Ausgabe vom 15. Mai 2012

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Stil & Kultur

Videokommentar

«Soft-sozialistische Agenda wird keinen Erfolg haben»

Wie wird sich der neue französische Präsident François Hollande verhalten? Von Roger Köppel

 

Aktuell

«Eine emotionale Geschichte»

«Roger gegen Roger» mit Roger Schawinski und Roger Köppel auf Radio 1.

 

Videokommentar

«Zunehmende Ratlosigkeit in Bern»

Der Industrie-Standort Schweiz ist bedroht. Der Angriff kommt nicht aus dem Ausland, sondern von der eigenen Regierung, sagt Chefredaktor Roger...

 

Kader- und Fachspezialisten gesucht!

Führende Schweizer Headhunter suchen Führungskräfte und Professionals. Der Karrieredienst Experteer.ch bietet diskreten Zugang zu Headhuntern und bietet die Möglichkeit den nächsten Karriereschritt zu planen...

 

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Videokommentar

«Kinder werden von den Roma-Banden eingesetzt»

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Videokommentar

«Resultat der Wankelmütigkeit»

Die Schweiz hat es sich selber zuzuschreiben, dass Deutschland mit immer neuen Forderungen an uns gelangt, sagt...

 

Andreas Thiel

Am 1. Mai

Wer im Steinhaus sitzt, soltte nicht mit Gläsern werfen.

Festredner: Genossinnen und Genossen! Der heutige Tag der Arbeit steht unter dem Motto: weniger Arbeit.

Zuschauer: Entschuldigen Sie, ich bin arbeitslos, und . . . 

Festredner: Aha! Da haben wir es. Irgend so ein Reicher, der zu viel arbeitet, nimmt Ihnen Ihre Arbeit weg.

Zuschauer: Äh, wer?

Festredner:  Wenn alle weniger arbeiteten, würde Arbeit frei werden für solche, die gerne arbeiten möchten.

Zuschauer: Ich möchte aber eigentlich gar nicht arbeiten.

Festredner: Nein?

Zuschauer: Mein Nachbar hingegen möchte gerne arbeiten, darf aber nicht.

Festredner: Wieso nicht?

Zuschauer: Er ist Pole.

Festredner: Tja, die Arbeit reicht leider nicht für alle.

Zuschauer: Er würde sogar für ganz wenig Geld arbeiten.

Festredner: Dann sagen Sie ihm, er soll sofort wieder verschwinden von hier. Wir können in der Schweiz keinen brauchen, der bereit ist, für wenig Lohn zu arbeiten. Am Ende nimmt der Ihnen noch die Arbeit weg.

Zuschauer: Aber ich habe doch gar keine.

Festredner: Sehen Sie? Vermutlich hat Ihnen ein anderer Pole bereits die Arbeit weggenommen.

Zuschauer: Das glaube ich kaum. So schlecht bezahlte Arbeiten würde ich gar nicht erst annehmen. Deswegen bin ich ja auch arbeitslos.

Festredner: Weil Sie von Ihrer Arbeit nicht leben konnten?

Zuschauer: Ganz im Gegenteil, ich konnte sehr gut von meiner Arbeit leben.

Festredner: Was haben Sie denn gearbeitet?

Zuschauer: Ich war Investmentbanker.

Festredner: Äh. Und was machen Sie hier?

Zuschauer: Mir wurde gekündigt.

Festredner: Ah, dann ist es gut, dass Sie zu uns kommen. Wir kämpfen für mehr Arbeit für ­alle.

Zuschauer: Ich dachte, Sie kämpfen für weniger Arbeit?

Festredner: Ja, das auch, aber nur für diejenigen, die zu viel haben. Für die, welche zu wenig haben, fordern wir mehr.

Zuschauer: Mir wurde schon oft Arbeit angeboten. Aber keine war so gut bezahlt wie meine vorherige Arbeit.

Festredner: Wir kämpfen auch für mehr Lohn.

Zuschauer: Wie viel verdienen Sie denn?

Festredner: Ich, also, äh . . . 

Zuschauer: Können Sie gut davon leben?

Festredner: Die Gewerkschaft versucht natürlich, der Wirtschaft eine Leuchte zu sein und ist darum bemüht, grosszügige Gehälter auszuzahlen.

Zuschauer: Soll ich für Sie weiterreden?

Festredner: Wie bitte?

Zuschauer: Ich könnte doch Ihre Rede zu Ende halten. Dann müssten Sie weniger arbeiten, ich hätte wieder Arbeit, und wir könnten uns ihr Honorar teilen.

Festredner: Ich möchte meine Rede lieber alleine halten.

Zuschauer: Sie sind aber egoistisch.

Festredner: Meine Arbeit ist sehr anspruchsvoll, die kann nicht jeder . . . 

Zuschauer: Mein Nachbar, der Pole, ist auch ein hervorragender Redner.

Festredner: Hier rede ich!

Zuschauer: Ich dachte nur, weil Sie . . . oh! Ist die Fahne hinter Ihnen nicht mehr rechtzeitig fertig geworden?

Festredner: Wie bitte?

Zuschauer: Man hat vergessen, das weisse Kreuz auf die rote Fahne zu nähen.

Festredner: Äh, wie bitte?

Zuschauer: Machen Sie sich nichts draus. Sie haben ja dann noch bis zum 1. August Zeit, um die Fahne fertig zu nähen.

Festredner:Wir nähen die Fahnen doch nicht selber. Die haben wir aus China . . . 

Zuschauer: Aha.

Festredner: Was heisst hier «aha»?

Zuschauer: Nichts, ich sagte nur: Aha. Ich hatte früher in die chinesische Textilindustrie investiert, bis herauskam, wie die Arbeitsbedingungen dort sind.

Festredner: Ja, sehen Sie, und das ist genau das, was wir . . . 

Zuschauer: Wo sind eigentlich die Steine?

Festredner: Welche Steine?

Zuschauer: Die Steine für die Krawalle. Ich möchte unbedingt einen Stein gegen das Fenster meines ehemaligen Arbeitgebers werfen.

Festredner: Wieso?

Zuschauer: Er ist nicht gegen Krawallschäden versichert, und ich habe in Versicherungen ­investiert.

Andreas Thiel, Jahrgang 1971, ist Schriftsteller und Kabarettist.

 

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