehr als Kenner der bolivianischen – und neuerdings auch noch der deutschen – Geschichte…

Na klar doch, alles begriffen, die neue Verfassung (die Sie sehr wahrscheinnlich nicht einmal gelesen haben; siehe mein Beitrag weiter unten) ist ja FAST dasselbe wie das völkisch-germanische Gedankengut, das im Nationalsozialismu

Gallus     01.02.09 16:46

Im Economist fand ich einen Artikel über die neue Verfassung von Bolivien. Der Artikel war sehr ausgeglichen, anerkannte “gute Absichten”, hatte aber auch gut begründete Bedenken, die im Artikel von Alex Baur zusammengefasst sind. Der eigentliche Inhalt der Verfassung wird in Bolivien kaum diskutiert (411 Artikel). Das Ganze wird als Referendum für oder gegen Morales dargestellt. Bolivien wird als “vereinigter Sozialstaat mit plurinationalem gemeinschaftlichem Gesetz” dargestellt – ohne Zweifel gut gemeint, aber so vage, dass es praktisch bedeutungslos ist. Grundlegende, neue Rechte werden an 36 indigene Gruppen verteilt (einige davon mit ein paar hundert Mitgliedern). Die Verfassung anerkennt offiziel sogenannte “Gemeinschafts Justiz” durch “community leaders” oder “elders”, und führt Wah

Juliette     30.01.09 20:20

HERR BAUR, SCHÄMEN SIE SICH!

Es ist unumgänglich, dass sie sich für diesen Vergleich entschuldigen!!!

Auch dass sie den Völkermord an den Indianern in Lateinamerika einfach ausblenden und jetzt gar den Indios Rassismus vorwerfen ist inakzeptabel!

Jeanna     30.01.09 12:51

@Kröger
Ich bin aufgrund Deines verdankenswerten Hinweises im Heumann-Forum auf diesen Artikel von Baur aufmerksam geworden. Und erschüttert !

Ich kenne die Verhältnisse in z.B. Bolivien - auf das sich Herr Baur "erklärend" kapriziert zu haben scheint - selbst nicht sehr gut.
Doch schon in seinem letzten Artikel über Bolivien wurde ich aufgrund der kritisierenden und richtigstellenden (!) Kommentare von offensichtlichen Kennern des Landes und seinen Verhältnissen stutzig !

Da schreibt also noch einer notorisch "was ist".
Die Frage indessen ist leider schon längst "Was ist das für eine Zeitung", die laufend (!) faktisch widerlegbare (!) Befunde publiziert

Kröger     30.01.09 09:42

Und ausgerechnet die Weltwoche wirft Kritikern von Israel Antisemitismus vor...

Nach diesem Vergleich von Baur!

Kröger     30.01.09 09:39

Herr Baur

Ihre Verharmlosung des Völkermordes an den Indianern in Lateinamerika ist widerlich!

Das gleiche gilt für Ihren geschmacklosen Vergleich der neuen bolivianischen Verfassung mit den Nürnberger Rassengesetzen!

Ich fordere Sie auf, sich für diesen Vergleich zu entschuldigen!

Manipulierter Propagandakritiker     29.01.09 10:40

Alex Baur: "Natürlich meidet man den Begriff „Rasse“, und erst recht „rassistisch“. Ethnie klingt schon bedeutend besser, und aus den Indianern hat man „Indigene“ (span. Indigenas = Eingeborene) gemacht. Die WoZ schreibt von einem „interkulturellen und plurinationalen“ Staatswesen."

Nein, Herr Baur, das war keine Erfindung der WoZ, das steht auch tatsächlich so in der Verfassung:

Artikel 9:
"2. Garantizar el bienestar, el desarrollo, la seguridad y la protección e igual dignidad de las personas, las naciones, los pueblos y las comunidades, y fomentar el respeto mutuo y el diálogo intracultural, intercultural y plurilingüe.
3. Reafirmar y consolidar la unidad del país, y preservar como patrimonio histórico y humano la diversidad pl

rider     29.01.09 05:35

Ja ..........Herr Bauer,

Sie kennen weder die Lateinamerikanische Geschichte, weniger noch die bolivianische. Gut von der Weltwoche kann ich auch nicht mehr erwarten. Auch haben nie Hunger gespürt.

Bolivien auf dem richtigen WEG und glauben Sie mir es ist nur der Anfang. Don Evo Morales ist der Rollstein, was im Zukunft noch von Süddamerica kommen wird, werden sie noch stauenen.

Que viva la Revolution.

Zara Zarathustra     28.01.09 22:17

ja, das ist das Gute, dass es sich nur um einen Beitrag in einer rechtspopulistischen Postille handelt. Kann man nur als Realsatire sehen, wenn da steht: "...Fehlleistungen des Autokraten Morales –hemmungsloser Populismus, Willkür, Rassenhetze, Selbstherrlichkeit, Verachtung der Rechtsstaatlichkeit". !!
Alles Kernkompetenzen der Exponenten jener Partei, deren "Gedanken(!)"gut diese Zeitschrift gehorsamst mit ihren Güllenwagen übers Land spritzt. Dass dies lediglich einen fleischgewordenen Nullpunkt und Zensur-Enthusiasten eines Foristen anspricht, ist so bezeichnend wie folgerichtig.
Die kolumbianischen Polit-Feudalisten und Handlanger der CIA imponieren solchen Leuten schon viel mehr. So hat man bei der WeWo auch mehr übrig für die helvetischen Handlanger

angietarija     28.01.09 21:39

da ich aus deutschland bin konnte ich nicht wissen das ich den artikel eines rechtspopulistischen blättchens kommentiert habe...im nachhinein bin ich aber richtiggehend erleichtert...hätte sich ja um eine ernstzunehmende zeitung halten können...

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